Lernen 2.0: Didaktik der Autodidaktik

„Lernen gelernt“ zu haben, wird häufig gesagt, ist wichtiger als einzelnen „Stoff“ auf Abruf gespeichert zu haben. Klar: Zu wissen, wo und wie ich alles das bekomme, was ich wissen will, ist viel mehr Wert als das einzelne Wissensobjekt. (Von der relativen Nutzlosigkeit von Datensammlungen oder Einzelinformationen im Kopf gar nicht zu reden.) „was ich wissen will“ ist dabei übrigens der am meisten ignorierte und meistens unterschätzte Satzteil. Dazu sagt Andreas Schleicher:
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Projektlernen im digitalen Zeitalter – Auf dem Weg zur Lerngesellschaft

CC Richard Giles

CC Richard Giles

Projektlernen, PBL, John Deweys‘ Methodology – dies sind Wiederentdeckungen in Zeiten des Web 2.0, seitdem klar ist, dass eine neue Art des Lernens außerhalb der formalen Bildung in den Institutionen von Schule, Hochschule und Weiterbildung immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Nicht mehr diskutiert werden muss auch, dass das reduktionistische Lernkonzept der Industriekultur, das ausschließlich systematisches „akademisches“ Buchlernen historisch prämiert hat, längst überholt und das Festhalten daran verantwortlich für das Scheitern der Bildungsinstitutionen auf allen Ebenen ist – gemessen an deren Funktion, die Kompetenzen/das Wissen individuell und gesellschaftlich zu bilden, die nötig sind, um die historischen Aufgaben der Menschheit des 21. Jahrhunderts bewältigen zu können. Weiterlesen

Kleiner Stoffkanon fürs 21. Jahrhundert?

Mit festgelegten Lern-Inhalten und Stofflisten ins 21. Jahrhundert? – Kaum zu glauben, aber daran wird noch geglaubt!
Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat gestern der Presse einen Sammelband vorgestellt mit dem Titel „Bildungskanon heute“.  Heinz-Elmar Tenorth, Jürgen Oelkers und viele andere Bildungsakteure ersten Ranges treten dort für einen neuen Inhalte-Kanon in den Bildungsplänen ein, auf den man sich in Deutschland verständigen solle. Aber ist die nationale Zentralisierung von nur neu zu formulierenden Stoffplänen wirklich die zeitgemäße Antwort auf die Herausforderungen der Digitalen Ära für das Bildungssystem?

Ich meine: nein. Alte Kanons mit neuen Inhalten zu füllen und zu nationalisieren kommt zu spät. Was zu lernen ist für die Menschen in einer globalisierten digitalen Welt, lässt sich nicht mehr über Stoffe und Inhalte definieren.

Ich selbst erhielt dankenswerterweise auch einen Platz in diesem Sammelband – und gebe dort das schwarze Schaf in der weißen Herde.  Schade, ich wäre auch gerne mal ein weißes Schaf, aber man kriegt nicht immer, was man sich wünscht.

Hier mein Beitrag: Weiterlesen

Hätte Kant gesurft? – #opco11

fragt die Konferenz der FES morgen in Berlin, die im Untertitel über „Wissen und Bildung im Internetzeitalter“ aufklären möchte. Teilnehmen werden laut Aussage der Veranstalter ca. 200 Akteure des Bildungssystems, vor allem also LehrerInnen und auch zwei Schulklassen.

Ich bin geladen, in einem letzten Panel um 15:00 Empfehlungen zum Thema „Notebook-Klassen für Alle? – Wie sich der Unterricht verändern muss“ auszusprechen und mit Walter Reese-Schäfer, dem Publikum und Christian Stöcker als Moderator zu diskutieren. Weiterlesen

Medienrevolution

Die taz veranstaltet einen Medienkongress , gefragt wird, „Schafft das Internet Freiheit – ja oder nein?“ (die Frage inwiefern beides möglich ist, gibt’s hier nicht), es gibt „Alles zur Medienrevolution“ und „Hier spricht die Revolution“, aber Detlev Kuhlbrodt blickt schon zurück  auf die offenbar schon ziemlich vergangene Medienrevolution.

