Medienrevolution

Die taz veranstaltet einen Medienkongress , gefragt wird, „Schafft das Internet Freiheit – ja oder nein?“ (die Frage inwiefern beides möglich ist, gibt’s hier nicht), es gibt „Alles zur Medienrevolution“ und „Hier spricht die Revolution“, aber Detlev Kuhlbrodt blickt schon zurück  auf die offenbar schon ziemlich vergangene Medienrevolution.

Wie nun: läuft sie gerade, die Revolution, war sie schon oder kommt sie erst noch? Wie wird Revolution hier verstanden? Weiterlesen

Zitate für 2011, Nr. 2

Die Revolution haben wir auf der Straße gemacht, aber ohne Youtube, Facebook und Twitter wäre uns dies nicht gelungen.

Der tunesische Student Ali Bouzizi auf dem Weltsozialforum in Dakar 2011, zit. n. taz, 12./13. 2. 2011

Zitate für 2011, Nr. 1

Georg Rückriem, Vygotskij- und Leont’ev- Kenner, hat mich dankenswerterweise auf dieses Vygotskij-Wort aufmerksam gemacht, mit dem 2011 ganz gut eingeleitet wird:

Eine Revolution reißt den Dingen stets ihre alten Bezeichnungen ab, in der Politik wie in der Wissenschaft.

In: Vygotskij, Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung. Ausgewählte Schriften, hersg. von Joachim Lompscher, Bd. 1, Berlin: Lehmanns Media 2003, 158

Kulturrevolution des Lernens

Im  Taz.lab am Samstag, dem 24. April wird es um 14:00 eine Veranstaltung geben zum Thema:

Kulturrevolution des Lernens. Wie Wissen (von) morgen entsteht.

In Vorbereitung darauf, und weil ich nicht besonders gut im Extemporieren bin, habe ich hier schon mal ein paar Essentials meiner Gedanken zusammengeschrieben. Wer nicht live dabei sein kann, oder dort nicht ausreichend zu Wort kommt, kann hier mein Statement kommentieren und als Kommentar auch gerne ein eigenes Statement abgeben.

Kulturrevolution des Lernens. Wie Wissen (von) morgen entsteht

Leitfrage des Panels: Läßt sich im digitalen 21. Jh. noch mit dem kanonischen Wissensbegriff des 19. Jh. arbeiten?

 Nein, natürlich nicht! 😉

1. Warum nicht?

Wir befinden uns in einem gesamtgesellschaftlichen, die gesamte Menschheit betreffenden Transformationsprozess – alle ernstzunehmenden Medienwissenschaftler (-Historiker, -Soziologen, -Philosophen) und auch die Systemtheoretiker und Wissenssoziologen (z.B. Helmut Willke) sprechen seit vielen Jahren schon von einer Medienrevolution als Kulturrevolution, die vergleichbar ist mit der sozialen Revolution im Gefolge der Erfindung des Buchdrucks, der Industriellen Revolution. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft in allen ihren Systemen und Subsystemen:

Die Hauptressource der gesellschaftlichen, also zuvörderst der ökonomischen Entwicklung, ist jetzt nicht mehr materieller Natur – also Grund und Boden, Kapital und physische Arbeitskraft – sondern symbolischer Natur. Wissen ist die Hauptproduktivkraft menschlicher Gesellschaft geworden. Schon jetzt. Das ist empirisch nachweisbar und offensichtlich.

Die Gesellschaft reproduziert sich über die Weitergabe ihrer Kultur an die nachfolgenden Generationen. Kultur, das ist das kollektive Gedächtnis bzw. das zur Aufrechterhaltung der Gattung relevante Wissen der Menschheit. Die Weitergabe erfolgt durch geeignete Organisierung von Lernprozessen – sowohl solche der Individuen (psychischen Systeme) als auch der sozialen Systeme (also der Organisationen und Institutionen der Gesellschaft). Letzteres wird immer gerne vergessen in den öffentlichen Diskursen um „Neues Lernen“.

Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hat gezeigt, dass sich die Trajektorie der Entwicklung – in Koevolution mit der Medienentwicklung – nicht nur in quantitativem Zuwachs von Erkenntnissen und Fähigkeiten und den daraus resultierenden Verbesserungen des Bestehenden bewegt, sondern in Kurven, die nach langen Phasen der Optimierung zu einem alle Bereiche des Lebens betreffenden Qualitätssprung führen, eben zu einer neuen Kulturstufe, die einen Höhepunkt erreicht und dann zunehmend in eine Zuspitzung ihrer eigenen Widersprüche gerät, die dann wiederum zu ihrem Absterben und zur erneuten Herausbildung einer neuen Qualität führt.

Aber dieser Sprung geschieht nicht plötzlich, sondern zieht sich hin über Generationen. In einer Übergangszeit von der alten Kultur in die sich mühsam herausbildende neue gibt es eine Menge Widersprüche mit einer Menge Turbulenzen und Kämpfen in allen Bereichen. Alles Bestehende kommt auf den Prüfstand, nicht nur ob, sondern insbesondere inwiefern es in der neuen Kultur einen Platz hat. Es gibt Altes, das verschwindet (das sind die notwendigen „Verluste“), es gibt Altes, das einen völlig neuen Systemplatz und eine neue Bedeutung erhält, also verwandelt wird, und es gibt Neues, das sich erst herausbildet. Diese drei Prozesse laufen parallel und in wechselseitiger und widersprüchlicher Abhängigkeit.

2. Neuer Wissensbegriff

Dabei muss sich notwendigerweise auch das Verständnis, also die Begriffe von allem verwandeln. Wie verstehen wir Gesellschaft, wie sehen wir unsere Ökonomie, unsere Politik, unsere Beziehungen, unsere Kommunikation, was verstehen wir unter Entwicklung und Fortschritt, und eben auch hier bezogen auf die neue prämierte Produktivkraft Wissen:

  1. Was verstehen wir unter Wissen?
  2. Wie erwerben wir dieses Wissen? Also wie konzeptionalisieren wir Lernen (als Operationsform von Wissenserwerb und -produktion)?
  3. Wie prozessieren und organisieren wir dieses Lernen?

Der Wissensbegriff, mit dem wir am Ende der Buchgesellschaft/Industriegesellschaft noch sozialisiert worden sind, und der noch immer in der Regel das Funktionieren unserer Bildungsinstitutionen beherrscht, lautet kurzgefasst so:

Das kultur-relevante Wissen ist gespeichert in Büchern, Bibliotheken und einzelnen Köpfen der Akademischen Elite. Diese verwaltet auch die Unterscheidung in relevant/nicht relevant.

Die dazugehörige Konzeption von Lernen lautet: Dieses archivierte Wissen als „Inhalte“ und „Handlungs- bzw. Prozesswissen“ wird durch Unterricht in die Köpfe der nächsten Generationen übertragen, die dann das Wissen weiterentwickeln und in neuen Büchern abspeichern und ihrerseits das verbesserte Wissen in derselben Art und Weise (nämlich durch Unterricht) an ihre Nachfolger weitergeben. Dies entspricht genau der Phase der Entwicklungstrajektorie, die sich im Optimierungsmodus auf der Höhe einer etablierten Kultur befindet.

Durch Koevolution mit dem neuen Leitmedium Internet befinden wir uns jedoch an einer anderen Stelle der Entwicklungskurve, nämlich im Übergang zu einer neuen Qualität. Diese ist jedoch noch längst nicht ausentwickelt und gesamtgesellschaftlich implementiert, geschweige denn institutionalisiert.

Das alte kanonisierte Wissen hilft uns nicht mehr weiter. Wir müssen neues, d.h. noch unbekanntes Wissen schaffen und altes korrigieren. Wir müssen zum Teil überhaupt erst lernen, die Probleme, auf die dieses neue Wissen als Lösung antworten soll, zu identifizieren und lösungsgerecht zu formulieren.

Wir müssen vom Fokus der Weitergabe bekannten Wissens wechseln auf den Fokus der Erfindung und Entdeckung von noch unbekanntem Wissen. M.a.W: Wir müssen uns um das Nichtwissen kümmern und bekanntes Wissen infragestellen.

