Kleiner Stoffkanon fürs 21. Jahrhundert?

Mit festgelegten Lern-Inhalten und Stofflisten ins 21. Jahrhundert? – Kaum zu glauben, aber daran wird noch geglaubt!
Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat gestern der Presse einen Sammelband vorgestellt mit dem Titel „Bildungskanon heute“.  Heinz-Elmar Tenorth, Jürgen Oelkers und viele andere Bildungsakteure ersten Ranges treten dort für einen neuen Inhalte-Kanon in den Bildungsplänen ein, auf den man sich in Deutschland verständigen solle. Aber ist die nationale Zentralisierung von nur neu zu formulierenden Stoffplänen wirklich die zeitgemäße Antwort auf die Herausforderungen der Digitalen Ära für das Bildungssystem?

Ich meine: nein. Alte Kanons mit neuen Inhalten zu füllen und zu nationalisieren kommt zu spät. Was zu lernen ist für die Menschen in einer globalisierten digitalen Welt, lässt sich nicht mehr über Stoffe und Inhalte definieren.

Ich selbst erhielt dankenswerterweise auch einen Platz in diesem Sammelband – und gebe dort das schwarze Schaf in der weißen Herde.  Schade, ich wäre auch gerne mal ein weißes Schaf, aber man kriegt nicht immer, was man sich wünscht.

Hier mein Beitrag: Weiterlesen

Lernen auf individuellen Königswegen

CC flickr_adesigna

Jeder tut es, alle sprechen (neuerdings) davon, und jeder weiß, wie es geht. Aber im Unterschied zu gestern, als alle dabei noch an das gleiche dachten, weiß heute jeder anders, wie es geht. Und das ist gut so. Die Rede ist vom Lernen.

Konzepte vom Lernen und dazu passende oder auch unpassende Rezepturen (auch Szenarien) schießen wie Pilze aus dem Boden, neu entwickelt oder wiederentdeckt modernisiert.
Verschiedene gesellschafts-, human- und auch naturwissenschaftliche Domänen reklamieren für sich die Deutungshoheit oder versuchen wenigstens widerspruchsvoll zusammenzuarbeiten bei der Klärung der Frage, wie Lernen denn nun „wirklich“ funktioniert. Offenbar funktioniert es nicht mehr genügend in der  derzeitigen Praxis, denn sonst würde nicht so viel theoretisch und konzeptionell gefragt und erklärt und experimentiert. Weiterlesen

Hätte Kant gesurft? – #opco11

fragt die Konferenz der FES morgen in Berlin, die im Untertitel über „Wissen und Bildung im Internetzeitalter“ aufklären möchte. Teilnehmen werden laut Aussage der Veranstalter ca. 200 Akteure des Bildungssystems, vor allem also LehrerInnen und auch zwei Schulklassen.

Ich bin geladen, in einem letzten Panel um 15:00 Empfehlungen zum Thema „Notebook-Klassen für Alle? – Wie sich der Unterricht verändern muss“ auszusprechen und mit Walter Reese-Schäfer, dem Publikum und Christian Stöcker als Moderator zu diskutieren. Weiterlesen

Medienrevolution

Die taz veranstaltet einen Medienkongress , gefragt wird, „Schafft das Internet Freiheit – ja oder nein?“ (die Frage inwiefern beides möglich ist, gibt’s hier nicht), es gibt „Alles zur Medienrevolution“ und „Hier spricht die Revolution“, aber Detlev Kuhlbrodt blickt schon zurück  auf die offenbar schon ziemlich vergangene Medienrevolution.

Wie nun: läuft sie gerade, die Revolution, war sie schon oder kommt sie erst noch? Wie wird Revolution hier verstanden? Weiterlesen

#Leitmedienwechsel und Bildungssystem

„Wie soll die Schule auf den Leitmedienwechsel reagieren?“

fragt Beat Doebeli Honegger und legt eine Matrix vor, in der er die verschiedenen Antworten gesammelt hat und weiter sammelt, die als Forderungen oder Konzepte vorliegen. Eine sehr gute Idee, meine ich!

Gute Anworten  auf die wichtige Frage werden  m. E. vor allem dann gefunden, wenn man sich noch einmal Nicholas Negropontes Einsicht vergegenwärtigt:

Computing is not about computing anymore. It’s about living.

(Being digital (1995)) Weiterlesen

Der Kongress der Pferdekutscher

Ich liebe historische Analogien, sie sind mir als Erkenntnis-Instrument mindestens so viel wert , wie anderen ihre Metaphern.

