Die Wahrscheinlichkeit für engagiertes Lernen erhöhen

Dass Lernen eine Funktion von Selbststeuerungsprozessen psychischer und sozialer Systeme ist, könnten Lehrer seit Dieter Lenzens Luhmann-Band Niklas Luhmann, Schriften zur Pädagogik wissen. Aber auch aus der eigenen Praxis und ohne die Systemtheorie zu bemühen, „wissen“ langjährig praktizierende Lehrer tief innerlich, dass SchülerInnen durch nichts gezwungen werden können, bestimmte Dinge zu lernen, und dass sie, selbst wenn sie bereitwillig lernen, am Ende nicht unbedingt das gelernt haben werden, was die LehrInnen gewünscht hatten, sondern „ihr eigenes Ding draus gemacht haben“. Dass genau das gelernt wird, was die Lehrperson möchte, ist in manchem sogar eher unwahrscheinlich. Nichts anderes ist mit der Selbststeuerung gemeint. Tests und Klassenarbeiten fragen eigentlich nur ab, ob der Schüler weiß, was der Lehrer  auf seine Frage hören möchte.

Nirgendwo wird dieser Umstand so bedeutsam und so sichtbar wie im Geschichtsunterricht beim Thema Nationalsozialismus und Holocaust. Oder auch bei anderen ideologisch und politisch besonders aufgeladenen Themen. Ein Schüler sagte mir mal vor vielen Jahren rundheraus:

Wir wissen, dass Sie die Hamas eine Terrororganisation nennen, also nennen wir sie im Unterricht so. In unserem Kopf und zuhause aber denken und sprechen wir, wie wir es für richtig halten. Dann ist die Hamas eine Befreiungsorganisation.

Seitdem weiß ich, dass Luhman Recht hat, obwohl ich ihn damals noch nicht kannte. Die gute Botschaft ist dabei : Es gibt die Möglichkeit, engagiertes und tiefschürfendes Lernen auch in schulischen (also erzwungenen) Kontexten wahrscheinlich zu machen. Dazu gibt es Voraussetzungen:

1. Persönliche Sinnbildung ermöglichen!
– also das, was ich oben „das eigene Ding machen“ nannte. Das bedeutet: Keine Fragestellungen und „Themen“ vorgeben, sondern den Schülern ermöglichen, an einem Lerngegenstand (oder in einer Domäne oder einem „Schulfach“) ihre eigenen Fragen zu stellen, ihre eigenen Themen zu entdecken und dann auch an diesen Fragen und Themen arbeiten zu dürfen. Standardisierte Themen, Stoffe, Fragestellungen und Ergebniserwartungen sind dazu hinderlich. Personalisierung des Lerngegenstands ist nötig! Es gibt aber keine Standardperson. Man kann auch nicht stellvertretend für die SchülerInnen deren (vermeintlich bekannte) Lebenswelt vorgeplant einbeziehen – diese Lebenswelt ist immer ganz anders als gedacht.

2. Ergebnisoffenheit!
Es muss herauskommen dürfen beim Lernen, was für den Einzelnen herauskommen „will“. Auch hier sind normative Vorgaben (Bildungsstandards) und Prüfungen nur möglich, wenn sie allgemein genug sind, um die ganze Vielfalt des Lebens enthalten zu können! Im Politik- und Geschichtsunterricht jedenfalls können und dürfen keine „Denkergebnisse“ vorbestimmt werden.

3. Möglichkeiten und Förderung von Zusammenarbeit! 
Denn Individualisierung, besser Personalisierung, heißt nicht, dass alle dasselbe, aber alleine für sich lernen müssen, sondern dass Verschiedenes gemeinsam gelernt wird. Gemeinsam heißt neben den „klassischen“ arbeitsteiligen Tandems und Arbeitsgruppen z.B. Peer-Reviewing von Arbeitsprodukten, Präsentation und Diskussion der verschiedenen individuellen Perspektiven in der Gesamtgruppe, u.v.m.

4. Die Gelegenheit, bedeutsame („echte“) Aufgaben zu lösen. 
 Service Learning, Theoprax und Vernetzung in die Welt sind nur einige prominente Stichworte.

Wenn diese Punkte beachtet werden, wird engagiertes, erfolgreiches Lernen wahrscheinlich.

Immer öfter mache ich die Erfahrung, dass dieses Lernen vor allem in der Kombination von Projektmethodik mit Web 2.0 besonders gute Bedingungen hat. Das wundert mich schon lange nicht mehr, denn die „Philosophien“ von Projektlernen und von Web 2.0 haben auffallend viele Übereinstimmungen. Hier sei nur mal lose aufgezählt:

  • Personalisierung
  • Persönlicher Sinn
  • eigene Fragen im Vordergrund
  • Selbststeuerung
  • Zusammenarbeit
  • peer to peer
  • Gruppen (Lern-Netzwerke) 
  • experimentell erkundende Arbeitsweise
  • Offenheit
  • Transparenz
  • Multiperspektivität
  • Öffentlichkeit, Veröffentlichung

In der letzten Woche durfte ich in einem dreiköpfigen Team von Erwachsenen (mit dem Lehrer Boris Steinegger und der Historikerin und Gedenkstättenexpertin Rosa Fava) zusammen ein Projekt mit den 26 Schülern des Profilkurses Geschichte/Kunst der Studienstufe 1. Semester am Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium Hamburg betreuen.

