Lehrer müssen begeisterte Dickbrettbohrer, Problemknacker und Expeditionsleiter sein

„Wenn es schwierig wird, schaut man ins Handbuch der Behördenanordnungen.“
„Ich muss erst meinen Vorgesetzten fragen.“
„Lieber nichts gemacht als was falsch gemacht.“
„Ich bin nicht zuständig!“
„Wir haben dafür schon ein Programm.“
„Wir können leider nichts machen, da wir dazu nicht befugt (beauftragt) sind.“

So und ähnlich lauten die (un-)ausgesprochenen Systemregeln für ein problemarmes (Lehrer-) Dasein Weiterlesen

Gastbeitrag: Abitur nachholen

Ich freue mich über einen Gastbeitrag in shift und danke dem Autor für seine Hartnäckigkeit:

Christian Schlender schreibt heute über seine Website Abitur nachholen:

 

Eine zentrale Anlaufstelle fürs Abitur nachholen

Als erstes möchte ich mich bei Frau Rosa bedanken, dass ich trotz anfänglicher Skepsis (siehe Artikel „Netzwerken“) die Möglichkeit bekomme, mich und mein Webangebot von http://www.abi-nachholen.de kurz vorzustellen. In den Kommentaren dürfen Sie gern ihre Meinung zu meiner Webseite kundtun, ich versuche zudem etwaige Fragen möglichst gut zu beantworten. Über Feedback freue ich mich generell sehr, denn nur so kann ich mein Angebot voranbringen. 

Was ist abi-nachholen.de? Worum geht es? 

Um es kurz und knapp zu formulieren: Mein Projekt soll die derzeitig zur Verfügung stehenden Wege zum Abitur, insbesondere im Zweiten Bildungsweg (auch SfE, Schule für Erwachsene), möglichst allgemein darstellen. Mit der Zeit haben sich zum Hauptthema noch weitere dazugesellt (Studieren ohne Abitur, Lernen, Förderung, usw.), ebenso wie neue Funktionen. 

Zu der Idee einer solchen Seite bin ich nach Abschluss meines eigenen Abiturs 2007 gekommen, das ich jedoch an einer allgemein bildenden Schule im ersten Anlauf erworben habe. Doch mir wurde klar, dass vielen diese Möglichkeit verwehrt blieb, wenn man sich in Erinnerung führt, wen man auf dem langen Schulweg so „verloren“ hat. Auch wenn es bei mir schnell weiterging (mein Grundwehrdienst war anzutreten), habe ich die freie Zeit genutzt, um ein bis dato nicht existierendes Portal im Bildungsbereich zu schaffen, um all denjenigen einer erste zentrale Anlaufstelle zu bieten, die sich für das Abitur nachholen interessieren. Je nach Bundesland gibt es einige Unterschiedene und andere Möglichkeiten, bspw. weil es eine bestimmte Schulform in der Art und Weise nicht gibt, oder eine zusätzliche Möglichkeit (zum Beispiel die FOS 13) geschaffen wurde. Ich selber hatte mich zuvor immer jahrelang über das eigene Brötchenbacken der Länder in Sachen Bildung aufgeregt. Im Web haben die meisten Bundesländer zwar eigene gute Bildungsseiten, jedoch gibt es kaum gute und vor allem detaillierte Informationen zum gesamtdeutschen Bildungsangebot. Ich habe mich daraufhin durch die einzelnen Angebote der Kultusministerien gekämpft und versucht, die vielen Wege zum Abi, darzustellen.

Mit der Zeit reichte mir aber eine schlichte Informationspräsentierung nicht mehr aus und so entstand im Laufe des Jahres 2008 der Abitur Laufbahn Rechner. Diese kleine eigene Erfindung ist äußerst praktisch, denn sie ermöglicht dem interessierten Besucher nach Eingabe einiger relevanter Lebenslauf-Daten passende Wege zum Abitur auszugeben. Dabei wird neben zutreffenden Institutionen auch die ungefähre Dauer bis zum höchsten, deutschen Schulabschluss übersichtlich präsentiert. Um weiter die Interaktion zu fördern, habe ich mich dann dazu entschlossen, auch ein Forum zu integrieren. Viele Fragen sind dort mittlerweile eingetroffen, die ich immer versucht habe, so gut wie möglich zu beantworten. 