Nun kam mir anlässlich eines kürzlich durchgeführten Kongresses ein Zitat von  McLuhan in Erinnerung, das ich vor Jahren in einem Aufsatz von Georg Rückriem gelesen und das mich sehr überzeugt hatte:

„Worüber sprach man bei der Konferenz, Marshall?“, fragte ich. „Ach, über die Automation“, war die Antwort. „Weißt du“, sagte er dann, „es war gerade so, als ob die
Pferdekutscher um 1905 eine Versammlung einberufen hätten, um über die gesellschaftlichen Folgen des Automobils zu diskutieren. Ein Professor hält eine sehr gelehrte Vorlesung über die Umschulung von Pferden. Ein anderer legt statistische Unterlagen vor, um nachzuweisen, dass durch das Automobil die Nachfrage nach Pferden und ihren Wert stark steigen werden; man werde ja soviel mehr als bisher brauchen, um Automobile aus dem Graben zu ziehen.“

Peter F. Drucker, in: McLuhan, Marshall (1995):  Die magischen Kanäle. Understanding Media, Basel/Dresden, Verlag der Kunst (Orig. 1964), S. 12 Weiterlesen

#echb11 – perfekte „Umgebung“ für selbstbestimmtes Lernen

Organisierter Erfahrungsaustausch mit Menschen, die mit der Gestaltung von Lernprozessen beschäftigt sind – das ist, was mir an den Educamps  so gut

gefällt. Und auf dem #echb11 waren diesmal besonders gute Bedingungen gegeben, um – jedenfalls für mich – ein selbstbestimmtes Lernen für die eigene Praxis zu ermöglichen. Torsten Larbig formulierte es so:  „Wir machen educamp“ (nicht „wir sind auf dem educamp“) – was das besondere Merkmal aller Unkonferenzen bzw. Barcamps ist. Weiterlesen

Lernen ist ein selbstorganisierendes System

Auf meiner Laufrunde komme ich an einem Spielplatz in einem Park vorbei und verbringe dort regelmäßig ein paar Minuten mit meinem Dehnprogramm. Dabei konnte ich jetzt schon drei mal eine gleich ablaufende Episode beobachten:

Ein Elternteil ist mit einem Kleinkind auf dem Weg zum Spielplatz. Das Kind bleibt zurück, weil es irgend etwas Interessantes am Boden entdeckt hat. Die Reaktion der Mutter bzw. des Vaters: „Komm weiter, der Spielplatz ist da vorne!“ – oder: „Wir wollen doch auf dem Spielplatz spielen!“ – Einmal fand ein Junge, der den Splitt auf dem Weg zusammenkratzte und davon kleine Häufchen bildete: „Aber ich möchte doch hier noch spielen“, worauf der Vater sagte: „Das ist kein Spielplatz und außerdem ist es schmutzig.“ Ich hatte gedacht, soetwas wäre ausgestorben. Weiterlesen

Medienbegriff

Immer dringlicher wird die Notwendigkeit einer Orientierung im Dschungel der Medienbegriffe. Nicht nur unterscheidet sich hier  – wie bei allen Begriffen – der Alltagsbegriff vom wissenschaftlichen Begriff. Hier macht sich auch noch besonders bemerkbar, dass es viele Wissenschaftler und Praktiker oft gar nicht für notwendig halten, ihren Medienbegriff zu explizieren. Ja, zuweilen scheint es, dass sich mancher seinen eigenen Begriff selbst noch nicht wirklich klar gemacht hat. Gerne wird so aneinander vorbei geredet, indem man die verschiedenen Praxisvorstellungen  – z.B von Bildung im digitalen Zeitalter – gegeneinander hält, ohne zu realisieren, dass diese Resultate eines jeweils anderen impliziten Medienbegriffs sind.

Dieses Verständnisproblem und die daraus resultierenden Kommunikationsprobleme, strategischen Probleme und solche auf der ganz alltäglichen Praxisebene ergeben sich vor allem dort, wo es um Erziehung, Bildung und Lernprozessgestaltung geht.

Ich freue mich daher sehr, dass ich hier einen Aufsatz von Georg Rückriem zum Medienbegriff veröffentlichen darf, den er kürzlich als Vortrag am Seminar für Grundschulpädagogik der Universität Potsdam gehalten hat:

Georg Rueckriem: Mittel, Vermittlung, Medium. Bemerkungen zu einer wesentlichen Differenz

Dieser Text erklärt – ausgehend vom Alltagsverständnis – den heutigen medientheoretischen Medienbegriff. Man erfährt, warum „Medien nicht optional sind“ und worin der Unterschied zwischen „Mittel“ und „Medien“ besteht. Man lernt, die „Verwechslung von Landkarte und Territorium, bzw. von Speisekarte und Mahlzeit“ zu erkennen und zu vermeiden, wenn man sich auf einen medientheoretischen bzw. medienphilosophischen Begriff einlässt, mit dem der „Raum“ bezeichnet wird, „innerhalb dessen die durch Mittel vermittelte Beziehung überhaupt erst möglich ist.“ Medien sind demnach „die unsichtbaren, nicht materialisierbaren Informations- und Kommunikationssysteme“ (S. 5)

Darüberhinaus wird in diesem Aufsatz die Gieseckesche Modellierung einer Übergangsgesellschaft anschaulich erläutert.

