Welche „digitale Bildungsrevolution“ wollen wir?

„Hauptsache digital, alles andere egal!“ war gestern

Aufregung herrscht unter den „digital affinen“ Pädagogen: Etwas ist ganz anders als noch im letzten Jahr. Mitglieder der „Netzgemeinde“, die „Computerfreaks“, die bisher fast überall „in Bildungskontexten“ als verschroben belächelt wurden, werden ernstgenommen und hoffähig. Sie sind plötzlich als Berater für die große Politik gefragt, werden als Referenten in Kultusbehörden eingestellt und zu Vorträgen vor Politikerrunden und Initiativen zur „Digitalisierung der Bildung“ eingeladen (von den üblichen Workshops und Vorträgen für Lehrer und andere Bildungsakteure ganz abgesehen). Da jubelt der Digitale-Bildung-Freak. Weiterlesen

Übergangsgesellschaft

CC by Steve Hillebrand, U.S. Fish and Wildlife Services

CC by Steve Hillebrand, U.S. Fish and Wildlife Services

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Diesen Satz braucht man nicht mehr mit Empirie zu belegen. Seine Wahrheit ist evident für jede, die die Augen aufmacht. (Und für jeden, der.) Aber was bedeutet das?

Es bedeutet, dass sich die Widersprüche merklich zuspitzen, dass der Wind schärfer weht, dass man sich „warm anziehen“ und „gut aufgestellt“ und „resilient“ sein muss, um in dieser Zeit psychisch oder gar physisch als Einzelner zu überleben – je nach zufälligem Ort der Geburt. Es bedeutet Zunahme von Gewalt und Zunahme von Brutalität der Gewalt. Nicht nur im Handeln einzelner Personen „unten“. Auch im Systemhandeln „oben“. Es gilt für die Ökonomie genauso wie für das Politiksystem oder für Verwaltung und Polizei. Und natürlich ebenso für das Bildungssystem.

Im Bildungssystem sind diesbezüglich zwei Zuspitzungen zu sehen: Weiterlesen

Über die Unendlichkeit des Wachstums – Wachstum neu denken

Die Erde vom Mars gesehen - CC-BY-Planet aus dem All

Die Erde vom Mars gesehen – CC-BY-Planet aus dem All

„We have had our WHY’S, HOW’S and WHAT’S upside-down, focusing too much on WHAT should be learned, than HOW, and often forgetting the WHY altogether.”

(Michael Wesch)

Kürzlich saß ich mit meinen Kollegen zusammen, die beklagten, dass die Lehrer kaum mehr Zeit für Fortbildungen zur „Demokratiepädagogik“ aufbrächten. Weiterlesen

Kulturrevolution des Lernens

Im  Taz.lab am Samstag, dem 24. April wird es um 14:00 eine Veranstaltung geben zum Thema:

Kulturrevolution des Lernens. Wie Wissen (von) morgen entsteht.

In Vorbereitung darauf, und weil ich nicht besonders gut im Extemporieren bin, habe ich hier schon mal ein paar Essentials meiner Gedanken zusammengeschrieben. Wer nicht live dabei sein kann, oder dort nicht ausreichend zu Wort kommt, kann hier mein Statement kommentieren und als Kommentar auch gerne ein eigenes Statement abgeben.

Kulturrevolution des Lernens. Wie Wissen (von) morgen entsteht

Leitfrage des Panels: Läßt sich im digitalen 21. Jh. noch mit dem kanonischen Wissensbegriff des 19. Jh. arbeiten?

