Blogaktion bei Literatenmelu

Der Bitte, mich mit einem Blogpost an Literatenmelus Blogaktion Mehr Bildung in Blogs – mitmachen und gewinnen! mit meinen Antworten zu beteiligen, komme ich gerne nach. Ich gehe davon aus, dass mit „Mehr Bildung in Blogs“ der Appell gemeint ist, es sollte mehr schulisches Lernen in Blogs stattfinden. Lustig, dass man ein gedrucktes Wörterbuch gewinnen kann. (Ich hätte natürlich viel lieber eine Webcam, ein iPhone oder ein Jahr Upgrade für WordPress, aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht … 😉

Melanie fragt:

1. Woran erinnerst Du Dich, wenn Du an Deine Schulzeit zurückdenkst?

Meine Schulzeit zerfiel einerseits in die Zeit, die ich bei meinen Eltern verbringen musste, und andererseits in die, die ich in der Schule verbringen durfte. In der Schule war das Leben leichter, die Kommunikation nicht ganz so undurchschaubar und irritierend und die Beziehungen waren lockerer. Langweilig und anödend waren die Anforderungen, Dinge paukend lernen zu müssen, deren Bedeutung ich nicht verstand und zu denen ich noch viel weniger eine sinnvolle Beziehung herstellen konnte. Das waren solche Fächer wie Mathematik, Latein, Französisch. Weil es ärgerlich war, viel Zeit damit verbringen zu müssen und Fragen nach dem Sinn nicht ernst genommen wurden, habe ich viel gestört und wenig gepaukt. Aus Langeweile habe ich aber mal zu Hause in der lateinischen Grammatik gelesen – es war wohl gerade kein anderes Buch da – und fand heraus, dass wir an der Nase herum geführt worden waren:  Es gab im Gegensatz zur Lehreransage sehr wohl ein (einziges) Verb der a-Konjugation, wo das a kurz war.  Zum Glück waren einige Lehrer schon modern und freuten sich, wenn man zu Recht etwas zu kritisieren hatte. Und so konnte ich mit solchen Entdeckungen meinen ungenügenden Vokabelschatz ausgleichen.

Deutsch war klasse. Es gab zu lesen und darüber zu sprechen, und man durfte schreiben, allerdings nur, wenn eine Aufsatz-Klassenarbeit angesagt war. Die Lehrerin trug zuweilen Gedichte vor – ein Genuss. Religion gefiel mir, denn man erfuhr wenigstens ein bißchen was darüber, wie Menschen denken. (Philosophie und Soziologie hätte ich gerne gehabt, aber das wußte ich damals noch nicht, denn sie kamen nicht vor.) Geschichte war grauenvoll: Wir hatten ein Vokabelheft, links trugen wir Jahreszahlen ein – rechts die Ereignisse ( von deren Sinn und Bedeutung wir keine Ahnung hatten) – etwa so: 333 v. Chr. – Schlacht bei Issus. – In der Oberstufe erzählte uns die Geschichtslehrerin, wie sie den jeweiligen Gegenstand sah und machte dabei Notizen an der Tafel, die wir ins Heft übernehmen mussten. Sollte es uns je eingefallen sein, zu Hause diese Notizen nachzusehen, hätten wir sie nicht verstanden. Es gab ein Geschichtsbuch mit wenigen winzigen schwarz-weiß-Fotos zur Illustration. Das Geschichtsbuch funktionierte ähnlich wie die Geschichtslehrerin – es war nicht zu verstehen. Spaß gemacht haben außerdem  „Turnen“ (wo wir uns bis zur Erschöpfung bewegen durften) und  Kunst (wo wir selbst gestalten durften, nicht kritisiert, aber beraten wurden). Ansonsten war – wie heute auch – das Beste an der Schule, dass wir in den Pausen mit unseren Freundinnen palavern, im Park spazieren gehen und bei den Fahrradständern rauchen konnten. Das Abitur gab es irgendwie so nebenbei.

2. Welche Medien hast Du im Unterricht kennengelernt und auch selbst genutzt?

Im Unterricht habe ich keine  Medien kennengelernt, die ich nicht von zu Hause schon kannte. Alphabetisiert worden bin ich noch mit der Schiefertafel (während es zu Hause Stifte und Papier gab). Ich habe das Quietschen des Griffels noch im Ohr. Man konnte gemobbt werden, indem jemand mit einem Wisch die Hausaufgabe von der Schiefertafel löschte. Danach hatten wir natürlich  in der Hauptsache das Medium gedruckte Schriftlichkeit. Das Gedruckte war zuerst eine Fibel, danach Lehrbücher.  Ansonsten wurde meist viel mündlich von den Lehrern erzählt. Dabei war vorausgesetzt, dass sowohl das, was erzählt wurde, als auch das, was gedruckt war, identisch mit der Realität war. Objektiv.  Zuhause habe ich mit 10 Fingern Schreibmaschine schreiben gelernt. Auf den mechanischen Schreibmaschinen unserer Väter haben wir dann unsere Spirit-Carbon- oder Wachsmatritzen als Druckvorlagen für Schülerzeitungen und Flugblätter hergestellt. Wir nannten das „Vervielfältigen“ oder „Abziehen“, aber es war natürlich ein Druckvorgang, zum Teil richtiger Schweinkram. Fotokopierer gab es noch nicht. Im Unterricht kam natürlich weder die Schreibmschine noch der Vervielfältigungsapparat vor. Schüler hatten nichts zu sagen, was vervielfältigenswert war, und schon gar nichts, was hätte an die Öffentlichkeit dringen sollen. Schüler waren Sammelbecken von Lehrerwissen. Häufig musste per „Abfragen“ geprüft werden, ob die richtigen Sammlungen auf die richtige Art und Weise in den Gefäßen abgelegt waren, und ob sie sich dort ja nicht irgendwie verselbständigt und verändert hatten.

