Zitate für 2011, Nr. 2

Die Revolution haben wir auf der Straße gemacht, aber ohne Youtube, Facebook und Twitter wäre uns dies nicht gelungen.

Der tunesische Student Ali Bouzizi auf dem Weltsozialforum in Dakar 2011, zit. n. taz, 12./13. 2. 2011

5 Jahre shift

Heute auf den Tag genau vor fünf Jahren habe ich meinen ersten Beitrag in shift.weblog zu schule und gesellschaft gepostet. Anlass zu einem Rückblick auf 5 Jahre Teilhabe an der digitalen Revolution.

Auf die Idee, mal zu prüfen, ob ein eigenes Weblog für mich einen Sinn machen könnte, hatte mich ein damals 70jähriger Professor gebracht, der sich schon mit Computer und Bildung beschäftigt hatte, als  Lochkarten  brandaktuell waren, während ich gleichzeitig im alten Berlin-Verlag am Composer und mit der IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine zu Hause mein studentisches Budget aufbesserte. (Soviel zu der unzulänglichen Unterscheidung digital natives/immigrants. Ich finde die Krusesche Unterscheidung in digital visitors/residents brauchbarer.)

Zurück bzw. nach vorne in der Vergangenheit:   2005 hatte ich gerade meinen ersten Aufsatz in einer Zeitschrift untergebracht und dabei erlebt, wie mühsam und Vitamin-B-lastig eine Veröffentlichung eigener Gedanken in der  Buchgesellschaft ist. Und zusätzlich frustrierend: Es gab keinen Rückkanal dazu. Und ich wollte doch so gerne, dass mir jemand auf meine Gedanken Rückmeldung gibt und mit mir in Kommunikation über die Dinge tritt, die mir am Herzen liegen: die unbefriedigende Praxis. Denn in meinem unmittelbaren Tätigkeitssystem (Schule, Kollegium) waren die Kommunikationen über die gemeinsame aber nicht gemeinsam geteilte Tätigkeit außerordentlich frustrierend.

Mit meinem Blog – bei twoday.net im Schreibmaschinen-Look –  habe ich stattdessen schlagartig mein Kommunikationssystem erweitert und seitdem aktiv Teil an einer unglaublich spannenden gesellschaftlichen Entwicklung, die mein Leben verändert hat.

2005 sprossen die Weblogs in Deutschland wie Pilze aus dem Boden im Gefolge der vorgezogenen Bundestagswahl. Ich traf auf Küchenkabinett ;  Bembelkandidat aus Mainhatten und nja, die schon vorher da waren, kümmerten sich freundlich um mich als Blog-Newbe. Aber die Pädagogenszene war noch recht überschaubar: Herr Rau erzählte seit 2004 „von sich und seiner Schule“, Norberto legte Material und Reflexion für sich und seine Schüler in seinem Blog ab und teacher beglückte auch schon seit 2004 die Blogosphäre mit seinen provozierenden und viel kommentierten Dönekens aus dem Lehreralltag eines österreichischen Schulprofessors.

In diesen Jahren war „Weblog“ selbst unter den Usern und vielmehr noch in der öffentlichen Wahrnehmung entweder eine  journalistische Angelegenheit „persönlich gefärbter (und darum anrüchiger) Nachrichten“ oder nur ein  öffentlich gemachtes privates online-Tagebuch. Jedenfalls in Deutschland. Als „Hype“, verstanden als vorübergehende Selbstdarstellung einiger Spinner galten diese „Webtagebücher“ hierzulande noch bis vor kurzem.

Dass Blogs Kommunikationsmedium für Communities of Practice sein können, dass sie dem professionellen Austausch und der gemeinsamen Entwicklung der gemeinsam geteilten Arbeit dienen können, dass sie im Unterricht auf vielfältige Weise eingesetzt werden als „Lernwerkzeuge“, ja darüberhinaus zu einem entscheidenden Kommunikationsmedium für alle Arten von Lernprozessen werden können –  das ist eine Erkenntnis der letzten zwei Jahre. Und wie immer: Dieser Erkenntnis läuft die experimentelle Praxis voraus. 2006 fand Gabi Reinmann das Lehrerzimmer von Herrn Rau und machte daraus einen Vortrag über persönliches Wissensmanagement; das AdZ-Netzwerk bot zum ersten Mal auf seinem 2. Kongress 2008 eine Begegnung zwischen Web 2.0 und Alternativpädagogik; in Hamburg werden seit 2009 Referendare zum Bloggen mit Schülern angeregt und betreut von Ralf Appelt und mir; Examensarbeiten über die Referendarserfahrungen mit Unterrichtsblogs sind entstanden und eine ganze Schule hat sich auf den Web 2.0 – Weg gemacht.

(Bitte seht mir nach, wenn ich wichtige Menschen, Organisationen, Ereignisse und Webseiten nicht genannt habe – es ist eine impulsive und sehr subjektive Auswahl.)

Im Gartnerschen Hype Cycle müssten wir uns jetzt in der Slope of Enlightenment befinden und das Plateau of Productivity ansteuern. Bloß: Wo war denn eigentlich der Peak of Inflated Expectations gewesen? — Darüber könnte man noch mal nachdenken.

Climate Change: Probleme lösen, die wir kennen

Gerne wird in Zusammenhängen von Bildung und Neuen Medien Karl Fisch zitiert:

We are currently preparing students for jobs and technologies that don’t yet exist … in order to solve problems we don’t even know are problems yet.

