Übergangsgesellschaft

CC by Steve Hillebrand, U.S. Fish and Wildlife Services

CC by Steve Hillebrand, U.S. Fish and Wildlife Services

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Diesen Satz braucht man nicht mehr mit Empirie zu belegen. Seine Wahrheit ist evident für jede, die die Augen aufmacht. (Und für jeden, der.) Aber was bedeutet das?

Es bedeutet, dass sich die Widersprüche merklich zuspitzen, dass der Wind schärfer weht, dass man sich „warm anziehen“ und „gut aufgestellt“ und „resilient“ sein muss, um in dieser Zeit psychisch oder gar physisch als Einzelner zu überleben – je nach zufälligem Ort der Geburt. Es bedeutet Zunahme von Gewalt und Zunahme von Brutalität der Gewalt. Nicht nur im Handeln einzelner Personen „unten“. Auch im Systemhandeln „oben“. Es gilt für die Ökonomie genauso wie für das Politiksystem oder für Verwaltung und Polizei. Und natürlich ebenso für das Bildungssystem.

Im Bildungssystem sind diesbezüglich zwei Zuspitzungen zu sehen:

1. Schwarze Pädagogik – Konditionierung – wird als Grundlage für die Erziehung der renitenten oder der Renitenz verdächtigen Kinder und Jugendlichen vermehrt eingesetzt. Es war offenbar eine Illusion zu glauben, diese Keule wäre verschwunden. Alle haltbaren psychologischen Erkenntnisse und Einsichten des 20. Jh. werden dabei ignoriert. Seelische Zombies, die ihre Traumata weitergeben, Sucht, Kriminalität und Suizide werden produziert. Wenn wir einmal mehr Geld ausgeben wollen für Gefängnisse und Polizeiapparat als für Kinder- und JugendBildung (schulische und außerschulische), dann sind wir mit diesem Verständnis von Erziehung und dieser Strategie auf dem Weg dorthin.

2. Graue Pädagogik unter dem Leistungsparadigma als Grundlage für die Vorstellung vom Lernen. Alle, die Lernen nicht als Leistung verstehen, die dem Kind und Jugendlichen bei Strafe abverlangt werden muss, sondern als die grundlegende Operationsweise der menschlichen Entwicklung, die nur mit SINN und dazu passenden Motiven funktioniert, – alle diejenigen werden jetzt einfach als verrückte oder gefährliche Spinner und Mythenverbreiter bezichtigt, und es wird ihnen die Wissenschaftlichkeit abgesprochen, damit sie nur ja niemand Ernst nimmt. Besonders bekämpft wird gerade der Film Alphabet. Interessant ist jedoch, dass die Bekämpfer all dieser notwendigen Bemühungen um ein neues Lernverständnis für die nächste Gesellschaft, nichts weiter dagegen halten können, als selbst alle haltbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse übers Lernen zu ignorieren und die gebetsmühlenhafte Beschwörung des Leistens auf Befehl als Lernvoraussetzung an deren Stelle zu setzen. Wer die Leistung nicht so bringt, wie gefordert, darf nicht weiterlernen (nicht studieren, bekommt keinen Ausbildungsplatz), und wer sich gar gänzlich gegen das Leisten ohne Sinn sperrt, kommt in den Turm. Wohlgemerkt handelt es sich um Kinder. Es mag einst ein Fortschritt gewesen sein, die Kinder von der Feldarbeit in die Alphabetisierungsanstalten zu bringen. Von den heutigen Erfordernissen aus gesehen, ist jedoch das „Lernleisten“ dem „Feldarbeit leisten“ zu eng verwandt.

Diejenigen jedoch, die es schaffen, den heimlichen Lehrplan zu lernen, die werden nicht geschlagen und verhaftet, sondern erhalten die Erlaubnis weiterzulernen (z.B. in der Sekundarstufe III, in die sie für den BA-Leistungs-Stempel in eine neue Anstalt eingeschult werden.)

Da Lernen ohne Sinn (der immer Eigensinn, persönlich ist) nicht möglich ist, Sinnbildung jedoch nur schwer stattfinden kann unter dem Paradigma von außen aufgezwungener konkret bestimmter Leistungsforderungen, entsteht als Sinn dann dieses hidden curriculum. Am Ende gewinnt der, der diesen Sinn am besten bilden kann, nämlich den Anpassungssinn an die Erwartungen anderer, der, der sich am besten an die womöglich schon vorauseilend erahnten und am schnellsten befriedigten Systemerwartungen anpasst. Das gibt dann die 1,0 als Voraussetzung zum Weiterleistendürfen.Das gibt brave Bürger für einen Obrichkeitsstaat oder für Industrie- und Dienstleistungsjobs, die instrumentelle Vernunft als Qualifkation benötigen.

Aber leider ergibt es nicht die Art von Menschen, die wir brauchen, um die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu lösen. Natürlich brauchen wir „Anpassungsleistung“! Und nicht zu knapp! Aber nicht an die Forderungen einzelner Personen oder systemischer Lehrpläne mit vorbestimmten Outcomes. Sondern an die Herausforderungen der Zeit, die da heißen: den Leitmedienwandel zu bewältigen, das äußere Wachstumsparadigma zu überwinden, Verteilungsgerechtigkeit zu wuppen und die Erde als Lebensgrundlage zu bewahren. Wir derzeitigen Erwachsenen wissen nicht, wie wir das hinkriegen sollen, sonst hätten wir’s gemacht. Unsere Hoffnung sind die nächsten Generationen, die selbstständig genug denken und erfinden, und die gut genug zusammenarbeiten können, um das gemeinsam zu „leisten“. Stattdessen zwingen die Bildungssysteme diese Hoffnungsträger, die herrschende gesellschaftliche Praxis des Vernichtens all unserer Lebensvoraussetzungen als alternativlos abzunicken und weiterzuführen. Eine Katastrophe. Die eigentliche Bildungskatastrophe.
Und darum wird es vermutlich mehr Gewalt geben. Von oben, aber zunehmend auch von unten.

Was die Sinnbildung als persönliche „Leistung“ im Sinne von „Hervorbringung“ des Individuums im Widerspruch mit den ausgedienten gesellschaftlichen Bedeutungen der „Leistung anstatt Sinn“ fordernden Bildungssysteme in Wirklichkeit „leisten“ muss, nämlich die Rettung der Welt, kann man schön erkennen in zeitgenössischen Kulturerzeugnissen, wie z.B. dem Alphabet-Film oder auch in der Harry-Potter-Geschichte. 

Wenn man Kulturverständnis hat. Denn nur die Halbgebildeten glauben, Kultur wäre nur das, was in den guten alten Kanons der Bildung und in den Archiven der Bildungsverwalter steht und den Stempel der Obrigkeiten hat.

Ein Gedanke zu „Übergangsgesellschaft

  1. Interessant, dass hier noch keine Kommentare aus dem Kollegenkreis gepostet wurden.

    Bitte weiter machen. Wir brauche deine Informationen und klugen Bildungsnotstandsbegleitungsanalysen.

    „Denn nur die Halbgebildeten glauben, Kultur wäre nur das, was in den guten alten Kanons der Bildung und in den Archiven der Bildungsverwalter steht und den Stempel der Obrigkeiten hat.“
    Darf ich aus den „Halbgebildeten“ die „Eingebildeten“ machen, das kommt womöglich der Realität näher, wird jedoch von diesen noch stärker abgelehnt.

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