In aller Kürze: Warum wir eine andere Bildung brauchen und was das bedeutet

By Hieronymus Bosch – The Prado in Google Earth: Home – scaled down from 8 level of zoom, JPEG compression quality: Photoshop 10., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22605738

 

Thesen zur Bildung

  1. Medien sind »Weltbildapparate« (de Kerckhove).
    Sie kanalisieren Wahrnehmung und Denken der Menschen. Dadurch prägen sie Kommunikation bzw. Gesellschaft. Mit den jeweils historisch neuen Medien (Leitmedien) kann die Menschheit ihre aktuellen Probleme so bearbeiten, dass sie auch in Zukunft noch existiert.
  2. Das neue Denken ist vor allem ein Denken, das die höhere Komplexitätsstufe der Gesellschaft reflektieren und bearbeiten kann, um besser an diese Komplexität angepasste Handlungsoptionen zu finden und zu nutzen.
  3. Die aktuellen gesellschaftlich (= menschheitlich) relevanten Überlebens-Probleme sind in zwei Begriffen zu fassen: Klimakatastrophe und ökonomische Gerechtigkeit.
    Auf der naturwissenschaftlichen Ebene wissen wir längst, was auf uns zukommt, wenn es uns nicht bald gelingt, die Transformation der Weltgesellschaft in eine neue Epoche zu bewältigen. In eine Gesellschaft  ohne Ausbeutung unserer Naturumwelt und ohne Ausbeutung der Mehrheit der Menschen durch eine Minderheit.
  4. Das große Problem besteht darin, dass wir auf der gesellschaftlichen Ebene (also Ökonomie, Politik, Staat, Zivilgesellschaft) nicht gut wissen, wie wir das anstellen sollen, denn immer wieder zeigt sich, dass die Verhältnisse dazu tendieren zu bleiben wie sie sind. Eine Möglichkeit oder vielleicht auch nur eine Hoffnung besteht darin, das Lernen, die Bildung der Massen auf eine weltweit neue Stufe zu heben, damit sie an dieser Transformation arbeiten können, anstatt immer wieder die Fehler des alten gesellschaftlichen Betriebssystems zu wiederholen.
  5. Während das 20. Jh. das der Massenalphabetisierung war – alle lernen die Literacy -, muss das 21. Jh. zum Jahrhundert der Massen-Intelligenz werden – alle lernen die Literacy 2. Das bedeutet, dass alle das neue Denken (Komplexitätslogik statt einfacher linearer Logik) lernen, alle kritisches Denken (Argumentieren) lernen, alle lernen, wie man von und mit anderen zusammen lernt, und alle lernen, die digitalen Medien dafür zum größtmöglichen Nutzen einzusetzen. Lernen heißt ab jetzt in erster Linie Lernen um Probleme zu lösen, d.h. ihnen auf den Grund zu gehen, sie zu benennen und strategisch sinnvoll zu bearbeiten.
  6. Entscheidend für erfolgreiches Lernen sind Lernumgebungen, Lernprozesse und Strukturen. Zur Lernumgebung gehören auch Personen, Beziehungen und Kommunikationen, mithin: das ganze System der Bildung.
    Das ganze Bildungs-System muss also umgewälzt werden, um auf die Anforderungen dieser Literacy 2 zu antworten. Und weil es komplex ist – wie alle Systeme – gibt es keinen logischen Anfang, man kann überall anfangen. Aber man muss auch zugleich überall anfangen, denn alles im System ist von allem anderen darin abhängig.
  7. Komplex und kritisch denken lernen kann man nur, indem man es tut und immer wieder tut, bis man es meistert. Dazu muss man an den eigenen – nicht an fremden – Fragen arbeiten. Von Anfang an. Selbststeuerung heißt jedoch nicht, alles alleine zu machen. Im Gegenteil erfordert die Selbststeuerung gerade, dass erkannt wird, wo mit anderen zusammen gedacht, gearbeitet, gelernt werden muss, und wo man Unterstützung bekommt. Auch das ist, was zu lernen ist: Sowohl von den Schüler*innen als auch von den Lehrer*innen.
  8. Die bereits lange und weltweit erfolgreich erprobte Methode des Lernens in großen Gruppen ist das Projektlernen. Projektlernen kann man nur, wenn die Lehrer*innen es selbst praktizieren und für andere, nämlich ihre Schüler*innen die dafür nötigen Bedingungen bereitstellen können. Dazu müssen sie es lernen. Eine Lehrerbildung, die dieses Lernen nicht ins Zentrum stellt, ist nicht zeitgemäß und zukunftsorientiert, sondern bildet für die Vergangenheit aus.
  9. Projektlernen kann man außerordentlich gut mit komplexen digitalen Medien, die zur Vernetzung und Zusammenarbeit mit potenziell der gesamten Menschheit geeignet sind und dazu einladen. Die sozialen Medien sind Organisierungsmaschinen für die Massen. Was – nicht wer da organisiert wird ist die entscheidende Frage.
  10. Ob diese Frage historisch praktisch mit der Auslöschung der Ökosphäre des Planeten oder mit dem Ende der Ausbeutung durch einige wenige beantwortet wird, hängt am Eigentum. Das Eigentum an Kommunikationsinfrastruktur (und social media ist Infrastruktur in diesem Sinne) bestimmt darüber, in wessen Interesse sie genutzt werden kann. Solange diese gesellschaftsformatierende Infrastruktur der Informations- und Kommunikationsmedien Privateigentum einiger weniger bleibt, die damit ihren Reichtum auf Kosten aller anderen generieren, ist eine positive Antwort auf die Frage, welche Zukunft für die Menschheit organisiert wird, unwahrscheinlich.