Und großes Staunen setzt ein ob der unglaublichen paradox erscheinenden Aufgabe. Vergessen wird dabei jedoch häufig, dass die Zukunft mit ihren zukünftigen Werkzeugen, Berufen und Problemen noch nie im Einzelnen bekannt war, Bildung und Ausbildung also immer unter den Bedingungen und mit den Mitteln der Gegenwart stattfindet.

Die Aufgabe lautet folglich immer: Gegenwärtige Probleme identifizieren und lösen.

Zukunftsfähigkeit erweist sich zunächst darin, den adäquaten Bezugsrahmen zur Problemdefinition zu finden. Nur dann können angemessene Lösungen gefunden und umgesetzt werden.

Das gegenwärtig vordringliche Problem der Menschheit ist der Klimawandel. Er liegt nicht in der Zukunft, sondern hat schon stattgefunden und findet statt. Die Folgen dieses Klimawandels sind schon zu sehen – bisher meist an der Peripherie und noch nicht in den Zentren.

Der Klimawandel ist […] ein Kulturwandel und ein Ausblick auf künftige Lebensverhältnisse. […] Wer 2010 zur Welt kommt, kann das Jahr 2100 noch erleben; ohne rasches und entschlossenes Gegensteuern wird die globale Durchschnittstemperatur dann um vier bis sieben Grad Celsius gestiegen sein und unsere Nachkommen eine Atemluft vorfinden, wie sie heute nur in engen und stickigen Unterseebooten herrscht. (Leggewie/ Welzer, S. 10)

Zumindest die Folgen des Problems sind bekannt, sollte es nicht gelöst werden.   Der Satz Einsteins, die Probleme seien nicht mit den Denkweisen zu lösen, die sie geschaffen haben, ist zur Zeit viel bedeutsamer als das beeindruckende Zitat von Fisch. Wir – und nicht erst unsere Kinder –  müssen tatsächlich neu denken lernen:

Der Unwillen oder die Unfähigkeit, die Endlichkeit der verfügbaren Optionen auch nur zu denken, zeigt die Schwerkraft, die die Vorstellung eines immerwährenden Fortschritts und Aufstiegs in unserem kulturellen Habitus hat. Die Zukunft ist wie jetzt, nur besser.  […] Die Vorstellung, dass die uns vorhergesagte Zukunft knapp bemessen sei, ja schon hinter uns liegen könnte, scheint bizarr – genauso wie die Aussicht, dass, wenn wir jetzt nicht handeln, in zwanzig oder fünfzig Jahren keine Handlungsmöglichkeit mehr besteht. (Leggwie/ Welzer S. 16f)

Gegenwärtig handeln wir jedoch im Gegensatz zu Heinz v. Försters Imperativ „Handle stets so, dass die Zahl deiner Handlungsmöglichkeiten wächst“. Wir minimieren stattdessen die Handlungsmöglichkeiten der nahen Zukunft, wenn wir mit  Problemlösungen aufwarten vom Schlage der Abwrackprämie und mit der Vorstellung: in der Wirtschaftskrise erst die Wirtschaft, dann das Klima.

Dies  sind Befunde der gegenwärtigen Problemlage, wie sie Claus Leggewie und Harald Welzer in ihrem ausgezeichneten Buch Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie im ersten Kapitel mit vielen empirischen Nachweisen darlegen.

Im zweiten Kapitel wird die wichtige Frage, die das zu lösende gesellschaftliche Problem beschreibt, erörtert: „Denn sie tun nicht, was sie wissen. Warum Umweltbewusstsein und Handeln verschiedene Dinge sind“. Mit der von Welzer schon in seinen früheren Büchern zum Täterhandeln in Genoziden angewandten fruchtbaren Unterscheidung zwischen partikularem und universalistischem Denken kann die Ursache verstanden werden.

Obwohl schon Anfang der 70er Jahre die  Grenzen des Wachstums durch den Club of Rome deutlich aufgezeigt worden waren, ist selbst heute, mehr als 35 Jahre später und mit deutlichen Konsequenzen ein adäquates politisches Handeln noch nicht in Sicht. Die Ursachen dafür benennen Welzer und Leggewie im dritten Kapitel. Sie liegen in einem falschen Problemverständnis. Zitat Dirk Baecker:

„Ihren Dreck produziert die Gesellschaft auf einer Ebene erster Ordnung. Sie tut, was sie tut, und sie tut es lo lange, wie es nicht auffällt beziehungsweise wie die Beobachter auf Abstand gehalten werden können. Ihre Lösungen jedoch kann die Gesellschaft nur auf einer Ebene zweiter Ordnung produzieren.“ (Dirk Baecker: Die große Moderation des Klimawandels, die tageszeitung v. 17.2.2007, S. 21)

Da ist er wieder, der Einstein, diesmal in der Sprache der Systemtheorie.

Welzer/Leggewie identifizieren eine Krise der Weltgesellschaft und nennen sie  eine

Metakrise, ein[en] Zustand, in dem das System selbst gefährdet ist, weshalb wir den Bezugsrahmen verändern müssen, in dem wir es betrachten. […] Der Klimawandel wirft die Systemfrage auf. […] Klima- und Wirtschaftskrise entspringen dem gleichen Muster organisierter Unverantwortlichkeit. (101ff)

Marktlogik, Wachstum als quantitative Größe und Geo-Engineering als Lösungsansatz in der Optimierungslogik (dem alten Denken) kommen auf den Prüfstand und werden als Teil des Problems identifiziert.

