Demokratische Schule

Kann die Regelschule in ihrer behördlichen Verfasstheit und mit dem ihr eigenen Systemdefizit (Verordnung von Mündigkeit)  überhaupt demokratisch sein? Reichen die bestehenden Mitbestimmungsorgane aus, um Demokratie in der Schule zu lernen und zu leben?

Wenn Demokratie laut Max Frisch, die „Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“ bedeutet, dann müssen Schüler mehr zu bestimmen haben als über die Aufstellung eines Getränkeautomaten oder die Farbe der Schülerklowände zu entscheiden. Weiterlesen

Selbstbestimmt lernen

Am 12. November 2010 erfuhr ich gen 20 Uhr über @cervus von einem Grundtvig-Workshop (aus den EU LLL project series) in Utrecht, für den man sich bis Mitternacht bewerben konnte. Nur aus Neugier schaute ich in die Unterlagen und beschloss auf der Stelle, dass ich unbedingt an dieser besonderen Lernwoche im Februar 2011 beteiligt sein wollte.

Self-directed Learning ist sowohl der Begriff für das Lernverständnis, das diesem Workshop zugrunde lag, als auch der Begriff für eine Sammlung von Methoden, die man im Workshop lernen und mit denen dort gelernt werden konnte. Weiterlesen

Das Danaergeschenk der „Primarschulreform“

Ein Danaergeschenk ist ein Geschenk, das sich als fatales Ärgernis entpuppt. Ole von Beust hatte seiner letzten Koalitionspartnerin GAL  vor zwei Jahren mit der sogenannten „Primarschule“  ein solches Geschenk  gemacht. Christa Goetsch hat es nicht bemerkt und sich stattdessen sogar noch artig bedankt – überrascht von der Großzügigkeit des Spenders. Weiterlesen

5 Jahre shift

Heute auf den Tag genau vor fünf Jahren habe ich meinen ersten Beitrag in shift.weblog zu schule und gesellschaft gepostet. Anlass zu einem Rückblick auf 5 Jahre Teilhabe an der digitalen Revolution.

Auf die Idee, mal zu prüfen, ob ein eigenes Weblog für mich einen Sinn machen könnte, hatte mich ein damals 70jähriger Professor gebracht, der sich schon mit Computer und Bildung beschäftigt hatte, als  Lochkarten  brandaktuell waren, während ich gleichzeitig im alten Berlin-Verlag am Composer und mit der IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine zu Hause mein studentisches Budget aufbesserte. (Soviel zu der unzulänglichen Unterscheidung digital natives/immigrants. Ich finde die Krusesche Unterscheidung in digital visitors/residents brauchbarer.)

Zurück bzw. nach vorne in der Vergangenheit:   2005 hatte ich gerade meinen ersten Aufsatz in einer Zeitschrift untergebracht und dabei erlebt, wie mühsam und Vitamin-B-lastig eine Veröffentlichung eigener Gedanken in der  Buchgesellschaft ist. Und zusätzlich frustrierend: Es gab keinen Rückkanal dazu. Und ich wollte doch so gerne, dass mir jemand auf meine Gedanken Rückmeldung gibt und mit mir in Kommunikation über die Dinge tritt, die mir am Herzen liegen: die unbefriedigende Praxis. Denn in meinem unmittelbaren Tätigkeitssystem (Schule, Kollegium) waren die Kommunikationen über die gemeinsame aber nicht gemeinsam geteilte Tätigkeit außerordentlich frustrierend.

Mit meinem Blog – bei twoday.net im Schreibmaschinen-Look –  habe ich stattdessen schlagartig mein Kommunikationssystem erweitert und seitdem aktiv Teil an einer unglaublich spannenden gesellschaftlichen Entwicklung, die mein Leben verändert hat.

