Projektlernen im digitalen Zeitalter – Auf dem Weg zur Lerngesellschaft

CC Richard Giles

CC Richard Giles

Projektlernen, PBL, John Deweys‘ Methodology – dies sind Wiederentdeckungen in Zeiten des Web 2.0, seitdem klar ist, dass eine neue Art des Lernens außerhalb der formalen Bildung in den Institutionen von Schule, Hochschule und Weiterbildung immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Nicht mehr diskutiert werden muss auch, dass das reduktionistische Lernkonzept der Industriekultur, das ausschließlich systematisches „akademisches“ Buchlernen historisch prämiert hat, längst überholt und das Festhalten daran verantwortlich für das Scheitern der Bildungsinstitutionen auf allen Ebenen ist – gemessen an deren Funktion, die Kompetenzen/das Wissen individuell und gesellschaftlich zu bilden, die nötig sind, um die historischen Aufgaben der Menschheit des 21. Jahrhunderts bewältigen zu können. Weiterlesen

Kleiner Stoffkanon fürs 21. Jahrhundert?

Mit festgelegten Lern-Inhalten und Stofflisten ins 21. Jahrhundert? – Kaum zu glauben, aber daran wird noch geglaubt!
Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat gestern der Presse einen Sammelband vorgestellt mit dem Titel „Bildungskanon heute“.  Heinz-Elmar Tenorth, Jürgen Oelkers und viele andere Bildungsakteure ersten Ranges treten dort für einen neuen Inhalte-Kanon in den Bildungsplänen ein, auf den man sich in Deutschland verständigen solle. Aber ist die nationale Zentralisierung von nur neu zu formulierenden Stoffplänen wirklich die zeitgemäße Antwort auf die Herausforderungen der Digitalen Ära für das Bildungssystem?

Ich meine: nein. Alte Kanons mit neuen Inhalten zu füllen und zu nationalisieren kommt zu spät. Was zu lernen ist für die Menschen in einer globalisierten digitalen Welt, lässt sich nicht mehr über Stoffe und Inhalte definieren.

Ich selbst erhielt dankenswerterweise auch einen Platz in diesem Sammelband – und gebe dort das schwarze Schaf in der weißen Herde.  Schade, ich wäre auch gerne mal ein weißes Schaf, aber man kriegt nicht immer, was man sich wünscht.

Hier mein Beitrag: Weiterlesen

Lernen auf individuellen Königswegen

CC flickr_adesigna

Jeder tut es, alle sprechen (neuerdings) davon, und jeder weiß, wie es geht. Aber im Unterschied zu gestern, als alle dabei noch an das gleiche dachten, weiß heute jeder anders, wie es geht. Und das ist gut so. Die Rede ist vom Lernen.

Konzepte vom Lernen und dazu passende oder auch unpassende Rezepturen (auch Szenarien) schießen wie Pilze aus dem Boden, neu entwickelt oder wiederentdeckt modernisiert.
Verschiedene gesellschafts-, human- und auch naturwissenschaftliche Domänen reklamieren für sich die Deutungshoheit oder versuchen wenigstens widerspruchsvoll zusammenzuarbeiten bei der Klärung der Frage, wie Lernen denn nun „wirklich“ funktioniert. Offenbar funktioniert es nicht mehr genügend in der  derzeitigen Praxis, denn sonst würde nicht so viel theoretisch und konzeptionell gefragt und erklärt und experimentiert. Weiterlesen

Lehrerbildung im Digitalen Zeitalter

Basti Hirsch hat mich kürzlich für playducation.org interviewt zum Thema „Teacher Education in the Digital Age“ und mir anschließend seine amerikanische Stimme geliehen (vielen Dank!), und Kaoru Wang hat fantastische Fotos gemacht (vielen Dank!). Hier noch einmal das Interview auf Deutsch (und ohne die Bilder):

This Is Your Life (The Holstee Manifesto) flickr / JoelnSouthernCA

Lehrerbildung in der digitalen Welt

Deutschland bezeichnet sich stolz als Land der Dichter und Denker sowie als Hochtechnologienation, hat aber veraltete Schulen und Unterricht. Eine Studie der Initiative D21 bezeichnete Deutschland innerhalb der OECD als Schlusslicht bei der Computer-Nutzung im Unterricht (Welt 2010). Wie bekommen wir den Innovationsmotor im deutschen Bildungswesen in Gang? Aus Sicht von playDUcation nicht durch die Anschaffung weiterer Ausstattung, sondern durch einen Mentalitätswandel und verbesserte Lehrerbildung.