3. Welche Möglichkeiten siehst Du, die Lehrerausbildung zu verbessern?

Ich sehe vor allem Notwendigkeiten. Mit Verbesserungen alleine wird es nicht mehr getan sein. Ganz sicher wird die Ausbildung (und Fortbildung) die Lehrer instand setzen müssen, die anstehende Transformation des Bildungssystems praktisch zu wuppen. Dazu gehört in erster Linie, dass sich angehende und schon praktizierende Lehrer im bereits gesellschaftlich etablierten Leitmedium Internet bewegen wie der Fisch im Wasser. Ein Lehrer, der die virtuelle Welt als ihm fremde Welt betrachtet, ist eigentlich schon jetzt vergleichbar einem Lehrer des 18./19./20. Jahrhunderts, der selbst nicht liest und schreibt (und es darum auch nicht kann) und auch keine gedruckten Landkarten lesen kann, und der stattdessen den Schülern höchstens beibringen kann, wie man andere Leute nach dem richtigen Weg fragt.

4. Was hältst Du davon, Blogs, Wikis, Podcasts etc. im Unterricht einzusetzen?

Das Internet auf der Stufe Web 2.0 wird immer mehr DER Informations- und Kommunikationsraum, DER Sozialraum der nächsten Zeit. Bildung muss sich natürlich in diesem Raum bewegen, wo denn sonst.

5. Können Online-Angebote die herkömmliche Nachhilfe sinnvoll ergänzen oder sogar ersetzen?

Nachhilfe ist ein komisches Konstrukt. Sie gehört zu einem Bildungssystem, das nicht nur damit lebt, sondern für das es konstitutiv ist, dass es viele TeilnehmerInnen gibt, die im System selbst nicht genügend Bildung erwerben, um ein Zertifikat (für einen Studien-, Ausbildungs- oder Arbeitspaltz) erlangen zu können. Wer Nachhilfe braucht, weil das Bildungssystem nicht auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist, der muss extra bezahlen, damit er nicht durch die Maschen fällt. Die Nachhilfe ist daher eine ambivalente Einrichtung: Einerseits hilft sie, am Ende doch noch im System bleiben zu dürfen, und rettet Einzelne vor dem Absturz durch die Maschen – andererseits stabilisiert sie als Korrekturinstrument das exkludierende System. Wir brauchen jedoch ein Bildungssystem, das für alle funktioniert, ohne dass sich jemand  eine Extra-Bildungsdienstleistung hinzukaufen muss. Für den Übergang, bis wir ein solches System haben, finde ich alles sinnvoll, was diese Extra-Bildungsdienstleistung zur Inklusion der einzelnen Betroffenen wenigstens kostenlos macht.  Ein  Online-„Nachhilfe“-Angebot macht nur Sinn, wenn es die User nichts kostet und wenn es gleichzeitig bessere Pädagogik liefert als der Klassenunterricht, an dessen Unzulänglichkeiten der Nachhilfeschüler ja gescheitert ist.  Vermutlich kann dies gut ein Peer-to-Peer-Verfahren mit open access liefern. Schon immer seit es Schule gibt, haben sich die Mitschüler gegenseitig am besten aus der Verständnislosigkeit helfen können. Das findet übrigens schon lange online statt:  Schüler chatten am Nachmittag in msn oder skype über ihre Unterrichtsschwierigkeiten, machen zusammen Hausaufgaben und bereiten sich gemeinsam auf die nächste Klassenarbeit/Klausur vor. Sie tun das im Gymnasium in der Oberstufe fast alle.  Diese Möglichkeit müsste auch für die Schüler der anderen Schulformen und Schulstufen gegeben und gezeigt werden – während der Schulstunden.

Literatur zum Unterricht mit Web 2.0

An die Referendare und Referendarinnen aus meinen Modulen habe ich gerade verschickt:

Liebe Referendare und Referendarinnen,

jetzt habe ich endlich mein Versprechen umgesetzt und die mir bekannte derzeit beste und wichtigste Literatur zum Thema Weblogs im Unterricht für Ihre Examensarbeiten herausgesucht. Das Ergebnis finden Sie im Attachment. Das gute ist, es ist nicht bloß eine Literaturliste, sondern Sie haben die Literatur auch gleich in der Hand bzw. im Netz – denn es ist alles im Netz, selbst die (zunächst gedruckten) Bücher! So sind sie, die Netzwerker von heute mit der Media Literacy. 😉

Es muss natürlich nicht alles bis ins kleinste Detail ausgelesen werden – aber auf alles mal draufgucken würde ich schon – und dann noch eine individuelle Auswahl treffen, worauf ich mich in der Arbeit dann auch tatsächlich und mit Zitaten beziehen möchte. Tut mir Leid, dass ein Großteil der Literatur in englischer Sprache ist. Das liegt daran, dass die angelsächsischen Länder mit dem Thema Medienkompetenz in der Schule viele Jahre Vorsprung haben und man hier erst so langsam aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Die deutschen Papiere zum Thema sind wegen dieses Dornröschenschlafs auch nicht unbedingt alle auf dem international schon erreichten Level (jedenfalls sehe ich es so!). Umso wichtiger, dass jetzt in Deutschland bald viele Arbeiten aus der Praxiserfahrung heraus entstehen. Das ist innovativ und mein Respekt für Ihren Mut und Ihre Experimentierfreude im Neuland ist Ihnen auf jeden Fall sicher.

