Kommt jetzt endlich die richtige Bildungspolitik in Deutschland?

Ist das Papier „Strategie der KMK ‚Bildung in der digitalen Welt‘“ der Startschuss in eine neue Etappe der Bildungsmodernisierung in Deutschland?

Hat sich endlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass mit Computer und Internet nicht nur ein neues Werkzeug hinzugekommen ist, mit dem man das, was man schon immer gemacht hat, jetzt noch effizienter machen kann? Sondern dass etwas Epochemachendes eingetreten ist, das alle Bereiche der Gesellschaft mit zunehmender Geschwindigkeit von Grund auf umkrempelt? Dürfen wir uns also freuen?

Leider nein. Denn während im ersten Entwurf vom 1. 9. 2015, zu finden bei J&K, noch von einem „epochalen Prozess“ die Rede ist, „der alle Bereiche unserer Gesellschaft durchdringt und die Lebens- und Berufswelten grundlegend verändert“, ist der jetzt von BMBF und KMK veröffentlichte ausführliche Entwurf vom 12. 05. 2016 wieder deutlicher im alten Verständnis formuliert:

„Die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche führt zu einem stetigen Wandel des Alltags der Menschen.“ (S.1)

Keine Revolution, kein qualitativer Sprung, nur Evolution und Optimierung. Vielleicht hätte man sich noch einbilden können, im alten Entwurf einen realistischen Blick auf den allumfassenden tiefgreifenden Wandel nicht nur des „Alltagslebens“, sondern der gesamten Gesellschaft und also auch des Bildungssystems zumindest als Möglichkeit enthalten zu sehen, wenn er als Zielbestimmung formuliert „Lehrende und Lernende auf das Leben in einer digitalisierten Welt vorzubereiten“. Aber auch das ist bei genauerem Hinsehen schon nicht der Fall gewesen.
Diese Rede vom „Vorbereiten auf“ macht mich ja immer stutzig, denn die Menschen leben doch schon in der digitalisierten Welt, und das schon seit Jahren. Da kommt jede Vorbereitung schon rein zeitlich zu spät und kann doch nur als Begleitung gedacht werden. Es ist tatsächlich ein Hinweis darauf, dass noch gar nicht verstanden wurde, dass die digitalisierte Welt nicht erst nach der Vorbereitung betreten wird, sondern dass wir in ihr leben, ob wir es wollen oder nicht.

Ein anderer Mangel an Realitätsverständnis zieht sich durch das ganze Papier und ist hier schon zu sehen, nämlich dass die dritte Komponente, das Bildungs-System selbst als ebenso „vorzubereitendes“ – ich interpretiere jetzt positiv als „lernendes“ – überhaupt nicht benannt wird. Nur Personen müssen demnach lernen/vorbereitet werden. Nicht die Systeme, deren Teilnehmer sie sind. Das ist eine höchst unrealistische Vorstellung und widerspricht jeder Erfahrung von Schulentwicklung.
Im neuen Entwurf sieht man ganz deutlich, dass das Konzept „Wandel als bloße Weiterentwicklung des Bestehenden durch Hinzufügung des Digitalen“ in Wirklichkeit nicht verlassen wurde. Dort wird als Ziel (!) für das Strategiepapier angegeben,

„zu verdeutlichen, welche positiven Perspektiven mit der Digitalisierung auch im Bildungsbereich verbunden sein können – das heißt, welche Möglichkeiten sie bietet, die Kompetenzen junger Menschen im Bereich der schulischen, beruflichen und der hochschulischen Bildung besser denn je entlang der gesamten Bildungskette zu fördern und zu entwickeln, so dass diese die Chancen der Digitalisierung bestmöglich nutzen und gleichzeitig ihre Risiken und Gefahren kritisch reflektieren und bewerten können …“ (1)

Mit anderen Worten: Nichts Neues also, außer, dass man nach langen Jahren der Verteufelung jetzt den Fokus eben mehr auf die „Vorteile“ legen muss, damit die Digitalisierung endlich auch in „die Bildung“ kommt.
Es ist eine nachholende Modernisierung dahin, wo der Rest der Welt schon seit 15 Jahren steht. Getrieben natürlich von der Ökonomie, weil offenbar genügend einflussreiche „Wirtschaftsvertreter“ genügend Bescheid gesagt haben, dass sonst der „Wirtschaftsstandort Deutschland“ nicht mehr wettbewerbsfähig bleibt, da insbesondere der „Wissenschaftsstandort Deutschland“ den Anschluss an die Welt rapide verliert. (vgl. S. 3)

