Welche „digitale Bildungsrevolution“ wollen wir?

„Hauptsache digital, alles andere egal!“ war gestern

Aufregung herrscht unter den „digital affinen“ Pädagogen: Etwas ist ganz anders als noch im letzten Jahr. Mitglieder der „Netzgemeinde“, die „Computerfreaks“, die bisher fast überall „in Bildungskontexten“ als verschroben belächelt wurden, werden ernstgenommen und hoffähig. Sie sind plötzlich als Berater für die große Politik gefragt, werden als Referenten in Kultusbehörden eingestellt und zu Vorträgen vor Politikerrunden und Initiativen zur „Digitalisierung der Bildung“ eingeladen (von den üblichen Workshops und Vorträgen für Lehrer und andere Bildungsakteure ganz abgesehen). Da jubelt der Digitale-Bildung-Freak. Weiterlesen

Lernen Lernen lernen mit dem persönlichen Lernnetzwerk. Wie im digitalen Zeitalter eigensinnig und gemeinsam gelernt wird

Hier mein Vortrag auf der #relearn der re:publica 13 verschriftlicht:

Foto: Barrett Lyon, The Opte Project, Nov. 23, 2003

Foto: Barrett Lyon, The Opte Project, Nov. 23, 2003

Oft wird viel zu früh danach gefragt, wie sich „die Bildung“ – verstanden als Unterricht und Lehre – zu verändern habe, noch bevor überhaupt begriffen worden ist, wie sich das menschliche Lernen mit dem Leitmedienwechsel verändert. Und dann gibt es eben die bekannten Kurzschlüsse. Schon historisch gesehen macht es jedoch keinen Sinn, Lernen und institutionalisiertes Lehren als Einheit zu denken. Denn Schule als allgemeinbildende Pflichtschule existiert ja noch nicht mal 1/300 der Zeit, die die ohne Schule trotzdem ständig lernende Menschheit schon existiert.
Ich beschäftige mich heute daher nicht mit Schule oder Hochschule, sondern mit dem Lernen. Weiterlesen

Was ist das *dings* und was bedeutet es für die Geschichtsdidaktik? Anmerkungen zur Tagung Geschichte Lernen digital

Was ist das *dings* und was bedeutet es für die Geschichtsdidaktik?
Anmerkungen zur Tagung Geschichte Lernen digital

Diese Tagung war für mich äußerst anregend, und ich danke noch einmal herzlich für die Einladung!
Viele Gedanken haben sich mir im Nachklapp der Tagung zur Weiterführung aufgedrängt. Einen Strang davon möchte ich hier grob und vorläufig skizzieren.

1. Das Unterscheiden macht den Unterschied

Unterschieden wird leider selten das Normative vom Analytischen. Diese Unterscheidung zu treffen, ist kein Bestandteil des Alltagsbewusstseins. Auch Didaktiker haben in ihrer wissenschaftlichen Arbeit zuweilen Mühe damit, obwohl gerade für sie, die an der Grenze beider Denkräume operieren, das Unterscheiden dieser beiden Dinge zum grundlegenden Handwerkszeug gehört. Weiterlesen

Medienrevolution

Die taz veranstaltet einen Medienkongress , gefragt wird, „Schafft das Internet Freiheit – ja oder nein?“ (die Frage inwiefern beides möglich ist, gibt’s hier nicht), es gibt „Alles zur Medienrevolution“ und „Hier spricht die Revolution“, aber Detlev Kuhlbrodt blickt schon zurück  auf die offenbar schon ziemlich vergangene Medienrevolution.

Wie nun: läuft sie gerade, die Revolution, war sie schon oder kommt sie erst noch? Wie wird Revolution hier verstanden? Weiterlesen

Der Kongress der Pferdekutscher

Ich liebe historische Analogien, sie sind mir als Erkenntnis-Instrument mindestens so viel wert , wie anderen ihre Metaphern.

