5 Jahre shift

Heute auf den Tag genau vor fünf Jahren habe ich meinen ersten Beitrag in shift.weblog zu schule und gesellschaft gepostet. Anlass zu einem Rückblick auf 5 Jahre Teilhabe an der digitalen Revolution.

Auf die Idee, mal zu prüfen, ob ein eigenes Weblog für mich einen Sinn machen könnte, hatte mich ein damals 70jähriger Professor gebracht, der sich schon mit Computer und Bildung beschäftigt hatte, als  Lochkarten  brandaktuell waren, während ich gleichzeitig im alten Berlin-Verlag am Composer und mit der IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine zu Hause mein studentisches Budget aufbesserte. (Soviel zu der unzulänglichen Unterscheidung digital natives/immigrants. Ich finde die Krusesche Unterscheidung in digital visitors/residents brauchbarer.)

Zurück bzw. nach vorne in der Vergangenheit:   2005 hatte ich gerade meinen ersten Aufsatz in einer Zeitschrift untergebracht und dabei erlebt, wie mühsam und Vitamin-B-lastig eine Veröffentlichung eigener Gedanken in der  Buchgesellschaft ist. Und zusätzlich frustrierend: Es gab keinen Rückkanal dazu. Und ich wollte doch so gerne, dass mir jemand auf meine Gedanken Rückmeldung gibt und mit mir in Kommunikation über die Dinge tritt, die mir am Herzen liegen: die unbefriedigende Praxis. Denn in meinem unmittelbaren Tätigkeitssystem (Schule, Kollegium) waren die Kommunikationen über die gemeinsame aber nicht gemeinsam geteilte Tätigkeit außerordentlich frustrierend.

Mit meinem Blog – bei twoday.net im Schreibmaschinen-Look –  habe ich stattdessen schlagartig mein Kommunikationssystem erweitert und seitdem aktiv Teil an einer unglaublich spannenden gesellschaftlichen Entwicklung, die mein Leben verändert hat.

2005 sprossen die Weblogs in Deutschland wie Pilze aus dem Boden im Gefolge der vorgezogenen Bundestagswahl. Ich traf auf Küchenkabinett ;  Bembelkandidat aus Mainhatten und nja, die schon vorher da waren, kümmerten sich freundlich um mich als Blog-Newbe. Aber die Pädagogenszene war noch recht überschaubar: Herr Rau erzählte seit 2004 „von sich und seiner Schule“, Norberto legte Material und Reflexion für sich und seine Schüler in seinem Blog ab und teacher beglückte auch schon seit 2004 die Blogosphäre mit seinen provozierenden und viel kommentierten Dönekens aus dem Lehreralltag eines österreichischen Schulprofessors.

In diesen Jahren war „Weblog“ selbst unter den Usern und vielmehr noch in der öffentlichen Wahrnehmung entweder eine  journalistische Angelegenheit „persönlich gefärbter (und darum anrüchiger) Nachrichten“ oder nur ein  öffentlich gemachtes privates online-Tagebuch. Jedenfalls in Deutschland. Als „Hype“, verstanden als vorübergehende Selbstdarstellung einiger Spinner galten diese „Webtagebücher“ hierzulande noch bis vor kurzem.

Dass Blogs Kommunikationsmedium für Communities of Practice sein können, dass sie dem professionellen Austausch und der gemeinsamen Entwicklung der gemeinsam geteilten Arbeit dienen können, dass sie im Unterricht auf vielfältige Weise eingesetzt werden als „Lernwerkzeuge“, ja darüberhinaus zu einem entscheidenden Kommunikationsmedium für alle Arten von Lernprozessen werden können –  das ist eine Erkenntnis der letzten zwei Jahre. Und wie immer: Dieser Erkenntnis läuft die experimentelle Praxis voraus. 2006 fand Gabi Reinmann das Lehrerzimmer von Herrn Rau und machte daraus einen Vortrag über persönliches Wissensmanagement; das AdZ-Netzwerk bot zum ersten Mal auf seinem 2. Kongress 2008 eine Begegnung zwischen Web 2.0 und Alternativpädagogik; in Hamburg werden seit 2009 Referendare zum Bloggen mit Schülern angeregt und betreut von Ralf Appelt und mir; Examensarbeiten über die Referendarserfahrungen mit Unterrichtsblogs sind entstanden und eine ganze Schule hat sich auf den Web 2.0 – Weg gemacht.

(Bitte seht mir nach, wenn ich wichtige Menschen, Organisationen, Ereignisse und Webseiten nicht genannt habe – es ist eine impulsive und sehr subjektive Auswahl.)