2005 sprossen die Weblogs in Deutschland wie Pilze aus dem Boden im Gefolge der vorgezogenen Bundestagswahl. Ich traf auf Küchenkabinett ;  Bembelkandidat aus Mainhatten und nja, die schon vorher da waren, kümmerten sich freundlich um mich als Blog-Newbe. Aber die Pädagogenszene war noch recht überschaubar: Herr Rau erzählte seit 2004 „von sich und seiner Schule“, Norberto legte Material und Reflexion für sich und seine Schüler in seinem Blog ab und teacher beglückte auch schon seit 2004 die Blogosphäre mit seinen provozierenden und viel kommentierten Dönekens aus dem Lehreralltag eines österreichischen Schulprofessors.

In diesen Jahren war „Weblog“ selbst unter den Usern und vielmehr noch in der öffentlichen Wahrnehmung entweder eine  journalistische Angelegenheit „persönlich gefärbter (und darum anrüchiger) Nachrichten“ oder nur ein  öffentlich gemachtes privates online-Tagebuch. Jedenfalls in Deutschland. Als „Hype“, verstanden als vorübergehende Selbstdarstellung einiger Spinner galten diese „Webtagebücher“ hierzulande noch bis vor kurzem.

Dass Blogs Kommunikationsmedium für Communities of Practice sein können, dass sie dem professionellen Austausch und der gemeinsamen Entwicklung der gemeinsam geteilten Arbeit dienen können, dass sie im Unterricht auf vielfältige Weise eingesetzt werden als „Lernwerkzeuge“, ja darüberhinaus zu einem entscheidenden Kommunikationsmedium für alle Arten von Lernprozessen werden können –  das ist eine Erkenntnis der letzten zwei Jahre. Und wie immer: Dieser Erkenntnis läuft die experimentelle Praxis voraus. 2006 fand Gabi Reinmann das Lehrerzimmer von Herrn Rau und machte daraus einen Vortrag über persönliches Wissensmanagement; das AdZ-Netzwerk bot zum ersten Mal auf seinem 2. Kongress 2008 eine Begegnung zwischen Web 2.0 und Alternativpädagogik; in Hamburg werden seit 2009 Referendare zum Bloggen mit Schülern angeregt und betreut von Ralf Appelt und mir; Examensarbeiten über die Referendarserfahrungen mit Unterrichtsblogs sind entstanden und eine ganze Schule hat sich auf den Web 2.0 – Weg gemacht.

(Bitte seht mir nach, wenn ich wichtige Menschen, Organisationen, Ereignisse und Webseiten nicht genannt habe – es ist eine impulsive und sehr subjektive Auswahl.)

Im Gartnerschen Hype Cycle müssten wir uns jetzt in der Slope of Enlightenment befinden und das Plateau of Productivity ansteuern. Bloß: Wo war denn eigentlich der Peak of Inflated Expectations gewesen? — Darüber könnte man noch mal nachdenken.

Dan Brown: Open Letter to Educators

„Die Welt transformiert sich, und wenn du dich nicht mit ihr transformierst, dann wirst du nicht mehr gebraucht.“

Das ist der Schlusssatz in Dan Browns großartigem Video  „An Open Letter to Educators“.

Wenn du in Zukunft gebraucht werden willst, dann musst du als Lehrer deine Funktion transformieren, deine Rolle, deine Tätigkeit und dein gesamtes Tätigkeitssystem – mit deinen Kollegen zusammen. Du musst die Schule „neu erfinden“ und dich selbst dazu. Das ist natürlich nicht so einfach, denn es erfordert, alles, was du bisher gedacht und getan hast, in Frage zu stellen. Nicht viele halten das gut aus.

Darum ist es verständlich, dass immer wieder nach Gründen gesucht wird, warum es sich vielleicht doch vermeiden lässt, einen so umfassenden Wandel zu vollziehen, und warum doch im Prinzip und im Kern und mit nur einigen entscheidenden „Verbesserungen“ alles so bleiben kann, wie es ist. Und womöglich ist es gerade für diejenigen, die im bestehenden System gerade gut zurecht kommen als Lehrer, besonders schwierig, alles infrage stellen zu sollen.

