Lernen anleiten im digitalen Zeitalter. Verstehen und praktizieren

Am Titel ist zu sehen, dass ich bewusst das Wort Unterricht vermeide. Ich halte es für günstig, die Tätigkeit der Lehrkräfte in Schule von diesem Begriff zu entkoppeln und erst einmal wieder ganz weit zu formulieren: Wir leiten etwas an. Wie, ist damit noch nicht gesagt. Aber deutlich gesagt ist, was wir anleiten: Lernen. Und damit wird der Fokus auf die Tätigkeit derer gelegt, für die wir da sein sollen: die Schülerinnen und Schüler.
Ich sage auch nicht „digitales Lernen“ oder „digitale Schule“, weil Lernen und Schule nicht digital sein können. Aber ich sage digitales Zeitalter, weil ich denke, dass die Digitalität das entscheidende Merkmal der ganzen Epoche ist, in die wir hineinwachsen.
Und zum Untertitel: Ich denke, dass unsere Praxis, die Art und Weise, wie wir Lernen anleiten, auf unser Verständnis davon verweist, wie Lernen geht, was und wie Schüler sind und welches unsere Rolle als Lehrkräfte dabei ist. Und da an der gesellschaftlichen Praxis insgesamt (vor allem außerhalb der Schule) einiges im Umbruch ist, muss sich auch unser pädagogisches Verständnis verändern. Deshalb erst etwas zum neuen Verständnis und dann ein Teil zur neuen Praxis.

Teil 1 Verstehen
Im ersten Abschnitt Verstehen werden wir folgendes klären müssen:

Beginnen wir damit, was die Pädagogik unter Medien versteht. Das Medienverständnis ist eingebettet in unsere Unterrichtsplanung. Und in unserer Vorstellung beginnt das Lernen der Schüler mit der Unterrichtsplanung der Lehrer. Diese sieht seit meinem Referendariat vor beinahe 40 Jahren traditionell unverändert so aus:

Erst legt der Lehrer Gegenstand, dann Ziele, dann Material, Methoden und Sozialformen fest. Medien sind das letzte Glied der Unterrichtsplanung. Medien braucht man eigentlich nur zum Unterrichten. Sie sind die Verpackung des Stoffs bzw. die Container zur Auslieferung der Inhalte. Ich denke, das ist kein brauchbarer Medienbegriff. Er verwechselt Medien und Mittel.  

In dieser Grafik können wir sehen, dass da etwas gleichgesetzt wird, was gar nicht dasselbe ist.  Das Subjekt  S (der Schüler) soll etwas lernen. Aber das Objekt O des Lernens kann man nicht durch Konsum, durch Einverleibung oder Eintrichterung lernen. Stattdessen  muss der Lernende ein instrumentelles Mittel für seine Lerntätigkeit benutzen, zB. einen Buchtext lesen oder ein Video anschauen und darüber mit jemandem sprechen. Dieses Lernmittel kann alles Mögliche sein und ist immer mit einer Tätigkeit verknüpft. Das hat der Psychologe und Lerntheoretiker Vygotskij in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts herausgearbeitet.  Dieser Vorgang findet aber immer in einer bestimmten Medienkonstellation, einem gesellschaftlichen Umfeld, einer Kultur statt.

 „Der Computer ist doch auch nur ein Werkzeug“

wird oft gesagt. Und ja, er ist auch ein Werkzeug, aber nicht nur!  Er ist noch viel mehr.


Wir sehen hier ein wunderschönes Kunstwerk, eines der schönsten Chorgestühle der frühen Neuzeit. Man könnte sagen, es ist ein Sitzwerkzeug. Aber dann verpassen wir die Hauptsache daran. Denn bezogen aufs Sitzen ist es nicht sehr funktional, besser wären Ikea-Klappstühle.  Also was ist es dann, das so ein aufwendiges Schnitzwerk erfordert? Wir verstehen es auch nicht dadurch, dass wir uns hineinsetzen. Und wenn wir es aus dem Kontext der Kirche herausreißen und es dann in eine Hipster-Wohnung in Hackney oder Kreuzberg hineinreißen, dann haben wir etwas an seinem kulturellen Hintergrund verändert, ohne den es aber nicht ist, was es ist.
So ein Chorgestühl ist kein Medium in unserem Sinne. Wenn aber einem Sitzgerät schon die ganze Kultur und gesellschaftliche Bedeutung seiner Zeit anhaftet, wie dann erst Recht einem Informations-und Kommunikationsmedium?