Ein Tipp noch: Nehmen Sie in ihre Arbeit auf jeden Fall auch etwas aus den Punkten 1. und 2. auf – das brauchen Sie u. U. auch als Legitimationshilfe! Und vergessen Sie nicht, Ihre jeweiligen Bildungspläne auf Medienkompetenz hin zu untersuchen und zu zitieren! Es gibt nicht nur Fach-Bildungspläne, sondern in Hamburg auch den Querschnitt-Bildungsplan „Aufgabengebiete“. Dieser wird leider oft vernachlässigt, obwohl die Lehrer eigentlich verpflichtet sind, alle seine Bestandteile – von Gesundheitserziehung über interkulturelle Kompetenz und Sexualerziehung bis Medienerziehung – in den laufenden Fachunterricht einzubringen!

So, jetzt genug belehrt und ermahnt! Ich hoffe, Sie können trotzdem etwas anfangen damit 😉

Alles Gute für Sie! Viele Grüße, Lisa Rosa

Hier die LIteraturliste_Unterricht_mit_Web20 (pdf, 76 KB)

Ich freue mich über Hinweise und Ergänzungen!

Individualisiertes Unterrichten mit Weblogs

Bereits zum zweiten Mal hatte ich am Freitag und Samstag letzter Woche die Gelegenheit, mit einer Gruppe von ca. 15 Referendaren 12 – 14 Stunden in einem Projektseminar zum Thema „Individualisiertes Unterrichten mit Weblogs“ zu arbeiten. Diesmal wurden kurzfristig zwei Plätze frei, die sich eine Kollegin aus dem Hamburger Schulmuseum sowie eine Kollegin aus der Verwaltung meines Instituts schnappten, um die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, das Medium Blog für sich zu erkunden.

Da mir die Referendare aus dem Pilotseminar im Februar viele gute Anregungen zu Verbesserung gegeben und die TeilnehmerInnen diesmal im Voraus ihre Erwartungen und Wünsche mitgeteilt hatten, konnte ich den zweiten „Durchgang“ wesentlich verbessern. Statt mit twoday.net UND mit WordPress habe ich nur noch mit WordPress gearbeitet, und das Modulblog als Arbeitsmedium in WordPress angelegt, sodass vor allem die Beratung vereinheitlicht werden konnte. Das Modulblog diente 1. als Materiallager zum Abgreifen (Seitenreiter) und 2. als Ergebnisspeicher (Artikel, Linkliste mit Referendarsblogs). Trotzdem hatte ich wieder den notwendigen Zeitaufwand, der eingesetzt werden muss, damit alle Beginner sich soweit mit der Technik auskennen, dass sie damit inhaltlich arbeiten können, unterschätzt.

Dass wir einen Informatiker als Teilnehmer dabei hatten, der außerdem bereitwillig jede Frage beantwortete und zu jedem Problem Hilfestellung geben konnte, war ein großes Glück. Andererseits verleitete diese Supportmöglichkeit teilweise auch dazu, dass der Technikaspekt zuweilen gegenüber dem Content und gegenüber der Erarbeitung der didaktischen Möglichkeiten überbewertet wurde. („Boah, was man alles in WordPress machen kann, und könnte ich vielleicht auch noch dieses Layout so bearbeiten, dass …“). Andererseits muss solchen Bedürfnissen unbedingt auch Raum gegeben werden, denn für manche ist deren Befriedigung ein wesentlicher persönlicher Sinn (und ohne den wird nicht gelernt). So hatten wir am Ende einige Teilnehmer-Blogs – vgl. Linkliste -, in denen gar kein oder nur wenig Inhalt war. Ich hatte außerdem den Eindruck, dass die Hürde, eigene Blogtexte zu verfassen, selbst etwas zu schreiben und gar etwas zu veröffentlichen auch unter den Referendaren recht hoch ist. Sie sind es nicht gewohnt, relativ spontan etwas ins Netz zu posten, überhaupt freiwillig und mit Lust eigene Texte zu verfassen. Einige outeten sich als Facebookianer bzw. StudiVZler. Der entscheidende Unterschied: Was dort geschrieben wird, ist meist privater und blödeliger Natur und kurz, und – ganz wichtig – es ist eben nicht wirklich öffentlich, sondern nur für „die Freunde“ zugänglich.

Manche(r) „rettete“ sich gleich in die Erstellung eines Unterrichtsblogs – anstatt, wie ich ursprünglich erwartet hatte – zunächst ein eigenes Lehrerblog zu basteln, um von dort aus die Lehrerblogosphäre für sich zu entdecken und sich selbst hineinzustürzen. Aber alle schienen zufrieden und sehr engagiert mit dem, was sie über weite Strecken individuell sehr Unterschiedliches taten, und fragten und halfen sich untereinander oder riefen mich zur Beratung. So arbeitete ich denn nach der Pädagogischen Regel Nr. 1: „Störe niemals jemanden beim Lernen!“ Ich habe sie bei Rolf Robischon kennengelernt – und halte sie für grundlegend und wesentlich. Ich verfuhr zudem nach dem von mir 2. Regel genannten Grundsatz: „Gib keine kleinschrittigen Arbeitsaufträge sondern eine übergreifende komplexe Aufgabe, in der individuell verschieden jeder seinen Sinn finden kann“.
Ein Referendar stieg dabei begeistert um auf Twitter, als er meine tweets am Smartboard gesehen hatte, mit denen ich ihre Arbeit kommentierte, und war hoch zufrieden mit dem unerwartet entdeckten Medium. Die Dame aus der Verwaltung war begeistert von ihrem selbst erstellten „Familienblog“, in dem sie nun die Fotos ihrer Familie verwaltet und Kommentare einsammelt. (Wäre auch mit einem flickr-account möglich gewesen, aber vielleicht schreibt sie ja auch mal Geburtstagsglückwünsche und etwas über sich hinein?). Eine andere Teilnehmerin „verlor“ sich in der Lektüre verschiedener Lehrerblogs, wie sie selbst es bewertete. Sie hatte dabei jedoch für sich selbst den Wert und die Möglichkeiten von vernetzten Praxislerngemeinschaften entdeckt (weniger ist in the long run „verlorene Zeit“, als man glaubt) und will ein eigenes Lehrerblog führen. Eine Referendarin äußerte nach einiger Zeit enttäuscht, sie hätte noch gar nicht entdeckt, wozu sie ein Blog überhaupt brauchen könnte. Merkwürdigerweise hat dann gerade sie in ihrem Blog gleichzeitig am meisten echten Content produziert: nämlich Fragen und Gedanken, die ich als Anlass zum Kommentieren nutzen konnte. Nun betreibt sie ein Blog, indem sie versucht, eine Community aufzubauen, die gemeinsam Dinge benutzt und verwertet, anstatt dass jeder Einzelne diese selbst benutzt.