Ignorieren deutsche Schulen die Möglichkeiten des Lernens und Lehrens mit digitalen Technologien? Leiden Lehrer an einer verzettelten Bürokratie, die ihnen keine Chance zur Entwicklung eigener digitaler Kompetenz gibt? Diese Fragen stellten wir Lehrerbildungsexpertin und Bildungsbloggerin Lisa Rosa: Weiterlesen

Medienrevolution

Die taz veranstaltet einen Medienkongress , gefragt wird, „Schafft das Internet Freiheit – ja oder nein?“ (die Frage inwiefern beides möglich ist, gibt’s hier nicht), es gibt „Alles zur Medienrevolution“ und „Hier spricht die Revolution“, aber Detlev Kuhlbrodt blickt schon zurück  auf die offenbar schon ziemlich vergangene Medienrevolution.

Wie nun: läuft sie gerade, die Revolution, war sie schon oder kommt sie erst noch? Wie wird Revolution hier verstanden? Weiterlesen

Der Kongress der Pferdekutscher

Ich liebe historische Analogien, sie sind mir als Erkenntnis-Instrument mindestens so viel wert , wie anderen ihre Metaphern.

Nun kam mir anlässlich eines kürzlich durchgeführten Kongresses ein Zitat von  McLuhan in Erinnerung, das ich vor Jahren in einem Aufsatz von Georg Rückriem gelesen und das mich sehr überzeugt hatte:

„Worüber sprach man bei der Konferenz, Marshall?“, fragte ich. „Ach, über die Automation“, war die Antwort. „Weißt du“, sagte er dann, „es war gerade so, als ob die
Pferdekutscher um 1905 eine Versammlung einberufen hätten, um über die gesellschaftlichen Folgen des Automobils zu diskutieren. Ein Professor hält eine sehr gelehrte Vorlesung über die Umschulung von Pferden. Ein anderer legt statistische Unterlagen vor, um nachzuweisen, dass durch das Automobil die Nachfrage nach Pferden und ihren Wert stark steigen werden; man werde ja soviel mehr als bisher brauchen, um Automobile aus dem Graben zu ziehen.“

Peter F. Drucker, in: McLuhan, Marshall (1995):  Die magischen Kanäle. Understanding Media, Basel/Dresden, Verlag der Kunst (Orig. 1964), S. 12 Weiterlesen

Zitate für 2011, Nr. 2

Die Revolution haben wir auf der Straße gemacht, aber ohne Youtube, Facebook und Twitter wäre uns dies nicht gelungen.

Der tunesische Student Ali Bouzizi auf dem Weltsozialforum in Dakar 2011, zit. n. taz, 12./13. 2. 2011

Lernen ist ein selbstorganisierendes System

Auf meiner Laufrunde komme ich an einem Spielplatz in einem Park vorbei und verbringe dort regelmäßig ein paar Minuten mit meinem Dehnprogramm. Dabei konnte ich jetzt schon drei mal eine gleich ablaufende Episode beobachten:

Ein Elternteil ist mit einem Kleinkind auf dem Weg zum Spielplatz. Das Kind bleibt zurück, weil es irgend etwas Interessantes am Boden entdeckt hat. Die Reaktion der Mutter bzw. des Vaters: „Komm weiter, der Spielplatz ist da vorne!“ – oder: „Wir wollen doch auf dem Spielplatz spielen!“ – Einmal fand ein Junge, der den Splitt auf dem Weg zusammenkratzte und davon kleine Häufchen bildete: „Aber ich möchte doch hier noch spielen“, worauf der Vater sagte: „Das ist kein Spielplatz und außerdem ist es schmutzig.“ Ich hatte gedacht, soetwas wäre ausgestorben. Weiterlesen

Kulturrevolution des Lernens

Im  Taz.lab am Samstag, dem 24. April wird es um 14:00 eine Veranstaltung geben zum Thema:

Kulturrevolution des Lernens. Wie Wissen (von) morgen entsteht.

In Vorbereitung darauf, und weil ich nicht besonders gut im Extemporieren bin, habe ich hier schon mal ein paar Essentials meiner Gedanken zusammengeschrieben. Wer nicht live dabei sein kann, oder dort nicht ausreichend zu Wort kommt, kann hier mein Statement kommentieren und als Kommentar auch gerne ein eigenes Statement abgeben.