Digitalität und Gesellschaft – Wenn uns aber die traditionelle Pädagogik mit ihrem Unterrichtsfokussierten Blick nicht sagen kann, was ein Medium ist, wer dann?

Informatik sagt: Gesellschaft ist ein Aspekt, unter dem wir Technologie auch betrachten müssen. Das ist eine technikzentrierte Perspektive. Die Technik steht im Mittelpunkt. Und dann wird gefragt: Was macht die Technik mit der Gesellschaft? Dabei wird ausgeblendet, dass die Technik selbst ja ein gesellschaftliches Produkt ist. Genauer gesagt, etwas, was in der Wirtschaft als Teilsystem von Gesellschaft entstanden ist. Gucken wir also bei der Wirtschaft. Die sagt: Technologie ist das Mittel, mit dem  wir Probleme lösen. Das ist ein technizistisches Verständnis. Schon längst ist klar, dass man viele Probleme nicht mit Technik lösen kann. Es wird nicht gelingen, den Lehrermangel durch Technik auszugleichen, denn der Lehrer als Person, als leibhaftiger Mensch wird gebraucht, wenn es um das Lernen geht. Erst Recht, wenn es um Kinder geht. Technologie ist auch kein Heilmittel für die Probleme des Klimawandels. Aber im System Wirtschaft gibt es nur die Antwort Technologie auf alle Probleme.
Nicht nur, weil ich Gesellschaftswissenschaftler bin, behaupte ich, dass wir die Frage, was Medien sind, aus der gesellschaftlichen Perspektive beantworten müssen. Sondern weil Gesellschaftswissenschaft (Soziologie, Kulturwissenschaft, Geschichte) den umfassendsten Blick hat. Alles was wir sind und tun, ist eingebettet in Gesellschaft.
Gesellschaftswissenschaft sagt: Gesellschaft ist Kommunikation. Und dazu braucht es Medien.

Michael Giesecke, der wichtigste deutsche Medientheoretiker und Medienhistoriker, hält Informations- und Kommunikationsmedien für kulturschöpfend.  Wenn wir auf diesen Kreis gucken, eigentlich ist es eine Spirale, die sich immer weiter in die Höhe schraubt, dann können wir im Prinzip anfangen, wo wir wollen, denn ein Element bedingt die anderen und ist gleichzeitig auch wieder Folge der anderen.
Fangen wir meinetwegen links unten an:
Mit neuen Kommunikationsformen und Medien machen wir neue Erfahrungen mit der Welt. Das verändert irgendwann unser Weltbild und auch unsere Erwartungen an die Welt.

„Medien sind Weltbildapparate“ sagt der kanadische Medientheoretiker Derrick de Kerckhove.

Wenn man nur mit den eigenen Augen physisch auf die Welt gucken kann, dann sieht man nur die Dinge, an denen man nah genug, aber nicht zu nah, vorbei kommt.  Mit einer Drohne oder google maps hat man Überblick. Man kann damit die vielen kleinen Dinge in größere Zusammenhänge einordnen, und man kann bei Bedarf auch wieder blitzschnell auf ein Detail zugreifen. Hinauszoomen und Hineinzoomen ist ein neues Wahrnehmungsprogramm, das uns die Digitalität gebracht hat.

Allein, dass wir alle digital solche Darstellungen ständig sehen, ja von klein auf erleben können, befördert und trainiert ein neues Denken von Verknüpfung und Komplexität. Wenn wir uns diese Erfahrung bewusst machen, können wir beginnen, auch gesellschaftliche (also nicht-physische) Gegenstände gedanklich auf diese Weise zu betrachten. Wie sieht ein Alltagsproblem im Klassenzimmer aus der Perspektive der ganzen Schule aus? Und wie aus der Perspektive des ganzen Bildungssystems, der nationalen, europäischen, der Welt-Gesellschaft? Es gibt auf jeder Ebene nicht nur einen jeweils größeren Rahmen, sondern auch andere, umfassendere Antworten.