Im Gartnerschen Hype Cycle müssten wir uns jetzt in der Slope of Enlightenment befinden und das Plateau of Productivity ansteuern. Bloß: Wo war denn eigentlich der Peak of Inflated Expectations gewesen? — Darüber könnte man noch mal nachdenken.

Kaiserin-Augusta-Schule Köln auf der Didacta 2010 mit „Web 2.0 App’s im Unterricht“

Mit 14 Unterrichts- und Beratungsblogs (Stand März 2010), einem Blog, auf dem die Steuergruppe der Schule kommuniziert, und einem Schulwiki hat die Kaiserin-Augusta-Schule in Köln seit ihrem Web 2.0 – Schulentwicklungstag am 11. 11. 2009 eine phänomenale expansive Entwicklung gemacht. Ihre Erfahrungen präsentiert sie heute auf der Didacta 2010 in Köln.

eduCamp 2010 in Hamburg #ec10hh

 

Das eduCamp 2010 findet in Hamburg am 5. und 6. Februar statt, ausgerichtet vom Medienzentrum der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg. Schnell waren die Plätze ausgebucht, aber wer Glück hat und keine Chance ungenutzt lassen möchte, kann noch einen Platz über die Warteliste erwischen. Und es macht Sinn, denn erfahrungsgemäß erscheinen ja nie alle angemeldeten Teilnehmer dann auch wirklich.

Außer den für barcamps üblichen Sessions von Teilnehmern wird es eine Podiumsveranstaltung geben, auf der es um Reflexion konzeptioneller Grundlagen geht. Christina Schwalbe wird dieses Podium moderieren und hat die Podiumsgäste vorab um ein Statement gebeten. Diese Idee gefällt mir sehr gut, ermöglicht sie doch viel mehr als in den sonst üblichen Podiumsformaten, dass sich die Teilnehmer vorbereiten können auf das, was ihnen „geboten“ wird, und so viel besser sich auch selbst einbringen können. Zur besseren Partizipation an der Diskussion dient auf jeden Fall auch das Fishbowl-Format.

Ich gebe mein Vorab-Statement hier in zwei Versionen ab – die „Message“ ist dieselbe, jedoch unterscheiden sie sich vom Inhalt her – klar, sind ja auch verschiedene mediale Formen.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Ulrike Reinhard, die mit mir das Video „entbunden“ hat.

Und hier nun ein ausführlicheres schriftliches Statement:

Das Internet – ein Bildungsraum?

Die Frage ist einerseits schnell beantwortet: „Wo denn sonst soll Bildung im Internetzeitalter stattfinden?“ Etwas weiter ausholen muss ich andererseits, um die kurze Antwort zu begründen.

1. Wenn wir die Bedeutung des Internet auf der Stufe 2.0 für die Bildung und dann die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Bildung unter den Bedingungen des Internet ausloten wollen, dann müssen wir uns zunächst darüber klar sein, welche Bedeutung die Medienentwicklung für die Gesellschaft als Ganzes hat, denn das Bildungssystem ist nur ein Subsystem mit einer bestimmten Funktion für das Gesamtsystem. Wir müssen dabei außerdem klären, was wir unter Medien verstehen. Und wir müssen drittens klären, was wir mit Bildung meinen. Danach können wir nützliche Aussagen darüber treffen, wie Bildung und Web 2.0 zusammenhängen.

2. Bedeutung des Medienwandels für die Gesellschaft:  Anders als für die Medienpädagogen steht es unter den führenden Medientheoretikern, Medienphilosophen und Medienhistorikern heute außer Frage, dass das Internet sich längst als Leitmedium der Informationsverarbeitung und Kommunikation etabliert hat. Und dabei ist natürlich die Stufe 2.0 mit erfasst. Es ist nicht nötig, dass alle, oder die Mehrheit oder auch nur ein großer Teil der Menschen dieses Medium auf dieser Stufe nutzt, um den Leitmediencharakter zu bestätigen. Giesecke führt überzeugend aus, dass noch bis ins letzte Jahrhundert hinein selbst in den industrialisierten Ländern ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnte (zumindest wie wir heute sagen würden, funktionale Analphabeten waren), und das, obwohl das typographische Medium bereits seit Jahrhunderten als Leitmedium etabliert war. Welches Medium Leitmedium der jeweiligen Kultur ist, scheint also nicht davon abzuhängen, ob es alle oder viele nutzen, sondern davon, ob es durch die jeweiligen maßgeblichen Kräfte in der Gesellschaft prämiert wird. Gesetz in der typographischen Gesellschaft ist, was im Bundesgesetzblatt gedruckt veröffentlich ist – selbst wenn es von niemandem gelesen wird außer von den Mitgliedern des Justizsystems.