Ein kleiner Blick in die Zukunft

Für das nächste Jahr soll sich auf abi-nachholen.de einiges tun. Ein großer Relaunch der Seite mit vielen neuen Infos (u.a. Fächer, Abiturvorbereitung, Abitur Abschluss, uvm.) und einem neuen Design ist geplant. Nun soll auch ein eigener Bildungsblog hinzukommen, um leichter Teil des edu-Netzwerkes zu werden und nicht mehr andere um Aufmerksamkeit anbetteln zu müssen 😉

Auslese und Bildungserfolg

„Man kann in der Wahl seiner Eltern nicht vorsichtig genug sein“ – so lautete ein Spruch meines Lateinlehrers.

Die Bedeutung des richtigen Geburtstermins am richtigen Ort spielt für den Bildungserfolg und damit für die Potenzialitäten des weiteren Lebens in Deutschland tatsächlich eine herausragende Rolle.
Dass Kompetenzen nicht genetisch fixiert oder angeboren sind, sondern lernend erworben werden, ist eine Binsenweisheit und kann von niemandem ernsthaft infrage gestellt werden. Die Tatsache jedoch, dass auch die Fähigkeiten, bestimmte Gegenstände zu lernen, ebensowenig angeboren oder genetisch fixiert sind, sondern sich ebenfalls erst während des Lernens und durch das Lernen eben dieser Gegenstände entwickeln, scheint noch nicht allseits begriffen worden zu sein.
Diese Begriffsstutzigkeit wird vor allem von denjenigen gepflegt, die unter allen Umständen und entgegen den Zeichen der Zeit immer noch am biologistischen Begabungsmodell festhalten, um das deutsche Gymnasium (Elite gegen Schmuddelkinder) weiterhin einsam gegen den Rest der Welt am agonieröchelnden Leben zu erhalten. Auch in der Hamburger CDU tobt der politische Kampf um die Rettung der Exklusivitätsprivilegien der Herkunftselite.
Auf dem gestrigen CDU-Sonderparteitag stand speziell die Einführung der Primarschule in Hamburg (Verlängerung der gemeinsamen Lernzeit aller Schüler um zwei popelige Jahre) zur Auseinandersetzung. Der Hamburger Regierende Bürgermeister, Ole von Beust, trat dabei dankenswerterweise und hoch wirksam in der guten politischen Tradition des öffentlichen Outings (nach dem Modell „Wir haben abgetrieben„) hervor:

„Er selbst sei ein Beispiel für die Schwächen des alten Schulsystems. Seine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium sei nicht besonders gut gewesen, aber er habe die Empfehlung doch bekommen, weil es hieß, man könne doch den Sohn des Wandsbeker Bezirksamtsleiters nicht durchfallen lassen“

so sein Bekenntnis laut dem Hamburger Abendblatt.

Ich werte dieses Bekenntnis als Eröffnung einer Liste „Ich bekenne: Meiner Bildungskarriere wurde durch Herkunft nachgeholfen“.

Ich setze mich hiermit an die zweite Stelle dieser Liste in der Hoffnung auf rege Beteiligung an der Fortsetzung.

Ich bekenne, dass ich durch die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium durchgefallen bin. Ich konnte am Ende der 4. Volksschulklasse nicht rechnen, sondern nur zählen. Dass ich trotzdem in die Sexta des Elite-Mädchengymnasiums meiner Heimatstadt aufgenommen wurde, lag an meiner Herkunft: Ich entstamme einer bekannten Akademikerfamilie meiner Heimatstadt. Mein hübscher Aufsatz und meine korrekte Rechtschreibung im Diktat der Aufnahmeprüfung haben laut Aussage der Schulleiterin damals nur im Zusammenhang mit meiner Eigenschaft als Tochter meiner Eltern als Ausgleich für meine Mathematikblödigkeit (heute „Diskalkulie“) gewertet werden können. Dass ich es im Laufe meiner neunjährigen Gymnasialbeschulung schaffte, mich zu einer echten Mathematik-Drei in der schriftlichen Zentralabiturprüfung hochzuarbeiten, geht dann allerdings auf das Konto eigener Bemühungen und – wieder zugegeben – elterlich finanzierter Förderung durch Nachhilfe. Voilà!