Mir haben sich vor einigen Jahren diese Fragen vielleicht gerade deswegen unabweisbar aufgedrängt, weil ich in dem bestehenden System NICHT mehr gut zurechtkam.

Wie auch immer: Dan Brown’s Open Letter stimme ich ohne Einschränkungen zu.

Kaiserin-Augusta-Schule Köln auf der Didacta 2010 mit „Web 2.0 App’s im Unterricht“

Mit 14 Unterrichts- und Beratungsblogs (Stand März 2010), einem Blog, auf dem die Steuergruppe der Schule kommuniziert, und einem Schulwiki hat die Kaiserin-Augusta-Schule in Köln seit ihrem Web 2.0 – Schulentwicklungstag am 11. 11. 2009 eine phänomenale expansive Entwicklung gemacht. Ihre Erfahrungen präsentiert sie heute auf der Didacta 2010 in Köln.

Lernen und Sinn

In a world of nearly infinite information, we must first address why, facilitate how, and let the what generate naturally from there.

(Michael Wesch, in: From Knowledgeable to Knowledge-able. Learning in New Media Environments, 2009)

Dieses „why“ – also den Sinn – zum wichtigsten Kriterium des Lernens (sowohl von Individuen als auch von sozialen Systemen) zu machen, ist eine der größten Herausforderungen, denen das bestehende Bildungssystem derzeit gegenübersteht und mit der es sich so besonders schwer tut,  insbesondere  in Deutschland.

Denn hier hält man am konsequentesten fest an der Vorstellung, dass der Sinn eines Lerngegenstands als objektive gesellschaftliche Bedeutung gegeben sei, und dieser Sinn folglich nur klar genug von Lehrplänen und Lehrern vermittelt und von den Lernenden eingesehen und akzeptiert werden müsse.

„Warum müssen wir diesen (anstrengenden, langweiligen, …) Stoff lernen?“  fragen die Schüler. Und das System antwortet: „Weil es gut für euch ist, weil ihr es später – im richtigen Leben – brauchen werdet, weil wir es euch so sagen, weil es im Lehrplan steht …)“. Und dann werden „Leistungsvereinbarungen“, „Lernzielvereinbarungen“ usw. mit den Schülern geschlossen wie ein Vertrag, in dem sich die Lernenden verpflichten, „Verantwortung für ihr Lernen“ zu übernehmen,  d.h. für Lernziele, die ihnen verordnet werden zusammen mit ihrer angeblich unstrittigen gesellschaftlichen Bedeutung.

Dieser Vorgang wird für eine Modernisierung und Reformierung des alten Systems gehalten – zunächst bedeutet er jedoch nur, was Freud die Überichbildung nennt, nämlich die Internalisierung der Wünsche des „Vaters“ (der Vater ist in diesem Falle die gesellschaftliche Autorität, vertreten durch Lehrplanziele, vermittelt durch den „Lehrkörper“).  Ob die alte Logik der zunehmend misslingenden Fremdsteuerungsversuche beim Lernen damit gebrochen wird, erscheint mir sehr fraglich. Zunächst findet ja nur die Verschiebung der „Verantwortung“ statt. Angenommen wird, dass Schüler nun freiwillig lernen, was sie vordem nicht lernen wollten oder konnten, weil sie sich jetzt zu diesem freiwilligen Lernen verpflichtet haben.  Und sie müssen sich dazu verpflichten, sie dürfen Lernvereinbarungen nicht verweigern. Und solange diese verpflichtende Freiwilligkeit an Freiheit  nur bedeutet, zu wählen, wie schnell, mit welchen Mitteln und Methoden gelernt wird, was gelernt werden soll, solange bleibt es ein Nötigungsversuch, der gelingen kann oder auch nicht, wie ehedem.  Ob gelernt wird, was gelernt werden soll, hängt weiterhin davon ab, ob die Lernenden in diesem formalen Setting trotzdem genügend eigene Sinnbildungsmöglichkeiten erhalten. Denn Lernen ohne einen persönlichen Sinn ist unmöglich.