Wie nun: läuft sie gerade, die Revolution, war sie schon oder kommt sie erst noch? Wie wird Revolution hier verstanden? Weiterlesen

Zitate für 2011, Nr. 2

Die Revolution haben wir auf der Straße gemacht, aber ohne Youtube, Facebook und Twitter wäre uns dies nicht gelungen.

Der tunesische Student Ali Bouzizi auf dem Weltsozialforum in Dakar 2011, zit. n. taz, 12./13. 2. 2011

5 Jahre shift

Heute auf den Tag genau vor fünf Jahren habe ich meinen ersten Beitrag in shift.weblog zu schule und gesellschaft gepostet. Anlass zu einem Rückblick auf 5 Jahre Teilhabe an der digitalen Revolution.

Auf die Idee, mal zu prüfen, ob ein eigenes Weblog für mich einen Sinn machen könnte, hatte mich ein damals 70jähriger Professor gebracht, der sich schon mit Computer und Bildung beschäftigt hatte, als  Lochkarten  brandaktuell waren, während ich gleichzeitig im alten Berlin-Verlag am Composer und mit der IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine zu Hause mein studentisches Budget aufbesserte. (Soviel zu der unzulänglichen Unterscheidung digital natives/immigrants. Ich finde die Krusesche Unterscheidung in digital visitors/residents brauchbarer.)

Zurück bzw. nach vorne in der Vergangenheit:   2005 hatte ich gerade meinen ersten Aufsatz in einer Zeitschrift untergebracht und dabei erlebt, wie mühsam und Vitamin-B-lastig eine Veröffentlichung eigener Gedanken in der  Buchgesellschaft ist. Und zusätzlich frustrierend: Es gab keinen Rückkanal dazu. Und ich wollte doch so gerne, dass mir jemand auf meine Gedanken Rückmeldung gibt und mit mir in Kommunikation über die Dinge tritt, die mir am Herzen liegen: die unbefriedigende Praxis. Denn in meinem unmittelbaren Tätigkeitssystem (Schule, Kollegium) waren die Kommunikationen über die gemeinsame aber nicht gemeinsam geteilte Tätigkeit außerordentlich frustrierend.

Mit meinem Blog – bei twoday.net im Schreibmaschinen-Look –  habe ich stattdessen schlagartig mein Kommunikationssystem erweitert und seitdem aktiv Teil an einer unglaublich spannenden gesellschaftlichen Entwicklung, die mein Leben verändert hat.

2005 sprossen die Weblogs in Deutschland wie Pilze aus dem Boden im Gefolge der vorgezogenen Bundestagswahl. Ich traf auf Küchenkabinett ;  Bembelkandidat aus Mainhatten und nja, die schon vorher da waren, kümmerten sich freundlich um mich als Blog-Newbe. Aber die Pädagogenszene war noch recht überschaubar: Herr Rau erzählte seit 2004 „von sich und seiner Schule“, Norberto legte Material und Reflexion für sich und seine Schüler in seinem Blog ab und teacher beglückte auch schon seit 2004 die Blogosphäre mit seinen provozierenden und viel kommentierten Dönekens aus dem Lehreralltag eines österreichischen Schulprofessors.

In diesen Jahren war „Weblog“ selbst unter den Usern und vielmehr noch in der öffentlichen Wahrnehmung entweder eine  journalistische Angelegenheit „persönlich gefärbter (und darum anrüchiger) Nachrichten“ oder nur ein  öffentlich gemachtes privates online-Tagebuch. Jedenfalls in Deutschland. Als „Hype“, verstanden als vorübergehende Selbstdarstellung einiger Spinner galten diese „Webtagebücher“ hierzulande noch bis vor kurzem.