Im vierten Kapitel wird die bekannte These diskutiert, ein Umdenken und ein adäquates Handeln sei nur in einer Rückkehr zur autoritären Herrschaft und mit topdown-verordneten Lösungen möglich,  – und verworfen. Im Gegenteil – so die Autoren,

bleibt die einzige ernsthafte Alternative: mehr Demokratie wagen. Bruno S. Frey hat gezeigt, dass es der „Prozessnutzen“ ist, was Menschen an der Demokratie schätzen, […] also das Interesse und die Freude daran, auf Ergebnisse Einfluss nehmen zu können – und der ist eine extrem wichtige Vitalisierungsquelle der Demokratie. […] Ähnliches erlebt man bei Arbeitsfreude, einer würdigen und kollegialen Behandlung durch Vorgesetzte, einem fairen Fußballspiel, beim Zünden einer Idee. (S. 172)

Wachstum muss also neu  qualitativ anstatt quanitativ begriffen werden.  Wir steigern das Bruttosozialglück fordert die sonntaz  und meint dasselbe. Es geht um ein Umdenken von einer Verzichtslogik zu einer Logik der Steigerung von Lebensqualität. Im fünften Kapitel zeigen Welzer/Leggewie , dass die einzige Möglichkeit der Problemlösung in einer kulturellen Revolution, einer Großen Transformation, besteht. Verstanden werden muss sie dazu nicht nur als „Veränderungszumutung“ sondern auch als „Veränderungschance„, als „ureigenes Projekt [ ], das die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht besser machen kann als sie ist.“ (174)

Dass diese Lösungsdefinition nicht  idealistisches Wunschdenken oder bloß normativer Appell ist, sondern reale Möglichkeit, belegen Welzer/Leggewie mit vielen Beispielen – nicht zuletzt aus dem Bereich der eDemocracy 2.0.  Trotzdem schließen sie das Kapitel mit einer Werbung für den neuen Habitus, der ich mich anschließen möchte:

Die APO 2.0 zielt auf die Renaissance des Gemeinwesens, sie ist keine Organisation, sondern eine Haltung. Eine solche Bewegung ist weniger von Karl Marx inspiriert als von Joseph Beuys und seinem Leitspruch La Rivoluzione siamo Noi – Die Revolution sind wir. Wenn Sie der Auffassung sind, dass die Leitkultur der Vergeudung von gestern ist und etwas zu ihrer Abschaffung beitragen wollen, dann machen Sie bitte einfach mit.

 

 

Über die größten Glücksgefühle

Normalerweise schreibe ich hier, wenn ich selbst etwas sagen möchte.

Jetzt möchte ich einfach mal etwas weiterverbreiten, von dem ich hoch begeistert bin, weil es etwas, wofür ich viele Sätze bräuchte, perfekt auf den Punkt bringt:

Warum die, die das Internet nicht raffen, das Internet nicht raffen

sprang mir heute in twitter ins Auge.  Nix wie hin, denn eine zutreffende Antwort auf diese Frage ist nicht nur wichtig in der Auseinandersetzung mit den Medienskeptikern oder für das Verständnis, warum Web 2.0 so schwer in der Schule zu implementieren ist.

In dem wunderbaren Text von live.hackr wird darüber hinaus noch deutlich, worin das Hauptmerkmal der Informationsgesellschaft/“Lernkultur“/Wissensgesellschaft liegen wird:

Die Menschen und sozialen Systeme werden alle haben müssen, was bis jetzt nur die internet residents haben, und was denen, „die es nicht raffen“, auf jeden Fall fehlt:

der grund dafür ist, dass ihnen das organ fehlt, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.

Ein Organ zur Beurteilung. Man kann es wirklich ein neues Organ nennen, das als funktionelles System im Gehirn gebildet werden muss – offenbar durch die Tätigkeit der adäquaten Nutzung des Internets. Und es ist offenbar ein Glücksorgan:

die größten glücksgefühle entstehen im einen selbst überraschenden übergang von vermeintlich unwichtigem in persönlich wichtiges, …

So schön habe ich den Vorgang der Sinnbildung noch nicht beschrieben gehört.

Zur Präzisierung, worum es geht, bringt es der Kommentar von doren sehr schön auf den Punkt :

Man sollte betonen dass das bedeutet dass sie aus einer Welt kommen in der ANDERE für sie entscheiden was wichtig ist. […] Man kann sich darauf einstellen mit welcher Gewalt solche Menschen ihr System aufrechterhalten wollen.

Die möchten nicht selber lernen wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden – die möchten das jemand für sie das Internet zensiert. Ganz dringend. […] Jemand muss doch BESTIMMEN was wichtig ist und was nicht.

Ganz genau. Es handelt von persönlichem Sinn, Selbstbestimmung und Demokratie.

Eigentlich gehört das post samt Kommentar in jedes dieser „Manifeste“, die so beliebt geworden sind.

Ich bin richtig glücklich, dass ich das im Internet gefunden habe und von Unwichtigem unterscheiden konnte.

Software für Schülerfeedback

Vor zwei Jahren machte ich Bekanntschaft mit der Schülerfirma ONO-Systems. Einige Schüler der Otto-Nagel-Oberschule in Berlin-Bisdorf hatten im Informatikunterricht eine umfangreiche Software für Schülerfeedback entwickelt, an der eigenen Schule erprobt und in Hamburg vorgestellt. Inzwischen arbeiten in Hamburg schon einige Schulen erfolgreich mit diesem elaborierten Feedbacksystem.