Bei aller Individualisierung und Beachtung der pädagogischen Regel Nr. 1 musste ich jedoch auf zwei Dinge achten:
1. Reflexivität (denn schließlich handelte es sich um Referendare und also um das Lernen/und Lehren lernen!) und
2. musste das Ziel des 14-Stunden-Workshops immer wieder in den Blick gerückt werden: die Projektskizze eines Unterrichtsentwurfs für eigenen Unterricht mit Weblogs in einer tatsächlich zu unterrichtenden Lerngruppe zu entwerfen (und die Anfänge eines Blogs dafür). Im Endeffekt kam ein Großteil der TN tatsächlich so weit, andere noch nicht. Letztere outeten sich jedoch als „initialgezündet“ und wollen selbständig weiterarbeiten – natürlich wird nicht jede Absichtserklärung auch umgesetzt.
Für Reflexion (Was habe ich gelernt, WIE habe ich gelernt, was bedeutet das für meine Sicht auf das Lernen meiner Schüler und welche Konsequenzen muss ich für mein Unterrichten daraus ziehen?) und Zielorientierung musste ich die TN mehrfach aus ihrer Versunkenheit in die eigene (Lern-)tätigkeit an der konkreten Sache herausholen, um zu einer gemeinsamen Reflexionsrunde (zum „Meta“) zu kommen. Diese insgesamt drei kollektiven Erfahrungs- und Problemlösezeiten waren dann aber sehr intensiv und produktiv. Am meisten hat wahrscheinlich gebracht, dass zwei Referendare dabei waren, die schon mit Blogs im Unterricht experimentiert hatten (Einer aus meinem Februarmodul). Sie zeigten ihr Blog, berichteten aus ihrer Praxis damit und stellten diese zur Diskussion: Stefans (Haupt/Realschule) und Antjes (Gymnasium, Notebookklasse) Blogpraxis in der Schule als Fallbeispiele wurden Anlass zu vielen Fragen und Erkenntnissen. Dass es tatsächlich möglich ist, mit 9. Klässlern eigene Schülerblogs zu betreiben, war für die meisten überraschend.

Für die 4-6 ReferendarInnen, die aus dem Pilotdurchgang und dem Septembermodul hervorgegangen ihre Examensarbeit schreiben wollen, stehen jetzt Extra-Beratungstermine zur Verfügung. Die Anregung, eine spezielle Lerngemeinschaft zu bilden, wurde aufgenommen. Zur Hilfe für den theoretischen Teil der Examensarbeit werde ich eine Literaturliste (Linkliste) erstellen.

Fazit für alle:

1. Lernen des Umgangs mit einem Neuen Medium braucht viel Zeit („das haben wir gerade selbst an uns erlebt“). Zeit, um zu verstehen, „wie es funktioniert“; Zeit, um zu entdecken, welche Funktion/welchen Sinn es für mich selbst hat; Zeit, um den Umgang damit zu üben und die gewünschten Funktionen zu entfalten. Viel Praxis eben. Um diese Zeit kann man sich nicht herummogeln, indem man gleich mit „dem tool“ in den Unterricht springt, um es für die Lehre zu instrumentalisieren, nachdem einem ein Lehrerausbilder „gesagt“ hat, wie „man“ damit unterrichtet. Die Falldarstellungen haben gezeigt, wie unterschiedliche Schulen / Lerngruppen völlig unterschiedliche Möglichkeiten und Erfordernisse bedingen. Jede(r) muss sein Unterrichtsding ein Stück weit selbst erfinden.

2. Es macht nur Sinn, damit zu unterrichten, wenn einen das Medium auch selbst „anmacht“.

3. Man kann an den eigenen Lernerfahrungen lernen, wie auch Schüler lernen und wie man darum für sie den Lernprozess rahmen und strukturieren muss.

Fazit für mich:

1. An der Balance zwischen Phasen individualisierter Einzelarbeit und Kollektiv-Zeiten zur Reflexion (im Referendarsmodul) könnte man noch einiges verbessern. Aber eines ist klar, und dazu werde ich weiterhin stehen: Es ist nicht möglich, die immer vorhandenen Wünsche nach der „Ruckzuck-Rezepte-Ebene“ zu befriedigen (sag mir, wie ich so ein Ding gleich morgen in der 8a Französisch benutzen kann, OHNE meinen Unterricht zu reflektieren und OHNE eigene Erkundung und die als sinnvoll empfundene Praxis mit dem Medium durchlaufen zu haben).

2. Reflexion zum „Individualisierten Unterrichten“ muss unbedingt komplementiert werden mit einer Reflexion „kollektive Intelligenz“. Reflexion heißt dabei immer, über die gerade selbst erfahrenen Dinge nachzudenken. Zwar habe ich öfter daran erinnert, dass die eigene individuelle Lerntätigkeit der Referendare im Modul überhaupt nur wirklich produktiv wurde durch die je besondere Kompetenz (Heterogenität) z.B. des Informatikers und der beiden, die einen eigenen Praxisfall vorstellen konnten. Ich bin mir aber nicht mehr ganz so sicher, ob es denn auch explizit verstanden wurde, denn ein Referendar schrieb unter seinen Feedbackbogen, was er bemängeln würde: „etwas mehr Individualisierung“. Hm. Was er wohl erlebt hat im Modul?