Na klar, das ist eine nationale Notwendigkeit, und ihr soll jetzt endlich nachgegeben werden. Das ist begrüßenswert.
Aber mit der nachholenden Modernisierung könnte man – wie bei der ersten Industrialisierungsnachholungsmodernisierung in Deutschland geschehen– auch gleich die Gelegenheit ergreifen, dabei nicht nur als Spätstarter eben noch vor dem Lumpensammler als Letzter zur ersten Zwischenstation zu humpeln. Man könnte stattdessen richtig durchstarten und mit einem umfassenden Transformationskonzept der Bildungssysteme in die nächste Etappe aufwarten, um sich damit an die Spitze der weltweiten Entwicklung zu setzen und tatsächlich „Wirtschaftsstandort“ und „Wissensstandort“ sichern. Leider ist jedoch mehr als der Anschluss an das, was die Welt schon lange kann, politisch nicht gewollt. Hinten wieder mitlaufen zu können ist das Ziel.

An die Spitze setzen kann man sich schon deswegen nicht, weil hinter der zunächst vielversprechenden Bezeichnung „Bildung in der digitalen Welt“ eben nicht die Vorstellung steht, dass es nur noch diese Welt gibt und dass auch das Nicht-digitale nur noch zu den Bedingungen der digitalen Welt existiert. Das aber wäre eine notwendige Voraussetzung dafür zu verstehen, dass sich „Bildung“ vollkommen umkrempeln wird – auf lange Sicht, und ob wir wollen oder nicht. Da wäre es besser, wir würden uns bewusst und vernünftig an der Art, wie sie sich umkrempelt, beteiligen, statt es nur hinter unserem Rücken geschehen zu lassen und dann mühsam und zu erhöhten Kosten hinterherzulaufen.
Das gegebene Verständnis jedoch hat Folgen nicht nur für die „Wettbewerbsfähigkeit“, sondern auch für die beteiligten Menschen. Denn wenn ich „zusätzlich“ statt „anstatt“ denke, also das Alte behalten will, obwohl ich das Neue brauche, dann mache ich es – ganz praktisch gesprochen – allen Beteiligten extrem schwer.

„Lernen im Kontext der Digitalisierung erweitert die Spannbreite der Gestaltungsmöglichkeiten im Unterricht.“ (S. 4)

„Ohne dass dabei die Entwicklung motorischer Fähigkeiten aus dem Blick geraten darf, tritt nun neben die traditionellen Kulturtechniken Rechnen, Lesen und Schreiben [beachte auch die ungewöhnliche Reihenfolge!] der kompetente Umgang mit digitalen Medien.“ (S. 4)

In einer Aufzählung, in der die Ebenen Unterrichten und Lernen sich außerdem munter abwechseln, sind die Aussagen, die ganz verschiedene Ebenen des Lernens betreffen nicht aufeinander bezogen, sondern stehen erratisch nebeneinander. Zunehmend hat man den Eindruck des „sie wissen nicht, wovon sie reden“:

„Beim Lernen selbst rückt weniger das reproduktive als das prozess- und ergebnisorientierte – kreative und kritische Lernen in den Fokus.“ (4)
Moment mal: Was soll das sein, „das Lernen selbst“? Und wenn bisher nicht vom „Lernen selbst“, wovon war sonst die Rede? Und was heißt „weniger im Fokus?“ Also doch im Fokus, aber seltener? Und wie kriegt man „Prozessorientierung“ und „Ergebnisorientierung“ gleichzeitig in den Fokus? Da wurde etwas durcheinandergeworfen. Und was ist „kreatives Lernen“? Was „kritisches Lernen“? Ist das Erlernen der Fähigkeit zu kreativem und kritischem Denken gemeint? Begriffsunklarheit macht sich breit. Hatten wir das nicht schon längst viel besser und genauer? Ja, mit Mühe ist zu erkennen, dass die 4K aus Schleichers Publikationen anklingen. Und dann noch bisschen was aus der Projektmethodologie. Aber warum wird das nicht richtig benutzt? Warum wird auch die Sammlung guter Praxiserfahrung aus den OECD-Ländern offenbar ignoriert?