Inzwischen sind jedoch auch die innovativen Schüler keine Schüler mehr, sondern erfolgreiche Studenten, z.T. auch im Ausland beschäftigt und global verteilt.  Die Schülerfirma war daher schwer zu managen. So kam es, dass in der letzten Zeit leider viele, die durch meinem Blogpost vor zwei Jahren auf ONO-Systems aufmerksam wurden, enttäuscht wurden, wenn sie über den Link zur Feedback-Software finden wollten.

Ich habe darum nach den ehemaligen Schülern gesucht. Ich hatte Glück: Juliane Sparre, eine der Entwicklerinnen, hat sich bei mir gemeldet. Die Schülerfeedback-Software und Support sind weiterhin erhältlich – allerdings nicht mehr über die ehemalige Schülerfirma sondern über das Portal http://www.evaluieren.eu/. Dort haben allerdings momentan nur diejenigen Zugang, die diese Software schon erworben haben. Frau Sparre teilte jedoch mit, dass die Software demnächst kostenlos online erhältlich sein wird:

Da wir alle durch unser Studium für die Firma immer weniger Zeit haben, haben wir beschlossen, das Umfragesystem kostenlos für alle zugänglich zu machen.
Das heißt, wir werden in der nächsten Zeit daran arbeiten, den Registriervorgang zu automatisieren, sodass sich Schulen und Projekte selbstständig anmelden und die Umfragen selbstständig durchführen können.
Voraussichtlich kann mit der Version für den Selbstgebrauch in ca. einem halben Jahr gerechnet werden.

Ich werde mich auf dem Laufenden halten lassen und hier berichten, wenn es soweit ist.

Stufen der Partizipation

Demokratie ist die Einmischung in die eigenen Angelegenheiten (Max Frisch).

Die Initiative mitWirkung!SH hat die folgende Abstufung „Stufen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen“ herausgegeben.
„Selbstbestimmung [wird dabei] im Rahmen von Beteiligungsprozessen verstanden als Folge der Delegation von Entscheidungsmacht unter Bedingungen, die von den Machtabgebenden festgelegt werden.“
Die Beteiligungsfelder wurden in SH vor allem zur Kinder- und Jugendbeteiligung in Kommune und Stadtteil entwickelt. In Schleswig-Holstein gibt es ebenso wie in Hamburg einen Paragraphen, der die Kommunalparlamente zwingt, Kinder und Jugendliche an politischen Entscheidungen zu beteiligen, die ihre Belange betreffen. Um Mitwirkung (Stufe 3 der Partizipation) von Kindern und Jugendlichen in eigenen Belangen auf kommunalpolitischer Ebene zu ermöglichen, wurde z.B. in Elmshorn (SH)ein Kinder- und Jugendbeirat geschaffen (bestehend aus 9 auf einer Versammlung gewählten Kindern und Jugendlichen), der schon seit 14 Jahren erfolgreich arbeitet.

Kennzeichen der Stufen Stufe 1

Teil-nahme

Stufe  

Trans-parenz

Stufe 3  

Mit-wirkung

Stufe 4

Mit-bestim-mung

Stufe 5 

Selbst-bestim-mung

Körperlich teilnehmen X X X X  
Sich äußernkönnen, ohne gefragt zu werden X X X X  
Über den Gegenstand hinreichend informiert werden   X X X  
Um die eigene Meinung gebeten werden     X X  
Entscheidungen durch Stimmrecht beeinflussen können       X  
Verantwortung für Entscheidungen übertragen bekommen         X

Von diesem kommunalpolitischen Beispiel ist für die Schule bzw. für die Bildungseinrichtungen eine Menge zu lernen. Ich schaue mir mal meine Lehr-Lernsettings (mit Studenten, Referendaren und Lehrern) daraufhin an, auf welcher Stufe jeweils die Partizipation stattfindet. Wie kann ich den Partizipationsgrad erhöhen? Wo ist noch Heraufstufung nach 5 möglich?

Und an dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei Sebastian Cimiotti bedanken, der als Referendar an meinem „Weblogmodul“ letzten Freitag/ Samstag teilgenommen hat und mir (Kompetenz-Sharing!) dabei beigebracht hat, wie man eine Tabelle ins Blog kriegt! Ha!

eDemocracy / eParticipation in Deutschland

Demokratie muss mehr sein als Kreuzchenmalen bei Wahlen. Durch das Internet 2.0 eröffnen sich nicht nur neue Instrumente, sondern es entwickeln sich auch neue Formen massenhafter „Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“, bzw. Self-Empowerment.
Die Online-Petitionsseite des Bundestages zur Mitunterzeichnung von Petitionen oder zur Erstellung einer eigenen Petition existiert schon ein paar Jahre. Viel Self-Empowerment hatte sie bislang noch nicht erzeugt. Bis Ende 2008 Susanne Wiest ihre Petition zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, finanziert über eine hohe Konsumsteuer, einstellte.

Es ist die höchstunterzeichnete Petition, die es bisher gab: Knapp über 24.000 Mitunterzeichner gab es heute früh, als ich meine ersten eigenen Mailverteiler auf die Spur setzte. Inzwischen (17:41) sind es schon 25.400. Mailverteiler und Blogs werden noch bis zum 17.2. Zeit haben, die Zahl zu verdoppeln – wenn nicht die Seite wieder streikt, weil sie auf soviel zeitgleiches Engagement so vieler Mitmischer an den eigenen Angelegenheiten nicht eingerichtet ist. Vielleicht gibt es dann nochmal Verlängerung?

