Die Zukunft des Lernens: Sinnbildung im 21. Jahrhundert

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Foto: CC 0 Public Domain Pixelbaby

Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts besuchte mich mein Schwiegervater zum ersten Mal. Er traf mich und meinen einen Tag alten ersten Sohn in der Entbindungsklinik. Nachdem er sich höflich vorgestellt hatte, sah er das Kind an meiner Brust liegen. Das forderte ihn zu folgendem Statement heraus: „Verwöhne ihn nicht, nimm ihn bloß nicht jedesmal hoch, wenn er schreit, übertreibe es nicht mit der Liebe!“ Er war als alter Wehrmachtsoffizier der Ansicht, dass Menschen sich nur richtig entwickeln können, wenn sie ab utero (und ad mortem) von außen gesteuert werden — oder simpel ausgedrückt, von Anfang an Knüppel aufn Kopp kriegen.
Eine ähnliche Vorstellung, nämlich, dass Menschen und andere lebende Systeme — wie beispielsweise das soziale System Schule — nur durch Anweisungen von oben funktionieren und keiner Selbststeuerung bedürfen, zeigt sich immer wieder inbezug auf den Umgang mit „Neuen Medien“. Zwar ist gerade nahezu ein Boom ausgebrochen in allen Massenmedien, die jetzt — nach 25 Jahren WWW, 11 Jahren Web 2.0 und 7 Jahren Smartphone — plötzlich wie durch Blitzeingebung doch noch erkennen, dass man mit dieser Kommunikationstechnologie lernen kann. Andererseits ist man dort jetzt ganz frisch erstaunt darüber, dass Deutschland in seinen Bildungssystemen so weit hinter der übrigen Welt zurückliegt, was die Nutzung von ICT angeht, und man empört sich  über die ollen Lehrer, die unflexibel, ängstlich und von gestern seien.

Vergessen ist der mitverursachende eigene Beitrag durch die höchst ambivalente Botschaft, die Jahre und Jahrzehnte durch diese Massenmedien verbreitet wurde, nämlich dass das Internet, seine sozialen Medienformen und seine Zugangsgeräte zur zeitgemäßen Kommunikation zwar vielleicht für die Wirtschaft gut seien, aber nicht zur Bildung und Erziehung der Bürger taugten und darum, wenn überhaupt, nur ganz wenig und äußerst kontrolliert im Unterricht einzusetzen seien und auch in der Lehrerausbildung höchstens am Rande. Experimente mit der neuen Kommunikationswirklichkeit, Learning by Doing? Um Himmels willen! Erst wenn genau erforscht ist, was das Internet mit  unseren Kindern und Jugendlichen (vor allem Schlimmes) tut, und erst, wenn die Internetkondome zur Verhütung alles Bösen an den Schulservern installiert und Didaktiker und Medienpädagogen tausende oberflächliche (empiristische) Studien und Grüne-Tisch-Konzepte oder Labor-Szenarien publiziert haben, und schließlich erst, wenn die Schuladministration genaue Ausführungsvorschriften darüber gegeben hat, wann und wie — erst dann darf die einzelne Lehrerin (Lehrer sind mitgemeint) damit selbstständig unterrichten. Und dann natürlich soll ansonsten alles bleiben wie es ist: Die Ziele, der Stoff, die Ergebnisse, die Rahmenbedingungen.
Und immer auch noch die Parole: „Internet in der Schule bloß nicht übertreiben!“. Kaum, dass das Baby draußen ist und zu saugen begonnen hat, soll es schon wieder abgestillt werden.

So wird das eher nicht. „Sei selbstständig! Lerne eigene Entscheidungen zu treffen! Lerne mit Risiken umzugehen und sei kreativ, wagemutig und kritisch! Aber es soll herauskommen, was bisher herauskommen sollte – nur alles besser, schneller, billiger, williger!“ Die Quadratur des Kreises. Auch mit noch so vielen Appellen, Lehrerbeschimpfungen, Ausfürungsvorschriften: Sie geht auch im 21. Jahrhundert nicht.

Und darum habe ich genau zu diesem Thema neulich in Cuxhaven den Vortrag unten  gehalten. Ohne auch nur ein einziges Mal diese „Neuen Medien“ oder gar das Kulturzugangsgerät zu erwähnen. Denn es geht nur sekundär um die „Neuen Medien“, und erst tertiär um die „Einbindung des Smartphones in den Unterricht“. Primär geht es um die Erfindung, Erprobung, Entwicklung und Durchsetzung eines für eine neue Epoche passenden Bildungssystems, das wohl ziemlich anders sein wird, als das, was wir kennen. Diese Transformation wird lange dauern und sie erfordert die Fähigkeit, Befugnis und Möglichkeit aller Lehrpersonen zu erfinden, zu erproben, zu entwickeln und durchzusetzen. Dass dazu die Neuen Medien gebraucht werden, und auch die Smartphones unverzichtbar sind, ist klar. Aber sie sind eben nicht das Ziel, sie sind die Treiber auf dem Weg.

Vortrag:  Die Zukunft des Lernens: Sinnbildung im 21. Jahrhundert als PDF

Prezi-Präsentation

7 Gedanken zu „Die Zukunft des Lernens: Sinnbildung im 21. Jahrhundert

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  3. Ein schöner Beitrag!

    Laptops allein im Unterricht machen noch keine bessere Bildung. Dennoch ist die Zeit mehr als reif auch die sich digitalisierende Welt in die Schulen zu bringen.

  4. Danke! Aber ja, natürlich ist die Digitalisierung der Schulwelt längst überfällig! Das steht nicht im Widerspruch zu meinem Beitrag, ganz im Gegenteil. Nur hängt eben noch viel mehr dran, als bloß die Digitalisierung dessen, was bisher analog in der Schule läuft, das meinte ich. Die Bildung wird sich dabei umkrempeln – wenn eben nicht bloß „Smartboard statt Kreidetafel“ und „Tablet statt Kugelschreiber und Schulbuch“ gedacht wird.

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  6. Umweltbewusste Schulen verzichten komplett auf elektronischen Schnickschnack. M.E. sollte die Schule erst bei Tageslicht beginnen; Stromzufuhr nur jeweils 1x pro Woche.
    Glaube auch nicht, dass die Digitalisierung die Schule allzusehr verändert – wenn, dann im Sinne von Home- und Online-Learning mit zentral vorgegebenen, durchdachten, durchprobierten Materialien. Wenn die Digitalisierung etwas überflüssig macht, dann doch den Hampelmann im Klassenzimmer – nicht aber die Buchkultur.

    Außerdem: Vor der Digitalisierung wäre jetzt doch erst einmal der Einzug des Eisenbahnzeitalters in die Schule angesagt; da hinken wir ja nun 180 Jahre hinterher. Wo bleibt der Lehrer auf Schienen?

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