Kulturrevolution des Lernens. Wie Wissen (von) morgen entsteht

Leitfrage des Panels: Läßt sich im digitalen 21. Jh. noch mit dem kanonischen Wissensbegriff des 19. Jh. arbeiten?

 Nein, natürlich nicht! 😉

1. Warum nicht?

Wir befinden uns in einem gesamtgesellschaftlichen, die gesamte Menschheit betreffenden Transformationsprozess – alle ernstzunehmenden Medienwissenschaftler (-Historiker, -Soziologen, -Philosophen) und auch die Systemtheoretiker und Wissenssoziologen (z.B. Helmut Willke) sprechen seit vielen Jahren schon von einer Medienrevolution als Kulturrevolution, die vergleichbar ist mit der sozialen Revolution im Gefolge der Erfindung des Buchdrucks, der Industriellen Revolution. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft in allen ihren Systemen und Subsystemen:

Die Hauptressource der gesellschaftlichen, also zuvörderst der ökonomischen Entwicklung, ist jetzt nicht mehr materieller Natur – also Grund und Boden, Kapital und physische Arbeitskraft – sondern symbolischer Natur. Wissen ist die Hauptproduktivkraft menschlicher Gesellschaft geworden. Schon jetzt. Das ist empirisch nachweisbar und offensichtlich.

Die Gesellschaft reproduziert sich über die Weitergabe ihrer Kultur an die nachfolgenden Generationen. Kultur, das ist das kollektive Gedächtnis bzw. das zur Aufrechterhaltung der Gattung relevante Wissen der Menschheit. Die Weitergabe erfolgt durch geeignete Organisierung von Lernprozessen – sowohl solche der Individuen (psychischen Systeme) als auch der sozialen Systeme (also der Organisationen und Institutionen der Gesellschaft). Letzteres wird immer gerne vergessen in den öffentlichen Diskursen um „Neues Lernen“.

Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hat gezeigt, dass sich die Trajektorie der Entwicklung – in Koevolution mit der Medienentwicklung – nicht nur in quantitativem Zuwachs von Erkenntnissen und Fähigkeiten und den daraus resultierenden Verbesserungen des Bestehenden bewegt, sondern in Kurven, die nach langen Phasen der Optimierung zu einem alle Bereiche des Lebens betreffenden Qualitätssprung führen, eben zu einer neuen Kulturstufe, die einen Höhepunkt erreicht und dann zunehmend in eine Zuspitzung ihrer eigenen Widersprüche gerät, die dann wiederum zu ihrem Absterben und zur erneuten Herausbildung einer neuen Qualität führt.

Aber dieser Sprung geschieht nicht plötzlich, sondern zieht sich hin über Generationen. In einer Übergangszeit von der alten Kultur in die sich mühsam herausbildende neue gibt es eine Menge Widersprüche mit einer Menge Turbulenzen und Kämpfen in allen Bereichen. Alles Bestehende kommt auf den Prüfstand, nicht nur ob, sondern insbesondere inwiefern es in der neuen Kultur einen Platz hat. Es gibt Altes, das verschwindet (das sind die notwendigen „Verluste“), es gibt Altes, das einen völlig neuen Systemplatz und eine neue Bedeutung erhält, also verwandelt wird, und es gibt Neues, das sich erst herausbildet. Diese drei Prozesse laufen parallel und in wechselseitiger und widersprüchlicher Abhängigkeit.

2. Neuer Wissensbegriff

Dabei muss sich notwendigerweise auch das Verständnis, also die Begriffe von allem verwandeln. Wie verstehen wir Gesellschaft, wie sehen wir unsere Ökonomie, unsere Politik, unsere Beziehungen, unsere Kommunikation, was verstehen wir unter Entwicklung und Fortschritt, und eben auch hier bezogen auf die neue prämierte Produktivkraft Wissen:

  1. Was verstehen wir unter Wissen?
  2. Wie erwerben wir dieses Wissen? Also wie konzeptionalisieren wir Lernen (als Operationsform von Wissenserwerb und -produktion)?
  3. Wie prozessieren und organisieren wir dieses Lernen?

Der Wissensbegriff, mit dem wir am Ende der Buchgesellschaft/Industriegesellschaft noch sozialisiert worden sind, und der noch immer in der Regel das Funktionieren unserer Bildungsinstitutionen beherrscht, lautet kurzgefasst so:

Das kultur-relevante Wissen ist gespeichert in Büchern, Bibliotheken und einzelnen Köpfen der Akademischen Elite. Diese verwaltet auch die Unterscheidung in relevant/nicht relevant.