Der Mensch findet ein bereits fertiges, historisch entstandenes Bedeutungssystem vor und macht es sich
ebenso zu eigen, wie er sich ein Werkzeug, […] zu eigen macht. Die […] wesentliche Tatsache ist die, daß ich mir eine Bedeutung zu eigen mache und auch, inwieweit ich sie mir zu eigen mache und was sie für mich, für meine Persönlichkeit wird. Wovon hängt dies letztere ab? Das hängt davon ab, welchen Sinn diese Bedeutung für mich hat.«

sagt Alexej N. Leont’ev zur Unterscheidung von Sinn und Bedeutung.  Und:

Der Sinn wird nicht durch die Bedeutung erzeugt, sondern durch das Leben.

(Beide Zitate in:  A. N. Leontjew, Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit, Köln 1982, S. 261f)

Dass das Sinnproblem ein zentrales Problem für die Funktionsfähigkeit des Bildungssystem ist, ist heute deutlicher als je zuvor.  Wo Schule und Universitäten nicht mehr die einzigen Orte sind, an denen gelernt werden kann, weil nicht mehr nur diese die dazu nötigen Informationen besitzen und verteilen, müssen sie ihre einzigartige Bedeutung neu legitimieren. Sie müssen nachweisen, warum ausgerechnet in diesem System besser gelernt werden kann als frei im Netz oder in privaten Home- und Unschooler-Initiativen oder in Open Universities.  Diese Legitimation behalten sie künftig nur, wenn sie  die persönliche Sinnbildung der Lernenden nicht mehr wie bisher dem Zufall überlassen, sondern Sinnbildungsmöglichkeiten stattdessen organisieren – und noch viel mehr: Sie müssen die Organisation von Sinnbildungsmöglichkeiten als eine  ihrer  Hauptaufgaben begreifen.

Ein Schritt in die richtige Richtung hat die einzigartige Hamburger Zeitschrift für Lehrer „Hamburg macht Schule“ mit ihrem neuesten Heft getan. „HmS“ ist seit den frühen 80er Jahren das Produkt einer Kooperationsbeziehung zwischen Schulbehörde, Universtiät und Lehrerfortbildungsinstitut in Hamburg.  Neben Behördenmitteilungen war diese Zeitschrift seit ihrer Gründung ein Publikationsort für reformpädagogische Ideen und Praxisberichte. Die jeweils aktuelle Nummer  liegt in allen Hamburger Lehrerzimmern herum und wird auch manchmal gelesen.  Aber auf Lehrerzimmer-Fensterbänken herumliegendes Lesepensum – zumal, wenn es einen Behördenlook hat – ist vor allem in Zeiten hoher Belastung durch das Alltagsgeschäft der Lehrer, das nur mit ausgeklügelten Routinen zu bewältigen ist, und der dazu verordneten Reformierungstätigkeit, nicht unbedingt verführerisch.

Schade, wenn auch mit diesem Heft in den Kollegien wieder nicht gearbeitet wird.

Denn das neue Heft heißt Lernen und Sinn.

In diesem Heft ist das schon vor Monaten hier in shift veröffentlichte Interview „Sinnbildung  lernen“ mit Georg Rückriem und Johannes Werner Erdmann enthalten – als Orientierung zur Frage: Welche Bedeutung hat die Sinnfrage für gelingendes Lernen?

Und außerdem sind eine Reihe sehr anregender Praxisbeispiele über gelungene Sinnbildung im schulischen Lernen enthalten.