Hier kann man über die Sache und die Person in einem Taz-Artikel lesen.

Hier ist die Adresse zu den Petitionen im Bundestag.

Hier ist die Adresse zur Petition bedingungsloses Grundeinkommen von Susanne Wiest.

Und hier kann man sich über das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens informieren. Und hier!

Ich habe heute unterzeichnet, denn ich finde die Forderung gut. Ich finde es außerdem gut, dass dieses Online-Partizipations-Instrument zum ersten Mal massenhaft genutzt wird. Darum mache ich in allen meinen E-Mail-Verteilern darauf aufmerksam und habe hier dazu gepostet. Yes, we can too! 😉

Update: Ja! 17.2., 22:27 Uhr: 52.184 Unterschriften!

Mein Amtsantritt Obamas

Heute ist ein historischer Jubel-, Pop- und Partytag – und das nicht nur in den USA, sondern weltweit. Auch bei mir.

Ja, ja, ich weiß schon, dass der neue Präsident der noch stärksten Macht der Welt nicht „der liebe Gott“ ist, der alles zum Guten wendet, sondern auch bloß ein Mensch mit Grenzen und darum in seiner Präsidentschaft eingebunden in die Strukturen des amerikanischen Politiksystems – die auch nur eine der kulturhistorischen Begrenzungen darstellen, denen auch ein US-Präsident Obama unterliegt. Und wenn ich bisher standhaft gegen allerlei Vorstellungen geblieben bin, alles derzeitige Übel der Welt „DEN Amerikanern“ (mit ihrem Bush) anzulasten, so müssen mich die gleichen Gründe nun ebenso davon abhalten, von „DEN Amerikanern“ (mit ihrem Obama) die Überwindung desselben zu erwarten. Was von seiner Amtsführung an wirklichem Wandel erwartet werden kann und was nicht, darüber sind anderswo kluge Einschätzungen zu lesen (und zu erwarten ist, dass sie sich schnell vermehren). Beispielsweise bei Gareth Porter in seinem Beitrag Der Rückzug vom Rückzug in Le Monde diplomatique bezüglich der Möglichkeiten Obamas, den Irakkrieg zu beenden. Oder in Kevin K. Kumashiros Kommentar Wrong Choice for Secretary of Education in der Education Week bezüglich der Hoffnungen, die man sich auf einen Wandel in der amerikanischen Bildungspolitik machen darf (danke Georg Lind für diesen Hinweis im Bildungsinfo!). Oder auch der skeptische Realismus in Norman Birnbaums Gruß an den Präsidenten in der gestrigen taz.

Und trotzdem: Ich bin begeistert. Nämlich von der Lektüre des kleinen Buches Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern von Tobias Moorstedt. (Danke Corredor für das Buch!)

Moorstedt untersucht den Internet-Wahlkampf Barack Obamas und belegt mit einer Fülle von Beispielen, wie sich die alte repräsentative Demokratie zu einer radikalen Partizipationsdemokratie hin verändert – oder zumindest: verändern KANN. Wenigstens sind lebendige Anzeichen und handfeste Ergebnisse davon zum ersten Mal im Präsidentenwahlkampf zu sehen: Mit Hilfe der social software gelingt es, den Beiträgen der „normalen“ Menschen Bedeutung zu verschaffen. Nicht nur, dass für Obama mehr Vorwahlkampfgelder als bei seinen Gegnern zusammen kamen, obwohl der größte Teil der Einzelspenden nicht mehr als 25 Dollar betrug. Es sind offenbar andere, die spenden, von diesen jedoch viele: Allein bis Juli 2008 gewann Obama über 1,5 Millionen einzelne Spender, während Clintons Geldquelle schon beinahe versiegte, weil sie „sich zu sehr auf das Netzwerk ihrer reichen Anhänger verlassen hatte“ (57). Barack Obama, so der Befund Moorstedts, gewinnt die Vorwahlen und die Präsidentenwahl, weil sein Motto „We can“ nicht nur das Versprechen einer politischen Teilhabe in der Zukunft darstellt, sondern weil auch schon der Wahlkampf selbst eine gemeinsame und geteilte Aufgabe derer ist, die diese Teilhabe einfordern und für diese Forderung zu mobilisieren sind. Möglich gemacht haben es die Neuen Medien – wirklich gemacht haben es die vielen Menschen. Spannend ist zu lesen, wie der long tail, bekannt aus dem Kommerzbereich des Internets, sich zum ersten Mal hoch wirksam die Politik erobert: Die amerikanischen Instrumente der eDemocracy wie MoveOn.org mit 4 Mio Mitgliedern – ein digitales Medium zur Organisierung von politischen Kampagnen – und OffTheBus – die Plattform für citizen journalism der Huffington-Post – machten es möglich, dass nicht nur massenhaft Geld eingesammelt wurde und massenhaft selbstorganisierte Unterstützungspartys stattfanden (diese v.a. über mybarackobama.com ), sondern auch politische Themen wie der Rückzug aus dem Irak und die Gesundheitsreform eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung gewinnen konnten.