 Nein, natürlich nicht! 😉

1. Warum nicht?

Wir befinden uns in einem gesamtgesellschaftlichen, die gesamte Menschheit betreffenden Transformationsprozess – alle ernstzunehmenden Medienwissenschaftler (-Historiker, -Soziologen, -Philosophen) und auch die Systemtheoretiker und Wissenssoziologen (z.B. Helmut Willke) sprechen seit vielen Jahren schon von einer Medienrevolution als Kulturrevolution, die vergleichbar ist mit der sozialen Revolution im Gefolge der Erfindung des Buchdrucks, der Industriellen Revolution. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft in allen ihren Systemen und Subsystemen:

Die Hauptressource der gesellschaftlichen, also zuvörderst der ökonomischen Entwicklung, ist jetzt nicht mehr materieller Natur – also Grund und Boden, Kapital und physische Arbeitskraft – sondern symbolischer Natur. Wissen ist die Hauptproduktivkraft menschlicher Gesellschaft geworden. Schon jetzt. Das ist empirisch nachweisbar und offensichtlich.

Die Gesellschaft reproduziert sich über die Weitergabe ihrer Kultur an die nachfolgenden Generationen. Kultur, das ist das kollektive Gedächtnis bzw. das zur Aufrechterhaltung der Gattung relevante Wissen der Menschheit. Die Weitergabe erfolgt durch geeignete Organisierung von Lernprozessen – sowohl solche der Individuen (psychischen Systeme) als auch der sozialen Systeme (also der Organisationen und Institutionen der Gesellschaft). Letzteres wird immer gerne vergessen in den öffentlichen Diskursen um „Neues Lernen“.

Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hat gezeigt, dass sich die Trajektorie der Entwicklung – in Koevolution mit der Medienentwicklung – nicht nur in quantitativem Zuwachs von Erkenntnissen und Fähigkeiten und den daraus resultierenden Verbesserungen des Bestehenden bewegt, sondern in Kurven, die nach langen Phasen der Optimierung zu einem alle Bereiche des Lebens betreffenden Qualitätssprung führen, eben zu einer neuen Kulturstufe, die einen Höhepunkt erreicht und dann zunehmend in eine Zuspitzung ihrer eigenen Widersprüche gerät, die dann wiederum zu ihrem Absterben und zur erneuten Herausbildung einer neuen Qualität führt.

Aber dieser Sprung geschieht nicht plötzlich, sondern zieht sich hin über Generationen. In einer Übergangszeit von der alten Kultur in die sich mühsam herausbildende neue gibt es eine Menge Widersprüche mit einer Menge Turbulenzen und Kämpfen in allen Bereichen. Alles Bestehende kommt auf den Prüfstand, nicht nur ob, sondern insbesondere inwiefern es in der neuen Kultur einen Platz hat. Es gibt Altes, das verschwindet (das sind die notwendigen „Verluste“), es gibt Altes, das einen völlig neuen Systemplatz und eine neue Bedeutung erhält, also verwandelt wird, und es gibt Neues, das sich erst herausbildet. Diese drei Prozesse laufen parallel und in wechselseitiger und widersprüchlicher Abhängigkeit.

2. Neuer Wissensbegriff

Dabei muss sich notwendigerweise auch das Verständnis, also die Begriffe von allem verwandeln. Wie verstehen wir Gesellschaft, wie sehen wir unsere Ökonomie, unsere Politik, unsere Beziehungen, unsere Kommunikation, was verstehen wir unter Entwicklung und Fortschritt, und eben auch hier bezogen auf die neue prämierte Produktivkraft Wissen:

  1. Was verstehen wir unter Wissen?
  2. Wie erwerben wir dieses Wissen? Also wie konzeptionalisieren wir Lernen (als Operationsform von Wissenserwerb und -produktion)?
  3. Wie prozessieren und organisieren wir dieses Lernen?

Der Wissensbegriff, mit dem wir am Ende der Buchgesellschaft/Industriegesellschaft noch sozialisiert worden sind, und der noch immer in der Regel das Funktionieren unserer Bildungsinstitutionen beherrscht, lautet kurzgefasst so:

Das kultur-relevante Wissen ist gespeichert in Büchern, Bibliotheken und einzelnen Köpfen der Akademischen Elite. Diese verwaltet auch die Unterscheidung in relevant/nicht relevant.