Alt-Right oder Greta?

Vorwarnung:
Manche schreiben Bücher. Manchmal sind die kürzer, manchmal länger. Ich kenne welche, die schreiben 800 Seiten-Bücher. Ich schreibe Aufsätze und Vorträge. Die sind oft sehr lang. Das liegt daran, dass ich immer versuche, ein Big Picture zusammenzusetzen und dafür Argumente bzw. Konkretionen zu liefern, denn sonst ist das Big Picture nur eine beliebige Behauptung.
Inzwischen werden überall Lesedauern angegeben. Ich gebe an: mindestens 1 Stunde, wahrscheinlich mehr. Aber die gute Botschaft ist: Wenn man es als mein derzeitiges Buch ansieht, ist es außerordentlich kurz, und man kann es locker zwischen Büroschluss und Tagesschau durchlesen und trotzdem noch am Abendbrot teilnehmen.
Weiterlesen

Lernen im digitalen Zeitalter

Hier der Vortrag zur Prezi auf der eEduca 2017 in Salzburg

0 Übersicht

Ein Blick darauf, was in meinem Vortrag „Lernen im digitalen Zeitalter“ zu bekommen ist:
(1) Eine Einführung ins Problem der „digitalen Bildung“;
(2) führt zu der notwendigen Überlegung, wie der Zusammenhang von Medien und Gesellschaft aussieht.
(3)
Das, was wir unter Wissen und Lernen verstehen, muss daraufhin neu überdacht werden; Was können bzw. müssen wir uns unter den gesellschaftlichen bzw. kulturellen Bedingungen der Digitalität unter Wissen und Lernen vorstellen?
(4) Die Folgen für die Lernprozess-Organisation im Unterricht heißen v.a. Dingen: Projektlernen spielt eine viel größere Rolle als bisher. Warum? Und wie geht das? Und wie geht das unter Zuhilfenahme der digitalen Medienformen? Und schließlich
(5) Professionelle Lerngemeinschaften und Persönliche Lernnetzwerke für das Lernen der Lehrer werden die kommenden Formen der systemisch organisierten und selbstgesteuerten Lehrerfortbildung sein. Weiterlesen