Dass Blogs Kommunikationsmedium für Communities of Practice sein können, dass sie dem professionellen Austausch und der gemeinsamen Entwicklung der gemeinsam geteilten Arbeit dienen können, dass sie im Unterricht auf vielfältige Weise eingesetzt werden als „Lernwerkzeuge“, ja darüberhinaus zu einem entscheidenden Kommunikationsmedium für alle Arten von Lernprozessen werden können –  das ist eine Erkenntnis der letzten zwei Jahre. Und wie immer: Dieser Erkenntnis läuft die experimentelle Praxis voraus. 2006 fand Gabi Reinmann das Lehrerzimmer von Herrn Rau und machte daraus einen Vortrag über persönliches Wissensmanagement; das AdZ-Netzwerk bot zum ersten Mal auf seinem 2. Kongress 2008 eine Begegnung zwischen Web 2.0 und Alternativpädagogik; in Hamburg werden seit 2009 Referendare zum Bloggen mit Schülern angeregt und betreut von Ralf Appelt und mir; Examensarbeiten über die Referendarserfahrungen mit Unterrichtsblogs sind entstanden und eine ganze Schule hat sich auf den Web 2.0 – Weg gemacht.

(Bitte seht mir nach, wenn ich wichtige Menschen, Organisationen, Ereignisse und Webseiten nicht genannt habe – es ist eine impulsive und sehr subjektive Auswahl.)

Im Gartnerschen Hype Cycle müssten wir uns jetzt in der Slope of Enlightenment befinden und das Plateau of Productivity ansteuern. Bloß: Wo war denn eigentlich der Peak of Inflated Expectations gewesen? — Darüber könnte man noch mal nachdenken.

Kulturrevolution des Lernens

Im  Taz.lab am Samstag, dem 24. April wird es um 14:00 eine Veranstaltung geben zum Thema:

Kulturrevolution des Lernens. Wie Wissen (von) morgen entsteht.

In Vorbereitung darauf, und weil ich nicht besonders gut im Extemporieren bin, habe ich hier schon mal ein paar Essentials meiner Gedanken zusammengeschrieben. Wer nicht live dabei sein kann, oder dort nicht ausreichend zu Wort kommt, kann hier mein Statement kommentieren und als Kommentar auch gerne ein eigenes Statement abgeben.

Kulturrevolution des Lernens. Wie Wissen (von) morgen entsteht

Leitfrage des Panels: Läßt sich im digitalen 21. Jh. noch mit dem kanonischen Wissensbegriff des 19. Jh. arbeiten?

 Nein, natürlich nicht! 😉

1. Warum nicht?

Wir befinden uns in einem gesamtgesellschaftlichen, die gesamte Menschheit betreffenden Transformationsprozess – alle ernstzunehmenden Medienwissenschaftler (-Historiker, -Soziologen, -Philosophen) und auch die Systemtheoretiker und Wissenssoziologen (z.B. Helmut Willke) sprechen seit vielen Jahren schon von einer Medienrevolution als Kulturrevolution, die vergleichbar ist mit der sozialen Revolution im Gefolge der Erfindung des Buchdrucks, der Industriellen Revolution. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft in allen ihren Systemen und Subsystemen:

Die Hauptressource der gesellschaftlichen, also zuvörderst der ökonomischen Entwicklung, ist jetzt nicht mehr materieller Natur – also Grund und Boden, Kapital und physische Arbeitskraft – sondern symbolischer Natur. Wissen ist die Hauptproduktivkraft menschlicher Gesellschaft geworden. Schon jetzt. Das ist empirisch nachweisbar und offensichtlich.

Die Gesellschaft reproduziert sich über die Weitergabe ihrer Kultur an die nachfolgenden Generationen. Kultur, das ist das kollektive Gedächtnis bzw. das zur Aufrechterhaltung der Gattung relevante Wissen der Menschheit. Die Weitergabe erfolgt durch geeignete Organisierung von Lernprozessen – sowohl solche der Individuen (psychischen Systeme) als auch der sozialen Systeme (also der Organisationen und Institutionen der Gesellschaft). Letzteres wird immer gerne vergessen in den öffentlichen Diskursen um „Neues Lernen“.

Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hat gezeigt, dass sich die Trajektorie der Entwicklung – in Koevolution mit der Medienentwicklung – nicht nur in quantitativem Zuwachs von Erkenntnissen und Fähigkeiten und den daraus resultierenden Verbesserungen des Bestehenden bewegt, sondern in Kurven, die nach langen Phasen der Optimierung zu einem alle Bereiche des Lebens betreffenden Qualitätssprung führen, eben zu einer neuen Kulturstufe, die einen Höhepunkt erreicht und dann zunehmend in eine Zuspitzung ihrer eigenen Widersprüche gerät, die dann wiederum zu ihrem Absterben und zur erneuten Herausbildung einer neuen Qualität führt.