Die dazugehörige Konzeption von Lernen lautet: Dieses archivierte Wissen als „Inhalte“ und „Handlungs- bzw. Prozesswissen“ wird durch Unterricht in die Köpfe der nächsten Generationen übertragen, die dann das Wissen weiterentwickeln und in neuen Büchern abspeichern und ihrerseits das verbesserte Wissen in derselben Art und Weise (nämlich durch Unterricht) an ihre Nachfolger weitergeben. Dies entspricht genau der Phase der Entwicklungstrajektorie, die sich im Optimierungsmodus auf der Höhe einer etablierten Kultur befindet.

Durch Koevolution mit dem neuen Leitmedium Internet befinden wir uns jedoch an einer anderen Stelle der Entwicklungskurve, nämlich im Übergang zu einer neuen Qualität. Diese ist jedoch noch längst nicht ausentwickelt und gesamtgesellschaftlich implementiert, geschweige denn institutionalisiert.

Das alte kanonisierte Wissen hilft uns nicht mehr weiter. Wir müssen neues, d.h. noch unbekanntes Wissen schaffen und altes korrigieren. Wir müssen zum Teil überhaupt erst lernen, die Probleme, auf die dieses neue Wissen als Lösung antworten soll, zu identifizieren und lösungsgerecht zu formulieren.

Wir müssen vom Fokus der Weitergabe bekannten Wissens wechseln auf den Fokus der Erfindung und Entdeckung von noch unbekanntem Wissen. M.a.W: Wir müssen uns um das Nichtwissen kümmern und bekanntes Wissen infragestellen.

Der neue Wissensbegriff muss also kurz gesagt so lauten:

Interessant ist nicht das, was die Menschheit schon weiß, denn was sie weiß, stimmt mit der neuen Realität nicht mehr überein. Wissen heißt dann: Korrektur von Wissen, heißt also Vergessen und Ersetzen mit noch Unbekanntem.

X ist bekannt, aber es gilt nicht mehr. Y gilt, aber es ist nicht bekannt.

Wie kommt man nun von X nach Y?

Nur über E. E wie Experiment, E wie Erfindung, E wie Erprobung, E wie Erfahrungen machen und E wie Erkenntnisse aus den notwendigen Fehlern gewinnen.

Dieses E gab und gibt es natürlich. Es war in der Buchgesellschaft den institutionalisierten forschenden Wissenschaften vorbehalten. Das Outcome dieser Wissensproduktion kam dann, wenn’s gut ging, ein bis zwei Generationen später im Kanon des Unterrichts (universitär: in der Lehre) an.

Warum funktioniert diese Form nicht mehr?

  1. Weil es zu lange dauert gemessen am Druck der Probleme und am Ausmaß des inzwischen zum Teil gefährlichen Nichtwissens;
  2. weil es eine Operationsform im Optimierungsmodus statt im Changemodus ist;
  3. weil die Probleme, die zu lösen sind, eine Komplexität erreicht haben, die nicht mehr von einzelnen Forscher-Individuen, sondern nur noch kollektiv vernetzt zu lösen sind;
  4. weil diese Art Wissensproduktion auf eine kleine Minderheit von Menschen konzentriert ist, wir aber in Zeiten der Haupt-Produktivkraft Wissen die Mehrheit und tendenziell die Gesamtheit der Menschen als Wissensproduzenten brauchen;
  5. weil der Zugang zu bekanntem Wissen und die Möglichkeit zur Generierung von unbekanntem Wissen durch das neue Leitmedium jetzt prinzipiell allen offen steht;
  6. weil das neue Medium unbegrenzte Möglichkeiten der Vernetzung des nur noch verteilt existierenden Wissens bietet. 

E – also Erfindung, Erprobung, Experiment, Erfahrung, Erkenntnisse sammeln und aus Fehlern Erkenntnisse korrigieren, das kann und muss von allen gelernt werden.

Die Fähigkeit, Bereitschaft und die Befugnis (!) zu dieser Forschungstätigkeit kann man nicht durch Unterricht transferieren. Die Bildungsinstitutionen müssen den Unterrichts- und Lehrmodus verlassen und sich von Lehranstalten zu Lerninstitutionen verwandeln, d.h. im wörtlichen Sinne auch expansiv lernende Institutionen werden. Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene wird in der neu enstehenden Lerngesellschaft gebraucht, um zur kollektiven Wissensproduktion beizutragen.