Historisch analog ist also der Voraussage zuzustimmen: „Wer online unsichtbar ist, hat zukünftig im Beruf pauschal ausgedrückt schlechtere Karten.“ Ich bin überzeugt davon, dass schon heute der gesellschaftlich relevante soziale Verkehr in erster Linie im Internet stattfindet und insofern das Internet insgesamt zum wichtigsten Sozialraum – und damit auch zum Lernraum – geworden ist. Unbestreitbar ist, dass die Medienentwicklung zu grundsätzlichen die gesamte Gesellschaft betreffenden Veränderungen geführt hat. Diese Veränderungen sind irreversibel und völlig unabhängig davon, ob die Menschen sie nun emphatisch begrüßen, skeptisch bis wohlwollend beurteilen oder vehement ablehnen. Sie sind so umfassend, dass wir daran einen Transformationsprozess in eine neue Gesellschaftsformation diagnostizieren müssen, ob wir diese nun Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft, Netzgesellschaft, Netzwerkgesellschaft, Sinngesellschaft oder Lernkultur (als Begriff für eine neue Kulturstufe der Menschheit) nennen wollen.

Natürlich ist nicht vorauszusehen, wie diese Gesellschaft im einzelnen aussehen wird, wenn sie ihre Konsolidierungsphase erreicht hat. Einige grundsätzlichen Merkmale sind jedoch auch im Übergangsprozess deutlich identifizierbar, weil sie schon gesellschaftlich bedeutsame Praxis geworden sind. Sie werden seit Jahren und spätestens mit der Stufe Web 2.0 übereinstimmend benannt, beschrieben und vielfältig konzeptualisiert. Alle diese Ansätze, ob sie – um nur einige der bekanntesten deutschen Medienwissenschaftler zu nennen – von Giesecke, Sandbothe, Röttgers, Preyer oder Bolz stammen, versuchen den empirisch belegbaren, irreversiblen, ubiquitären globalen Kulturwandel der Menschheitsgeschichte theoretisch zu konzeptualisieren, der nicht nur die gesamten Verhältnisse umwälzt, sondern auch den Menschen selbst radikal verändert. Seine Kommunikationsformen, die Art und Weise, seinen Lebensvollzug zu gestalten, seine Denkprinzipen – die gesamte Art und Weise also, seine menschliche Natur konkret zu realisieren. Dass sich unumkehrbar ein solcher fundamentaler Wandel vollzieht, hat auch Frank Schirrmacher zumindest erahnt, wenn er sagt:

Die Debatte pro-Internet und contra-Internet ist läppisch. Es geht um die Frage, wie wir im Internetzeitalter überleben können als die, die wir sind.

Der Mensch des Industriezeitalters ist nicht derselbe wie der Mensch des Mittelalters. Wir werden vermutlich als Gattung eben gerade nicht überleben, indem wir bleiben, wer wir sind, sondern indem wir gewissermaßen unsere „Natur“ selbst verändern im sozialen Vollzug unseres Lebens mit dem neuen Leitmedium. Die Angst, die Schirrmacher bei dieser Einsicht überfällt, hat vor allem mit einem Mangel an historischem Bewusstsein zu tun. Denn schon mehrfach hat die Menschheit einen solchen radikalen Kulturwandel infolge eines Medienwandels vollzogen – und jedes Mal sind dieselben Ängste dabei aufgetreten, wie wir aus Quellen seit dem Wandel zur skriptographischen Kultur wissen. Und jedes Mal ist „der Mensch“ dieser Epoche ein anderer geworden und trotzdem Gattung Mensch geblieben. Die Frage lautet also: Wie können wir andere werden und trotzdem wir selbst bleiben? Zugespitzt lautet die Antwort auf Schirrmachers Frage: Wir müssen andere werden, um die zu bleiben, die wir sind.

3.  Als Merkmale der neuen Gesellschaft sind – für unsere Bildungsdiskussion bedeutsam – zu nennen:

  • Wissen, genauer: Lernen, und zwar reflexives, permanentes und lebenslanges Lernen, wird zur Hauptressource unserer globalen Gesellschaft;
  • Die Bedeutung von Netzwerken löst die Bedeutsamkeit hierarchischer Organisationsformen ab;
  • kollaboratives Denken, kooperative Wissensbildung und Simulation als Operationsform der Wissensgenerierung und Problemlösung werden zu den wichtigsten Modi (menschlicher) Tätigkeit;
  •  Lernen wird nicht mehr nur eine individuelle, sondern vor allem eine kollektive Angelegenheit (vernetzter Gehirne);
  • Systeme müssen lernen, sich an neue Funktionen anpassen und transformieren;
  • Maschinen übernehmen bestimmte Aspekte des Lernens;
  • Urteilsfähigkeit, die Fähigkeit zur reflexiven Sinnbildung und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, werden zentrale Kompetenzen.