3. Ansonsten scheine ich auf dem richtigen Weg zu sein, denn ich hatte wieder mehrheitlich Einsen in der Gesamtbeurteilung des Moduls. (*freu*, *erröt*) Leider hat bisher noch keiner der TN meinem ausdrücklichen Wunsch entsprochen und unter mein eigenes Feedback an sie einen Kommentar mit Kritik und eventuell Verbesserungsvorschlägen ins Modulblog geschrieben, und aller Erfahrung nach wird es nachträglich auch keiner mehr tun. (Das Bloggen ist also noch weit entfernt davon, ein selbstverständlicher Modus des Kommunizierens zu sein.)

4. Alles „nachhaltige“ – ich würde sagen „expansive“ – Lernen braucht (Inkubations-)zeit. (Danke Jean-Pol für diese nützliche Metapher! 🙂

Update 15.9.09: Über Mail kam nun eine gute Kritik mit einem nützlichen Vorschlag: Da WordPress-Themes nicht jeweils alle Funktionen unterstützen, wäre es sinnvoll, dem Seminar eine Liste derjenigen Themes vorzuschlagen, die die meisten Funktionen enthalten. (Danke!)

Ende der Kreidezeit!

Reflexionen zur Nachbereitung der Tagung Ende der Kreidezeit? Ne(x)t generation learning
#limedien09

1. Weitsicht statt Nachklapp

Norbert Rosenboom, Leiter des Amtes Bildung der Hamburger Schulbehörde, versprach auf der Tagung , 60 Millionen Euro dafür auszugeben, alle Klassenräume in allen Schulen mit einem Internetzugang auszurüsten. Jubel! Natürlich freut sich jeder Lehrer, dass er nun nicht mehr auf die langfristige Vorausbuchung des einzigen Computerraums der Schule angewiesen ist, wenn er das Internet irgendwie in seinen Unterricht einbetten möchte. Ist das Geld so aber auch wirklich gut ausgegeben? Sollten wir nicht lieber erst noch einmal darüber nachdenken, wohin die Reise geht, bevor wir die Kutsche wählen? Wollen wir die Bildung im Klassenraum (Unterricht) konservieren, oder wäre es gut über die Klassenräume und den Unterricht hinaus zu denken (und zu investieren)? Müssen wir alle Einzelschritte in der nachholenden Medien- und Bildungsentwicklung gehen, wo wir doch sowieso schon soweit hintendran sind? Müssen wir alle Erfahrungen, die weltweit schon vorliegen, selbst wieder neu machen? Könnten wir mit längerfristiger Vision und Vorausplanung (über die nächsten 10 Jahre) nicht viel mehr erreichen als mit den kleinen und immer teureren Trippelschritten?
Es wäre sicher viel weitsichtiger für die Stadt und das Land Hamburg, die ganze Stadt mit Spots und kostenlosem WLAN für alle Einwohner auszurüsten. Das wäre wirklich etwas gegen den digital (und social und educational) divide! Und wir wären zwar nicht die erste Stadt auf der Welt – aber die erste in Deutschland! Und das erste Bundesland dazu! Und was, wenn wir das Beispiel Portugals nachahmen würden, jedem Kind ein mobiles Endgerät (derzeit Netbook, iPhone) als Begrüßungsgeschenk für seinen Eintritt in die Welt als Bürger Hamburgs zu machen? Woher das Geld? Nun: Man könnte den Bildungsetat und den Etat der Stadtentwicklungsbehörde zusammenlegen in dieser Frage. Das ergäbe schon viel mehr als die 60 Mio. (Touristen könnten zahlen für den Eingang ins Netz). Vielleicht würde man mit einer solchen Maßnahme auch viel mehr innovativ creatives in die Stadt locken, als mit der Mega-Hafencity. Man könnte außerdem einen Großteil des Etats für Lehrmittel dafür verwenden und die Anschaffung teurer Schulbücher zusammenstreichen, die nun mal ums Verrecken keinen Hypertext enthalten können. Man könnte endlich ernst nehmen, dass der Computer nicht einfach ein Additum zu den bisherigen Medien ist, sondern das neue Leitmedium, das sich außerhalb der Schule schon lange überall durchgesetzt hat. Oder würden wir etwa heute noch Bushaltestellen neu mit einer gedruckten Anzeigetafel ausrüsten anstatt mit digitaler Anzeige? Warum folgen wir nicht der gleichen Logik in der Bildungsplanung?

2. Epoche des untergehenden Unterrichts

Beat Döbeli hat einen großartigen Vortrag auf der Tagung gehalten. Wie bei allen seinen Vorträgen war auch dieser wieder ein Genuß an Vortragsdesign. (Er steuerte seine Performance vom iPhone aus und machte damit ein wichtiges Stück des Leitmediums erlebbar – nicht nur ein tool.) Ein Kunstwerk eben. Ausgezeichnete Visualisierungen. Angetan hat es mir insbesondere die Buchschneidemaschine, mit deren Hilfe Döbeli seine Bücher in Einzelseiten zerlegt – gleichsam entbindet -, um sie digitalisieren zu können. Zerstören, um im neuen Medium aufzuheben. Herrlich! Zum Kunstwerk gehörte auch, dass er durch die Aula rannte, um ganz hinten einem Teilnehmer, der uns einen Text in Schwizerdütsch übersetzen konnte, eine große Toblerone zu überreichen. Die m. E. wichtigste Botschaft seines Vortrags war diese:

Der Computer ist
Ein Versprechen auf die Zukunft, in dem die (für die Gattungsentwicklung nötigen) Visionen und Utopien der Verbesserung der Lebensbedingungen enthalten sind.
Eine Chance, diesen Visionen einen Schritt nächer zu kommen.
Ein Druck, der den stattfindenden Formationswechsel in allen Bereichen der Gesellschaft erzwingt. (Selbst derjenige, der den Computer (das Internet, die social media des Web 2.0) ablehnt, kann ihn ja eben auch nicht ignorieren und nicht nicht Stellung beziehen.)
Nicht die Lösung, weil neue Technologie neue Lösungen zwar als Potenzialität enthält, aber nicht die Lösungen selbst ist, nicht mit ihnen identisch ist.
Diese vier Kennzeichen müssen wir uns immer wieder klarmachen. Sie sind auch enthalten in der Vorstellung Michael Gieseckes, der IK-Medien Katalysatoren des gesellschaftlichen Formationswandels nennt. Katalysatoren beschleunigen eine Entwicklung; sie richten die Reaktionen in eine bestimmte Richtung; sie minimieren die benötigte Aktivierungsenergie – aber sie bewirken nicht die konkret historische Lösung selbst.
Schade, dass Döbeli am Ende seines Vortrags eine Vorstellung angeboten hat, womit er sich selbst widerspricht. Zumindest macht er dieses Missverständnis möglich: Er legte durch die Aussage „Kein Ende der Kreidzeit“, alle Medien sind gleichberechtigt, die Vorstellung nahe, dass der Computer bloß ein neu hinzugekommenes Werkzeug, das also zu den schon bestehenden zu addieren und auf gleicher Ebene mit den alten zu sehen sei. Daß wir Lehrer uns also den Computer zu Tafel und Schulbuch in den Unterricht hinzuzuholen hätten, um dann – unter den Prämissen der alten Schule und Didaktik – jeweils nach Unterrichtsprogramm zu entscheiden, welche dieser Medien wir gerade als „Mittel“ einsetzen.
Ich sehe es anders: IK-Medien sind nicht einfach Unterrichtsmittel. Der Computer ist das globale Leitmedium geworden, unter dem alle bisherigen Medien ihren neuen Platz finden müssen. Die Potenziale des Leitmediums Computer für Lernprozesse wird man nicht erschließen können, wenn man sie nur auf der Grundlage der Potenziale der alten Medien beurteilt. Wenn man dies tut, kann man die neuen Möglichkeiten, die man ja noch gar nicht kennt, nicht erproben, entwickeln, emergieren lassen. Immer steht im Weg die Erfahrung mit dem alten Medium, die dann in der Aussage mündet: Wieso, mit Tafel und Kreide / mit dem Stift auf Papier usw. geht doch alles viel schneller und besser und unabhängiger von teuren Geräten und dem (noch nicht vorhandenen) Netzzugang. Kreidetafel, Stift und Papier müssen stattdessen „umziehen“ – im Raum, in der Medienkonstellation, im Kopf, in der eigenen Praxis. Aus der Logik des Unterrichtens (der Lehrer plant den Lernprozess in Unterrichtsform, d.h. er plant seinen Lehrprozess, dem die Schüler „aufnehmend“ folgen sollen), kommen wir nicht hinaus zur Logik des Lernens (die Lerner bestimmen und planen ihre sinnbildenden Lernprozesse mithilfe eines Coaches, eines Experten für Lernprozessgestaltung), wenn wir einen Computer in den Unterricht und seinen Klassenraum einführen. Dieses Setting bzw. Design verstellt die Realisierung der noch unbekannten tatsächlichen Potenzialitäten, weil sie gar nicht in den Horizont geraten können.

  • ein Versprechen
  • eine Chance
  • ein Druck
  • nicht die Lösung

 

3. Freiräume zur Gestaltung des Übergangs in eine Epoche selbstreflexiver Lernkultur

Derselbe Norbert Rosenboom hat uns eine noch wichtigere Botschaft gebracht als die des Netzzugangs in allen Klassen: Die Behörde wünsche ausdrücklich, dass Experimente mit der inneren Schulstruktur gemacht werden. Jede Schule kann selbst bestimmen, wie sie die Lernzeit rhythmisiert, wie sie ihre Lerngruppen zusammensetzt, wie sie ihre Lernorganisation designt. Das ist ein Freiraum, von dem andere Bundesländer nicht mal träumen dürfen. Nutzen wir ihn! Wer weiß, wie lange das Fenster offen steht. Einzige Bedingung, die Rosenboom nennt: „Zum Wohle des Schülers“. Nehmen wir mal hin, daß das Wohl des Schülers oder der Schüler nichts Objektives ist, sondern immer konkret der Interpretation bedarf. Es ist ein Auszuhandelndes (in erster Linie mit den Lernenden selbst, denn Kinder sind Experten ihrer selbst; aber ebenso mit ihren Eltern, den Lehrerkollegen, den Vorgesetzten, der Schulaufsicht). Wir müssen uns also um die Entwicklung einer demokratischen Schulkultur, einer wirklichen Partzipation der gesamten Schulcommunity, kümmern. Es zwingt außerdem zur ständigen Legitimation vor allem von Veränderungen der bisherigen Praxis gegenüber denjenigen, die um den Erhalt der alten Praxis und deren Regeln und Strukturen kämpfen. Dazu muss man die Stellen in den gegebenen Vorschriften kennen: Sie liegen in HH im Schulgesetz, in den Schulbriefen der Schulsenatorin und im Orientierungsrahmen Schulqualität. Und diese bieten einen viel weiteren Bedingungsrahmen als viele von uns bisher realisiert (wahrgenommen im Geiste), geschweige denn realisiert (umgesetzt in konkrete Realität) haben.