Das Medienverständnis im KMK-Papier ist einerseits das bekannte Alltagsverständnis der Schulpädagogik: Medien sind demnach in erster Linie „Werkzeuge“ oder „Lernmittel“, die als Transportkisten keinen Einfluss auf die Art und Weise des Lernens oder gar auf die „Inhalte“ des Lernens haben. Andererseits mischt es sich hier mit logisch gegenteiligen Vorstellungen, die diesen Geräten und tools gleizeitig die Mächtigkeit zusprechen, „neue Kommunikationskulturen“ zu schaffen. Da gibt es dann jede Menge wishful thinking, die als Werkzeuge und Mittel verstandenen digitalen Medien mögen im Unterricht endlich zu der dringend benötigten Individualisierung und Kollaboration (genannt Zusammenarbeit, Teamwork, Kooperation) führen, die man mit den bisherigen offenbar weniger guten Mitteln nicht geschafft hat. Aber die Ursache fürs Versagen war eben nicht eine Frage unzureichender Mittel, sondern eine des gesamten Systems. Und so kann man entgegen dem Bekenntnis, dass „der Einsatz digitaler Werkzeuge im Unterricht kein Selbstläufer“ (4) ist, auf der folgenden Seite hoffnungsfroh formulieren:

„Lernplattformen helfen Schülerinnen und Schülern sich im Team zu organisieren, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und selbstständig Hilfen heranzuziehen. Sie vereinfachen die Organisation und Kommunikation von Arbeitsprozessen und stellen sicher, dass Arbeitsmaterialien und Zwischenstände jederzeit dokumentiert und verfügbar sind. […] Neue Kommunikationskulturen auf allen Ebenen der Schulgemeinschaft, […] Netzwerkstrukturen […] können auch zu einer umfassenderen Mitbestimmung und Teilhabe am schulischen Leben und an Schulentwicklungsprozessen beitragen.“ (5)

Zwar ist das Papier durch eine äußere Struktur zusammengehalten, aber die innere gedankliche Konsistenz lässt zu wünschen übrig. In allen „Handlungsfelder“ genannten Bereichen zeigt sich verstolperte Vorgehensweise: Das Strategiepapier ist nicht aus einer umfassenden Situationsanalyse abgeleitet, sondern ist nachträgliche Begründung zur Vermittlung einer durchaus richtigen politischen Entscheidung, immerhin ein paar seit Langem notwendige praktische Schritte für die Bildung umzusetzen, die niemand Vernünftiges ernsthaft infrage stellen würde.

Was können wir hoffen?

Man möchte erleichtert aufstöhnen, wenn man die Liste der Vorhaben liest, die vernünftige Leute schon seit mindestens 10 Jahren fordern:

  • Es soll als nationale Aufgabe gesehen werden (also wird das Kooperationsverbot bezüglich dieser Aufgabe der Bildungspolitik fallen).
  • Alle Schulen müssen „Unterricht mit digitalen Medien“ umsetzen (es ist nicht mehr optional).
  • WLAN soll in allen Schulen der Sekundarstufen allen Schülern kostenlosen Zugang zum Internet bieten.
  • BYOD statt Handy-Verbot im Unterricht (Jeder bringt sein eigenes Kulturzugangsgerät und benutzt es beim Lernen).
  • Unterricht mit digitalen Medien in allen Fächern;
  • Verbindliche Medienbildung in der Lehreraus- und Fortbildung für Lehrer aller Schulformen und Fächer

Was müssen wir befürchten?

Viel mehr als eine allmähliche formale Umsetzung dieser vernünftigen Schritte wird es aber nicht geben. Sie sind eine notwendige, aber keineswegs die hinreichende Voraussetzung für die in den Begründungsformulierungen anklingenden Wünsche nach einem leistungsfähigen zeitgemäßen Bildungssystem.

Denn es gibt einen großen Haken: Lernplattformen, WLAN und Kulturzugangsgeräte vor Ort erreichen die oben gewünschten Effekte (Kollaboration, Individualisierung, kritisches Denken, Kreativität) eben nicht im Selbstlauf. Und erst Recht nicht in einem System, für das bis eben noch (und offenbar ja auch weiterhin gewünscht) genau das Gegenteil in allen Aspekten galt und deren innere und äußere Struktur, ihr gesamtes System, diesen Wünschen bisher explizit und kategorisch entgegentrat: Schüler dürfen eben nicht alle gleichzeitig (=durcheinander) reden. Projekt- und Problemorientierung mit ergebnisoffener (nicht „ergebnisorientierter“) Lernprozessgestaltung ist eben nicht der Normal-Modus der „Schule“, sondern Lehrgang und Training mit allenfalls kurzen Team-Arbeits-Sequenzen innerhalb einer Unterrichtsstunde, in der Arbeitsteilung, Gruppenzusammensetzung und –Rollen, sowie Material und Arbeitsaufträge vorgegeben sind. (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel!) Es ist ein kurzatmiger Stundenplan und ein Curriculum in Fächern und deren systematischen Fachlogiken statt in Problemen vorgegeben, der fächerübergreifendes und problemorientiertes und kollaboratives Arbeiten in der Regel verhindert. Eine Lernplattform verändert da gar nichts, und ein Smartphone in Schülerhand führt, in dieses Setting eingebracht, zu ganz anderen Effekten, wie wir wissen.