Solche Darstellungen gibt es inzwischen viele. Sie sind selbst Teil des neuen gesellschaftlichen Big-Picture-Verständnisses – hier nicht bezogen auf räumliche, sondern auf zeitliche Rahmen. Es ist das Big-Picture der Menschheitsentwicklung. Epochen der Menschheitsgeschichte werden seit den digitalen Medien im Zusammenhang des Medienwandels begriffen. Das Leitmedium, das dominierende Medium der Epoche, bestimmt die Möglichkeiten, wie die Kultur bzw. die Gesellschaft funktionieren kann.
Auch für die Epoche der Mündlichkeit braucht es Medien: Die Sprache ist ein Medium, wozu wir biologische und virtuelle Technik brauchen: Geräte sind Kehlkopf, Stimmbänder und Zunge, ja der ganze Schädel als Resonanzraum. Die tools und Programme sind die einzelnen Sprachen mit ihrem Wortschatz, ihrer Grammatik, ihrer Syntax und ihren Bedeutungen. Kommunikation war noch nie „unmittelbar“, also ohne Medien möglich, denn Gehirne können nicht mit Gehirnen kommunizieren.

Die Mündlichkeit hat die Gesellschaft limitiert in kleinere Gruppen, Stammesgesellschaften, denn ohne Verstärker war man nur in der Lage zu 150 Menschen maximal zu sprechen. In der Epoche der Schriftlichkeit konnten die Institutionen entstehen. Kein Pyramidenbau ohne schriftliche Dokumentation, die erst institutionalisierte Arbeitsteilung und Kontrolle über Baustoffe, Geldausgaben, Arbeitskräfte und Baupläne möglich machte. Der Buchdruck mit beweglichen Lettern, die Erfindung Gutenbergs, war die Vorbedingung für die Industrialisierung, beruhend auf Standardisierung. Erst da werden Märkte zum dominanten Organisationsprinzip der Gesellschaft. In der Zeit des Drucks, der Standardisierung, der Kulturtechnik der Literacy sind wir zweimal sozialisiert worden:  Erst zuhause informell in der Primärsozialisation der Familie und in der zweiten Sozialisation gesellschaftlich systematisch in der Schule. Diese Schule ist selbst ein Kind des Printzeitalters. Aber inzwischen gab es einen LeitMedienwechsel. Zu den Märkten als Hauptstrukturmerkmal haben sich die Netzwerke gesellt. Und schon in der Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte ist abzusehen, dass sie zum neuen dominierenden Epochenmerkmal werden. Dominierend bedeutet, dass die anderen Merkmale nicht völlig verschwinden. Sie verändern jedoch ihre Form und ihre Bedeutung unter der Dominanz des neuen Hauptmerkmals. Ja, Netzwerken hat es auch schon in der alten Gesellschaft gegeben, denken wir an die Vitamin-B-genannten Netzwerk-Strukturen weißer Männer, die auch heute noch große Bedeutung in den herrschenden Etagen von Wirtschaft und Politik haben.  Aber mit dem Internet bekommen Netzwerke und wird Netzwerken als Tätigkeit eine ganz neue Dimension!


Das Opteprojekt ist die Visualisierung eines elektronischen Erdentages von 2003. Es symbolisiert, dass die Weltgesellschaft im Zeitalter der Digitalität vor allem digital in einem Dauergespräch mit sich selbst steht. Globale Vernetzung ist Voraussetzung und Ergebnis dieser umfassenden planetaren Gesellschaft.  Welche Folgen das für Wissen und Lernen und für die Schule hat, liegt dann auf der Hand: Der lokale Klassenraum wird zum physischen Basislager, von dem aus die Gruppe und jeder einzelne Schüler potenziell mit der gesamten Welt Kontakt aufnehmen kann. Es ist das Wirklichkeit gewordene Fliegende Klassenzimmer Erich Kästners. Die ganze Welt ist der Lernraum. Potenziell alle anderen Menschen könnten kurzzeitig zu deinem Lehrer werden. Das brauchen wir auch so, denn die großen Probleme, die die Generationen, die wir unterrichten, lösen müssen, sind vor allem global bestimmte Probleme.