 4.      Was sind Medien?

Im Zusammenhang mit diesen Diagnosen steht ein Medienbegriff, der sich von dem im pädagogischen Bereich üblichen unterscheidet. Die meisten Pädagogen – und auch ein großer Teil der Medienpädagogen – verstehen unter einem Medium ein Mittel zum Zweck. Medien sind in dieser Lesart Container, die einen Inhalt speichern und transportieren. Das sogenannte „Vermitteln“, geschieht dann dadurch, dass der, dem vermittelt werden soll, den Container öffnet und den Inhalt „zur Kenntnis“ nimmt, den derjenige, der vermitteln will, zuvor eingefüllt hat. Inhalte werden zugestellt wie bei der gelben Post. Zu dem zu transportierenden Inhalt wird die passende Verpackung (= Medium) gesucht. Gerne spezifiziert die Pädagogik außerdem besondere Lernmedien im Unterschied zu den allgemeinen Informations- und Kommunikationsmedien. Letztere sind demnach offenbar nicht ohne Weiteres zum Lernen geeignet. Nur mit einem solchen Medien- und Lernverständnis kann dann gefragt werden: Wie können Web 2.0-Tools wie Twitter oder Blogs als Lernmedien verwendet werden? Und man kommt dann zu solchen Fragestellungen, ob dieser oder jener Stoff (Lerninhalt) besser mit einem Lehrbuch, Heft und Füller gelernt wird oder eventuell auch mit einem Weblog und google gelernt werden könnte. Im letzteren Fall muss dann zusätzlich noch eine Lenkungsmethode erfunden werden, damit auch wirklich der gewünschte Inhalt ins Weblog kommt bzw. aus Google-Ergebnissen herausgefiltert wird, und nicht etwa ein ganz anderer, unerwünschter.

Im Unterschied dazu hat sich in der Medientheorie ein grundsätzlich anderes Medienverständnis entwickelt, in dem Medium nicht als Mittel im Sinne einer Zweck-Mittel-Relation, sondern als notwendige Form verstanden wird, in der sich ein Inhalt überhaupt erst konstituiert, ohne die es diesen Inhalt mithin gar nicht gibt (Kurt Röttgers). Das Medium hinterlässt sozusagen seine Spuren am Inhalt und umgekehrt. Michael Giesecke sagt dazu, wie ich finde, sehr schön: „Am Wissen klebt Medienmaterial“. Wissen ist m. a. W. nicht medienneutral. Wenn man darauf hinweist, dass Form, Medium und Wissen (oder Inhalt) nicht getrennt voneinander zu haben sind, dann wird einem ja immer sofort zugestimmt. Aber trotzdem wird weiterhin fleißig getrennt. Denn die Konsequenzen daraus werden fast nie akzeptiert. Sie lauten nämlich: Im Internetzeitalter muss im Internet gelernt werden, denn hier wird nicht nur methodisch zeitgemäß gelernt, sondern es werden auch ganz andere Dinge gelernt, und es müssen auch ganz andere Dinge gelernt werden, nämlich diejenigen, die in dieser Epoche gebraucht werden.

5.      Was ist Bildung und was ist Bildung in Zeiten des Internet?

Ich benutze Bildung nicht in seiner deutschen Begriffstradition, sondern als Synonym zum internationalen Begriff Education. Bildung ist dann das Ergebnis von Lernen. Und zwar dem Lernen dessen, was die jeweilige Gesellschaft bzw. Kultur als zu Lernendes vorgibt, um von ihren Mitgliedern sagen zu können: Sie sind gebildet – they are well educated. Die Verfahrensweise zur Reproduktion menschlicher Gesellschaften bzw. Kulturen wird Lernen genannt. Man kann sich dann sowohl der Definition der Ergebnisse zuwenden als auch dem Prozess: Und in der Tat steht beim Umbruch in eine neue Kultur sowohl das Was, das gelernt werden muss, als auch das Wie zur Neudefinition. Es ist also nicht zu fragen, wie man mit dem Internet jetzt die bisherigen Inhalte besser lernen kann, sondern zu fragen ist, was denn in der Umbruchzeit zu einer neuen Kultur Anderes anders gelernt werden muss als bisher. Über beide Fragen wird heftig diskutiert und muss noch intensiv geforscht werden. Aber zwei Punkte scheinen schon jetzt einigermaßen sicher:

Erstens muss geklärt werden, was nicht mehr gelernt werden muss und unsere Curricula nur völlig überflüssig und dysfunktional belastet. (Beispielsweise müssen wir darüber nachdenken, ob es immer noch nötig und für alle sinnvoll ist, eine Schreibschrift, womöglich noch eine schöne Handschrift zu lernen, oder ob es nicht für alle viel sinnvoller wäre, an der Computertastatur mit Druckbuchstaben alphabetisiert zu werden und auch zu lernen, alle zehn Finger zu benutzen.) Und da Urteilsfähigkeit, reflexive Sinnbildungsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit eine immer größere Rolle spielen, ist zweitens natürlich auch zu fragen, ob es überhaupt noch einen für alle gleichen Kanon des Wissens geben kann.