Aber dieser Sprung geschieht nicht plötzlich, sondern zieht sich hin über Generationen. In einer Übergangszeit von der alten Kultur in die sich mühsam herausbildende neue gibt es eine Menge Widersprüche mit einer Menge Turbulenzen und Kämpfen in allen Bereichen. Alles Bestehende kommt auf den Prüfstand, nicht nur ob, sondern insbesondere inwiefern es in der neuen Kultur einen Platz hat. Es gibt Altes, das verschwindet (das sind die notwendigen „Verluste“), es gibt Altes, das einen völlig neuen Systemplatz und eine neue Bedeutung erhält, also verwandelt wird, und es gibt Neues, das sich erst herausbildet. Diese drei Prozesse laufen parallel und in wechselseitiger und widersprüchlicher Abhängigkeit.

2. Neuer Wissensbegriff

Dabei muss sich notwendigerweise auch das Verständnis, also die Begriffe von allem verwandeln. Wie verstehen wir Gesellschaft, wie sehen wir unsere Ökonomie, unsere Politik, unsere Beziehungen, unsere Kommunikation, was verstehen wir unter Entwicklung und Fortschritt, und eben auch hier bezogen auf die neue prämierte Produktivkraft Wissen:

  1. Was verstehen wir unter Wissen?
  2. Wie erwerben wir dieses Wissen? Also wie konzeptionalisieren wir Lernen (als Operationsform von Wissenserwerb und -produktion)?
  3. Wie prozessieren und organisieren wir dieses Lernen?

Der Wissensbegriff, mit dem wir am Ende der Buchgesellschaft/Industriegesellschaft noch sozialisiert worden sind, und der noch immer in der Regel das Funktionieren unserer Bildungsinstitutionen beherrscht, lautet kurzgefasst so:

Das kultur-relevante Wissen ist gespeichert in Büchern, Bibliotheken und einzelnen Köpfen der Akademischen Elite. Diese verwaltet auch die Unterscheidung in relevant/nicht relevant.

Die dazugehörige Konzeption von Lernen lautet: Dieses archivierte Wissen als „Inhalte“ und „Handlungs- bzw. Prozesswissen“ wird durch Unterricht in die Köpfe der nächsten Generationen übertragen, die dann das Wissen weiterentwickeln und in neuen Büchern abspeichern und ihrerseits das verbesserte Wissen in derselben Art und Weise (nämlich durch Unterricht) an ihre Nachfolger weitergeben. Dies entspricht genau der Phase der Entwicklungstrajektorie, die sich im Optimierungsmodus auf der Höhe einer etablierten Kultur befindet.

Durch Koevolution mit dem neuen Leitmedium Internet befinden wir uns jedoch an einer anderen Stelle der Entwicklungskurve, nämlich im Übergang zu einer neuen Qualität. Diese ist jedoch noch längst nicht ausentwickelt und gesamtgesellschaftlich implementiert, geschweige denn institutionalisiert.

Das alte kanonisierte Wissen hilft uns nicht mehr weiter. Wir müssen neues, d.h. noch unbekanntes Wissen schaffen und altes korrigieren. Wir müssen zum Teil überhaupt erst lernen, die Probleme, auf die dieses neue Wissen als Lösung antworten soll, zu identifizieren und lösungsgerecht zu formulieren.

Wir müssen vom Fokus der Weitergabe bekannten Wissens wechseln auf den Fokus der Erfindung und Entdeckung von noch unbekanntem Wissen. M.a.W: Wir müssen uns um das Nichtwissen kümmern und bekanntes Wissen infragestellen.

Der neue Wissensbegriff muss also kurz gesagt so lauten:

Interessant ist nicht das, was die Menschheit schon weiß, denn was sie weiß, stimmt mit der neuen Realität nicht mehr überein. Wissen heißt dann: Korrektur von Wissen, heißt also Vergessen und Ersetzen mit noch Unbekanntem.

X ist bekannt, aber es gilt nicht mehr. Y gilt, aber es ist nicht bekannt.