Citizen journalism hat mich besonders begeistert. Die bei uns vorherrschende Ansicht, Massenjournalismus in den social media untergrabe die Qualität und Seriosität journalistischer Produkte und entbehre der Tiefe des in den klassischen Medien sorgfältig recherchierten investigativen Reports, muss in Frage gestellt werden angesichts der Erfahrungen mit OffTheBus: Nicht nur, dass die Amateurjournalisten auf der Plattform von versierten Journalisten redigiert und betreut werden – und dabei – learning by doing – möglicherweise sogar selbst zu Professionellen werden. Nach dem Prinzip des „distributed journalism“ arbeitend, waren sie in einer investigativen Angelegenheit dem klassischen Ein-Mann-Reporter und dem auf wenige Personen begrenzten distributed journalism eines klassischen Mediums sogar weit überlegen. Moorstedt berichtet über den Erfolg und den Einfluss von 60 Bürgerjournalisten bei OffTheBus, die in einer organisierten Aktion 2500 Seiten Material ausgewertet hatten, um dem Kandidaten Mitt Romney nachzuweisen, dass er „Prediger und christliche Journalisten auf der Gehaltsliste hatte, die sich im Gegenzug positiv über ihn äußerten.“ (137)

Eine Rezension von Jeffersons Erben in politik digital endet mit dem Satz:
„Hinterlegt [?] mit einer gehörigen Portion analytischen [sic] Schärfe wird dieser Titel zum „must have!“ für jeden Anhänger des neuen Mediums.“ Ich will mal nicht so kleinkrämerisch mit der grammatischen Korrektheit und der Bedeutung von Wörtern sein, sondern inhaltlich zustimmen. Andererseits muss ich widersprechen, denn warum sollen nur diejenigen, die Anhänger des neuen Mediums sind, erfahren, wofür das neue Medium gut ist? Nein, für alle, die an den politischen Entscheidungen ihrer Gesellschaft teilhaben wollen, ist es ein „must have“, und natürlich gerade auch für die Medienskeptiker (auch für diejenigen von Politik digital!). Für eine „Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“, wie Max Frisch Politik definiert, werden die neuen sozialen Medien jedenfalls immer bedeutsamer.

Schulentwicklung oder Schulkollaps – das sind die Alternativen

„Es klingt wie eine Nachricht aus dem Bürgerkrieg“, beginnt der Bericht von zeit-online über die Rütlischule, deren Schulleitung die Verantwortung über die Schule letzte Woche an die Behörde zurückgegeben hatte. Schulehalten kann nur noch mittels Polizeigewalt stattfinden: Lehrer müssen durch die Polizei vor Schülern und Schüler vor sich selbst geschützt werden; andererseits müssen Schulschwänzer gegen ihren Willen von der Polizei zum Schulbesuch verhaftet werden. Schule ist wieder da, wo sie im 19. Jahrhundert begonnen hat: Als Kopie von Kasernen und Fabriken. Während Politiker sich überrascht und erschrocken darüber geben und mit hilflosen oder hektischen adhoc-Maßnähmchen reagieren, wissen Lehrer und Bildungsexperten, die diesen Namen verdienen, nicht erst seit dem ersten Schulkollaps, wohin die jahrzehntelange Verweigerung und das Unvermögen der Bildungspolitiker, die deutsche Schule aus den Strukturen des Industriezeitalters in eine Schule der Informationsgesellschaft weiter zu entwickeln, führt. Erst wenige Wochen liegt die empörte Reaktion unserer sich selbst entmachtenden Bildungsministerin angesichts der Warnungen des UN-Sonderbauftragten Munos Vilalobos zurück.

Dabei sind nicht nur Zusammenbruch und Clash des deutschen Schulsystems längst und vielfältig prognostiziert worden (Erfurt schon vergessen?): Es liegen auch schon seit langem genügend Vorbilder und Instrumente für die überfällige Rekonstruktion des Bildungswesens bereit, die aus dem Desaster des heruntergekommenen selektierenden Systems herausführen würde. Um einmal nicht vom finnischen, schwedischen oder kanadischen Modell zu sprechen – denn so langsam kommt man sich dabei wie eine tibetische Gebetsmühle vor – : Vielversprechende Ansätze gibt es auch in Deutschland selbst. Jeder engagierte Elternvertreter kennt die anschauliche DVD-Dokumentation von Reinhard Kahl – „Treibhäuser der Zukunft“. Auch die dort dokumentierten Ansätze sind beileibe keine neuen Erkenntnisse, denn sie setzen nur fort, was schon vor 15 Jahren – zur Zeit des finnischen Reformbeginns – von Kahl in seinen Videodokumentationen „Lob des Fehlers“ vorgeführt worden war: Lernen für die Gegenwart und Zukunft muß im Informationszeitalter unter ganz anderen Bedingungen stattfinden: individualisiert, kollektiv, selbstbestimmt, projektförmig forschend und mit dem Computer. Und das nicht nur für die Kinder der gesellschaftlichen Eliten, sondern für alle.

Administrative Schulentwicklungsversuche nach dem beliebten deutschen Top-Down-Implementations-Modell – die Bildungspolitik beschließt, die Behörde „bricht in Maßnahmen herunter“ und befiehlt den Lehrern, was sie und wie sie ab jetzt ihre Tätigkeit auszuführen haben – sind beinahe jedes Schuljahr neu auf die Schulen heruntergeregnet. Bewährt hat sich davon kaum etwas, stattdessen hat es Resignation und Verbitterung erzeugt. Die einzige Alternative besteht darin, daß sich die Schulen selbst entwickeln.
Ein Beispiel für einen potenten Ansatz zur Selbstentwicklung – einer Rekonstruktion von Schule durch diejenigen, die in ihr arbeiten – konnte man gestern in Hamburg kennen lernen:

Schüler, Eltern, Lehrer entwickeln ihre Schule:

Aushandlungsgruppe und Schülerfeedback

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Max Wolter und Franz Kißig, zwei der vier Gründer der ONO-Systems stellen ihre Erfindung vor

Mehr als 80 Eltern, Lehrer, Schulleiter, Lehrerfortbildner und Schüler aus Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen kamen am 5.4.06 in der Aula des LI zusammen, um sich über Funktionsweise und Erfolge zweier neuer Instrumente zur demokratischen Schulentwicklung zu informieren.
Zwei Schüler der Otto-Nagel-Oberschule (ONO) in Berlin-Biesdorf waren mit ihrem Schulleiter, Lutz Seele, und dem Berliner Schulentwicklungsberater Dr. Marcus Hildebrandt auf Einladung des Referats Gesellschaft aus Berlin angereist, um das Produkt ihrer Schülerfirma ‚ONO-Systems‘ vorzustellen: eine Software zur Selbstevaluation der Schule durch Schülerfeedback. Die Schüler ließen ihr hochleistungsfähiges Instrument, das in schnellster Zeit Hunderte von digitalen „Fragebögen“ aufnehmen und in einer Grafik auswerten kann, direkt vom begeisterten Publikum testen. Die beeindruckende Erfindung, die preisverdächtig im Jugend forscht–Wettbewerb sein dürfte, ist das Ergebnis eines demokratischen Schulentwicklungsprozesses durch das Instrument der Aushandlungsgruppe des Otto-Nagel-Gymnasiums.
Die Aushandlungsgruppen, – so erläuterte der Schulentwicklungsberater Hildebrandt – sind paritätisch zusammengesetzte Arbeitsgruppen aller Beteiligten einer Schule: Schüler, Lehrer, Eltern und auch der sonstigen Mitarbeiter einer Schule. Sie beruhen auf freiwilliger Mitarbeit ihrer Teilnehmer, sind nicht mit Gremien zu verwechseln, sondern arbeiten diesen zu, indem sie Vorschläge zur Problemlösung und zur Lösung von Entwicklungsaufgaben – wie etwa die Formulierung eines Schulleitbilds – unter den Gruppen einer Schule aushandeln. Wichtig ist dabei die Rolle einer Beratung von außen, die professionell bei der Aushandlung hoch konsensfähiger Lösungen hilft. Die Vorschläge der Aushandlungsgruppe werden nach einer breiten Diskussion der Schulgemeinde meist von den Gremien in Beschlüsse verwandelt. Der große Erfolg in der Umsetzung der Entwicklungsmaßnahmen liegt in deren Zustandekommen als Produkt eines von allen funktionalen Gruppen getragenen aktiven Prozesses, in dem alle Stimmen ernst genommen werden.
Auch in Hamburg gibt es an einzelnen Schulen eine Kultur des Schülerfeedback, vor allem in beruflichen Schulen. Die Ausgabe der Zeitschrift ‚Hamburg macht Schule‘ 05/03 ist mit mehreren Aufsätzen und Berichten dem Thema Schülerfeedback gewidmet. Ein Teil dieser Texte kann vom Hamburger Bildungsserver herunter geladen http://www.hamburger-bildungsserver.de/innovation/thema/feedback/ oder im Landesinstitut beim Referat Gesellschaft gedruckt bestellt werden.
Die ONO-Schülerfirma ONO-Systems vertreibt das Feedbacksystem unter http://www.evaluieren.eu/ und gibt auf Anfrage gerne die Software zum Schülerfeedback sowie Support.

In der Diskussion über den Zusammenhang zwischen Aushandlungsrunde und Feedback-Instrument, entwickelt durch die jungen Erfinder der Schule, stellten sich einige entscheidende Faktoren für ein Gelingen der Schulentwicklung heraus. Dazu muß der Prozeß, in dem sich das Schülerfeedback als das wichtigste Produkt des ONO-Entwicklungsbeginns herausstellte, kurz skizziert werden:
Die Aushandlungsrunde war unter den Prinzipien Konsens und Weiterentwicklung von Stärken begonnen worden. Gerade nicht Probleme, Schwierigkeiten und Konflikte sollten der Ansatzpunkt sein, sondern das Anknüpfen an bestehenden Stärken der Schule und die Entwicklung von Ideen, über die unter allen funktionalen Gruppen der Schulcommunity schnell Einigkeit zu erziehlen war. In einer ersten „Wunschlistenrunde“ wurde daher die Idee der Eltern, ein Instrument zum regelmäßigen Schülerfeedback zu entwickeln, als nicht konsensfähig aussortiert, da die Lehrer sich bis auf zwei Ausnahmen dagegen aussprachen. Andere, konfliktfreie Instrumente – aber wohl gerade deswegen auch die mit geringem Entwicklungspotential – wurden stattdessen favorisiert, wie etwa die Einrichtung eines Kummerkastens.
Dabei wäre es vermutlich geblieben, hätte nicht der Erfinder der Methode der Aushandlungsgruppe, Marcus Hildebrandt, als externer Begleiter und kluger Supervisor des Aushandlungsprozesses ein Unbehagen darüber verspürt, daß der dringende Wunsch der Eltern durch die Ablehnung der Lehrerschaft übergangen worden war. Er unterstützte die Eltern, ihren Wunsch nach Schülerfeedback aufrechtzuerhalten und eine Lobbytätigkeit zur Umstimmung der Lehrer zu entfalten. Dies bedeutete, daß die Eltern die Motive für die Ablehnung der Lehrer eruieren und Vorschläge dazu machen mußten, wie Schülerfeedback stattfinden könnte, ohne daß die Lehrer Angst vor einem Ranking (gute Lehrer-schlechte Lehrer) haben müßten. In diesem längeren Prozeß konnten die Lehrer schließlich umgestimmt und zur Annahme des Schülerfeedbacks als wichtigstem Outcome der Aushandlungsrunden bewegt werden, nachdem ihnen zugesichert wurde, daß kein Lehrer gezwungen sei, Schülerfeedback zu seinem Unterricht einzuholen, daß die Ergebnisse eines Feedbacks nicht an die Schulöffentlichkeit oder in die Hand der Schulleitung gelangen würden und daß der einzelne Lehrer darüber alleine entscheiden dürfe, was mit den Feedback-Ergebnissen anschließend geschehen solle. Das Feedback-Instrument konnte in die Entwicklung gehen.
Inzwischen nehmen immer mehr Lehrer am Schülerfeedback teil, und die erleichterten Stimmen dieser Lehrer, daß Schülerfeedback entgegen ihren anfänglichen Ängsten für sie selbst zu einem wichtigen Instrument zur Verbesserung ihres Unterrichts und ihrer Kommunikation mit den Schülern geworden sei, häufen sich.