Das world wide web ist nicht nur eine Vernetzungsmaschine, es ist auch eine Organisierungsmaschine.

Die alten Institutionen zur Organisierung von Gruppen- bzw. Klasseninteressen sind zerschlagen worden oder ihre Bedeutung schwindet. Neue entstehen v.a. als Bewegungen, organisiert durch Netzwerke. Es gibt darin mafiöse Organisationen und Netzwerkstrukturen ebenso wie die Möglichkeit zur Vernetzung der Counter-Hegemonie, um es mit Gramsci zu sagen. Am Ende ist es eine Machtfrage, wem das Netz besser dient. Noch ist historisch nicht ausgemacht, für welche Seite die Sache ausgeht. Alt-Right oder Greta?

Das ist die gesellschaftspolitische Ebene der Digitalität. Und daher auch die wichtigste Ebene der politischen Bildung. Es ist klar, die Digitalität hat mit dem ganzen Leben, mit der ganzen Gesellschaft zu tun, nicht mit Schule allein. Deshalb erhält man die richtigen Antworten auf die Frage, wie man die Schule digitalisiert, logischerweise auch nicht in der Schule.

Schauen wir in die Arbeitswelt:

Aber: Arbeit ist nicht das Leben – und Gesellschaft besteht nicht nur aus Wirtschaft.
Wir sollten uns nochmal klar machen, WARUM oder WOFÜR in einer Gesellschaft überhaupt gelernt werden muss.

1. Es geht nicht nur darum, welche Fähigkeiten die Menschen für den Beruf brauchen. Allgemeinbildung ist viel mehr!
2. Es geht auch darum, welche Fähigkeiten die Menschen brauchen, um ihre gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Die Gesellschaft braucht bestimmte Kompetenzen ihrer Mitglieder, damit sie, das soziale System, selbst lernen kann, um sich den veränderten Umwelten anzupassen. Gesellschaftliche Probleme sind heute in der Regel planetare Probleme.

Die Parole kann also nicht heißen „Pädagogik vor Technik“, das ist eine Verkürzung. Sie muss stattdessen viel weiter gefasst lauten: „Gesellschaft vor Wirtschaft“. Und alles andere folgt daraus.

Und die Frage des WAS muss im Anschluss daran neu gedacht werden:

WAS = Literacy 2 für Alle

(Primäre) Literacy  ist die Bezeichnung für die sogenannten Kulturtechniken Lesen, Schreiben, einfaches Rechnen. Die ganze Bevölkerung zu alphabetisieren war die Aufgabe der allgmeinbildenden Schule des Industriezeitalters. Vorher konnte ja nur eine gesellschaftliche Elite lesen, schreiben und rechnen: Der Klerus war die Intelligenzia des Mittelalters. Die Verbürgerlichung der Gesellschaft hat in der Epoche der Industriegesellschaft (dem Kapitalismus) diese Fähigkeiten auf niederer Stufe für Alle gebracht. Jetzt kommt es – eben infolge der Digitalisierung – auf eine höhere Art Litercy an. Ich nenne sie der Einfachheit halber Literacy 2. Die gibt es in unserer Gesellschaft ja schon, aber auf nur für eine akademisch gebildete Minderheit, die selbständig denken kann und neues intellektuelles Wissen für die Gesellschaft produziert. Ich behaupte jetzt:
Diese (und noch ein paar andere) Kompetenzen braucht die Gesellschaft jetzt für Alle. Und ebenso wie die Elitefähigkeiten des Mittelalters zu Massenfähigkeiten des Industriezeitalters wurden, so müssen jetzt die Elitefähigkeiten des Industriezeitalters zu Massenfähigkeiten der nächsten Gesellschaft werden.

Welches sind diese Fähigkeiten genau? Es sind die 4 K- und auf neuer besonderer Stufe.

Ich schlüssele hier das Kritische Denken auf, ich halte es nach wie vor für das oberste der Vier, aber gleichzeitig das am meisten missverstandene K.
(Für alle 4 Begriffe, die man auch in einen interdependenten Zusammenhang bringen kann, ist hier nicht der Raum.)