Beispielsweise bringt Howard Rheingold das, was gelernt werden muss, um in der nächsten Zukunft zu bestehen, das heißt letztlich, um die Überlebensprobleme der Menschheit lösen zu können (Klimawandel), auf folgende Punkte, die sozusagen die postmoderne Literacy darstellen und die alten Inhaltkanons der typographischen Kultur ersetzen müssen:

Benötigt wird das verschränkte Zusammenwirken der Fähigkeiten zur

  • Partizipation durch eigene Kreation
  • Kollaboration und kollektiver Aktion
  • kritischer Konsumption und Koproduktion
  • Network awareness (Netzsensibilität?) = sowohl das Fokussieren auf eine Sache als auch das blitzschnelle Switchen zwischen verschiedenen Fokus sowie das Switchen zwischen einem weiten Überblick und dem nahen Fokus auf ein Detail, verbunden mit der Fähigkeit, zu unterscheiden, wann welcher Aufmerksamkeitsmodus sinnvoll ist.

Diese Fähigkeiten werden schon jetzt in den Web 2.0-Medien erworben. Das heißt nicht, dass sie nur dort überhaupt zu erwerben sind, aber diese Fähigkeiten sind vor allem dort gefordert und werden dort zugleich gefördert. Es bedeutet auch nicht, dass diese Fähigkeiten etwa nur dort gebraucht würden oder nur dort anwendbar sind. In den social media gelernte Fähigkeiten werden auch im „Real Life“ gebraucht und angewendet, weil das sogenannte Real Life längst medialisiert ist. So wie in der Moderne der Mensch alle Bildung über Druckerzeugnisse erworben hat, weil die Moderne mit dem Buchdruck medialisiert war, wird die Bildung der postmodernen Gesellschaft im Netz und mit den Bedingungen des Internet und seinen jeweiligen Ausformungen erworben. Das heißt nicht unbedingt, dass die „reale“ Welt hinter der simulierten nur zurücktreten wird. Im Gegenteil: Als Lernort wird die „reale“ Welt eine neue Bedeutung bekommen, denn die mobilen Endgeräte erlauben eine problemlose Verknüpfung zwischen Realworld und Lernort. Erst sie machen die Einbeziehung potenziell aller Orte als Lernorte möglich. Erst jetzt wird ein forschendes Projektlernen in realen Welten außerhalb der Bildungsgebäude als Hauptlernform (und nicht nur als Ausnahme) möglich. „Mit dem iPhone in den Wald“ ist meine Metapher dafür, dass alle Orte virtuell an einen Lernort geholt werden, und umgekehrt alle Orte zu realen Lernorten werden können, indem das kollektive Lernen dorthin getragen wird. Das bedeutet auch, dass die Reduktion der Bildung auf systematisches Lernen und die radikale Abwertung des informellen Lernens, wie sie die Buchgesellschaft mit ihrer Schule vorgenommen hat, aufgehoben wird.

 6.      Zurück zum Anfang und Fazit: Das Bildungssystem muss sich so transformieren, dass nicht nur das System, sondern auch die Bildung selbst (als Ergebnis von Bildungsprozessen) die Prinzipien des Netzes bzw. der Netzgesellschaft enthält. Nach David Wiley bedeutet dies eine Transformation  

  • vom Analogen zum Digitalen
  • vom Angebundensein zur Mobilität
  • von der Isolation zum Verbundensein
  • vom Allgemeinen zum Persönlichen
  •  vom Konsumieren zum Produzieren
  • von Geschlossenheit zu Offenheit 

Bildung in der Wissensgesellschaft außerhalb des „Internet 2.0“ und seiner Prinzipien ist wie Fisch auf dem Trockenen.

Über die größten Glücksgefühle

Normalerweise schreibe ich hier, wenn ich selbst etwas sagen möchte.

Jetzt möchte ich einfach mal etwas weiterverbreiten, von dem ich hoch begeistert bin, weil es etwas, wofür ich viele Sätze bräuchte, perfekt auf den Punkt bringt:

Warum die, die das Internet nicht raffen, das Internet nicht raffen

sprang mir heute in twitter ins Auge.  Nix wie hin, denn eine zutreffende Antwort auf diese Frage ist nicht nur wichtig in der Auseinandersetzung mit den Medienskeptikern oder für das Verständnis, warum Web 2.0 so schwer in der Schule zu implementieren ist.

