Über die Unendlichkeit des Wachstums – Wachstum neu denken

Die Erde vom Mars gesehen - CC-BY-Planet aus dem All

Die Erde vom Mars gesehen – CC-BY-Planet aus dem All

„We have had our WHY’S, HOW’S and WHAT’S upside-down, focusing too much on WHAT should be learned, than HOW, and often forgetting the WHY altogether.”

(Michael Wesch)

Kürzlich saß ich mit meinen Kollegen zusammen, die beklagten, dass die Lehrer kaum mehr Zeit für Fortbildungen zur „Demokratiepädagogik“ aufbrächten. Das Kerngeschäft (Unterrichten) ist in Zeiten der Bedrängnis durch zusätzliche Großprojekte (Neue Medien, Inklusion, Stadtteilschule neu) einfach zu kernig, um auch noch solche „Nice-to-have“ – Dinge wie „Demokratie in der Schule“ verfolgen zu können.
Die vorsichtig eingebrachte Idee eines Kollegen, der mit Bildung für nachhaltige Entwicklung zu tun hat, das Überleben der Menschheit – gebunden an die Bewohnbarkeit des Planeten – zum gemeinsam geteilten Sinn – zum WARUM – unserer Arbeit als Lehrer(-fortbildner) zu machen, fand kaum Gehör. Zu viel „operatives Geschäft“, keine Zeit.

Natürlich: Alle wissen, dass Bildung und Demokratie und Überleben der Menschheit etwas miteinander zu tun haben. „Aber wir können doch nicht immer darüber reden! Davon ändert sich doch auch nichts.“

Doch. Denn weil das „operative Geschäft“ immer noch das gleiche ist, wie gestern und vorgestern und vor 40 Jahren, müssen wir reden. Nicht mehr, sondern anders. Wir brauchen nicht ein Mehr an Beteuerungen, dass es einen solchen Zusammenhang gibt, sondern müssen uns über die tatsächliche Art und Weise dieses Zusammenhangs verständigen. Erst auf dieser Grundlage können wir dann konkreter klären, was zu tun ist, was wir im „operativen Geschäft“ anders machen müssen, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Denn dass „Aufklärung“ über die Endlichkeit der Lebensressourcen und über die „Grenzen des Wachstums“ alleine bisher nicht geholfen hat, das wissen wir (oder könnten es uns wenigstens im Geheimen eingestehen). Meadows und Welzer sprechen dies unverblümt aus. Wir betreiben unsere Schulbildung aber nach wie vor nach der „Aufklärungsstrategie“: Wir „sagen“ den Kindern, was richtig ist oder lassen sie das „Richtige“ leitfragengeleitet quasi „selbst“ herausfinden. Dabei ergeben sich aber zwei Fragen, die wir nie wirklich stellen – geschweige denn klären, (weil sie nämlich weitreichende Konsequenzen für unser eigenes Verhalten hätten):

1. Ist es denn überhaupt wirklich „das Richtige“, WAS wir uns selbst und den Kindern „beibringen“?

2. Wenn „Aufklärung“ und auch normative Appelle nachweislich nicht helfen, WIE bringen wir (als Lehrer, Erzieher, etc.) die Menschen (die Kinder, Schüler, uns selbst!) zu einem Verhalten, das die Lebensgrundlagen der Menschheit nicht verfrühstückt, „weil wir es können“, sondern das unsere Arbeitsfähigkeit und unseren Lebensstil am Guten Leben Aller orientiert, weil wir es so wollen?

Und weil diese Fragen so schwierig, und die erahnten Antworten so konsequenzenreich sind, und weil die Hilflosigkeit, die sich überfallartig im eigenen Inneren ausbreitet angesichts der fehlenden Antworten im komplexen System unserer Tätigkeit mit ihren Abhängigkeiten von vielerlei unterschiedlichen Ebenen und Bereichen, über die wir keine Macht haben, –

darum suchen wir lieber weiter den Schlüssel unter der Laterne (im gewohnten operativen Geschäft, das wir vermeintlich bloß durch vermehrte Anstrengung optimieren müssen), anstatt da, wo wir ihn verloren haben: Im Sinn.

Sinnbildung ist für mich Wachstum. Ein anderes Wachstum. Inneres Wachstum. Persönlichkeit bildendes Wachstum. Wachstum 2.0. Dieses Verständnis von Wachstum ist – davon bin ich überzeugt –, was Marx meint, wenn er vom „Ende der Vorgeschichte und dem Beginn der wirklichen Menschheitsgeschichte“ mit der Überwindung der Klassenkampf-Epochen spricht. Nur ein Zyniker grinst, wenn ich an der Vorstellung festhalte, dass die Menschheit es schaffen kann, alle ihre Individuen satt, gekleidet und mit der Möglichkeit und Fähigkeit ausgestattet zu bekommen, Inneres Wachstum als Lebenssinn zu produzieren. Ebensowenig wie es dann ein „Ende der Geschichte“ gibt, wird es dann ein „Ende des Wachstums“ geben.

Und es ist ja keineswegs so, dass wir die Aufgabe nicht auch weniger emphatisch formulieren könnten. In seinem März-Blogpost schreibt Andreas Schleicher unter der Überschrift Knowledge and Skills are infinite – oil is not über die (überlebens-)notwendige Konversion der globalen Ökonomie hin zu einem anderen Wachstumsparadigma:

In short, knowledge and skills have become the global currency of 21st century economies. But there is no central bank that prints this currency, you cannot inherit this currency and you cannot produce it through speculation, you can only develop it through sustained effort and investment by people and for people.

2 Gedanken zu „Über die Unendlichkeit des Wachstums – Wachstum neu denken

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s