4. Ich habe viel gelernt auf der Tagung

Nicht alles ist mir davon schon bewusst geworden. Und nicht alles, was ich bis heute von dem, was mir bewusst wurde, schon reflektiert habe, kann oder möchte ich kommunizieren. Aber von zwei Workshops, die ich besucht habe, möchte ich schwärmen:
Die Veranstaltung von Daniel Röhe (hier sein Unterrichtsblog), „Weblogs im Alltag einer Schule“, der in der einen Workstunde mit etwa 35 Teilnehmern gleichzeitig vortrug, zum Bloggen anleitete und bei hoch individualisierter Tätigkeit der Teilnehmer mit einer ständig wechselnden Gruppe Gespräche führte. Ich selbst habe dabei zum ersten Mal geübt, den Gegenstand meiner Aufmerksamkeit ständig neu zu bestimmen. Ich habe das gemeinsame Workshopblog abgesurft und kommentiert, das Unterrichtsblog untersucht, Röhe bei der Worshopleitung beobachtet und vorgemerkt, was ich davon lernen möchte (nicht zuletzt seine kluge und sorgfältige Vorbereitung), die Teilnehmer beobachtet und festgestellt, dass alle zufrieden waren, weil sie das lernen konnten, was sie individuell brauchten, und nebenher ständig meine Beobachtungen und Gedanken getwittert, mein Wong mit wichtigen Links aus dem Workshop aktualisiert und eine Wordseite als Protokoll geführt. Ich hatte mindestens 3 Paar Ohren, 3 Paar Hände und 3 Gehirne. Das konnte ich nur mit meinem Notebook auf dem Schoß und dem – zum Glück funktionierenden – WLAN. Das Netz hat mir die Vervielfältigung meiner Organe ermöglicht. Ich war nachgerade glücklich. Ich habe erlebt, was Leont’ev die Erweiterungen der biologischen Organe (hier der Hirnfunktionen) des Menschen durch die Schaffung von Werkzeugen und Maschinen (Computer) bezeichnet. Und ich habe gesehen, dass es möglich ist, 35 Menschen gleichzeitig individuell und kollaborativ lernen zu lassen – Voraussetzung: Alle hatten diese Maschinen zur Erweiterung ihrer Organe auf dem Schoß.

Der Workshop bei Sabine Choinski-Schubert (hier ihre ppt- (pdf, 1,053 KB)) zu „Weblogs für Schülerinnen, Schüler und Eltern am Beispiel der Schule Zitzewitzstraße“ war ganz anders. Er gefiel mir vor allem deswegen, weil Sabine ihr Wissen hoch anschaulich konkret ausbreitete und Geschichten aus der Praxis erzählte. An dem Blog ihrer Klasse einer Sonderschule (Sprachheilschule) konnten einige bloggen lernen. Es wurde ein wirklicher organisierter Erfahrungsaustausch von Praktikern. Schade, dass nur wenige Teilnehmer diese Möglichkeit nutzten, aber gleichzeitig gab es bei Ralf Appelt den Workshop „Weblogs als interaktives Medium im Bildungsalltag für lebenslanges Lernen“, der gut besucht und auch praxisorientiert war. Auch von diesem Blog-Workshop hörte ich nur Gutes.

Übrigens: Ist es Zufall dass die guten Praxisbeispiele, mit dem Medium Blog zu lernen, ausgerechnet in Sonderschulen auftreten? Möglicherweise nicht. Schon immer haben pädagogische Innovationen ihren Ausgang häufig in der „Behindertenpädagogik“ genommen. (Die Geschichte der kulturhistorischen Psychologie ist voll davon.) Vielleicht ist das auch ein Druck, der Innovationen erzwingt. Wenn gar nichts mehr geht, dann bleibt nichts mehr übrig, als Neues zu erfinden und zu erproben.

Aus meinem eigenen Workshop „Weblogs – Chance für die Schülerpartizipation“ (hier die Slides, die ich aber nur als Steinbruch benutzte und NICHT als Vortrag1 (rtf, 52 KB)) habe ich auch gelernt:

  • Wenn man die Teilnehmer auffordert, ihre Praxiserfahrungen (statt bloß Fragen zu einem Vortrag) einzubringen, dann bringen sie!
  • Es ist nicht so einfach, in einer einzigen Stunde Erfahrungen der TN diskutieren zu lassen, zu zeigen, was man zu diesen Erfahrungen selbst zeigen möchte, und gleichzeitig mit völlig divergierenden Erwartungen konfrontiert zu sein, weil keiner vorher Zugang zum Abstract hatte
  • erneute Bestätigung meines Verdachts: mit Commsy u.ä. Plattformen zur Organisation gemeinsamen Lernens hat man seine liebe Not (nirgends waren z.B. die abstracts der Vorträge und Workshops zu sehen. Die Commsyräume waren für „hinterher“ gedacht, zum Material ablegen und für das Feedback der TN.) Nichts ist dagegen so multifunktional organisierend und Information wie Kommunikation vorher, während und nach einer Tagung ermöglichend und dabei so leicht und schnell zu handhaben wie … ein Blog.

Und schön: So viele Blog-Workshops! Die Lehrer werden immer interessierter. Was sogar von bloggenden Lehrern selbst vor kurzer Zeit noch als „Hype“ gesehen wurde, in angelsächsischen Ländern jedoch schon vielerorts zum Schulalltag gehört, das könnte auch in Hamburg Normalität werden: Dass kein Lehrer, keine Lerngruppe, keine Schulcommunity mehr auf die Potenziale dieses Mediums fürs Lernen verzichten möchte.

Update: einen andere Auswertung gibt es bei Anja Fortscher

Always Beta!