Die dazugehörige Konzeption von Lernen lautet: Dieses archivierte Wissen als „Inhalte“ und „Handlungs- bzw. Prozesswissen“ wird durch Unterricht in die Köpfe der nächsten Generationen übertragen, die dann das Wissen weiterentwickeln und in neuen Büchern abspeichern und ihrerseits das verbesserte Wissen in derselben Art und Weise (nämlich durch Unterricht) an ihre Nachfolger weitergeben. Dies entspricht genau der Phase der Entwicklungstrajektorie, die sich im Optimierungsmodus auf der Höhe einer etablierten Kultur befindet.

Durch Koevolution mit dem neuen Leitmedium Internet befinden wir uns jedoch an einer anderen Stelle der Entwicklungskurve, nämlich im Übergang zu einer neuen Qualität. Diese ist jedoch noch längst nicht ausentwickelt und gesamtgesellschaftlich implementiert, geschweige denn institutionalisiert.

Das alte kanonisierte Wissen hilft uns nicht mehr weiter. Wir müssen neues, d.h. noch unbekanntes Wissen schaffen und altes korrigieren. Wir müssen zum Teil überhaupt erst lernen, die Probleme, auf die dieses neue Wissen als Lösung antworten soll, zu identifizieren und lösungsgerecht zu formulieren.

Wir müssen vom Fokus der Weitergabe bekannten Wissens wechseln auf den Fokus der Erfindung und Entdeckung von noch unbekanntem Wissen. M.a.W: Wir müssen uns um das Nichtwissen kümmern und bekanntes Wissen infragestellen.

Der neue Wissensbegriff muss also kurz gesagt so lauten:

Interessant ist nicht das, was die Menschheit schon weiß, denn was sie weiß, stimmt mit der neuen Realität nicht mehr überein. Wissen heißt dann: Korrektur von Wissen, heißt also Vergessen und Ersetzen mit noch Unbekanntem.

X ist bekannt, aber es gilt nicht mehr. Y gilt, aber es ist nicht bekannt.

Wie kommt man nun von X nach Y?

Nur über E. E wie Experiment, E wie Erfindung, E wie Erprobung, E wie Erfahrungen machen und E wie Erkenntnisse aus den notwendigen Fehlern gewinnen.

Dieses E gab und gibt es natürlich. Es war in der Buchgesellschaft den institutionalisierten forschenden Wissenschaften vorbehalten. Das Outcome dieser Wissensproduktion kam dann, wenn’s gut ging, ein bis zwei Generationen später im Kanon des Unterrichts (universitär: in der Lehre) an.

Warum funktioniert diese Form nicht mehr?

  1. Weil es zu lange dauert gemessen am Druck der Probleme und am Ausmaß des inzwischen zum Teil gefährlichen Nichtwissens;
  2. weil es eine Operationsform im Optimierungsmodus statt im Changemodus ist;
  3. weil die Probleme, die zu lösen sind, eine Komplexität erreicht haben, die nicht mehr von einzelnen Forscher-Individuen, sondern nur noch kollektiv vernetzt zu lösen sind;
  4. weil diese Art Wissensproduktion auf eine kleine Minderheit von Menschen konzentriert ist, wir aber in Zeiten der Haupt-Produktivkraft Wissen die Mehrheit und tendenziell die Gesamtheit der Menschen als Wissensproduzenten brauchen;
  5. weil der Zugang zu bekanntem Wissen und die Möglichkeit zur Generierung von unbekanntem Wissen durch das neue Leitmedium jetzt prinzipiell allen offen steht;
  6. weil das neue Medium unbegrenzte Möglichkeiten der Vernetzung des nur noch verteilt existierenden Wissens bietet. 

E – also Erfindung, Erprobung, Experiment, Erfahrung, Erkenntnisse sammeln und aus Fehlern Erkenntnisse korrigieren, das kann und muss von allen gelernt werden.

Die Fähigkeit, Bereitschaft und die Befugnis (!) zu dieser Forschungstätigkeit kann man nicht durch Unterricht transferieren. Die Bildungsinstitutionen müssen den Unterrichts- und Lehrmodus verlassen und sich von Lehranstalten zu Lerninstitutionen verwandeln, d.h. im wörtlichen Sinne auch expansiv lernende Institutionen werden. Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene wird in der neu enstehenden Lerngesellschaft gebraucht, um zur kollektiven Wissensproduktion beizutragen.