Kritisch Denken wird häufig verwechselt mit kritischer Haltung. Klar brauchen wir kritische Geister mit kritischer Haltung. Aber das würden ja auch die AfDler von sich zu sein behaupten. Der Habitus des „Skeptikers“, wie es heute so verräterisch heißt, der einfach alles anzweifelt (was aus einer bestimmten Ecke kommt), anderem aber wieder naiv auf den Leim geht (weil es aus einer anderen Ecke kommt), hat eigentlich nichts mit dem „critical thinking“ zu tun. Es geht auch nicht bloß darum, Fake-News entlarven zu können oder die Verlässlichkeit einer Internetquelle zu prüfen. Es geht um viel mehr, nämlich um die Fähigkeit selbständig, argumentativ und kohärent, also logisch widerspruchsfrei zu denken. Und dafür gibt es Regeln und Prozeduren, wie man die Elemente, die interdependent, also einander gleichzeitig Voraussetzung wie Produkt sind, argumentativ verknüpft.


Und das jetzt sogar noch auf einer höheren Schwierigkeitsstufe als früher: Denn mit dem bekannten formallogischen Kausalitätsdenken alleine kommen wir auch nicht mehr weiter in der komplexer gewordenen Welt.

  • Metalernen, Lernen lernen und mehr: Reflexives Lernen, also die kritische Selbstbeobachtung des Lernens (Denkens) beim Lernen (Denken)
  • historisch Denken, wieso steht das hier? Ist das nicht bloß was für Geschichtslehrer? Nein, es ist für Alle. Dabei geht es auch nicht nur darum, einschlägige Geschichtskenntnisse zu besitzen, sondern zB. die Gegenwart in ihrer Gewordenheit, als Moment einer Entwicklung begreifen zu können. Daraus, einen Zustand nicht als ewig gültig oder als „anthropologische Konstante“ zu verstehen, sondern als permantent in Veränderung begriffen, ergeben sich auch im Lehreralltag ganz andere Praxisvorstellungen und Handlungen. Was macht das zB. mit unserer Vorstellung von dem, was Schüler lernen können?
  • Was Versatilismus ist,  kennen wir aus dem Cosmic Eye. Es ist das Switchen zwischen Big Picture und tiefem Fokus auf Einzelnes, Konkretes, Besonderes. Der Komplexität angemessen abstrahieren und re-konkretisieren zu können, ist da eine Schlüsselfähigkeit. Wir wissen, was es ist, aber wir können es noch nicht so gut. Es ist Komplexitätsdenken. Wir sehen daran auch, dass wir den SuS helfen müssen, etwas zu lernen, was wir selbst noch nicht so gut können. Und daran wird erst Recht klar, dass wir nicht mehr traditionell unterrichten können, sondern Lernprozesse gestalten müssen, in denen wir mit den SuS zusammen lernen können.

Jetzt geht es um das WIE


Es ist ziemlich klar geworden, denke ich, dass wir diese historische Aufgabe, ich will es mal äußerst zuspitzen: aus allen Kindern Intellektuelle, d.h. Menschen mit Erkenntnislust, zu machen, nicht mit dem üblichen Unterricht bekommen. Die Tabelle zeigt aber nicht nur, wo wir hin müssen, sondern auch, was es ja schon lange gibt. Nur eben nicht als Paradigma, also als Hauptbetriebsmodus der Bildungssysteme. Aber es gibt sie durchaus außerhalb der Schule. Jugendliche und junge Erwachsene, die sich gegenseitig sehr erfolgreich Computerschrauben, Coden, Skaten … beibringen.
Und diese Formen auf der rechten Seite werden vom Internet getriggert, das nämlich genau so funktioniert. Denn was tun die Leute heute unter den Bedingungen der Digitalität, wenn sie ein Problem haben, etwas wissen wollen oder etwas „hinkriegen“ wollen, was sie (noch) nicht können? Sie überlassen sich nicht mehr gleich dem „zuständigen Experten“, einer bestallten Autorität, sondern googeln oder youtuben erst mal. DIY ist das neue Autodidaktik: forschend, problemorientiert, ergebnisoffen, im Austausch mit anderen und nach persönlichem Sinn zu lernen. Und es ist gleichzeitig auch die Methodologie des über 100 Jahre alten Deweyschen Projektlernens. Also nichts gänzlich Neues. Aber jetzt wird es das neue Paradigma, die Hauptlernform. Nicht mehr wie bisher eher die Ausnahme.