Der neue Wissensbegriff muss also kurz gesagt so lauten:

Interessant ist nicht das, was die Menschheit schon weiß, denn was sie weiß, stimmt mit der neuen Realität nicht mehr überein. Wissen heißt dann: Korrektur von Wissen, heißt also Vergessen und Ersetzen mit noch Unbekanntem.

X ist bekannt, aber es gilt nicht mehr. Y gilt, aber es ist nicht bekannt.

Wie kommt man nun von X nach Y?

Nur über E. E wie Experiment, E wie Erfindung, E wie Erprobung, E wie Erfahrungen machen und E wie Erkenntnisse aus den notwendigen Fehlern gewinnen.

Dieses E gab und gibt es natürlich. Es war in der Buchgesellschaft den institutionalisierten forschenden Wissenschaften vorbehalten. Das Outcome dieser Wissensproduktion kam dann, wenn’s gut ging, ein bis zwei Generationen später im Kanon des Unterrichts (universitär: in der Lehre) an.

Warum funktioniert diese Form nicht mehr?

  1. Weil es zu lange dauert gemessen am Druck der Probleme und am Ausmaß des inzwischen zum Teil gefährlichen Nichtwissens;
  2. weil es eine Operationsform im Optimierungsmodus statt im Changemodus ist;
  3. weil die Probleme, die zu lösen sind, eine Komplexität erreicht haben, die nicht mehr von einzelnen Forscher-Individuen, sondern nur noch kollektiv vernetzt zu lösen sind;
  4. weil diese Art Wissensproduktion auf eine kleine Minderheit von Menschen konzentriert ist, wir aber in Zeiten der Haupt-Produktivkraft Wissen die Mehrheit und tendenziell die Gesamtheit der Menschen als Wissensproduzenten brauchen;
  5. weil der Zugang zu bekanntem Wissen und die Möglichkeit zur Generierung von unbekanntem Wissen durch das neue Leitmedium jetzt prinzipiell allen offen steht;
  6. weil das neue Medium unbegrenzte Möglichkeiten der Vernetzung des nur noch verteilt existierenden Wissens bietet. 

E – also Erfindung, Erprobung, Experiment, Erfahrung, Erkenntnisse sammeln und aus Fehlern Erkenntnisse korrigieren, das kann und muss von allen gelernt werden.

Die Fähigkeit, Bereitschaft und die Befugnis (!) zu dieser Forschungstätigkeit kann man nicht durch Unterricht transferieren. Die Bildungsinstitutionen müssen den Unterrichts- und Lehrmodus verlassen und sich von Lehranstalten zu Lerninstitutionen verwandeln, d.h. im wörtlichen Sinne auch expansiv lernende Institutionen werden. Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene wird in der neu enstehenden Lerngesellschaft gebraucht, um zur kollektiven Wissensproduktion beizutragen.

Ein Wort zur historischen Form der Allgemeinbildung:

Comenius‘ Devise hieß: „Allen alles lehren.“

Diese Art kanonbezogener Allgemeinbildung hat sich in der Bürgerlichen Gesellschaft der Moderne nur durchsetzen können als Kanon für Eliten. Heute würde es jedoch auch nicht mehr ausreichen, diesen Kanon bekannten Wissens über die Eliten hinaus an alle zu transferieren (zu „unterrichten“, zu „vermitteln“).

Allgemeinbildung kann heute nur noch heißen, die oben genannten „E“-Kompetenzen zu lernen, von Anfang an und im Lauf des gesamten Lebens durch Anwendung zu trainieren, indem die Individuen an der Vernetzung des verteilten Wissens der Gattung teilnehmen.

Die Skills dazu, die gleichzeitig Bestandteil des neuen Wissensbegriffs darstellen, lauten:

  • wissen, wo die relevanten Informationen zu finden sind
  • wissen, wie diese Informationen zu beurteilen und zu bewerten sind
  • wissen, wie sie zu synthetisieren sind
  • wissen, wie sie anzuwenden sind
  • wissen, wie sie kommuniziert werden
  • wissen, wie mit ihnen kollaboriert wird
  • wissen, wie aus ihnen Probleme definiert werden 

Der Schlüssel zu den „Inhalten“, besser gesagt, zu den Gegenständen (objects) des Wissens ist für den Einzelnen die jeweilige persönliche Sinnbildung, oder wie Sir Ken Robinson es nennt, das (persönliche) Element.