Ein Wort zur historischen Form der Allgemeinbildung:

Comenius‘ Devise hieß: „Allen alles lehren.“

Diese Art kanonbezogener Allgemeinbildung hat sich in der Bürgerlichen Gesellschaft der Moderne nur durchsetzen können als Kanon für Eliten. Heute würde es jedoch auch nicht mehr ausreichen, diesen Kanon bekannten Wissens über die Eliten hinaus an alle zu transferieren (zu „unterrichten“, zu „vermitteln“).

Allgemeinbildung kann heute nur noch heißen, die oben genannten „E“-Kompetenzen zu lernen, von Anfang an und im Lauf des gesamten Lebens durch Anwendung zu trainieren, indem die Individuen an der Vernetzung des verteilten Wissens der Gattung teilnehmen.

Die Skills dazu, die gleichzeitig Bestandteil des neuen Wissensbegriffs darstellen, lauten:

  • wissen, wo die relevanten Informationen zu finden sind
  • wissen, wie diese Informationen zu beurteilen und zu bewerten sind
  • wissen, wie sie zu synthetisieren sind
  • wissen, wie sie anzuwenden sind
  • wissen, wie sie kommuniziert werden
  • wissen, wie mit ihnen kollaboriert wird
  • wissen, wie aus ihnen Probleme definiert werden 

Der Schlüssel zu den „Inhalten“, besser gesagt, zu den Gegenständen (objects) des Wissens ist für den Einzelnen die jeweilige persönliche Sinnbildung, oder wie Sir Ken Robinson es nennt, das (persönliche) Element.

Schon bilden sich in der Praxis neben den traditionellen Lehranstalten neue Organisationsformen, die diese Aufgabe der vernetzten kollektiven Wissensproduktion übernehmen.

Beispiel: Das „Facebook für Forscher“. 2008 wurde eine Netzplattform gegründet mit dem Namen ResearchGate; in den knapp zwei Jahren seines Bestehens haben sich schon über 300.000 Forscher aus allen Ländern – bisher fast ausschließlich aus den Naturwissenschaften – in diesem Netzwerk organisiert. Sie tauschen ihre Forschungsfragen, -Ergebnisse und vorläufigen Ergebnisse frei aus, diskutieren und lernen voneinander. Interessant ist hier nicht nur, dass sich diejenigen mit dem gleichen Fach treffen; der Hauptprofit besteht darin, dass sich über alle Fächergrenzen und engsten Spezialgebiete hinaus wichtige Kontakte ergeben über die Fragen und Probleme, die beantwortet werden wollen. In einem Interview sagt ein Netzmitglied: Eines der besten Dinge an diesem Netzwerk ist, dass wir vor allem über methodische Probleme und über Fehler und gescheiterte Forschung kommunizieren. In der alten Publikationsweise kann man aus Fehlern nicht lernen, weil sie nicht zur Veröffentlichung gelangen.

(vgl. Facebook für Forscher, in: Der Spiegel (nur Print) 14/2010, S. 114-115)

Leider haben sich bisher gerade diejenigen Forscher so noch nicht zum Management ihres verteilten Wissens vernetzt, die die überlebenswichtigen gesellschaftlichen Entwicklungsfragen der Menschheit bearbeiten: Philosophen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Politologen, Erziehungswissenschaftler und Medienwissenschaftler.

Ein schönes Beispiel dafür, wie produktiv Fehler für die Wissensbildung zu machen sind, findet sich bei Mike Wesch in seinem Interview mit Sebastian Hirsch:

Die Studenten bewerteten ihre Arbeiten gegenseitig.