Die Bekenntnisliste kann gerne in Kommentaren ergänzt werden.

Was ist dran an der Zweigliedrigkeit?

Nachdem auch nach dem PISA-Schock 2000 die Schulstruktur als Thema des bildungspolitischen Diskurses noch jahrelang bildungspolitisch tabuisiert und mit der Diffamierung als „ideologischer Grabenkampf“ abgewehrt wurde, ist sie nun doch noch als wichtig für die Rekonstruktion des gescheiterten Bildungssystems von der Bildungspolitik entdeckt worden. Derzeit machen vor allem Konzepte zur Schulstruktur-Reform unter dem Begriff der Zweigliedrigkeit Furore. Sie erscheinen als der avancierte Schlüssel zur Überwindung der Dysfunktion des Systems und zu seiner Modernisierung.

Aber sind sie wirklich der Weisheit letzter Schluss?
Kann die Reduktion der Mehrfachgliederung des Systems auf eine Zweigliedrigkeit die Probleme des deutschen Schulwesens wirklich lösen? Kann das berühmte Deutsche Gymnasium erhalten werden und doch gleichzeitig die negativen Effekte der selektierenden Unterscheidung von Schülern in gymnasial bildbar/nicht gymnasial bildbar vermieden werden? Oder handelt es sich bei dem Konzept der Zweigliedrigkeit um einen neuen Versuch der Quadratur des Kreises, einen neuen Versuch, sich zu waschen ohne nass zu werden? Was ist wirklich dran an dem bisher radikalsten Reform-Modell der Bildungsministerien – in Hamburg und Berlin?

Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium im Ruhrgebiet und 10 Jahre Bildungspolitikerin im Landtag von NRW. Sie hat über die Sonderschule für Lernbehinderte an der TU Berlin promoviert und ist derzeit als freie Bildungsjournalistin tätig.
Über Georg Linds Bildungsinfo erreichte mich Brigitte Schumanns ausgezeichneter Beitrag zu diesem Thema. Ich halte ihn für eine großartige Diskussionsvorlage und erhielt von ihr die Erlaubnis, ihn hier zu (erst-)veröffentlichen und zur Debatte zu stellen.

Brigitte Schumann argumentiert und begründet in ihrem Aufsatz „Pragmatische Scheinlösungen oder ein demokratisches Schulsystem? Wider die Zweigliedrigkeit“ auf der Grundlage empirischer Befunde, warum dieser Reformansatz nicht geeignet ist, die Aussortierung unserer Kinder nach sozialer Herkunft und die damit verbundene Chancenungleichheit im Zugang zur derzeit bestmöglichen Bildung in der Republik zu beenden. Sie erklärt außerdem, warum nicht einmal das deutsche Gymnasium die beste Bildung für ihre eigenen Zöglinge ermöglicht. „Das Gymnasium sichert Bildungsprivilegien“ sagt sie. Es ist in erster Linie diese Funktion, die das Gymnasium bedient – nicht die der bestmöglichen Bildung.

„Es ist wahrhaftig nicht die Pädagogik des Gymnasiums, die seine Beliebtheit bei gymnasialorientierten Eltern ausmacht. Im Gegenteil, ist doch die pädagogische Qualität des Lernens mit der Verkürzung der Lernzeit bis zum Abitur auf 8 Jahre (G8) noch stärker gesunken. Nach einer aktuellen Untersuchung ist fast jeder zweite Schüler am Gymnasium inzwischen auf Nachhilfe angewiesen.“

„Schule in der Demokratie sieht anders aus. Eine Zwei-Klassen-Lösung vertieft im Angesicht der Finanz-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise schon vorhandene gesellschaftliche Segregationsprozesse, wie wir sie z.B. auch als Folge einer versäumten Integrationspolitik für Migranten in Deutschland heute wahrnehmen. Eine solche Entscheidung ist grundsätzlich dysfunktional zu dem Anspruch auf Bildung in einer demokratischen Gesellschaft.“

Hier der ganze 5-seitige Artikel „Pragmatische Scheinlösungen oder ein demokratisches Schulsystem? Wider die Zweigliedrigkeit“ von Brigitte Schumann. Es lohnt sich, sich mit ihren Thesen, Argumenten und den von ihr genannten empirischen Befunden auseinanderzusetzen. Es lohnt sich nicht nur, sondern ist m. E. ein Muss, wenn man in dieser Sache auf einer Grundlage mitreden möchte, die über ein bloß subjektivistisches Alltagsverständnis aus der eigenen Praxiserfahrung hinausgeht.