Es sieht so aus, als wäre die KMK jetzt in die zweite Stufe von Michael Gieseckes „1. Phase der Abhängigkeit“ in der Übergangsgesellschaft eingetreten: Nach der Verteufelung kommt die Idealisierung. Einher geht sie mit einem technizistischen mechanischen Verständnis von Medien. Das neue Medium wird zum Versuch der Optimierung der alten Praxis verwendet. Die Geräte und tools sollen alte ungelöste Probleme (hier: Inklusion, Integration, Bildungsgerechtigkeit) als neue Mittel lösen.

All diese reduktionistischen Verständnisse (vom Lernen, vom Medium, von sozialen Systemen) bewirken, dass nirgendwo – in keinem einzigen „Handlungsfeld“ die Rede davon ist, wann genau die Akteure vor Ort, nämlich die Hochschullehrer, Lehrer und Erzieher, die angemahnte „Umgestaltung“ von Lehre und Unterricht, das Erlernen einer „erweiterten Lehrerrolle“ (verstanden als die alte Rolle Plus, nicht etwa eine andere, die die alte ersetzt), und den Erwerb umfassender eigener Medienkompetenzen, (detailliert aufgelistet S. 38-40), vornehmen sollen. Es wird erwartet, dass sich, was neu und anders werden soll, durch Befolgen von Anweisungen von oben ergibt, statt dass es mit echter Arbeitszeit derer, die damit umgehen müssen, erarbeitet werden muss.
Erarbeitung neuer Programme geschieht in der Logik der Hierarchie-Organisation „oben“ in Administration und Forschungswelt und wird dann nach unten „verfügt“. In der Fortbildung soll dann das „Verfügbarmachen“ geschehen, und „unten“ wird dann umgesetzt – so ist die bekannte mechanische Vorstellung. Eine Vorstellung vom Lernen, wie es eben genau  der Industrie- oder Buchkulturzeit als Mechanismus entsprach. Dabei entstehen keine neuen Kommunikations- und Lernkulturen. Und da man keinen neuen anderen „Mechanismus“ in den Blick nimmt (nehmen kann), muss man wie ehedem wünschen und hoffen und zugleich anordnen:

„Mit zunehmender Digitalisierung entwickelt sich auch die Lehrerrolle weiter. Die lernbegleitenden Funktionen der Lehrkräfte gewinnen an Gewicht. Gerade die zunehmende Heterogenität von Lerngruppen auch im Hinblick auf die inklusive Bildung, macht es erforderlich, individualisierte Lernarrangements zu entwickeln und verfügbar zu machen.“ (5)

Aber das komplexe gesellschaftliche Umlernen funktioniert nicht so. Wer schon mal eine Lerncoaching-Fortbildung gemacht hat, weiß, dass „lernbegleitende Funktion“ sich nicht „entwickelt“, sondern auf vielfältige Weise sehr zeitintensiv entwickelt, also gelernt werden muss. Und zwar nicht nur kognitiv „gewusst“, sondern auch in der eigenen Praxis ko-kreiert, angepasst, ausprobiert, reflektiert, geübt, im Erfahrungsaustausch neu modifiziert werden muss, usw. Und: Wenn es nicht in die Strukturen des bestehenden Systems passt, kann es nicht regelhaft entwickelt bzw. angewendet werden, sondern immer eben nur ausnahmsweise.

„Projektorientierte Kooperationen, um beispielsweise für komplexe Sachverhalte Problemlösungen zu finden, werden durch die Digitalisierung möglich und befördert.“

Ja, gerne, aber auch die ergeben sich eben nicht automatisch und schon gar nicht voraussetzungslos, das heißt nicht regelhaft unter den üblichen Bedingungen von Schule – es sei denn bei den wenigen besonderen Einzelschulen, die auch ohne und längst vor der Digitalität schon eine Projekt- und Kooperationskultur, sowie eine problemorientierte Lernprozessorganisation anstatt des üblichen Unterrichts als ihr besonderes Ausnahme-Betriebssystem hatten. Es gibt solchen Unterricht und solches Lernen auch unter den Bedingungen des alten Systems – aber eben immer nur trotz und nicht wegen des Systems, und das heißt immer nur ausnahmsweise. Wenn die KMK wirklich diese Ausnahmen zur Regel machen möchte – was noch zu bezweifeln wäre – dann muss sie die Regeln und damit sich selbst ändern.