Es wurden Noten mit ganz falschen Begründungen vergeben. Daraus haben wir (paradoxerweise) am meisten gelernt. Die Studenten haben gemerkt, dass sie jeden im Seminar auf ein bestimmtes Niveau bringen müssen. Sonst kapiert der andere Student ihre eigene Arbeit womöglich nicht – und gibt ihnen möglicherweise eine schlechte Note. Jeder muss also in die Lage versetzt werden, den Essay eines Kommilitonen einzuschätzen und zu bewerten.

Climate Change: Probleme lösen, die wir kennen

Gerne wird in Zusammenhängen von Bildung und Neuen Medien Karl Fisch zitiert:

We are currently preparing students for jobs and technologies that don’t yet exist … in order to solve problems we don’t even know are problems yet.

Und großes Staunen setzt ein ob der unglaublichen paradox erscheinenden Aufgabe. Vergessen wird dabei jedoch häufig, dass die Zukunft mit ihren zukünftigen Werkzeugen, Berufen und Problemen noch nie im Einzelnen bekannt war, Bildung und Ausbildung also immer unter den Bedingungen und mit den Mitteln der Gegenwart stattfindet.

Die Aufgabe lautet folglich immer: Gegenwärtige Probleme identifizieren und lösen.

Zukunftsfähigkeit erweist sich zunächst darin, den adäquaten Bezugsrahmen zur Problemdefinition zu finden. Nur dann können angemessene Lösungen gefunden und umgesetzt werden.

Das gegenwärtig vordringliche Problem der Menschheit ist der Klimawandel. Er liegt nicht in der Zukunft, sondern hat schon stattgefunden und findet statt. Die Folgen dieses Klimawandels sind schon zu sehen – bisher meist an der Peripherie und noch nicht in den Zentren.

Der Klimawandel ist […] ein Kulturwandel und ein Ausblick auf künftige Lebensverhältnisse. […] Wer 2010 zur Welt kommt, kann das Jahr 2100 noch erleben; ohne rasches und entschlossenes Gegensteuern wird die globale Durchschnittstemperatur dann um vier bis sieben Grad Celsius gestiegen sein und unsere Nachkommen eine Atemluft vorfinden, wie sie heute nur in engen und stickigen Unterseebooten herrscht. (Leggewie/ Welzer, S. 10)

Zumindest die Folgen des Problems sind bekannt, sollte es nicht gelöst werden.   Der Satz Einsteins, die Probleme seien nicht mit den Denkweisen zu lösen, die sie geschaffen haben, ist zur Zeit viel bedeutsamer als das beeindruckende Zitat von Fisch. Wir – und nicht erst unsere Kinder –  müssen tatsächlich neu denken lernen:

Der Unwillen oder die Unfähigkeit, die Endlichkeit der verfügbaren Optionen auch nur zu denken, zeigt die Schwerkraft, die die Vorstellung eines immerwährenden Fortschritts und Aufstiegs in unserem kulturellen Habitus hat. Die Zukunft ist wie jetzt, nur besser.  […] Die Vorstellung, dass die uns vorhergesagte Zukunft knapp bemessen sei, ja schon hinter uns liegen könnte, scheint bizarr – genauso wie die Aussicht, dass, wenn wir jetzt nicht handeln, in zwanzig oder fünfzig Jahren keine Handlungsmöglichkeit mehr besteht. (Leggwie/ Welzer S. 16f)

Gegenwärtig handeln wir jedoch im Gegensatz zu Heinz v. Försters Imperativ „Handle stets so, dass die Zahl deiner Handlungsmöglichkeiten wächst“. Wir minimieren stattdessen die Handlungsmöglichkeiten der nahen Zukunft, wenn wir mit  Problemlösungen aufwarten vom Schlage der Abwrackprämie und mit der Vorstellung: in der Wirtschaftskrise erst die Wirtschaft, dann das Klima.

Dies  sind Befunde der gegenwärtigen Problemlage, wie sie Claus Leggewie und Harald Welzer in ihrem ausgezeichneten Buch Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie im ersten Kapitel mit vielen empirischen Nachweisen darlegen.