Always Beta – Prinzip Baustelle heißt ein Beitrag von Ralf Appelt im mmsblog der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Die Einsicht, dass Beta-Versionen von Programmen oder „Anwendungen“, an denen die User als Mit- und Weiterentwickler einer Sache beteiligt werden, um diese an sich ständig verändernde Bedingungen und Bedürfnisse permanent anpassen zu können, wendet Appelt hier für die Bildungsinstitutionen an. Dazu gibt es in seinem Beitrag ein anschauliches Video.

Das Prinzip „Always Beta“ als Erkenntnis, dass es in Wirklichkeit überhaupt keine dauernde Alpha-Lösung [vgl. hierzu den Kommentar von Martin Lindner] geben kann, scheint mir eine der wichtigsten Erkenntnisse der Netzgesellschaft zu sein. Auf die Gestaltung von Unterricht und „Lehre“ (ganz gleich, ob in Schule oder Seminar) übertragen, eröffnet dieses Prinzip die Möglichkeit zu erkennen, dass man die alte Form der Unterrichts- oder Seminarplanung als vermeintlicher „Alpha“-Versionen von Lehrgängen und Unterrichtseinheiten am grünen Tisch – etwa „für eine 7. Klasse Gymnasium“ oder „für eine Lehrerfortbildung“ endlich aufgeben muss.
Das alte Prinzip, fertige Lehrgänge an einer Klasse bzw. einer Seminargruppe – mit einigen Anpassungszugeständnissen an die konkrete Gruppe – zu exekutieren, hat sich als untauglich erwiesen. Mit der Always-Beta-Erkenntnis können wir stattdessen die Lernenden an der Gestaltung ihrer Lernprozesse beteiligen. Die pädagogische Professionalität besteht dann nicht mehr darin, „Stoff“ zu „vermitteln“, sondern in der Bereitstellung von Strukturen und Instrumenten zur selbstbestimmten Auseinandersetzungen mit Gegenständen, also in der Organisation von Lernprozessen.

Einen weiteren Versuch, eine solche „Baustelle“ für Lernprozesse einzurichten, habe ich letztes Wochenende in meinem Referendarsmodul „Individualisiertes Unterrichten mit Weblogs“ unternommen. Mir scheint er ganz gelungen, dieser Versuch – als erste Beta-Version. Das nächste Seminar bzw. der nächste Workshop für Lehrer oder Referendare zur Erkundung, was der Einzelne mit dem Medium Blog für sich selbst gewinnen und was er damit in seiner Arbeit mit den Schülern, die er gerade zu unterrichten hat, anfangen kann, ist schon in Arbeit: Die Referendare gaben viele wichtige Hinweise für die zweite Beta-Version meiner Baustellen-Organisation. Im Seminar entstand der Gruppenblog Lernen 2.0, auf dem Material, Verlauf, Ergebnisse und Auswertung des 14-Stunden-Moduls vom letzten Wochenende besichtigt werden können. Einige Ergebnisse sind erst als Setzlinge zu sehen: Die ersten Blogs der Teilnehmer – Praxisreflexions-Blogs und Unterrichtsblogs -, mögen sie im Laufe der Zeit wachsen und gedeihen! Andere Ergebnisse sind als individuelle Ergebnisse nicht abgebildet: Es sind die einzelnen Planungsskizzen, aus denen die Teilnehmer Unterrichtsvorhaben konkretisieren und erproben wollen – ich würde mich sehr freuen, wenn demnächst einige der Erfahrungen ins Gruppenblog zurückfließen!

Neues Lernen mit dem neuen Leitmedium

Am Samstag, dem 4. Oktober gingen in Vaduz (Liechtenstein) 25 Internet-interessierte Pädagogen in Klausur, um „Neues Lernen mit Medien“ dialogisch zu erkunden. Die Klausur war Teil des AdZ-Netzwerk-Kongresses der Schulerneuerer, der den Titel Herausforderungen trug.

Jean-Pol Martin hielt den Einführungsvortrag „Mit Schülern die Welt verbessern? Wie man im Unterricht an das Bedürfnis nach Sinn anknüpft“. Engagiert präsentierte er sein anthropologisches Modell und sein Konzept menschlicher Kommunikationsnetze analog dem neuronalen Netz. Leider bot der organisatorische Rahmen keine Möglichkeit, Jean-Pols Hypothesen anschließend im Plenum zu diskutieren. So blieben die notwendigen Fragen ungestellt. Mir jedenfalls erscheint die einfache Gleichsetzung von menschlicher (Kommunikations-)tätigkeit mit der Funktionsweise des neuronalen Netzes diskussionsbedürftig. Trotzdem war es ein sehr interessanter Vortrag, nicht zuletzt deshalb, weil Martin über Skype Christian Spannagel eingebunden hatte, der seine Idee des öffentlichen Wissenschaftlers darlegte.

Am Nachmittag fanden dann drei Workshops zum „Neuen Lernen mit Medien“ statt. Mein Beitrag dazu war der Vortrag „Neues Lernen mit Medien: Lernen und Lehren mit Weblogs in der Schule.“ Die Teilnehmer diskutierten vor allem den von mir in einem theoretischen Teil thematisierten Paradigmenwechsel vom Unterricht zur Lernkultur. Anschließend untersuchten wir zusammen meine exemplarische Weblogsammlung aus der internationalen Schulpraxis unter der Fragestellung: Altes Unterrichten mit neuen Instrumenten oder Neues Lernen mit dem neuen Leitmedium? Sehr froh war ich, dass auch Zeit genug war, dass zwei Teilnehmer ihre eigenen Blogs vorstellen konnten: Bio 2.0 und Schueler-Mobbing.

Hier mein Vortrag: Neues-Lernen-mit-Weblogs (pdf, 52 KB)