Viel Geld für den „Wandel“. Wird das Geld richtig ausgegeben?

Zwar wird für Schüler Kollaboration (Teamlernen, Zusammenarbeit) als wichtige neue Fähigkeit genannt, aber dass auch die Lehrkräfte Kollaboration lernen müssen, jeden Tag in der Praxis auf neue Weise zusammenarbeiten müssen und Arbeitszeiten dafür benötigen, ist nicht auf dem Schirm. Eine Menge finanzieller Ressourcen werden für das flächendeckende WLAN und für teure Plattformlizenzen gebraucht. Dieser (notwendige) Ausbau der Infrastruktur wird den Hauptteil an Geld verschlingen. Zu befürchten ist jedoch ein ähnlicher Effekt wie in der ersten „Digitalisierung der Schule“, wo viel Geld verbrannt wurde, als die Computerräume dreimal neu eingerichtet und die Schulen ans LAN gebracht wurden, und in der zweiten Digitalisierung, die die Smartboard-Ausrüstung gebracht hat, die in vielen Fällen nicht adäquat genutzt wird. Und nun kommt die dritte Runde der „Digitalisierung der Bildung“. Damit sie nicht wieder zu einer effektarmen Geldverbrennung wird, sollte man sehr genau drauf sehen, dass alle Voraussetzungen systemischer Art mitberücksichtigt werden.

Sehr wahrscheinlich wird der Löwenanteil an veranschlagten Personalmitteln in der Administration und in teuren Funktionsstellen verbraucht werden, die „Konzepte entwickeln und verfügbar machen“ sollen. Das könnte recht viele neue Stellen in den Behörden und auch ein paar Wissenschaftlerstellen an den Unis schaffen. Bewerbt euch also schon mal schön! Aber gute Konzepte haben wir „unten“ schon eine ganze Menge. Es ist nämlich schon die letzten 10 Jahre freiwillig und meist mit wenigen Mitteln ausnahmsweise und gegen die Regel, und oft ganz ohne Arbeitszeitausgleich viel erprobt worden. Wir brauchen also weniger Geld für neue Konzepte von oben, wir brauchen das Geld vor allem bei den Personalmitteln „unten“.

Bei den Lehrern und Erziehern „unten“, die es wuppen müssen, wird nach dem KMK-Papier aber wohl kaum etwas davon ankommen, jedenfalls nicht von selbst. Um die für alle Jahrhundertaufgaben in der Bildung – sei es Ganztag, Inklusion, Flüchtlingsintegration oder eben digitaler Wandel –  zentrale Voraussetzung, nämlich genügend Arbeitszeit „am einzelnen Kind“, genügend Arbeitszeit für Zusammenarbeit mit den Kollegen und ausreichend Arbeitszeiten für das Erlernen der notwendigen neuen Fähigkeiten ‚on the job‘ – musste um jede Stelle und jeden Euro gerungen werden. Ob es sich um die obszön niedrige Entlohnung von Erziehern und DaF-Lehrern oder um die miserable „student-staff-ratio“ in Deutschlands Kitas, Schulen und Hochschulen handelt: Ohne einen dramatischen politischen Wechsel im Bereich der Personalressourcen wird auch diese neue „Strategie der ‚Bildung in der digitalen Welt‘“ nicht erfolgreich sein.

Literatur

KMK Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“. Vorschlag der Amtschefkonferenz zu Zielen, Auftrag des Arbeitsprozesses, Stand: 1. September 2015, in:
http://www.joeran.de/wp-content/dox/sites/10/KMK-Auftrag-digitale-Bildung.pdf

KMK Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2016/Entwurf_KMK-Strategie_Bildung_in_der_digitalen_Welt.pdf

Andreas Schleicher, Preparing Teachers and Developing School Leaders for the 21st Century. Lessons from Around the World. Auf Deutsch zusammengefasst und mit Kommentaren versehen von LR
https://shiftingschool.files.wordpress.com/2013/04/andreas-schleicher_-lehrerbildung_2012_lr.pdf