Im zweiten Kapitel wird die wichtige Frage, die das zu lösende gesellschaftliche Problem beschreibt, erörtert: „Denn sie tun nicht, was sie wissen. Warum Umweltbewusstsein und Handeln verschiedene Dinge sind“. Mit der von Welzer schon in seinen früheren Büchern zum Täterhandeln in Genoziden angewandten fruchtbaren Unterscheidung zwischen partikularem und universalistischem Denken kann die Ursache verstanden werden.

Obwohl schon Anfang der 70er Jahre die  Grenzen des Wachstums durch den Club of Rome deutlich aufgezeigt worden waren, ist selbst heute, mehr als 35 Jahre später und mit deutlichen Konsequenzen ein adäquates politisches Handeln noch nicht in Sicht. Die Ursachen dafür benennen Welzer und Leggewie im dritten Kapitel. Sie liegen in einem falschen Problemverständnis. Zitat Dirk Baecker:

„Ihren Dreck produziert die Gesellschaft auf einer Ebene erster Ordnung. Sie tut, was sie tut, und sie tut es lo lange, wie es nicht auffällt beziehungsweise wie die Beobachter auf Abstand gehalten werden können. Ihre Lösungen jedoch kann die Gesellschaft nur auf einer Ebene zweiter Ordnung produzieren.“ (Dirk Baecker: Die große Moderation des Klimawandels, die tageszeitung v. 17.2.2007, S. 21)

Da ist er wieder, der Einstein, diesmal in der Sprache der Systemtheorie.

Welzer/Leggewie identifizieren eine Krise der Weltgesellschaft und nennen sie  eine

Metakrise, ein[en] Zustand, in dem das System selbst gefährdet ist, weshalb wir den Bezugsrahmen verändern müssen, in dem wir es betrachten. […] Der Klimawandel wirft die Systemfrage auf. […] Klima- und Wirtschaftskrise entspringen dem gleichen Muster organisierter Unverantwortlichkeit. (101ff)

Marktlogik, Wachstum als quantitative Größe und Geo-Engineering als Lösungsansatz in der Optimierungslogik (dem alten Denken) kommen auf den Prüfstand und werden als Teil des Problems identifiziert.

Im vierten Kapitel wird die bekannte These diskutiert, ein Umdenken und ein adäquates Handeln sei nur in einer Rückkehr zur autoritären Herrschaft und mit topdown-verordneten Lösungen möglich,  – und verworfen. Im Gegenteil – so die Autoren,

bleibt die einzige ernsthafte Alternative: mehr Demokratie wagen. Bruno S. Frey hat gezeigt, dass es der „Prozessnutzen“ ist, was Menschen an der Demokratie schätzen, […] also das Interesse und die Freude daran, auf Ergebnisse Einfluss nehmen zu können – und der ist eine extrem wichtige Vitalisierungsquelle der Demokratie. […] Ähnliches erlebt man bei Arbeitsfreude, einer würdigen und kollegialen Behandlung durch Vorgesetzte, einem fairen Fußballspiel, beim Zünden einer Idee. (S. 172)

Wachstum muss also neu  qualitativ anstatt quanitativ begriffen werden.  Wir steigern das Bruttosozialglück fordert die sonntaz  und meint dasselbe. Es geht um ein Umdenken von einer Verzichtslogik zu einer Logik der Steigerung von Lebensqualität. Im fünften Kapitel zeigen Welzer/Leggewie , dass die einzige Möglichkeit der Problemlösung in einer kulturellen Revolution, einer Großen Transformation, besteht. Verstanden werden muss sie dazu nicht nur als „Veränderungszumutung“ sondern auch als „Veränderungschance„, als „ureigenes Projekt [ ], das die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht besser machen kann als sie ist.“ (174)

Dass diese Lösungsdefinition nicht  idealistisches Wunschdenken oder bloß normativer Appell ist, sondern reale Möglichkeit, belegen Welzer/Leggewie mit vielen Beispielen – nicht zuletzt aus dem Bereich der eDemocracy 2.0.  Trotzdem schließen sie das Kapitel mit einer Werbung für den neuen Habitus, der ich mich anschließen möchte:

Die APO 2.0 zielt auf die Renaissance des Gemeinwesens, sie ist keine Organisation, sondern eine Haltung. Eine solche Bewegung ist weniger von Karl Marx inspiriert als von Joseph Beuys und seinem Leitspruch La Rivoluzione siamo Noi – Die Revolution sind wir. Wenn Sie der Auffassung sind, dass die Leitkultur der Vergeudung von gestern ist und etwas zu ihrer Abschaffung beitragen wollen, dann machen Sie bitte einfach mit.