Schon bilden sich in der Praxis neben den traditionellen Lehranstalten neue Organisationsformen, die diese Aufgabe der vernetzten kollektiven Wissensproduktion übernehmen.

Beispiel: Das „Facebook für Forscher“. 2008 wurde eine Netzplattform gegründet mit dem Namen ResearchGate; in den knapp zwei Jahren seines Bestehens haben sich schon über 300.000 Forscher aus allen Ländern – bisher fast ausschließlich aus den Naturwissenschaften – in diesem Netzwerk organisiert. Sie tauschen ihre Forschungsfragen, -Ergebnisse und vorläufigen Ergebnisse frei aus, diskutieren und lernen voneinander. Interessant ist hier nicht nur, dass sich diejenigen mit dem gleichen Fach treffen; der Hauptprofit besteht darin, dass sich über alle Fächergrenzen und engsten Spezialgebiete hinaus wichtige Kontakte ergeben über die Fragen und Probleme, die beantwortet werden wollen. In einem Interview sagt ein Netzmitglied: Eines der besten Dinge an diesem Netzwerk ist, dass wir vor allem über methodische Probleme und über Fehler und gescheiterte Forschung kommunizieren. In der alten Publikationsweise kann man aus Fehlern nicht lernen, weil sie nicht zur Veröffentlichung gelangen.

(vgl. Facebook für Forscher, in: Der Spiegel (nur Print) 14/2010, S. 114-115)

Leider haben sich bisher gerade diejenigen Forscher so noch nicht zum Management ihres verteilten Wissens vernetzt, die die überlebenswichtigen gesellschaftlichen Entwicklungsfragen der Menschheit bearbeiten: Philosophen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Politologen, Erziehungswissenschaftler und Medienwissenschaftler.

Ein schönes Beispiel dafür, wie produktiv Fehler für die Wissensbildung zu machen sind, findet sich bei Mike Wesch in seinem Interview mit Sebastian Hirsch:

Die Studenten bewerteten ihre Arbeiten gegenseitig.

Es wurden Noten mit ganz falschen Begründungen vergeben. Daraus haben wir (paradoxerweise) am meisten gelernt. Die Studenten haben gemerkt, dass sie jeden im Seminar auf ein bestimmtes Niveau bringen müssen. Sonst kapiert der andere Student ihre eigene Arbeit womöglich nicht – und gibt ihnen möglicherweise eine schlechte Note. Jeder muss also in die Lage versetzt werden, den Essay eines Kommilitonen einzuschätzen und zu bewerten.

Leitmedium als Katalysator, Revolution und andere schwierige Dinge

Häufig werde ich miss- bzw. nicht verstanden, wenn ich – Giesecke referierend – das Leitmedium (historisch hatten wir schon: das deiktische, das orale, das skriptographische, das typografische und aktuell das digitale) einen Katalysator nenne im Unterschied zu einer deterministischen Charakterzuschreibung. Mir erscheint der katalysatorische Charakter so evident, dass ich mich bisher nicht sehr um die Ausstattung meiner Argumentation mit Beispielen zur Anschauung bemüht hatte.

Aber jetzt hat das zufällige zeitliche Zusammentreffen gehäufter Missverstehens-Erfahrung auf Educamp und pb21 einerseits mit Beat Döbelis Bitte andererseits, ich möge ihm einen Referenztext zu einer bestimmten Information liefern, für mich als Katalysator gewirkt, ein solches Anschauungsmaterial zu finden.

Hier ist es:    Die Dänen werden ab 2011 flächendeckend im Abitur das Internet als Hilfsmittel bei der schriftlichen Prüfung zulassen, nachdem sie diese neue Praxis zwei Jahre lang in ausgewählten Fächern an einer Hand voll Schulen erfolgreich erprobt haben.

Wofür fungiert dabei das Internet  als Katalysator?