Lisa Rosa, Die Schlüssel dort finden, wo sie liegen. Eine Botschaft aus der Lehrerbildung, in: Gerechtigkeit fängt bei der Bildung an – eine sozialdemokratische Erzählung / Hrsg.: Burkhard Jungkamp und Marei John-Ohnesorg. Berlin : Friedrich-Ebert-Stiftung, Abt. Studienförderung, 2016 (Schriftenreihe des Netzwerk Bildung), S. 104-107
http://library.fes.de/pdf-files/studienfoerderung/12589.pdf

Lisa Rosa, Medienbegriff, Lernbegriff und Geschichtslernen im digitalen Zeitalter
https://shiftingschool.wordpress.com/2014/04/29/medienbegriff-lernbegriff-und-geschichtslernen-im-digitalen-zeitalter/

5 Gedanken zu „Kommt jetzt endlich die richtige Bildungspolitik in Deutschland?

  1. Eigentlich will ich mich nicht zur Schulpolitik äussern. Das tun genügend andere. Da aber die KMK Bildung weiterhin als formalisierten Akt sequentieller Schritte versteht und sich am liebsten Gedanken über die Schulausbildung macht, anstatt diese in einem Zusammenhang zum lebenslangen Lernen zu sehen, muss ich mich hier kurz äussern.

    Diese Fokussierung auf die Schwächsten (junge Menschen, Langzeitarbeitslose o.ä.) wird traditionell immer sozialstaatlich begründet, so dass man kaum etwas sagen darf. Wir müssen ja auch (!) darüber nachdenken. Aber zwischenzeitlich habe ich die Vermutung, diese ausschliessliche Anrufung bringt für die Beteiligten v.a. den Vorteil, dass man nicht über sich selbst nachdenken muss und den Topf möglichst weit von sich weg stellen kann. Die andeen MÜSSEN lernen, man selbst hat das ja nicht nötig. Man hat ja einen ordentlichen Job und es auf der Karriereleiter schon weit gebracht.

    Was mir in der Konsequenz dieses fehlenden Netzverständnisses dann richtig Sorgen macht, ist der ewige Ansatz an „Plattformen“, der ihnen von entsprechenden Vertretern nahegelegt wird. Deutschland sieht sich gerne als Technologiestandort und so darf dann der 78.000ste Ingenieur auch noch mal eine Plattform bauen – oder man kauft sich gleich eine „innovative“, möglichst deutsche oder europäische Lösung ein, die dann beständig upgegradet wird, bis gar nichts mehr geht. So werden auch Schulen denselbsen Weg wie die Hochschulen gehen, nämlich schnell veraltete, unusable und v.a. an der Alltagsrealität der digitalisierten Bevölkerung vorbei entwickelten Systeme aufzusetzen, die man aber aufrecht erhalten muss, um irgendwann einen ROI (den es nie geben wird) zu erlangen.

    Das ist der eine Punkt. Der andere ist der, dass ich nicht glaube, dass es mehr Personal und somit mehr Geld bräuchte, sondern viel eher darüber nachgdacht werden müsste, wie man das „lehrende“ Personal so reduziert, dass man systemisch gezwungen wäre, das Potenzial kolloaborativen Arbeitens zu nutzen. Da liesse sich ja vieles denken, wenn man einmal quer zu den Strukturen nachdächte. Und das setzt dann eine radikale Weiterbildung der Lehrenden voraus, wohl wahr.

    Leider ist dieses Phänomen des Wegschiebens und der Ignoranz gegenüber der disruptiven gesellschaftlichen Verwerfungen, wie du sie auch beschreibst, bei der weiten Mehrheit von Bildungsverantwortlichen zu sehen. Solange sie weiterhin das Top-Down-Wasserfall-Modell in sämtlichen traditionellen Bildungsinstitutionen praktizieren, wird sich nichts ändern. Im Grunde müssten all diese Personen als erstes auf die virtuelle „Schulbank“. Wir könnten da doch mal was aufsetzen?!

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  4. Frau Rosa,
    Sie sprechen mir mit Ihrem Beitrag aus der Seele. Als Schulleiter a.D. helfe ich Schulen und Hochschulen über das Netz innovativer Bürgerinnen und Bürger (NiBB, 2000 gegründet), anspruchsvolle Lernszenarien zum modernen Lernen zu schaffen. Gerne würde ich Sie als verantwortungsvolle Bürgerin kennen lernen.

    Innovative Grüße
    Hans-Georg Torkel
    http://www.kit-initiative.de

  5. Pingback: Welche „digitale Bildungsrevolution“ wollen wir? | shift.

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