 

 

eDemocracy / eParticipation in Deutschland

Demokratie muss mehr sein als Kreuzchenmalen bei Wahlen. Durch das Internet 2.0 eröffnen sich nicht nur neue Instrumente, sondern es entwickeln sich auch neue Formen massenhafter „Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“, bzw. Self-Empowerment.
Die Online-Petitionsseite des Bundestages zur Mitunterzeichnung von Petitionen oder zur Erstellung einer eigenen Petition existiert schon ein paar Jahre. Viel Self-Empowerment hatte sie bislang noch nicht erzeugt. Bis Ende 2008 Susanne Wiest ihre Petition zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, finanziert über eine hohe Konsumsteuer, einstellte.

Es ist die höchstunterzeichnete Petition, die es bisher gab: Knapp über 24.000 Mitunterzeichner gab es heute früh, als ich meine ersten eigenen Mailverteiler auf die Spur setzte. Inzwischen (17:41) sind es schon 25.400. Mailverteiler und Blogs werden noch bis zum 17.2. Zeit haben, die Zahl zu verdoppeln – wenn nicht die Seite wieder streikt, weil sie auf soviel zeitgleiches Engagement so vieler Mitmischer an den eigenen Angelegenheiten nicht eingerichtet ist. Vielleicht gibt es dann nochmal Verlängerung?

Hier kann man über die Sache und die Person in einem Taz-Artikel lesen.

Hier ist die Adresse zu den Petitionen im Bundestag.

Hier ist die Adresse zur Petition bedingungsloses Grundeinkommen von Susanne Wiest.

Und hier kann man sich über das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens informieren. Und hier!

Ich habe heute unterzeichnet, denn ich finde die Forderung gut. Ich finde es außerdem gut, dass dieses Online-Partizipations-Instrument zum ersten Mal massenhaft genutzt wird. Darum mache ich in allen meinen E-Mail-Verteilern darauf aufmerksam und habe hier dazu gepostet. Yes, we can too! 😉

Update: Ja! 17.2., 22:27 Uhr: 52.184 Unterschriften!

Sinnmaximierung statt Profitmaximierung

In der taz vom 27.11.06 ein doppelseitiges Interview mit Götz Werner, dem Erfinder des „Bedingungslosen Grundeinkommens“. Die meisten Politiker halten ihn für einen Spinner – das ist normal. Denn alle Innovators werden von der Majority zunächst für Spinner gehalten. Wir werden auf diese notwendigen Innovation also leider warten müssen, bis auch die Late Majority endlich überzeugt sein wird.
Dabei sieht der Mann vollkommen klar und ist viel weniger ein Spinner als all die Spinner in der Politik, die immer noch wider alle Evidenz behaupten, in Produktion und Dienstleistung wären noch neue Arbeitsplätze zu schaffen. Diese verhalten sich nach wie vor nach dem Motto: Leute, freßt Scheiße – Millionen Fliegen können nicht irren!

Götz Werners Befund: Erwerbsarbeitsplätze verschwinden rapide. Das ist nicht aufzuhalten, denn der Zweck ökonomischen/technologischen Fortschritts besteht ja nun gerade darin, mit immer weniger Einsatz von Arbeitskraft immer mehr zu produzieren.