Ich als Geschichtslehrerin freue mich insbesondere an Christian Welniaks Bericht über die Arbeit einer Schulklasse  mit Zeitzeugen „Erinnern für die eigene Zukunft oder ‚warum haben sich die Juden nicht bei der Polizei beschwert?“ (S. 22)  und an dem Bericht einer farbigen Schülerin „Plötzlich ist Geschichte ganz nah…“ (S. 23)

Über Sinnbildungslernen, auch wenn es dort nicht so genannt wird, finden sich aufregende Erkenntnisse in einer Reihe von  Büchern aus dem anglo-amerikanischen Raum. Wie gut wäre es, wenn die Bildungsverantwortlichen in Deutschland sich mal mehr damit beschäftigen würden,  die Diskussion außerhalb Deutschlands zur Kenntnis zu nehmen. Man könnte eine Menge von anderen lernen, die anderswo leben, wenn man nicht immer meinte, schon alles zu wissen oder zu können, und nicht immer meinte, dass WIR DEUTSCHEN die Bildung mit Humboldt erfunden hätten und uns darum gar nichts von ANDEREN sagen lassen zu müssen wollen hätten brauchen…

Ich empfehle – und wenn es nur für den Genuss ist (gibt es denn überhaupt noch lesende Lehrer just for fun and sense?)  zwei Bücher, und es juckt mich in den Fingern, sie auf  Deutsch herauszugeben:

Sir Ken RobinsonThe Element. How Finding Your Passion Changes Everything und

James BachSecrets of a Buccaneer Scholar.  How Self-Education and the Pursuit of Passion Can Lead to a Lifetime of Success

Für beide Autoren steht es außer Frage, dass der Lernende nicht nur über Lerntempo und Lernweg selbst bestimmen können muss, sondern auch über die Inhalte, Ziele,  Themen und Gegenstände seines Lernens.

Blogaktion bei Literatenmelu

Der Bitte, mich mit einem Blogpost an Literatenmelus Blogaktion Mehr Bildung in Blogs – mitmachen und gewinnen! mit meinen Antworten zu beteiligen, komme ich gerne nach. Ich gehe davon aus, dass mit „Mehr Bildung in Blogs“ der Appell gemeint ist, es sollte mehr schulisches Lernen in Blogs stattfinden. Lustig, dass man ein gedrucktes Wörterbuch gewinnen kann. (Ich hätte natürlich viel lieber eine Webcam, ein iPhone oder ein Jahr Upgrade für WordPress, aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht … 😉

Melanie fragt:

1. Woran erinnerst Du Dich, wenn Du an Deine Schulzeit zurückdenkst?

Meine Schulzeit zerfiel einerseits in die Zeit, die ich bei meinen Eltern verbringen musste, und andererseits in die, die ich in der Schule verbringen durfte. In der Schule war das Leben leichter, die Kommunikation nicht ganz so undurchschaubar und irritierend und die Beziehungen waren lockerer. Langweilig und anödend waren die Anforderungen, Dinge paukend lernen zu müssen, deren Bedeutung ich nicht verstand und zu denen ich noch viel weniger eine sinnvolle Beziehung herstellen konnte. Das waren solche Fächer wie Mathematik, Latein, Französisch. Weil es ärgerlich war, viel Zeit damit verbringen zu müssen und Fragen nach dem Sinn nicht ernst genommen wurden, habe ich viel gestört und wenig gepaukt. Aus Langeweile habe ich aber mal zu Hause in der lateinischen Grammatik gelesen – es war wohl gerade kein anderes Buch da – und fand heraus, dass wir an der Nase herum geführt worden waren:  Es gab im Gegensatz zur Lehreransage sehr wohl ein (einziges) Verb der a-Konjugation, wo das a kurz war.  Zum Glück waren einige Lehrer schon modern und freuten sich, wenn man zu Recht etwas zu kritisieren hatte. Und so konnte ich mit solchen Entdeckungen meinen ungenügenden Vokabelschatz ausgleichen.