Das Elend mit der Motivation

Motivation in der Bildung. Reflektierte Erfahrungen einer Lehrerin, Mutter und Lehrerbildnerin
heißt der Aufsatz, der im November 2017 in dem Sammelband „Motiv“ von Hanns-Werner Heister und Hanjo Polk erscheint und den ich mit der freundlichen Genehmigung der Herausgeber hier schon vorab verbreiten darf.⊗

CC-BY Markus Spiske

Eines der verstörendsten Erlebnisse meiner Schülerzeit hatte ich, als ich erfuhr, dass ich aus niederen Motiven gelernt hatte. Ich wollte auch einmal den Preis für ein Einser-Zweier-Zeugnis bekommen. Am Ende der Quarta hatte ich dann geschafft, was ich mir zu Beginn des Schuljahres vorgenommen hatte. „Elisabeth erhält einen Preis für Fleiß und gute Leistungen“ stand in dem Buch, das mir auf der Abschlussfeier in der Aula vor Aller Augen überreicht wurde. Ich war sehr stolz und glücklich. Anschließend nahm mich die Direktorin beiseite und wies mich zurecht: „Wir finden es gar nicht gut, dass du dich nur wegen der Auszeichnung so angestrengt hast!“ Das Buch war schlagartig wie vergiftet. Ich hatte noch nicht verstanden, dass ich hätte so tun müssen, als wäre der Preis eine Überraschung, bloß ein Kollateralnutzen, als hätte ich gar keine guten Noten gewollt. Ich hätte so tun müssen, als ob ich Vokabeln-Lernen und Rechenaufgaben-Lösen an sich wundervoll und aufregend fände. Nach diesem Ereignis verlor ich das Interesse am Leistungslernen und wurde eine verhaltensauffällige Schülerin, widerborstig und unwillig etwas zu tun, worauf ich keine Lust hatte. Weiterlesen

Kritisch Denken Lernen für Alle – Kern der Literacy von heute und morgen

1. Wie es mir erging

Als ich mit einem ordentlichen Abiturzeugnis versehen 1973 an der FU Berlin mein Geschichts- und Politologie-Studium aufnahm, hatte ich wenig Ahnung vom Denken und noch weniger vom Lernen. Aber ich wusste nichts davon. Ich merkte es erst, als ich nach einigen Semestern eine Zwischenprüfung ablegen musste, die ich nur ganz knapp bestand. Der Vorsitzende des Prüfungstriumvirats – ein Mediävist alter Schule – musterte mich mit seinen Basedow-Augen und gab mir folgenden Rat: „So schlecht sehen Sie doch gar nicht aus. Es braucht doch nicht jede Frau studieren. Heiraten ist doch auch noch eine Möglichkeit“. Da wusste ich, irgendetwas war schrecklich schief gelaufen. Denn in der Schule hatte man mir bescheinigt, ich wäre zwar vorlaut aber intelligent, und heiraten wollte ich auf gar keinen Fall. Weiterlesen

Welche „digitale Bildungsrevolution“ wollen wir?

„Hauptsache digital, alles andere egal!“ war gestern

Aufregung herrscht unter den „digital affinen“ Pädagogen: Etwas ist ganz anders als noch im letzten Jahr. Mitglieder der „Netzgemeinde“, die „Computerfreaks“, die bisher fast überall „in Bildungskontexten“ als verschroben belächelt wurden, werden ernstgenommen und hoffähig. Sie sind plötzlich als Berater für die große Politik gefragt, werden als Referenten in Kultusbehörden eingestellt und zu Vorträgen vor Politikerrunden und Initiativen zur „Digitalisierung der Bildung“ eingeladen (von den üblichen Workshops und Vorträgen für Lehrer und andere Bildungsakteure ganz abgesehen). Da jubelt der Digitale-Bildung-Freak. Weiterlesen