Der Unterricht, so wie er im Zeitalter des Industriekapitalismus idealtypisch gemeint war und wie er im Prinzipiellen großenteils auch heute noch läuft, ist ja nur eine bestimmte, kulturhistorisch konkrete Form der Lernprozessgestaltung. Es gibt und gab andere Formen des Lernens. Zweifellos kann man ja auch ohne Unterricht lernen. Es gibt informelles Lernen, gab es schon immer. Aber die Schule hat dieses Lernen historisch abgewertet und aus der Schule ausgegrenzt. Das musste sie, als sie entstand, um in nur einer Generation die von einer über 90%igen Analphabetenrate zu einer Literacy von nahezu 85% dieser Generation zu kommen. Sie musste diese Art von Lernen als moderner und besser gegenüber dem informellen Lernen in den Familien-Bauernhöfen propagieren und mit Zwang operieren. Denn sonst wären die Kinder nicht geschickt worden.

Heute kommt aber gesellschaftlich dem informellen impliziten und dem autodidaktischen expliziten Lernen wieder eine ganz neue Bedeutung zu. Das hat mit der Digitalität zu tun. Aber wir brauchen nicht den Rückfall in alte Zeiten, wo Lernen nicht systematisch war, sondern Mund-zu-Mund-Beatmung des Lehrlings durch den Handwerksmeister im Abhängigkeitsverhältnis und learning by doing auf dem Familienbauernhof. Wir brauchen es als neue Stufe im reflexiven und collaborativen learning by reflecting what we are doing. Kein vernünftiger Wissenschaftler lässt heutzutage einen Artikel raus, den er nicht (noch vor dem sog. Peer-Review der Verlage) seinen wichtigsten vertrauten Kollegen, verstreut über den Globus, vorher zum feedback gegeben hat.

Teil 2: Praktizieren

Wie kann man dieses Lernen unter den Bedingungen der Digitalität in der Schule organisieren?

  1. mit problemorientierter, an den Fragen der Lernenden orientierter projektartiger Lernprozessgestaltung;
  2. unter Nutzung komplexer Medienformen, die die digitalen selbstverständlich einschließen – vor allem zur Vernetzung;
  3. indem die Lehrer auch ihr eigenes Lernen projektartig und digital vernetzt organisieren.

Vor wenigen Jahren gab es eine viel beachtete Sendung im SWR, die symptomatisch zeigt, welche Missverständnisse im Zusammenhang mit dem Projektlernen und dem „Selbstlernen“ (Was für ein Begriff: als gäbe es überhaupt etwas anderes!) in der wilden Praxis aufgekommen sind:

Die befragten Schülerinnen und Schüler stöhnten genervt: Wir müssen alles alleine machen. Und die Sendung rief „Die Krise des selbstgesteuerten Lernens“ aus. Ja, Selbststeuerung, Selbstorganisation, Selbstverantwortung  … und andere vielversprechenden Worte bedeuten in der Regel praktisch folgendes: Die Schülerinnen und Schüler dürfen natürlich nicht frei wählen, was sie unter welchem Gesichtspunkt mit welcher Fragestellung und welchem Ergebnis lernen. Also „Inhalte“ und Stoffe, Ziele und Ergbebnisse bleiben fest in der Hand der Autoritäten. Aber sie dürfen da wählen, wo es dem System vermeintlich am wenigsten wehtut: An den „Lernzeiten“ (wann sie welchen Arbeitsbogen ausfüllen), und den „Lernwegen“. Aber Vorsicht: Lernwege betreffen auch und vor allem das Gebiet der Methoden und Strategien! Und hallo? Woher sollen die Schüler da denn Bescheid wissen? Sollen sie nicht genau das erst lernen? Wir sagen: „Ihr müsst das und das (genau aufgeschlüsselte Minikompetenzen und Outcomes) zum Zeitpunkt der Klassenarbeit können. Wie ihr dahinkommt, das ist eure Sache!“  Wir machen dann im Grunde dasselbe wie früher (Vorschriften, was mit welchem Ergebnis gewusst und gekonnt sein muss), nur krasser: nämlich diesmal, ohne ihnen zu zeigen, wie sie das hinkriegen können. Kein Wunder, dass die SuS darauf keine Lust haben.