„Wir haben kein Problem mit der Arbeitslosigkeit. Wir haben ein kulturelles Problem. Zum ersten Mal nach über 5.000 Jahren Menschheitsgeschichte leben wir im Überfluss. Aber wir kommen mit dieser neuen Wirklichkeit nicht klar. Wir schaffen es nicht, dass alle Menschen davon profitieren und daran teilhaben. Die Arbeitslosen haben wir nur, weil wir den Begriff der Arbeitslosigkeit verwenden. Die meisten so genannten Arbeitslosen haben ja Arbeit, sie liegen nicht den ganzen Tag auf der Couch und gucken Pro 7. Sie sind beschäftigt, in der Familie, in der sozialen Arbeit, im Sportverein. Sie tun wertvolle Dinge. Wenn sich jemand um seine Kinder kümmert, dann ist er für die Gesellschaft doch viel wertvoller, als wenn er in einer Fabrik Deckel auf die Flaschen dreht.“

Völlig zurecht verlangt Werner die Entkopplung von Arbeit und Existenzsicherung. Die Umsteuerung von der Besteuerung der Einkommen zur Besteuerung des Konsums ist das Mittel dieser Entkopplung.

„Müntefering ist ein paar hundert Jahre zurückgeblieben. Er lebt noch in der Selbstversorgungsgesellschaft, als alle gegen den Mangel gewirtschaftet haben. Damals galt: Wer seinen Acker nicht bebaute und sein Feld nicht bestellte, der war selbst daran schuld, wenn er nichts zu essen hatte. Jetzt leben wir in der Fremdversorgungsgesellschaft. Ich kann gar nicht für mich allein arbeiten. Immer wenn ich arbeite, arbeite ich für jemand anderen. Ich brauche also ein Einkommen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.
Ich sage: Wir brauchen kein Recht auf Arbeit, jedenfalls nicht auf weisungsgebundene, sozialversicherungspflichtige Erwerbsarbeit. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen ein Recht auf Einkommen. Auf ein bedingungsloses Grundeinkommen“
,

das uns zur Teilhabe an der Gesellschaft befähigt. Dann wird wirklich, was der Stufe der Produktivkraftentwicklung nach schon möglich ist: Daß des Lebens Sinn nicht mehr darin bestehen muß zu arbeiten, zu produzieren, um die bloße Existenz als solche abzusichern – um zu überleben -, sondern umgekehrt darin, auf der Basis gesicherter Existenz zu arbeiten, um den eigenen Lebenssinn zu entfalten:

„Ich frage die Skeptiker immer zurück: Würden Sie selbst aufhören zu arbeiten? Dann antworten sie: Ich doch nicht, ich arbeite aus Begeisterung. Dass sich die Menschen auf die faule Haut legen würden, nehmen wir nur vom anderen an. Die meisten Menschen tragen seltsamerweise zwei Menschenbilder in sich – eines von sich und eines von den Mitmenschen. In dem ersten, spirituellen Bild ist der Mensch ein mit Vernunft und Freiheit begabtes Wesen. In dem zweiten, materialistischen Bild gleicht der Mensch eher einem Tier, da erscheint er als determiniertes Reizreaktionswesen. Diese Vorstellung spiegelt sich in dem Satz: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen billigen wir jedem den Raum zu, in dem er in eigener Verantwortung die Arbeit ergreift, die er für notwendig und sinnvoll erachtet. Wir werden arbeiten, weil wir einen Sinn darin sehen – nicht, weil wir dazu gezwungen sind. Ist nicht erst das eine freie Gesellschaft, in der jeder Verzicht üben kann? In der jeder die Freiheit hat, Nein sagen zu können zu entwürdigenden Bedingungen? Befreit von ihren Existenzsorgen könnten die Menschen ihre Talente entfalten.“

Dann kommt die nächste Skeptikerfrage der Late Majority: Das bedingungslose Grundeinkommen für alle – nur über die Konsumsteuer finanziert: Das rechnet sich doch nicht!
Ich vertraue meinerseits allerdings darauf, daß einer, der zu den 500 reichsten Menschen im Lande gehört, OBWOHL er nicht, wie bei solchen sonst üblich, ein großes Vermögen geerbt hat, bestimmt gut rechnen kann.