BrigitteSchumann_WiderDieZweigliedrigkeit (pdf, 105 KB)

Gedanken zum "individualisierten Unterrichten"

Traxler

Hans Traxler, Chancengleichheit, in: Michael Klant , [Hrsg.] , Schul-Spott : Karikaturen aus 2500 Jahren Pädagogik ,Fackelträger, Hannover 1983, S. 25

Diesen schönen Cartoon kennen wir alle.
Aber was sagt er uns darüber hinaus, dass Schule ungerecht ist, wenn sie den unterschiedlichsten Individuen das Gleiche abfordert und darauf Noten verteilt?

Als der Cartoon 1983 herauskam, hatte ich gerade mein Referendariat begonnen. Wir waren alle begeistert damals: Ja, so ein wunderbar kritischer Kommentar zum Schulwesen! Ist doch klar: Die Prüfungsaufgabe ist ungerecht und ungerecht darum die Bewertung. Aber sind Menschen denn wirklich so verschieden? Eigentlich glaubten wir doch, dass im Prinzip alle Menschen alles lernen können, auch wenn sie verschieden sind, und dass es keine angeborenen Unmöglichkeiten gibt. War das denn so falsch?

Und dann: Wie konnte angesichts eines für alle gegebenen Baumes eine gerechte Aufgabenstellung denn lauten?

Vielleicht eine Aufgabe, die für alle gleichermaßen zu meistern wäre? Den kleinsten gemeinsamen Nenner? „Geht so nah ihr könnt, an den Baum heran?“ – Dann gäbe es aber für alle nicht viel zu lernen.

Oder etwa jedem eine andere Aufgabe? – Aber wie sollte das gehen, wir mussten doch allen das Gleiche beibringen. Sollten wir vielleicht jedem trotz gleichen Unterrichts im Bäume-Erklimmen die Prüfungsaufgabe auf seinem eigenen Level stellen, damit jeder eine 1 machen konnte? Also zum Ausgleich der ungleichen Start-Chancen an der Bewertung „drehen“? – Manche von uns glaubten damals tatsächlich an eine solche Lösung des Problems.

Jahre später versuchten wir das Problem mit einer anderen Variante zu lösen:
Alle sollten auf den Baum hinauf kommen, aber jeder sollte dafür die Hilfsmaßnahmen und die Unterstützung erhalten, die er dafür benötigte. – Das hieß dann: spezielle Förderung für die Gehandicapten. (Diese gab es dann jedoch in der Praxis niemals ausreichend.)
Und hieße das dann nicht auch – um im Bild zu bleiben –, den Fisch mitsamt seinem Wasserglas auf den Baum hinaufzusetzen? Und vielleicht noch eine Aufgabe zur Teamentwicklung dazu: Der Affe hievt den Fisch hinauf anstelle des Lehrers (und alle zusammen den Elefanten), dann können auch noch social skills-Punkte erworben werden?

Oder läge die Lösung vielleicht darin, dass nicht allen die gleiche Aufgabe zu stellen wäre, sondern jedem eine andere – gemäß seinen in die Schule mitgebrachten Fähigkeiten – die wir noch immer mit den Möglichkeiten verwechselten? – Dem Affen also die Baumkrone, dem Elefanten das Baumausreißen, dem Fisch vielleicht eine Beobachtungsaufgabe – das Kletterprotokoll der anderen. Hm.

Aber klar war und ist bei all diesen Varianten für uns Lehrer dabei immer noch: WIR stellen die Aufgaben. WIR wissen, was es zu lernen gibt, und wir formulieren Standards für das Niveau des Lernerfolgs. Der Fisch wird jetzt genötigt, eine Lernzielvereinbarung für den Erwerb einer Protokollier-Kompetenz zu unterschreiben, und die Schlange – doch, doch, es gibt sie, Traxler hat sie nur vergessen zu zeichnen! – darf jetzt selbst entscheiden, auf welchem Lernwege und in welcher Geschwindigkeit sie sich um welche Äste des Baumes winden möchte, um die Krone zu erreichen.