Wie kommt man nun von X nach Y?

Nur über E. E wie Experiment, E wie Erfindung, E wie Erprobung, E wie Erfahrungen machen und E wie Erkenntnisse aus den notwendigen Fehlern gewinnen.

Dieses E gab und gibt es natürlich. Es war in der Buchgesellschaft den institutionalisierten forschenden Wissenschaften vorbehalten. Das Outcome dieser Wissensproduktion kam dann, wenn’s gut ging, ein bis zwei Generationen später im Kanon des Unterrichts (universitär: in der Lehre) an.

Warum funktioniert diese Form nicht mehr?

  1. Weil es zu lange dauert gemessen am Druck der Probleme und am Ausmaß des inzwischen zum Teil gefährlichen Nichtwissens;
  2. weil es eine Operationsform im Optimierungsmodus statt im Changemodus ist;
  3. weil die Probleme, die zu lösen sind, eine Komplexität erreicht haben, die nicht mehr von einzelnen Forscher-Individuen, sondern nur noch kollektiv vernetzt zu lösen sind;
  4. weil diese Art Wissensproduktion auf eine kleine Minderheit von Menschen konzentriert ist, wir aber in Zeiten der Haupt-Produktivkraft Wissen die Mehrheit und tendenziell die Gesamtheit der Menschen als Wissensproduzenten brauchen;
  5. weil der Zugang zu bekanntem Wissen und die Möglichkeit zur Generierung von unbekanntem Wissen durch das neue Leitmedium jetzt prinzipiell allen offen steht;
  6. weil das neue Medium unbegrenzte Möglichkeiten der Vernetzung des nur noch verteilt existierenden Wissens bietet. 

E – also Erfindung, Erprobung, Experiment, Erfahrung, Erkenntnisse sammeln und aus Fehlern Erkenntnisse korrigieren, das kann und muss von allen gelernt werden.

Die Fähigkeit, Bereitschaft und die Befugnis (!) zu dieser Forschungstätigkeit kann man nicht durch Unterricht transferieren. Die Bildungsinstitutionen müssen den Unterrichts- und Lehrmodus verlassen und sich von Lehranstalten zu Lerninstitutionen verwandeln, d.h. im wörtlichen Sinne auch expansiv lernende Institutionen werden. Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene wird in der neu enstehenden Lerngesellschaft gebraucht, um zur kollektiven Wissensproduktion beizutragen.

Ein Wort zur historischen Form der Allgemeinbildung:

Comenius‘ Devise hieß: „Allen alles lehren.“

Diese Art kanonbezogener Allgemeinbildung hat sich in der Bürgerlichen Gesellschaft der Moderne nur durchsetzen können als Kanon für Eliten. Heute würde es jedoch auch nicht mehr ausreichen, diesen Kanon bekannten Wissens über die Eliten hinaus an alle zu transferieren (zu „unterrichten“, zu „vermitteln“).

Allgemeinbildung kann heute nur noch heißen, die oben genannten „E“-Kompetenzen zu lernen, von Anfang an und im Lauf des gesamten Lebens durch Anwendung zu trainieren, indem die Individuen an der Vernetzung des verteilten Wissens der Gattung teilnehmen.

Die Skills dazu, die gleichzeitig Bestandteil des neuen Wissensbegriffs darstellen, lauten:

  • wissen, wo die relevanten Informationen zu finden sind
  • wissen, wie diese Informationen zu beurteilen und zu bewerten sind
  • wissen, wie sie zu synthetisieren sind
  • wissen, wie sie anzuwenden sind
  • wissen, wie sie kommuniziert werden
  • wissen, wie mit ihnen kollaboriert wird
  • wissen, wie aus ihnen Probleme definiert werden 

Der Schlüssel zu den „Inhalten“, besser gesagt, zu den Gegenständen (objects) des Wissens ist für den Einzelnen die jeweilige persönliche Sinnbildung, oder wie Sir Ken Robinson es nennt, das (persönliche) Element.

Schon bilden sich in der Praxis neben den traditionellen Lehranstalten neue Organisationsformen, die diese Aufgabe der vernetzten kollektiven Wissensproduktion übernehmen.