In dem wunderbaren Text von live.hackr wird darüber hinaus noch deutlich, worin das Hauptmerkmal der Informationsgesellschaft/“Lernkultur“/Wissensgesellschaft liegen wird:

Die Menschen und sozialen Systeme werden alle haben müssen, was bis jetzt nur die internet residents haben, und was denen, „die es nicht raffen“, auf jeden Fall fehlt:

der grund dafür ist, dass ihnen das organ fehlt, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.

Ein Organ zur Beurteilung. Man kann es wirklich ein neues Organ nennen, das als funktionelles System im Gehirn gebildet werden muss – offenbar durch die Tätigkeit der adäquaten Nutzung des Internets. Und es ist offenbar ein Glücksorgan:

die größten glücksgefühle entstehen im einen selbst überraschenden übergang von vermeintlich unwichtigem in persönlich wichtiges, …

So schön habe ich den Vorgang der Sinnbildung noch nicht beschrieben gehört.

Zur Präzisierung, worum es geht, bringt es der Kommentar von doren sehr schön auf den Punkt :

Man sollte betonen dass das bedeutet dass sie aus einer Welt kommen in der ANDERE für sie entscheiden was wichtig ist. […] Man kann sich darauf einstellen mit welcher Gewalt solche Menschen ihr System aufrechterhalten wollen.

Die möchten nicht selber lernen wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden – die möchten das jemand für sie das Internet zensiert. Ganz dringend. […] Jemand muss doch BESTIMMEN was wichtig ist und was nicht.

Ganz genau. Es handelt von persönlichem Sinn, Selbstbestimmung und Demokratie.

Eigentlich gehört das post samt Kommentar in jedes dieser „Manifeste“, die so beliebt geworden sind.

Ich bin richtig glücklich, dass ich das im Internet gefunden habe und von Unwichtigem unterscheiden konnte.

Netzwerken

Netzwerke sind selbstgesteuert. Netzwerke wollen gepflegt werden. Netzwerken ist Arbeit und macht Mühe. Es macht aber auch Freude, denn Netzwerken bereichert. Netzwerken gelingt nur durch eigene Partizipation und gute Kommunikation. Schließlich gilt – in Abwandlung des ollen Spruchs „Ohne Fleiß kein Preis“:  ohne eigenes Netzwerken keine eigenen Ergebnisse.

Immer häufiger bekomme ich Mails mit der Bitte, die eigene Website in meinem Blog zu verlinken, in der Sidebar aufzuführen oder gar einen wohlwollenden, vielleicht sogar emphatischen Beitrag dazu zu schreiben. Begründet werden die Bitten – manchmal nur notdürftig als Bitte getarnte Aufforderungen – damit, die Website habe doch mit meinem Thema Bildung zu tun, ihre Verbreitung sei im Interesse aller.

Schön, dass mein Blog als Knoten im Netz wahrgenommen wird. Aber merkwürdig, dass die Bittsteller dort nicht kommentieren. Dem letzten, das war gestern, habe ich gemailantwortet, er solle doch selbst in seiner Twittercommunity auf seine Seite aufmerksam machen. Daraufhin schrieb er mir heute, er twittere nicht.  Er habe zwar einen Account, „aber da ist nichts los“. Und wieder die Frage, ob nicht wenigstens eine kurze Vorstellung und Verlinkung möglich wäre?

Möglich ist alles. Aber ich will nicht alles möglich machen. Wer erwachsen ist, kann selbst mit der Welt sprechen. Ich bin nicht die „Mach-mir-die-soziale-Arbeit“-Tante. Obwohl ich die Seite des Bittstellers von gestern gut finde, sträube ich mich. Warum? Ich käme mir vor wie mißbraucht, oder sagen wir netter: instrumentalisiert. Nicht, dass ich nicht gerne für andere etwas tun möchte. Aber das Ganze erinnert mich zu sehr an andere Bitten, die gelegentlich auch vorkommen: „Du bist doch in der … -Institution. Könntest Du nicht mal für mich dort ein gutes Wort einlegen …“ Die alte Kiste heißt „Vitamin B.“ Und auf diesem Ohr bin ich taub. Generell.

Ich kann also nur wiederholen – und weil ich keine Lust habe, eine weitere Mail zu schreiben, tue ich es hier – : Werde selbst ein Knoten im Netz, dann brauchst Du gar nicht um Aufmerksamkeit, Verlinkungen und um Beiträge bitten, denn dann kommen sie von selbst. Es gibt außerdem die gute Initiative Blogpatenschaften. Da bin ich übrigens als Patin drin.