Ein Wort zur historischen Form der Allgemeinbildung:

Comenius‘ Devise hieß: „Allen alles lehren.“

Diese Art kanonbezogener Allgemeinbildung hat sich in der Bürgerlichen Gesellschaft der Moderne nur durchsetzen können als Kanon für Eliten. Heute würde es jedoch auch nicht mehr ausreichen, diesen Kanon bekannten Wissens über die Eliten hinaus an alle zu transferieren (zu „unterrichten“, zu „vermitteln“).

Allgemeinbildung kann heute nur noch heißen, die oben genannten „E“-Kompetenzen zu lernen, von Anfang an und im Lauf des gesamten Lebens durch Anwendung zu trainieren, indem die Individuen an der Vernetzung des verteilten Wissens der Gattung teilnehmen.

Die Skills dazu, die gleichzeitig Bestandteil des neuen Wissensbegriffs darstellen, lauten:

  • wissen, wo die relevanten Informationen zu finden sind
  • wissen, wie diese Informationen zu beurteilen und zu bewerten sind
  • wissen, wie sie zu synthetisieren sind
  • wissen, wie sie anzuwenden sind
  • wissen, wie sie kommuniziert werden
  • wissen, wie mit ihnen kollaboriert wird
  • wissen, wie aus ihnen Probleme definiert werden 

Der Schlüssel zu den „Inhalten“, besser gesagt, zu den Gegenständen (objects) des Wissens ist für den Einzelnen die jeweilige persönliche Sinnbildung, oder wie Sir Ken Robinson es nennt, das (persönliche) Element.

Schon bilden sich in der Praxis neben den traditionellen Lehranstalten neue Organisationsformen, die diese Aufgabe der vernetzten kollektiven Wissensproduktion übernehmen.

Beispiel: Das „Facebook für Forscher“. 2008 wurde eine Netzplattform gegründet mit dem Namen ResearchGate; in den knapp zwei Jahren seines Bestehens haben sich schon über 300.000 Forscher aus allen Ländern – bisher fast ausschließlich aus den Naturwissenschaften – in diesem Netzwerk organisiert. Sie tauschen ihre Forschungsfragen, -Ergebnisse und vorläufigen Ergebnisse frei aus, diskutieren und lernen voneinander. Interessant ist hier nicht nur, dass sich diejenigen mit dem gleichen Fach treffen; der Hauptprofit besteht darin, dass sich über alle Fächergrenzen und engsten Spezialgebiete hinaus wichtige Kontakte ergeben über die Fragen und Probleme, die beantwortet werden wollen. In einem Interview sagt ein Netzmitglied: Eines der besten Dinge an diesem Netzwerk ist, dass wir vor allem über methodische Probleme und über Fehler und gescheiterte Forschung kommunizieren. In der alten Publikationsweise kann man aus Fehlern nicht lernen, weil sie nicht zur Veröffentlichung gelangen.

(vgl. Facebook für Forscher, in: Der Spiegel (nur Print) 14/2010, S. 114-115)

Leider haben sich bisher gerade diejenigen Forscher so noch nicht zum Management ihres verteilten Wissens vernetzt, die die überlebenswichtigen gesellschaftlichen Entwicklungsfragen der Menschheit bearbeiten: Philosophen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Politologen, Erziehungswissenschaftler und Medienwissenschaftler.

Ein schönes Beispiel dafür, wie produktiv Fehler für die Wissensbildung zu machen sind, findet sich bei Mike Wesch in seinem Interview mit Sebastian Hirsch:

Die Studenten bewerteten ihre Arbeiten gegenseitig.

Es wurden Noten mit ganz falschen Begründungen vergeben. Daraus haben wir (paradoxerweise) am meisten gelernt. Die Studenten haben gemerkt, dass sie jeden im Seminar auf ein bestimmtes Niveau bringen müssen. Sonst kapiert der andere Student ihre eigene Arbeit womöglich nicht – und gibt ihnen möglicherweise eine schlechte Note. Jeder muss also in die Lage versetzt werden, den Essay eines Kommilitonen einzuschätzen und zu bewerten.

Zitate für 2010, Nr. 2

When eras change, systems don’t … at least not until they encounter a disruptive force (in education – the financial climate looks like it may serve this role) that causes individuals to question the value of the assumptions underlying the existing systems.

George Siemens in: http://www.elearnspace.org/blog/2010/01/15/hybrid-education/