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Zu lernen ist aus diesem Vorgang folgendes: Das Schülerfeedback als wichtigstes und potentestes Ergebnis der Aushandlungsgruppe war nicht durch Vermeidung von Problemen, Widersprüchen und Konflikten zu erhalten, sondern ist gerade aus den Widersprüchen, ihrer Artikulation und Kommunikation und einem offensiven Umgang mit ihnen entstanden. Damit die Aushandlungsrunden nicht zu relativ nutzlosen „Friede-Freude-Eierkuchen“- Runden werden, die sich aus Vermeidung von Konflikten nur mit dem Unproblematischen der Schule beschäftigen (Wozu wären sie dann überhaupt nötig?), ist eine kluge Methodologie und eine kompetente Begleitung von außen nötig, die hilft, die auftauchenden Widersprüche zur Sprache zu bringen, die nötige Konfrontation produktiv zu begleiten und den Prozeß zur Erfindung eines intelligenten Instruments, das gerade an den Widersprüchen ansetzt, um sie auf einer entwickelteren Stufe zu bearbeiten, mit den Beteiligten durchzustehen.
In dem Konzept der Aushandlungsrunde wurde dessen Schwachstelle – daß in ihm nur die Seite des Konsenses und der Stärken betont werden – ausgeglichen durch die kluge Beaufsichtigung und Gegensteuerung des Konzepterfinders in der praktischen Anwendung. Damit ist das Gelingen eines Prozesses nach diesem Konzept jedoch an die Person gebunden.
In einem Gespräch mit dem Konzeptentwickler Marcus Hildebrandt stellte sich heraus, daß die Methode der Aushandlungsgruppen sich noch in der Phase der Praxiserprobung befindet und zu einer organisierten Reflexion – von einer theoretischen Ausarbeitung ganz zu schweigen – noch gar keine Zeit war und bisher auch keine Ressourcen dafür akquiriert werden konnten. Da aber schon mehrere gelungene Schulentwicklungsprozesse in der Praxis und unter der Anleitung von Hildebrandt damit durchgeführt wurden, wäre dieser vielversprechenden Methode eine Weiterentwicklung und theoretische Unterfütterung sehr zu wünschen.
Dafür bietet sich ein schon seit vielen Jahren in Finnland in der Praxis bewährter und auch in der Theorie schon weit entwickelter Ansatz an, der gerade die Widersprüche zum Ausgangspunkt des Lernens – und auch des Organisationslernen – gemacht hat: Yrjö Engeström, Professor an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Helsinki entwickelt nach dem von ihm gefundenen Konzept des Expansive Learning und der Methodologie der Developmental Work Research an einem eigenen Institut, dem Center For Activity Theory And Developmental Work Research seit 15 Jahren erfolgreich Betriebe, Schulen, Krankenhäuser, Teile des finnischen Postwesens, u.a. Organisationen und Institutionen mehr. Gleichzeitig werden die Entwicklungsprojekte von ihm und seinem Mitarbeiterstab – weiteren Professoren und jeweils ca. 50 Doktoranden – mit wissenschaftlicher Forschung begleitet, daran die Theorie und Methodologie selbst weiter entwickelt und deren Ergebnisse wieder in die praktischen Entwicklungsprojekte zurückgespeist. In Engeströms Ansatz werden die Widersprüche eines Tätigkeitssystems als Triebkraft von Veränderungen aufgespürt, modelliert und analysiert, sodaß im kollektiven Entwicklungsprozeß mithilfe der Berater/Forscher bewußt damit umgegangen werden kann.
Die überaus anschaulichen Forschungsberichte der einzelnen Projekte, die gleichzeitig zur Darstellung und Erläuterung der Theorie des Expansiven Lernens dienen, sind in zwei Bänden mit 36 Aufsätzen in englischer Sprache in Deutschland zu haben. Ein MUST für alle, die im Bereich der Schulentwicklung praktisch oder/und theoretisch arbeiten und auf die avanciertesten international renommierten Konzepte nicht verzichten wollen. In Vorbereitung befindet sich eine deutsche Übersetzung der beiden Aufsatz-Bände, dessen erster Band mit 18 Aufsätzen 2007 in der Schriftenreihe von ICHS erscheinen soll.