Deweysches Projektlernen geht genau umgekehrt:

Die genauen „Inhalte“ an einem komplexen Gegenstand (von dem man sowieso nicht alles wissen kann) und die Ergebnisse sind freigegeben. Aber die Methodologie und die Strategien, wie die SuS ihre Lernvorhaben umsetzen können, geben wir ihnen, denn das ist genau unser Beruf: Professionelle Lernprozessgestalter zu sein.

Die Prinzipien des Projektlernens erschöpfen sich nicht darin, was wir vorgeben und was nicht.

Wenn das Hauptprinzip darin besteht, dass die SuS an ihren eigenen Fragen arbeiten dürfen, muss der Gegenstand, das „Thema“ komplex genug sein, dass solche Fragen überhaupt enthalten sein können, mit denen die SuS ihre eigene Beziehung zur Sache knüpfen können (das ist die Quelle der sogenannten Motivation).
Kollaboration ist nicht Teamwork als Arbeitsteilung, wie wir das vielleicht aus dem Gruppenpuzzle oder den nummerierten Köpfen kennen.
Zusammenarbeit muss organisiert werden insofern, als die verschiedenen Möglichkeiten vom Tandem über die Minigruppe bis zur Plenumsdiskussionen und P2P-Beratungen, sowie individuelle Lernberatung durch den Lehrer in der Lernprozessgestaltung systematisch aber agil veränderbar eingeplant werden. Als Lehrer muss man üben, die Situationen, wo was in welcher Form gebraucht wird, vorherzusehen und in der Situation dann den tatsächlichen Bedarf zu erkennen und die Lernprozessgestaltung der Gruppe daran anzupassen. Die neue Lehrerrolle heißt: Moderator von Gruppen- und Einzel-Lernprozessen statt Klausurtrainer.

Hier ist ein Beispiel für Projektlernen im normalen doppelstündigen Unterricht – also ohne eine besondere Projektwoche – und mit digitalen Medien. Man kann diese Lernprozessgestaltung als Blaupause nehmen für fast jeden Gegenstand, wo es etwas zu erkunden gibt, und für fast jede Schulstufe, denn es hat nicht so sehr bestimmtes Vor-Wissen der SuS zur Voraussetzung, sondern eher die Fähigkeit der Lehrkraft Projektlernprozesse zu gestalten. Und diese Fähigkeit erwirbt man derzeit nur, indem man es ausprobiert, kollaborativ reflektiert und wieder ausprobiert. Wir haben eine Ausbildung und haben Fortbildungen – die jedoch meistens nicht neues Lernen mit neuen Medien und Projektlernen enthalten. Wie können wir das lernen?  Wir müssen es machen. Deweys Parole hieß schon vor 100 Jahren: Lernen durch reflektierte Erfahrung. Das geht nur gemeinsam. Das Projekt ist nicht am grünen Tisch entstanden sondern in der gemeinsam reflektierten Praxis, es wird nicht nur nachvollziehend beschrieben, sondern die Projektprinzipien werden ausführlich erklärt, ebenso wie man mit dem Blog dazu umgeht und wofür es eingesetzt wird, und was das Etherpad im Einsatz für das im Plenum und Peer-to-Peer-Feilen an den so schwierig zu formulierenden Fragen und Arbeitsvorhaben leistet. Ein ausführliches Interview mit dem Lehrer Max v. Redecker über Tipps und Tricks sowie den gängigen Stolperfallen, so wie selbstverständlich alle Arbeitsmaterialien, ist auch enthalten.

Jetzt zum Lernen der Lehrerinnen und Lehrer im neuen Lernverständnis.

Vernetztes Lernen – und dann auch: Vernetzung lernen ist ein wichtiger Aspekt in der vernetzten globalen Welt und muss in der Lehrerbildung stattfinden.