Das elende Problem mit dem Kontrollverlust tritt auf*. Die Lehrer bzw. Prüfer können nicht mehr kontrollieren, ob die Schüler „schummeln“, das heißt, ob sie in ihrem Kopf gespeicherte „auswendige“ Informationen wiedergeben, oder ob sie sie aus dem Internet „gespickt“ haben.  Dieses Problem lässt sich nicht lösen mit Sperrungen von Seiten. Es läßt sich nur noch lösen mit einem veränderten Begriff dessen, was als Wissen und „Gelernt“ gelten soll.

Anderes Wissen und auch eine andere Art zu lernen als bisher werden durch die gefundene Lösung prämiert:

„Es wird immer geschummelt werden“, sagt [Pelle Rasmussen]. Um so wichtiger sei es deshalb, die Prüfungen an die neuen Verhältnisse anzupassen. Das Einordnen, Gewichten und Beurteilen von Informationen soll mehr ins Zentrum rücken. „Wir müssen vom bloßen Abfragen von Wissen wegkommen und mehr die analytischen Fähigkeiten der Schüler testen“.

Dies ist ein Wandel in der gesellschaftlichen Vorstellung davon, was künftig Wissen genannt werden soll, denn nirgendwo wird gesellschaftlich der Wissensbegriff stärker definiert als in dem, was geprüft wird. Und es ist nicht zufällig, dass der Wandel gleichzeitig das Wissen prämiert, das für die Lösung der anstehenden (Menschheits-)Probleme zentral ist.

Noch möchte man dabei auch in Dänemark auf der Web 1.0 – Ebene verharren, nämlich nur Recherche zulassen. Trotzdem ist es ein revolutionärer erster Schritt.  Aber den zweiten Schritt, nämlich auch das Abfragen von Persönlichen Lern- Netzwerken (PLN), also Web 2.0, zuzulassen und vielleicht sogar zu prämieren, wird kommen. Dann wird es plötzlich prüfungsentscheidend, ob man ein großes Netzwerk hat, in dem man -aktuell per twitter – zur Aufgabenlösung relevantes Wissen abrufen kann. Prämiert – und als Wissen definiert – werden wird dann, wer mehr als nur sein eigenes Gehirn einschalten kann. Und dafür werden die Prüfungsaufgaben viel komplexer werden können, ein „Briefen“ auf abgezirkelte enge Themen und bekannte Lösungswege nicht mehr nötig sein und echte Problemlöse-Kompetenzen geprüft werden können.

Ich hatte in Latein immer eine 5, weil ich es zu langweilig fand, Vokabeln zu lernen. Dann plötzlich im Abitur war 1973 zum ersten Mal  in Ba-Wü „der kleine Stowasser“, das Wörterbuch lateinisch-deutsch als Hilfsmittel zugelassen. (Meine Ausgabe war noch in Fraktur gedruckt.) Da erblätterte ich mir emsig eine 1 in der Abiturklausur, denn Grammatik und Syntax konnte ich. Hatte ich mir also meine 1 „erschummelt“? – Nein, es hatten sich, aus welchem Grund auch immer, die Kriterien dessen, was offiziell  „Latein Können“ genannt werden sollte, geändert. Bisher waren Fleiß und Auswendiglernen prämiert worden, mit meinem Abiturjahrgang wurde zu meinem Glück das Verständnis der Sprache prämiert.

Letzteres ist eine historische Analogie und hat eher annekdotische Züge. Aber die Sache mit Dänemark halte ich für ein schönes Beispiel, wie das Leitmedium Internet als Katalysator fungiert, die gesamte gesellschaftliche Realität umzukrempeln. Gemeinhin nennt man in den Gesellschaftswissenschaften so etwas (soziale) Revolution. Wer bei diesem Begriff einfach nicht loskommen kann von der Assoziation „Sturm aufs Winterpalais“ (politische Revolution), „schlanke Kommunisten“  oder was auch immer sonst Verabscheuenswürdiges, der kann auch gut mit dem Begriff  Transformation auskommen. Nur „Verbesserung“ und „Reform“ passt nicht als Ersatz, denn sie meinen das Gegenteil: Was ich verbessere und reformiere, das erhalte ich in seinem Wesen. Was transformiert wird, wird in seinen wesentlichen Merkmalen überwunden und in ein neues System überführt.