Nun kam mir anlässlich eines kürzlich durchgeführten Kongresses ein Zitat von  McLuhan in Erinnerung, das ich vor Jahren in einem Aufsatz von Georg Rückriem gelesen und das mich sehr überzeugt hatte:

„Worüber sprach man bei der Konferenz, Marshall?“, fragte ich. „Ach, über die Automation“, war die Antwort. „Weißt du“, sagte er dann, „es war gerade so, als ob die
Pferdekutscher um 1905 eine Versammlung einberufen hätten, um über die gesellschaftlichen Folgen des Automobils zu diskutieren. Ein Professor hält eine sehr gelehrte Vorlesung über die Umschulung von Pferden. Ein anderer legt statistische Unterlagen vor, um nachzuweisen, dass durch das Automobil die Nachfrage nach Pferden und ihren Wert stark steigen werden; man werde ja soviel mehr als bisher brauchen, um Automobile aus dem Graben zu ziehen.“

Peter F. Drucker, in: McLuhan, Marshall (1995):  Die magischen Kanäle. Understanding Media, Basel/Dresden, Verlag der Kunst (Orig. 1964), S. 12 Weiterlesen

Medienbegriff

Immer dringlicher wird die Notwendigkeit einer Orientierung im Dschungel der Medienbegriffe. Nicht nur unterscheidet sich hier  – wie bei allen Begriffen – der Alltagsbegriff vom wissenschaftlichen Begriff. Hier macht sich auch noch besonders bemerkbar, dass es viele Wissenschaftler und Praktiker oft gar nicht für notwendig halten, ihren Medienbegriff zu explizieren. Ja, zuweilen scheint es, dass sich mancher seinen eigenen Begriff selbst noch nicht wirklich klar gemacht hat. Gerne wird so aneinander vorbei geredet, indem man die verschiedenen Praxisvorstellungen  – z.B von Bildung im digitalen Zeitalter – gegeneinander hält, ohne zu realisieren, dass diese Resultate eines jeweils anderen impliziten Medienbegriffs sind.

Dieses Verständnisproblem und die daraus resultierenden Kommunikationsprobleme, strategischen Probleme und solche auf der ganz alltäglichen Praxisebene ergeben sich vor allem dort, wo es um Erziehung, Bildung und Lernprozessgestaltung geht.

Ich freue mich daher sehr, dass ich hier einen Aufsatz von Georg Rückriem zum Medienbegriff veröffentlichen darf, den er kürzlich als Vortrag am Seminar für Grundschulpädagogik der Universität Potsdam gehalten hat:

Georg Rueckriem: Mittel, Vermittlung, Medium. Bemerkungen zu einer wesentlichen Differenz

Dieser Text erklärt – ausgehend vom Alltagsverständnis – den heutigen medientheoretischen Medienbegriff. Man erfährt, warum „Medien nicht optional sind“ und worin der Unterschied zwischen „Mittel“ und „Medien“ besteht. Man lernt, die „Verwechslung von Landkarte und Territorium, bzw. von Speisekarte und Mahlzeit“ zu erkennen und zu vermeiden, wenn man sich auf einen medientheoretischen bzw. medienphilosophischen Begriff einlässt, mit dem der „Raum“ bezeichnet wird, „innerhalb dessen die durch Mittel vermittelte Beziehung überhaupt erst möglich ist.“ Medien sind demnach „die unsichtbaren, nicht materialisierbaren Informations- und Kommunikationssysteme“ (S. 5)

Darüberhinaus wird in diesem Aufsatz die Gieseckesche Modellierung einer Übergangsgesellschaft anschaulich erläutert.

Deutlich wird auch der Nutzen dieses wissenschaftlichen Begriffs von „Medium“ für die eigene Praxis, z.b. dass man geduldiger und gelassener mit auch schrillen Widersprüchen umgehen kann, wenn man sie als historische Übergangsphänomene sieht.

Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt, alle die Medienbegriff-Interessierten aus meinem Twitterverse, @filterraum @vilsrip @cervus @schb und @jmm_hamburg, die #leitmedienwechsler, sowie @martinlindner @mwoodtli  @acwagner und und und …

Georg Rückriem wird gerne eure Kommentare kommentieren – hat er jedenfalls versprochen.