Hier ein Konzept, das in der Wirtschaft schon länger (natürlich auch nicht überall) angewandt wird: Working and Learning out loud. Ich nenne das ganze „Organisiertes Fachsimpeln“ denn es ist ein gemeinsames Lernen für die gemeinsame Arbeitstätigkeit.

Working & learning out loud connect us

by Harold Jarche, deutsche Begriffe ergänzt von LR

Zusammenarbeit mit signifikanten anderen ist dabei auf verschiedenen Ebenen möglich und alle drei Ebenen sind notwendig, d.h. sie müssen struktureller Bestandteil im Schulleben sein – und entsprechend natürlich Zeitressourcen bekommen:

  1. die Ebene des Arbeitsteams: Das kennen wir als Fach- oder Klassenkonferenzen. Da werden die allernotwendigsten formalen Absprachen getroffen;
  2. die Ebene der Community of Practice, der Professionellen Lerngemeinschaft, das gibt es noch nicht so häufig. Es geht über die eine Schule hinaus. ZB, wenn sich regional die Medienpädagogen oder die Politiklehrer oder die Projektdidaktiker zum regelmäßigen also „nachhaltigen“ Austausch treffen und an einem gemeinsamen Vorhaben arbeiten. Eine Online-Plattform – im Netz kostenlos zu haben – kann einen solchen Austausch verstetigen und unterstützen. Dabei ist es ziemlich wurst, welches tool. Geld müsste man dafür jedenfalls nicht in die Hand nehmen. Wikis, Blogs oder moodle oder slack … Es gibt unzählige Möglichkeiten, die gemeinsame Arbeit zu organisieren und zu dokumentieren, und v.a. für die Zeiten zwischen den physischen Treffen – falls überhaupt gewünscht – den nicht abreißenden talk zu organisieren in asynchronen und synchronen Kommunikationen. In CoPs arbeitet man langfristig an einer definierten gemeinsamen Sache im geschlossenen Zirkel.
  3. Und dann das, was bisher nicht sehr verbreitet war, aber gerade rasant zunimmt: Die Ebene des Personal Learning Networking (PLN). Da geht es locker zu („weak ties“) und dafür ist es öffentlich und weit über die regionalen Grenzen hinaus, auch international. Die Netze sind groß und vielfältig, dafür nicht so sehr spezifiziert. Jeder bildet sich sein eigenes Netzwerk nach seinen Bedürfnissen selbst. Das wichtigste Element eines ansonsten vielgestaltigen Persönlichen Lern-Netzwerks ist Twitter. Dort gibt es zur sehr individuellen Gestaltung gleichzeitig Räume für Treffen unter bestimmten Hashtags, das sind Such-Stichworte. Und hier haben wir seit ein paar Monaten den Hashtag #Twitterlehrerzimmer. Gerade geht die Parole „Twitter ist die beste Lehrerfortbildung“ um, das ist sicher ein Euphemismus und eine Verkürzung, aber vielleicht gerade nötig. Über Twitter jedenfalls kann man überallhinkommen, auch auf die Educamps und die Edunautika. Alles organisierte Fachsimpel-Treffen, wo man das findet, was man in der klassischen Ausbildung/Fortbildung nicht findet, aber immer gesucht hat.Eine Kritik der Parole ist auch schon in Arbeit, wie der twitterfunk mir zugespielt hat: Bei Philippe Wampfler, @phwampfler , auf seinem Blog schulesocialmedia

Ein Gedanke zu „Lernen anleiten im digitalen Zeitalter. Verstehen und praktizieren

  1. Frage: Macht es nicht glücklich, wenn einem beim Lesen eines (Blog)Beitrags ein Licht aufgeht?
    Lisas Beitrag liefert gleich eine ganze Lichterkette. Kurz: Ich gratuliere Dir, liebe Lisa, und empfehle Euch / Ihnen ihn gründlich/er zu studieren, mit anderen zu diskutieren und weiter zu empfehlen; das kann durchaus noch glücklicher machen – zum Glück!
    Herzlichst Faust (Prof. Dr. Johannes W. Erdmann, Berlin / UdK)

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