Deutlich wird auch der Nutzen dieses wissenschaftlichen Begriffs von „Medium“ für die eigene Praxis, z.b. dass man geduldiger und gelassener mit auch schrillen Widersprüchen umgehen kann, wenn man sie als historische Übergangsphänomene sieht.

Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt, alle die Medienbegriff-Interessierten aus meinem Twitterverse, @filterraum @vilsrip @cervus @schb und @jmm_hamburg, die #leitmedienwechsler, sowie @martinlindner @mwoodtli  @acwagner und und und …

Georg Rückriem wird gerne eure Kommentare kommentieren – hat er jedenfalls versprochen.

Puzzleteile fallen an ihren Platz

„Jedes Land der Welt ist jetzt dabei, seine Bildungsinstitutionen zu reformieren“, sagt Sir Ken Robinson und erklärt in einem Vortrag, warum – wunderschön visualisiert durch RSAanimate , die den Inhalt als protokollierende mindmap aufzeichneten. Danke Ulrike Reinhard für den Hinweis!

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Manchmal habe ich den Eindruck, dass nur bei uns noch immer darüber gestritten wird, ob ein „Changing Education Paradigms“ stattfindet (für die analytisch denkenden) bzw. stattfinden soll (für die normativen).  Bei Ken Robinson wird ganz deutlich: Der Change findet statt. Ob er schnell, tiefgreifend und mit durchschlagendem Erfolg vollzogen wird, hängt von vielen Dingen ab – nicht zuletzt aber vom Verständnis des sich mit Notwendigkeit vollziehenden Transformationsprozesses durch die beteiligten Akteure.

Lernen und Entwicklung – die Operationsweisen der menschlichen Anpassung an kultur-historischen Wandel – sind heute mit den Denkweisen und Institutionen von gestern nicht mehr vereinbar.  Die akademische Denkweise wurde im Industriezeitalter prämiert, d.h. ausschließlich gesetzt: (nur hier wird „richtig“- d.i. „wissenschaftlich“ gedacht!). Und die Schule war der Ort, dessen Lernform im Industriezeitalter verabsolutiert wurde (Nur HIER wird gelernt!- Nicht etwa anderswo. Und hier wird NUR gelernt! – Nicht etwa gespielt, gearbeitet oder sonst etwas geschaffen.)

Im digitalen Zeitalter muss diese Prämierung – die für die Entstehung des Industriezeitalters funktional war! – aufgegeben werden. Entweder zugunsten einer neuen Prämierung oder – wie Michael Giesecke inzwischen glaubt – zugunsten des Aufgebens jeglicher Prämierung von Medien, Kommunikationsformen, Lernformen überhaupt.

Auf den MaCdays 2010 in Josefstal hatte ich auch Gelegenheit, diese Zusammenhänge zu thematisieren. Hier meine Folien zum Vortrag:

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Nicht alle Folien sind selbsterklärend, daher zwei weitere Hinweise:

Es ist nicht marginal, zufällig oder gar versehentlich, dass plötzlich die „Außerschulischen Lernorte“ auch von den Bildungsbehörden (neu) entdeckt werden. Hier die brandneue Broschüre gleichen Namens, die von der Hamburger Schulbehörde kürzlich bei uns in Auftrag gegeben wurde und auf eine Vielzahl von didaktisch erschlossenen Lernorten in Hamburg verweist:

Download

Aber natürlich ist der ORT des Lernens nicht das einzige Paradigma, das neu bestimmt werden muss, auch die Art des Lernens. Wiederum eine (neu-) Entdeckung, eine Umprämierung wäre dabei sicher nötig in Richtung Projektlernen, forschendes Lernen.  Selbstverständlich Lernen mit dem Internet, entweder am Ort des Lerngegenstands selbst („Mit dem iPhone in den Wald“) oder im Klassenraum als Basislager, wo die Sammlung von Expeditionsergebnissen geordnet, diskutiert, bearbeitet und der (Schul-)Öffentlichkeit präsentiert werden kann.

Für mich eine besondere Neuentdeckung ist das Hole-In-The-Wall-Projekt und seine Folgen. Wiederum Dank an Ulrike Reinhard, die durch ihr Interview mit Sugata Mitra dafür gesorgt hat, dass ich auf diese wichtige Ressource aufmerksam wurde! (Was wüsste ich ohne die Hubs in meinem Lernnetzwerk? Nahezu nichts.)  Die Entdeckungen dieses Projekts für den Paradigmenwechsel im Verständnis dessen, was Lernen heute bedeutet und wie es funktioniert, scheint mir immens und ist mindestens ein eigenes post wert. (Demnächst)