Symbolbild. Die Verwechslung des Gedankens mit seiner Repräsentation

Heute habe ich nicht viel Zeit, darum gibt es keine Verweise im Hypertext. Nur Meinungskundtat einer vom zu schnell und zu viel gelikten Zeug genervten Nervensäge.

Die einfache Version der Verwechslung von Repräsentation und Repräsentiertem finde ich auf Facebook ständig, wenn Diskussions-Threads an einem geteilten Artikel entstehen, wo der manchmal sogar nur vermutete Gegenstand aus dem Bauch heraus kommentiert wird, anstatt der Gehalt des Artikels diskutiert. Manchmal stellt sich sogar explizit heraus, dass niemand den Artikel gelesen hat, nicht einmal derjenige, der ihn geteilt hat. Der Artikel ist dann bloß – eigentlich überflüssiger – Content, der an der Überschrift klebt, die manchmal sogar nur durch ein Reizwort die Diskussion auslöst. Man könnte sich dann ebenso Themen oder besser noch Wörter zuwerfen ohne diesen Content dran. Denn dann wäre wenigstens klar, dass man aus dem Bauch heraus bloß Meinung austauscht. (Nichts gegen Meinungsaustausch!) So aber erscheint es den Diskutanten, als würden sie sich über Material austauschen, das nährt manches Mal die Illusion, mehr als nur Meinung auszutauschen.

Dieselbe Verwechslung in etwas höherer Form entsteht zuweilen durch das Teilen in Form von „Kuratieren“ von Dateien in den scoop.it  und anderen Variationen von persönlichen „Zeitungen“,  bzw. den Padlet-Sammlungen.  Nichts gegen das Teilen! Nichts gegen das Sammeln! Nichts gegen das Kuratieren! Es ist etwas ganz  Wertvolles und das Herz der Vernetzung und der Persönlichen Lern-Netzwerke. Aber es ist eben nur der Anfang vom Lernen. Die Wissensarbeit ginge dann erst überhaupt los. Oft ist sie dann aber stattdessen schon zuende. Denn sie wird nicht im Netz durch Kommentare kollaborativ weiterverfolgt, sondern, wenn überhaupt, auf die individuelle Ebene verlegt.

Und manchmal passiert es dann. Das Verwechseln von Territorium und Karte. Von der visuellen Kenntnisnahme der Repräsentation eines Erklärungszusammenhangs oder eines einzelnen Gedankens und der Erklärung selbst. Remix als wunderbare neue Möglichkeit des Umgehens mit Vorstellungen und Informationen hat offenbar eigene Fallstricke zur Folge. Die zum Symbolbild, zur Chiffre gewordene Grafik steht nicht mehr nur für sondern ersetzt den komplizierten Gedankenzusammenhang. Visualisierung ist nur dann eine großartige neue Errungenschaft nach der zutiefst textlastigen Buchkultur, wenn sie das schriftliche Denken und Sprechen nicht ersetzt, sondern deren besseres Verstehen ermöglicht, die Aussagen erweitert, vertieft, kommentiert – oder eben ihre eigenen Qualitäten und Aussagen schafft, die dann zu neuen textreichen (= schriftlich gesprochenen, also kommunizierbaren) Deutungen führen können. Und ja, auch eine Bildbearbeitung interpretiert ein Bild. Aber eben mit den Mitteln der Kunst, nicht mit denen des begrifflichen Denkens. Remix heißt Herausreißen von Teilen aus ihrem ursprünglichen Kontext und hineinreißen in einen anderen Kontext. Der will genauestens gestaltet, bedacht, begründet sein – mindestens so wie der ursprüngliche.