Ich will und darf  in meinem Blog ausschließlich  nach meiner Mütze schreiben. Bin ich zu „streng“? Ich bin sicher nicht die einzige edubloggerin, die solche Anfragen bekommt. Wie geht es euch anderen damit?

WissensWert Blog Carnival Nr. 6 „Sein Wissen ins Netz stellen“

Im neuesten Wissenswert Blogcarnival fragt Lore Reß „Sein Wissen ins Netz stellen – bedeutet das, das Wissen an Diebe zu verlieren oder etwas zu gewinnen? Wird mir die Butter vom Brot genommen, oder kann ich damit auch etwas gewinnen?“

Mein Fazit gleich vorweg: Es gibt kein Wissen, das nicht angewendet wird. Als Lehrer gehört es zu meinen wichtigsten Arbeitszielen, dass andere mit „meinem“ Wissen arbeiten.

Nun habe ich einen großen Vorteil und kann natürlich leicht reden: Ich bin keine Freelancerin oder Ich-AGlerin, die sich ihre zahlende Kundschaft suchen muss. Ich bin in Amt und Brot beim Staat und muss mich nicht ums Geld kümmern, sondern nur um meine Arbeit. Das macht einen himmelweiten Unterschied.
Der Kern meiner Arbeit ist trotzdem vergleichbar mit dem von Akteuren auf dem privaten Lernmarkt: Ich organisiere und begleite Lernprozesse. Meine Professionalität besteht darin, wie gut oder schlecht ich das kann. Ich brauche dazu passende Instrumente aber ebenso die Kompetenzen, mit ihnen professionell umzugehen. „Ins Netz stellen“ – also publizieren – kann ich allenfalls die Instrumente und Erklärungen dazu, wie ich diese verwende. Meine professionelle Kompetenz kann ich jedoch nicht publizieren, ich kann sie nur in Ausübung meiner Tätigkeit, Lernprozesse zu organisieren, anwenden. Und da ich Lernprozesse für Lehrer und angehende Lehrer organisiere, habe ich ein Interesse daran, dass sie mein Wissen teilen. Mein spezifisches Kompetenzbündel ist an meine Person gebunden. („Das wichtigste Curriculum eines Lehrers ist seine eigene Person“, so Hartmut v. Hentig). Keineswegs besteht mein Wissen nur aus den Werkzeugen – die ich vielleicht in Teilen selbst erfunden habe – sondern auch aus der Fähigkeit zur Gestaltung der Prozesse, die ich jeweils situativ an die konkrete Lerngruppe anpassen und mit ihr zusammen entwickeln muss. Mein Wissen besteht also auch aus der Praxis-Erfahrung, über die ich zwar reflektierend schreiben kann, die ich aber durch Publikation nur bedingt an andere „weggeben“ kann. Erfahrungen kann man nicht vermittelnd übertragen. Man muss sie selbst erwerben. Ich habe also gar nicht die Möglichkeit, mein professionelles Wissen als Ganzes „wegzugeben“, sodass ich mir damit etwa selbst die „Butter vom Brot nehmen“ würde.

Wenn ich meine Reflexionen und Instrumente publiziere – ganz wurscht ob in Printmedien oder online, dann sind sie mit meinem Namen verknüpft. Dass sie trotzdem enteignet werden können, kann man natürlich nicht gänzlich verhindern. Ärgerlich ist bei solchen Fällen natürlich nicht nur, wenn ein Anderer sich damit „schmückt“, sondern ebenso oder erst Recht, wenn sie in anderem Sinne benutzt werden als ich das für richtig halte, „verfälscht“ und dann noch mit meinem Namen verbunden werden. Auch das kommt vor. Aber: Dieses Problem ist ein Problem von Publikation überhaupt – nicht nur ein Problem der Online-Veröffentlichung. Und was die „Bezahlung“ angeht: Wer publiziert schon, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Selbst viel publizierende Wissenschaftler kratzen über VGWort wenn’s hoch kommt 1000 Euro pro Jahr zusammen. Manchmal muss man sich für eine Printpublikation sogar an den Kosten beteiligen. Man muss publizieren, gerade wenn man seine „Kunden“ selbst finden muss. Womit soll man sie sonst überzeugen, wenn nicht mit den eigenen „Produkten“, die Ausweis der Kompetenz sind? Und wo kommt man besser an möglichst viele potenzielle Kunden heran als im Netz?