Vielleicht kommen wir aber doch mal dahin, die uns anvertrauten Geschöpfe nach ihren eigenen Lernwünschen und ihrem eigenen Sinn zu fragen? – Vielleicht so: Welchen Sinn könnte für dich der Baum machen, was könntest du daran lernen wollen, welche Aufgabe möchtest du dir selbst stellen?
Und vielleicht ist ja genau das die Aufgabe für ALLE, nämlich seinen eigenen Sinn finden zu lernen?
Hier beende ich meine Gedanken zum Cartoon, bevor ich mich noch hoffnungslos im Geäst versteige und den Rückweg aus dem Baum meiner Zukunftswünsche für ein selbstbestimmtes lustvolles Lernen in die Schulrealität heute nicht mehr finde.

Bildungsbiografie im selektierenden Schulsystem

Bildungsforschung kann vieles sein, sie muss keineswegs immer in testbasierten Empirismus ausarten bzw. auf solchen reduziert werden. Zum Aufschluss der Kern-Probleme eines Systems und zur Identifizierung der tatsächlich notwendigen und möglichen Veränderungen können auch andere Methoden eine große Bedeutung haben – etwa die wissenschaftliche Beobachtung von Unterricht oder auch bildungsbiografische Studien, beides Methoden, die in Deutschland sehr vernachlässigt wurden. Es gibt bisher nur wenige Studien zur Beobachtung echten Unterrichts und Bildungsbiografien habe ich bislang noch keine gefunden. Aber auch solche Studien können sehr verschieden angelegt sein – entweder als Massen-Untersuchung mit den dann notwendigen Standardisierungen – oder als qualitative Tiefen-Untersuchung weniger einzelner Beispiele.

Bisher war die Bildungsforschung nicht mein Arbeitsterrain gewesen. Aber kürzlich traf ich Manuel H., einen meiner ehemaligen Schüler in der U-Bahn, und auf die Frage, wie es ihm ginge, hielt er mir strahlend sein eben gerade erworbenes Einser-Ingenieurs-Diplom quasi unter die Nase. Tolle Leistung! Natürlich freute ich mich mit ihm und gratulierte herzlich. Das besonders Beeindruckende an dieser Leistung besteht jedoch darin, dass Manuel seine Schulkarriere in der Sonderschule begonnen hatte und dort und in der weiterführenden Haupt- und Realschule trotz hervorragender Leistungen und vorbildlichem Sozial- und Arbeitsverhalten durch seine Lehrer notorisch vom Besuch eines Gymnasiums ferngehalten worden war. Warum das Schulsystem ihm hartnäckig den Aufstieg im System verweigert hatte, und wie er es trotzdem geschafft hatte, aufs Gymnasium zu kommen und nach einem Besten-Abitur ein anspruchsvolles Studium mit einer Elite-Leistung abzuschließen – das wollte ich jetzt unbedingt herausfinden. Manuel erzählte mir alles in einem langen Interview, das wir anlässlich unserer Zufalls-Begegnung vereinbarten, und er gab mir auch die Erlaubnis, seine Schülerakte einzusehen.

Die unglaubliche Bildungsgeschichte, die sich in einem fünfstündigen Gespräch mit Manuel vor meinen Ohren entfaltete, fasste ich in einem gekürzten Interview-Text und meinem Auswertungs-Kommentar zusammen. Aber man erfährt nicht nur etwas über Manuels Geschichte, sondern auch Wichtiges über die Funktionsweise des Schulsystems, und man versteht anschließend, warum es auf ganzer Linie scheitert. Den Text „Vom Sonderschüler zum Diplomingenieur: Eine Hamburger Bildungsbiografie“ hat Manuel autorisiert und zur Veröffentlichung freigegeben. Auf keinen Fall wollte er jedoch seinen wirklichen Namen oder gar sein Bild veröffentlichen lassen. Warum nicht? – Wenn man das Interview gelesen hat, versteht man seine Bedenken sehr gut.

Download: Vom-Sonderschueler-zum-Diplomingenieur-Eine-Hamburger-Bildungsbiografie (pdf, 151 KB)