*wegen offenbar wieder missverständlicher Rede, hier nach dem Kommentar von Beat Döbeli ergänzt: wenn das Internet in der Prüfung erst einmal zugelassen ist

Zitate für 2010, Nr. 2

When eras change, systems don’t … at least not until they encounter a disruptive force (in education – the financial climate looks like it may serve this role) that causes individuals to question the value of the assumptions underlying the existing systems.

George Siemens in: http://www.elearnspace.org/blog/2010/01/15/hybrid-education/

Zitate für 2010, Nr. 1

Unsere Konzepte von ‚Wahrnehmen‘, ‚Wissen‘, ‚Denken‘ … und von ‚Lernen‘ sind in Koevolution mit den Medien entstanden, in denen unsere Kultur ihr Wissen gewonnen, gespeichert, verarbeitet und verbreitet hat. Gerade für medientheoretisch Sensibilisierte muss es völlig unwahrscheinlich erscheinen, dass unter den neuen medialen Bedingungen diese Konzeptionen unverändert bestehen bleiben können.

Michael Giesecke, Triadisches Denken und posttypographische Erkenntnistheorie, In: Torsten Meyer/Michael Scheibl/Stephan Münte-Goussar/Timo Meseil/Julia Schawe (Hrsg.): Bildung im Neuen Medium. Wissensformation und digitale Infrastruktur, Münster 2008, S. 62-77.  http://www.michael-giesecke.de/giesecke/dokumente/261/Triadisches_Denken.pdf

Über die größten Glücksgefühle

Normalerweise schreibe ich hier, wenn ich selbst etwas sagen möchte.

Jetzt möchte ich einfach mal etwas weiterverbreiten, von dem ich hoch begeistert bin, weil es etwas, wofür ich viele Sätze bräuchte, perfekt auf den Punkt bringt:

Warum die, die das Internet nicht raffen, das Internet nicht raffen

sprang mir heute in twitter ins Auge.  Nix wie hin, denn eine zutreffende Antwort auf diese Frage ist nicht nur wichtig in der Auseinandersetzung mit den Medienskeptikern oder für das Verständnis, warum Web 2.0 so schwer in der Schule zu implementieren ist.

In dem wunderbaren Text von live.hackr wird darüber hinaus noch deutlich, worin das Hauptmerkmal der Informationsgesellschaft/“Lernkultur“/Wissensgesellschaft liegen wird:

Die Menschen und sozialen Systeme werden alle haben müssen, was bis jetzt nur die internet residents haben, und was denen, „die es nicht raffen“, auf jeden Fall fehlt:

der grund dafür ist, dass ihnen das organ fehlt, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.

Ein Organ zur Beurteilung. Man kann es wirklich ein neues Organ nennen, das als funktionelles System im Gehirn gebildet werden muss – offenbar durch die Tätigkeit der adäquaten Nutzung des Internets. Und es ist offenbar ein Glücksorgan:

die größten glücksgefühle entstehen im einen selbst überraschenden übergang von vermeintlich unwichtigem in persönlich wichtiges, …

So schön habe ich den Vorgang der Sinnbildung noch nicht beschrieben gehört.

Zur Präzisierung, worum es geht, bringt es der Kommentar von doren sehr schön auf den Punkt :

Man sollte betonen dass das bedeutet dass sie aus einer Welt kommen in der ANDERE für sie entscheiden was wichtig ist. […] Man kann sich darauf einstellen mit welcher Gewalt solche Menschen ihr System aufrechterhalten wollen.

Die möchten nicht selber lernen wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden – die möchten das jemand für sie das Internet zensiert. Ganz dringend. […] Jemand muss doch BESTIMMEN was wichtig ist und was nicht.

Ganz genau. Es handelt von persönlichem Sinn, Selbstbestimmung und Demokratie.

Eigentlich gehört das post samt Kommentar in jedes dieser „Manifeste“, die so beliebt geworden sind.

Ich bin richtig glücklich, dass ich das im Internet gefunden habe und von Unwichtigem unterscheiden konnte.