Deutsch war klasse. Es gab zu lesen und darüber zu sprechen, und man durfte schreiben, allerdings nur, wenn eine Aufsatz-Klassenarbeit angesagt war. Die Lehrerin trug zuweilen Gedichte vor – ein Genuss. Religion gefiel mir, denn man erfuhr wenigstens ein bißchen was darüber, wie Menschen denken. (Philosophie und Soziologie hätte ich gerne gehabt, aber das wußte ich damals noch nicht, denn sie kamen nicht vor.) Geschichte war grauenvoll: Wir hatten ein Vokabelheft, links trugen wir Jahreszahlen ein – rechts die Ereignisse ( von deren Sinn und Bedeutung wir keine Ahnung hatten) – etwa so: 333 v. Chr. – Schlacht bei Issus. – In der Oberstufe erzählte uns die Geschichtslehrerin, wie sie den jeweiligen Gegenstand sah und machte dabei Notizen an der Tafel, die wir ins Heft übernehmen mussten. Sollte es uns je eingefallen sein, zu Hause diese Notizen nachzusehen, hätten wir sie nicht verstanden. Es gab ein Geschichtsbuch mit wenigen winzigen schwarz-weiß-Fotos zur Illustration. Das Geschichtsbuch funktionierte ähnlich wie die Geschichtslehrerin – es war nicht zu verstehen. Spaß gemacht haben außerdem  „Turnen“ (wo wir uns bis zur Erschöpfung bewegen durften) und  Kunst (wo wir selbst gestalten durften, nicht kritisiert, aber beraten wurden). Ansonsten war – wie heute auch – das Beste an der Schule, dass wir in den Pausen mit unseren Freundinnen palavern, im Park spazieren gehen und bei den Fahrradständern rauchen konnten. Das Abitur gab es irgendwie so nebenbei.

2. Welche Medien hast Du im Unterricht kennengelernt und auch selbst genutzt?

Im Unterricht habe ich keine  Medien kennengelernt, die ich nicht von zu Hause schon kannte. Alphabetisiert worden bin ich noch mit der Schiefertafel (während es zu Hause Stifte und Papier gab). Ich habe das Quietschen des Griffels noch im Ohr. Man konnte gemobbt werden, indem jemand mit einem Wisch die Hausaufgabe von der Schiefertafel löschte. Danach hatten wir natürlich  in der Hauptsache das Medium gedruckte Schriftlichkeit. Das Gedruckte war zuerst eine Fibel, danach Lehrbücher.  Ansonsten wurde meist viel mündlich von den Lehrern erzählt. Dabei war vorausgesetzt, dass sowohl das, was erzählt wurde, als auch das, was gedruckt war, identisch mit der Realität war. Objektiv.  Zuhause habe ich mit 10 Fingern Schreibmaschine schreiben gelernt. Auf den mechanischen Schreibmaschinen unserer Väter haben wir dann unsere Spirit-Carbon- oder Wachsmatritzen als Druckvorlagen für Schülerzeitungen und Flugblätter hergestellt. Wir nannten das „Vervielfältigen“ oder „Abziehen“, aber es war natürlich ein Druckvorgang, zum Teil richtiger Schweinkram. Fotokopierer gab es noch nicht. Im Unterricht kam natürlich weder die Schreibmschine noch der Vervielfältigungsapparat vor. Schüler hatten nichts zu sagen, was vervielfältigenswert war, und schon gar nichts, was hätte an die Öffentlichkeit dringen sollen. Schüler waren Sammelbecken von Lehrerwissen. Häufig musste per „Abfragen“ geprüft werden, ob die richtigen Sammlungen auf die richtige Art und Weise in den Gefäßen abgelegt waren, und ob sie sich dort ja nicht irgendwie verselbständigt und verändert hatten.

3. Welche Möglichkeiten siehst Du, die Lehrerausbildung zu verbessern?

Ich sehe vor allem Notwendigkeiten. Mit Verbesserungen alleine wird es nicht mehr getan sein. Ganz sicher wird die Ausbildung (und Fortbildung) die Lehrer instand setzen müssen, die anstehende Transformation des Bildungssystems praktisch zu wuppen. Dazu gehört in erster Linie, dass sich angehende und schon praktizierende Lehrer im bereits gesellschaftlich etablierten Leitmedium Internet bewegen wie der Fisch im Wasser. Ein Lehrer, der die virtuelle Welt als ihm fremde Welt betrachtet, ist eigentlich schon jetzt vergleichbar einem Lehrer des 18./19./20. Jahrhunderts, der selbst nicht liest und schreibt (und es darum auch nicht kann) und auch keine gedruckten Landkarten lesen kann, und der stattdessen den Schülern höchstens beibringen kann, wie man andere Leute nach dem richtigen Weg fragt.