Wenn ich nicht publiziere, dann passiert noch etwas anderes Schreckliches:
Ich kann nur im eigenen Saft rühren, meine Ideen nicht kritisch diskutieren – außer mit den jeweiligen „Kunden“ und im engen f2f-Kollegenkreis. Ich verzichte dann auf die wichtigste Möglichkeit, meine professionelle Kompetenz zu verbessern: auf den Austausch und die Zusammenarbeit mit möglichst vielen, die für mein Weiterkommen Wichtiges beizutragen haben. Das brauche ich aber dringend und kontinuierlich. Wo geht es besser als im Netz? Eine Print-Publikation dauert ewig (wenn man überhaupt einen Herausgeber oder Verleger dafür findet), wird von wenigen gelesen und es gibt wenig Feedback, manchmal erst nach Jahren (von Austausch und Diskussion ganz zu schweigen). Im Web ist das ganz anders: Nach einiger Zeit entsteht ein Netz von Peers, das ich inzwischen als professionelle Lerngemeinschaft begreife und ohne das ich mir meine Arbeit überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Seit ich während dieser Netztätigkeit – die nur funktioniert, wenn ich auch meine eigenen Sachen zum Austausch anbiete – englisch gelernt habe, freue ich mich besonders, wie groß meine Lernwelt inzwischen geworden ist. Alles was vor dem Web war, war demgegenüber Krähwinkel. Und erst seitdem habe ich eine vage Ahnung davon, was Professionalität in Zukunft überhaupt erst werden könnte.

Eines meiner entscheidenden Erlebnisse in dieser Hinsicht war vor vier Jahren die Entdeckung eines kanadischen Lehrers, der mit seinen Schülern bloggte. Er stellte seine Instrumente (auch die Schülerarbeitsbögen) erst ins blog, später in flickr, und seine Praxisreflexionen teilte er offen im Netz mit. Ich verwende in meinen eigenen Seminaren seine Strategie und seine „Papiere“ – und trage damit nebenbei auch ein Stück dazu bei, dass sein Name hier bekannt wird.

Zweimal ist es mir bislang passiert, dass jemand in meiner Gegenwart mit meinen Instrumenten arbeitet, ohne die „Quelle“ anzugeben. Wahrscheinlich war sie ihm gar nicht bekannt. Beim ersten Mal war ich noch versucht zu sagen: Höhö, das ist von mir! Beim zweiten Mal erlebte ich ein Glücksgefühl: Sie an, was du erfunden hast, taugt offenbar und verbreitet sich!

Was kann einem „Lehrer“, einem „Wissensverbreiter“ Befriedigenderes zustoßen?

My re:publica 09

re:publica? Davon hatte ich zwar schon „gehört“ – also im Netz gelesen -, aber dass sie etwas für mich sein könnte, hatte ich bis zum 2. April 09 nicht gedacht. Was sollte eine in die Jahre gekommene Lehrerin mit einer riesigen Ansammlung von jungen Nerds – und dann auch noch f2f ? Meine Güte!
Aber Martin Riemer hat mich bequatscht und Tanja Haeusler hat mich eingeladen zu kommen und dort in einem Panel mit der Jugend zu sitzen und einen Vortrag zu halten. Danke für die Einladung und für die Überredungskünste – denn schließlich habe ich mich doch getraut. Zum Glück, denn sonst hätte ich wirklich viel verpasst. Nachträglich weiß ich, dass ich auch den ersten Tag nicht hätte verpassen dürfen. Schade, dass ich erst am zweiten Tag nachmittags dazustieß.
So viele interessante Vorträge, Gespräche, Kontakte …
Gut gefallen haben mir Tina Guenthers Vortrag Digitale Identität und Christiane Links Beitrag zum selben Thema. Auch von Jan Schmidts Vortrag Das neue Netz habe ich viel mit nach Hause genommen, obwohl noch einiges zu diskutieren offen bleibt. (Nicht zuletzt die Wahl seines Hamburger Fußballvereins ;-() Ein bißchen enttäuscht war ich von Jimbo Wales und auch von Mary C. Joyce Vorträgen. Sie bestätigten nur, was schon bekannt war. Aber sehr gerne hätte ich die beiden natürlich als Speakers in meinem Institut!

Besonderes Highlight war mir Esra’a al Shafei mit ihrer spannenden Präsentation Political evolution und für meine Praxis äußerst nützlich außerdem die Vorstellung der Jugendplattformen im Workshop Jugendbildung – soziale Software sowie Jöran Muuß-Merholz und Guido Brombachs Schulen ins Netz. Bestimmt ergeben sich Möglichkeiten zur Zusammenarbeit!

Mein Vortrag Ne(x)t Generation? Bildung im Übergang von der Arbeitsgesellschaft zur selbstreflexiven Lerngesellschaft hat hervorgerufen, was ich mir am meisten wünschte: Widerspruch und Diskussion, kritische Einzelgespräche aber ebenso auch viel zustimmendes Feedback. Vielen Dank an alle.