Ich hatte gestern einen Vortrag mit einer sehr anregenden Diskussion anschließend. Und da kam unter anderem auch diese bekannte Klage vom Verlust des Schreibenkönnens bei all der Digitalisierung. Ich habe darüber nachgedacht. Es ist eine berechtigte Klage. Nur ist natürlich nicht der Verlust der schönen Schreibschrift meine Sorge. Ich bedaure stattdessen, dass meiner Meinung nach nicht adäquat damit umgegangen wird, dass nach wie vor – auch im Zeitalter der Digitalisierung – Kritisches, d.h. begriffliches Denken, das Denken in Begriffszusammenhängen, die nicht beliebig sein können, sollen sie irgendetwas mit dem Verstand zu tun haben, an Sprechen, und zwar an schriftliches Sprechen gebunden ist. Das ist schade, denn die Voraussetzungen wären so günstig:
Das Internet ist voller anspruchsvoller Texte. Die Tastatur kostet fast nichts mehr (im Vergleich zu meiner IBM-Kugelkopf, die vor 40 Jahren nur fürs Schreiben 1000 DM gekostet hatte). Und längst ist – guckt’s bei Beat Döbeli nach – erwiesen, dass Schüler, die blind 12-Finger-Schreiben können (am besten in Denkgeschwindigkeit), längere Texte verfassen als die zwei-Finger-Tipper und die Handschreiber. Das bedeutet, dass  sie länger denkend an einem Gegenstand verweilen können. Und wer das tut, kann auch leicht dazu übergehen, – aus Gründen der Kollaboration – längere Texte Anderer zu lesen und durchzudenken und zu editieren … und die Praxis, das Training macht dann die Meister. Schriftlich sprechende Denkmeister. Echte 4K-Ler.

Ich verstehe nicht, warum sich die Schule diese historisch unvergleichliche Gelegenheit bisher entgehen ließ – und weiterhin lässt – anstatt das Tastaturschreiben ins Curriculum aufzunehmen. Und warum für BYOD nicht diese Vorgabe gemacht wird: Ein Smartphone für die Vernetzung außer Haus, ein Laptop oder Tablet mit externer Tastatur für die Arbeit im Haus. Wer’s nicht selbst kaufen kann, bekommt das Geld für preiswerte Windows-Android-Geräte von der Lehrmittelfreiheit, mit der bisher die Schulbücher bezahlt wurden. Stattdessen: Lernen mit dem Handy auf Lernapps. Na gut, das ist vllt auch manchmal nicht unnützlich. Aber es ist doch nicht die Hauptsache. Nur dann, wenn man vom Denkenlernen als Kerngeschäft des schulischen Lernens absehen möchte.

Die Sache mit der Verwechslung von Zusammenstellung und Durcharbeitung erinnert mich an eine Phase in den Nullerjahren. Da haben Schüler gelernt, das Internet auszudrucken. Und haben mir als ihr Referat ernsthaft Papierstöße voll von Artikelausdrucken überreicht. Je höher, desto stolzer. Und wenn ich gefragt habe, wo denn ihre eigenen Gedanken stehen würden, dann hieß es: ‚Wieso, in den Artikeln steht das doch alles viel besser.‘ Und wenn ich gefragt habe, ob sie die denn alle gelesen hätten, hieß es: ‚Wieso, Sie wollten das doch wissen. Wir haben alles für Sie gefunden.‘  Zugegeben, diese Phase war zum Glück nur kurz. Also ist zu hoffen, dass die derzeitig zu beobachtende Verwechslung auch nur eine kurze Phase in der Übergangsgesellschaft ist.

5 Gedanken zu „Symbolbild. Die Verwechslung des Gedankens mit seiner Repräsentation

    • Hahaha! Danke für den Kommentar. Jetzt muss ich es natürlich stehen lassen. Vielleicht hatte ich unbewusst an den Blinddarm und den Zwölffingerdarm gedacht? Verdauungsgedächtnis?

  1. Oh, Lisa, du hast so recht, aber die Digitalisierung ist noch dabei ihre eigenen Möglichkeiten zu erschließen mit all den neuen Tools und Apps. Und die gleichen, die jetzt in den Bildungseinrichtungen sagen, dass es den Kindern nicht gut tut, was gerade passiert, werden nach dieser Toolphase sagen, „haben wir es euch nicht gesagt?“ und dann werden wir hoffentlich nicht aufhören, sondern uns fragen, „trotzdem, was macht die Digitalisierung mit uns?“ Denken lernen könnte man auch ohne all dem digitalen Zeug, aber wir sollten es mit/trotz dem ganzen Zeug lernen zu tun, das Denken meine ich.

    • Ja, klar! Bin ich genau dafür! Und am besten tun es die, die so gern mit den tools spielen ganz vornedran als Role models. Das denken Lernen.

  2. Pingback: #BarcampFR18: Alternative Prüfungsformate – real und radikal – Lernen im digitalen Wandel

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