4. Was hältst Du davon, Blogs, Wikis, Podcasts etc. im Unterricht einzusetzen?

Das Internet auf der Stufe Web 2.0 wird immer mehr DER Informations- und Kommunikationsraum, DER Sozialraum der nächsten Zeit. Bildung muss sich natürlich in diesem Raum bewegen, wo denn sonst.

5. Können Online-Angebote die herkömmliche Nachhilfe sinnvoll ergänzen oder sogar ersetzen?

Nachhilfe ist ein komisches Konstrukt. Sie gehört zu einem Bildungssystem, das nicht nur damit lebt, sondern für das es konstitutiv ist, dass es viele TeilnehmerInnen gibt, die im System selbst nicht genügend Bildung erwerben, um ein Zertifikat (für einen Studien-, Ausbildungs- oder Arbeitspaltz) erlangen zu können. Wer Nachhilfe braucht, weil das Bildungssystem nicht auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist, der muss extra bezahlen, damit er nicht durch die Maschen fällt. Die Nachhilfe ist daher eine ambivalente Einrichtung: Einerseits hilft sie, am Ende doch noch im System bleiben zu dürfen, und rettet Einzelne vor dem Absturz durch die Maschen – andererseits stabilisiert sie als Korrekturinstrument das exkludierende System. Wir brauchen jedoch ein Bildungssystem, das für alle funktioniert, ohne dass sich jemand  eine Extra-Bildungsdienstleistung hinzukaufen muss. Für den Übergang, bis wir ein solches System haben, finde ich alles sinnvoll, was diese Extra-Bildungsdienstleistung zur Inklusion der einzelnen Betroffenen wenigstens kostenlos macht.  Ein  Online-„Nachhilfe“-Angebot macht nur Sinn, wenn es die User nichts kostet und wenn es gleichzeitig bessere Pädagogik liefert als der Klassenunterricht, an dessen Unzulänglichkeiten der Nachhilfeschüler ja gescheitert ist.  Vermutlich kann dies gut ein Peer-to-Peer-Verfahren mit open access liefern. Schon immer seit es Schule gibt, haben sich die Mitschüler gegenseitig am besten aus der Verständnislosigkeit helfen können. Das findet übrigens schon lange online statt:  Schüler chatten am Nachmittag in msn oder skype über ihre Unterrichtsschwierigkeiten, machen zusammen Hausaufgaben und bereiten sich gemeinsam auf die nächste Klassenarbeit/Klausur vor. Sie tun das im Gymnasium in der Oberstufe fast alle.  Diese Möglichkeit müsste auch für die Schüler der anderen Schulformen und Schulstufen gegeben und gezeigt werden – während der Schulstunden.

Software für Schülerfeedback

Vor zwei Jahren machte ich Bekanntschaft mit der Schülerfirma ONO-Systems. Einige Schüler der Otto-Nagel-Oberschule in Berlin-Bisdorf hatten im Informatikunterricht eine umfangreiche Software für Schülerfeedback entwickelt, an der eigenen Schule erprobt und in Hamburg vorgestellt. Inzwischen arbeiten in Hamburg schon einige Schulen erfolgreich mit diesem elaborierten Feedbacksystem.

Inzwischen sind jedoch auch die innovativen Schüler keine Schüler mehr, sondern erfolgreiche Studenten, z.T. auch im Ausland beschäftigt und global verteilt.  Die Schülerfirma war daher schwer zu managen. So kam es, dass in der letzten Zeit leider viele, die durch meinem Blogpost vor zwei Jahren auf ONO-Systems aufmerksam wurden, enttäuscht wurden, wenn sie über den Link zur Feedback-Software finden wollten.