Beispiel: Das „Facebook für Forscher“. 2008 wurde eine Netzplattform gegründet mit dem Namen ResearchGate; in den knapp zwei Jahren seines Bestehens haben sich schon über 300.000 Forscher aus allen Ländern – bisher fast ausschließlich aus den Naturwissenschaften – in diesem Netzwerk organisiert. Sie tauschen ihre Forschungsfragen, -Ergebnisse und vorläufigen Ergebnisse frei aus, diskutieren und lernen voneinander. Interessant ist hier nicht nur, dass sich diejenigen mit dem gleichen Fach treffen; der Hauptprofit besteht darin, dass sich über alle Fächergrenzen und engsten Spezialgebiete hinaus wichtige Kontakte ergeben über die Fragen und Probleme, die beantwortet werden wollen. In einem Interview sagt ein Netzmitglied: Eines der besten Dinge an diesem Netzwerk ist, dass wir vor allem über methodische Probleme und über Fehler und gescheiterte Forschung kommunizieren. In der alten Publikationsweise kann man aus Fehlern nicht lernen, weil sie nicht zur Veröffentlichung gelangen.

(vgl. Facebook für Forscher, in: Der Spiegel (nur Print) 14/2010, S. 114-115)

Leider haben sich bisher gerade diejenigen Forscher so noch nicht zum Management ihres verteilten Wissens vernetzt, die die überlebenswichtigen gesellschaftlichen Entwicklungsfragen der Menschheit bearbeiten: Philosophen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Politologen, Erziehungswissenschaftler und Medienwissenschaftler.

Ein schönes Beispiel dafür, wie produktiv Fehler für die Wissensbildung zu machen sind, findet sich bei Mike Wesch in seinem Interview mit Sebastian Hirsch:

Die Studenten bewerteten ihre Arbeiten gegenseitig.

Es wurden Noten mit ganz falschen Begründungen vergeben. Daraus haben wir (paradoxerweise) am meisten gelernt. Die Studenten haben gemerkt, dass sie jeden im Seminar auf ein bestimmtes Niveau bringen müssen. Sonst kapiert der andere Student ihre eigene Arbeit womöglich nicht – und gibt ihnen möglicherweise eine schlechte Note. Jeder muss also in die Lage versetzt werden, den Essay eines Kommilitonen einzuschätzen und zu bewerten.

Dan Brown: Open Letter to Educators

„Die Welt transformiert sich, und wenn du dich nicht mit ihr transformierst, dann wirst du nicht mehr gebraucht.“

Das ist der Schlusssatz in Dan Browns großartigem Video  „An Open Letter to Educators“.

Wenn du in Zukunft gebraucht werden willst, dann musst du als Lehrer deine Funktion transformieren, deine Rolle, deine Tätigkeit und dein gesamtes Tätigkeitssystem – mit deinen Kollegen zusammen. Du musst die Schule „neu erfinden“ und dich selbst dazu. Das ist natürlich nicht so einfach, denn es erfordert, alles, was du bisher gedacht und getan hast, in Frage zu stellen. Nicht viele halten das gut aus.

Darum ist es verständlich, dass immer wieder nach Gründen gesucht wird, warum es sich vielleicht doch vermeiden lässt, einen so umfassenden Wandel zu vollziehen, und warum doch im Prinzip und im Kern und mit nur einigen entscheidenden „Verbesserungen“ alles so bleiben kann, wie es ist. Und womöglich ist es gerade für diejenigen, die im bestehenden System gerade gut zurecht kommen als Lehrer, besonders schwierig, alles infrage stellen zu sollen.

Mir haben sich vor einigen Jahren diese Fragen vielleicht gerade deswegen unabweisbar aufgedrängt, weil ich in dem bestehenden System NICHT mehr gut zurechtkam.

Wie auch immer: Dan Brown’s Open Letter stimme ich ohne Einschränkungen zu.

Zitate für 2010, Nr. 3

Im Jahre 2020 hat jedes Schulkind ein persönliches, mobiles, multimediales und allzeitvernetztes Gerät zu Verfügung.

Zumindest zuhause.

Das ist die Ausgangslage. Alles andere sind nur Übergangsphänomene.

Beat Döbeli