Ich habe darum nach den ehemaligen Schülern gesucht. Ich hatte Glück: Juliane Sparre, eine der Entwicklerinnen, hat sich bei mir gemeldet. Die Schülerfeedback-Software und Support sind weiterhin erhältlich – allerdings nicht mehr über die ehemalige Schülerfirma sondern über das Portal http://www.evaluieren.eu/. Dort haben allerdings momentan nur diejenigen Zugang, die diese Software schon erworben haben. Frau Sparre teilte jedoch mit, dass die Software demnächst kostenlos online erhältlich sein wird:

Da wir alle durch unser Studium für die Firma immer weniger Zeit haben, haben wir beschlossen, das Umfragesystem kostenlos für alle zugänglich zu machen.
Das heißt, wir werden in der nächsten Zeit daran arbeiten, den Registriervorgang zu automatisieren, sodass sich Schulen und Projekte selbstständig anmelden und die Umfragen selbstständig durchführen können.
Voraussichtlich kann mit der Version für den Selbstgebrauch in ca. einem halben Jahr gerechnet werden.

Ich werde mich auf dem Laufenden halten lassen und hier berichten, wenn es soweit ist.

Stufen der Partizipation

Demokratie ist die Einmischung in die eigenen Angelegenheiten (Max Frisch).

Die Initiative mitWirkung!SH hat die folgende Abstufung „Stufen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen“ herausgegeben.
„Selbstbestimmung [wird dabei] im Rahmen von Beteiligungsprozessen verstanden als Folge der Delegation von Entscheidungsmacht unter Bedingungen, die von den Machtabgebenden festgelegt werden.“
Die Beteiligungsfelder wurden in SH vor allem zur Kinder- und Jugendbeteiligung in Kommune und Stadtteil entwickelt. In Schleswig-Holstein gibt es ebenso wie in Hamburg einen Paragraphen, der die Kommunalparlamente zwingt, Kinder und Jugendliche an politischen Entscheidungen zu beteiligen, die ihre Belange betreffen. Um Mitwirkung (Stufe 3 der Partizipation) von Kindern und Jugendlichen in eigenen Belangen auf kommunalpolitischer Ebene zu ermöglichen, wurde z.B. in Elmshorn (SH)ein Kinder- und Jugendbeirat geschaffen (bestehend aus 9 auf einer Versammlung gewählten Kindern und Jugendlichen), der schon seit 14 Jahren erfolgreich arbeitet.

Kennzeichen der Stufen Stufe 1

Teil-nahme

Stufe  

Trans-parenz

Stufe 3  

Mit-wirkung

Stufe 4

Mit-bestim-mung

Stufe 5 

Selbst-bestim-mung

Körperlich teilnehmen X X X X  
Sich äußernkönnen, ohne gefragt zu werden X X X X  
Über den Gegenstand hinreichend informiert werden   X X X  
Um die eigene Meinung gebeten werden     X X  
Entscheidungen durch Stimmrecht beeinflussen können       X  
Verantwortung für Entscheidungen übertragen bekommen         X

Von diesem kommunalpolitischen Beispiel ist für die Schule bzw. für die Bildungseinrichtungen eine Menge zu lernen. Ich schaue mir mal meine Lehr-Lernsettings (mit Studenten, Referendaren und Lehrern) daraufhin an, auf welcher Stufe jeweils die Partizipation stattfindet. Wie kann ich den Partizipationsgrad erhöhen? Wo ist noch Heraufstufung nach 5 möglich?

Und an dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei Sebastian Cimiotti bedanken, der als Referendar an meinem „Weblogmodul“ letzten Freitag/ Samstag teilgenommen hat und mir (Kompetenz-Sharing!) dabei beigebracht hat, wie man eine Tabelle ins Blog kriegt! Ha!