Die SchülerInnen waren den Monatag und Dienstag an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme – für fast alle der erste Besuch eines derartigen Ortes. Dort durften sie unter Moderation und Coaching von Rosa Fava den Ort erkunden. Sie durften dabei ihre eigenen Fragen entdecken und ihre eigene Themen generieren (1. Tag) und anschließend Material dafür vor Ort sammeln (2. Tag).
Die Verarbeitung des Materials (Fotos von Dokumenten aus den Ausstellungen, vom Gelände und aus dem Offenen Archiv der Gedenkstätte, sowie Ergebnisse aus Gesprächen untereinander und mit Rosa und Boris) fand dann ihre Hauptzeit nach einer dreistündigen Einführung in das von mir vorbereitete Projektblog. Seitdem arbeiten die Schüler, immer noch. Und immer noch kommen SMS und Mails mit Fragen zum Bloggen. Am Freitag war die Projektwoche eigentlich offiziell zu Ende mit einer ausgezeichneten Präsentation aller Schüler, die die Ergebnisse ihrer 10 Themengruppen an ihren Blogbeiträgen vorführten.
Anschließend kam die Kunstlehrerin und „verführte“ die Projektgruppe zu einem Folgeprojekt im Kunstunterricht unter dem Titel „Wir gehen Online“, womit am 9. November im Schulhaus in Form einer visuellen Performance auf das Blog und die Thematik aufmerksam gemacht werden soll. Eine Schülerin hat außerdem damit begonnen, das Blog zu anglifizieren, damit – wie sie sagte – auch international Vernetzung möglich werde.
Momentan scheinen die Schüler gerade Feedbacks über das Lernen in der Projektwoche abzugeben.  Schaut es euch an:

http://ewgprojektblog.wordpress.com

Vielen Dank für die vielen Besuche und auch Kommentare aus meinen Netzwerken! Die SchülerInnen wollten erst gar nicht glauben, dass sich jemand für ihre Arbeit interessieren könnte. Natürlich haben die Schüler danach noch intensiver gearbeitet. Und sie haben natürlich auch ihre eigenen – meist Facebook – Netzwerke alarmiert. Die Möglichkeit, sich der ganzen Welt mitteilen zu können mit etwas, was einem wichtig ist, und darauf dann ernsthafte Antworten aus der Welt zu bekommen – das ist etwas, was die Schüler zu Recht  interessant finden. Und sie können sich vernetzen, denn sie üben das schon seit Jahren außerhalb der Schule. Mich beruhigt das sehr. Denn ich halte es für eine wesentliche Kompetenz für diejenigen, die schließlich unsere globalen Probleme werden lösen müssen. Ich freue mich, dass ich dabei behilflich sein konnte!

LEIDER gibt es seit wenigen Wochen eine Behördenanweisung in Hamburg, dass die Schulserver einen Kinderschutz-Filter haben müssen, der viel Lernen im Netz verhindert:
So war es z.B. nicht möglich, an den Schulcomputern Fotos ins Projektblog einzufügen – die Schüler konnten das nur zuhause machen, was eben auch hieß, dass ich es ihnen nur „theoretisch“ zeigen konnte. Und facebooken in der Schule? – Fehlanzeige. Manchmal ließ sich das Blog überhaupt nicht erreichen, und Boris musste das System hacken. (Zum Glück konnte er das!) Diese Filter sind … VERFASSUNGSFEINDLICH!

15 Gedanken zu „Die Wahrscheinlichkeit für engagiertes Lernen erhöhen

  1. Pingback: Auswertung des Projekts am EWG | Projektseminar an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

  2. hier wird tatsächlich eine form des unterrichts optimierbar, die auf selbst- und fremdfindung abzielt. soll heißen, schüler erhalten damit nicht nur die möglichkeit eigene interessen zu erkennen, herauszuarbeiten und zu vertefen, sondern glechzeitig einen perspektivenwechsel zu vollziehen, der sie für die sichtwese anderer sensibilisiert und ihnen neue interessensgebiete offenbart. und dies in einer gleichzeitgkeit und darbietung, wie es nur schwer durch ein klassisches arbeitsblatt zu erreichen ist.

    • das ganze funktionierte nur im weitgehend bewertungsfreien raum. daher konnte ich es, als begleiterin in der gedenkstätte, verantworten, schülerInnen zu einem thema arbeiten zu lassen, zu dem es wenig informationen gibt. und schülerInnen mit völlig unterschiedlich aufbereitetem material zu konfrontieren, das teilweise leicht, teilweise schwer zugänglich ist. und bestärkung dabei zu geben, das gewählte thema tatsächlich ausgehend von subjektiven fragestellungen zu bearbeiten, die ‚objektiv‘ wenig wichtig erscheinen mögen. und die darstellungen der schülerInnen weitgehend unkommentiert zu lassen in bezug auf 100prozentige korrektheit und ‚vollständigkeit‘. dies ist für einen selbst auch eine große freiheit und entlastung …

      • ja. und kann es denn das überhaupt geben: 100 %ige Richtigkeit oder Vollständigkeit. und „objektiv“ wichtige Themen?
        aber hatte Boris nicht versprochen, das die SuS ihre Geschichtsnote mit guter Projektarbeit upgraden können?

  3. sicherlich habe ich das und dies gilt nach wie vor! auch wenn das letztlich darauf hinausläuft, dass alle schülerInnen gleichermaßen durch ihr engagement, ihre ernsthafigkeit und ihre empathie ihre ge-note upgraden können. aber dies freut mich natürlich, denn eine selbstverständlichkeit ist das, wie andere aktuelle beispiele zeigen, durchaus nicht!!

  4. Pingback: Wann lernen Schüler engagiert? | Skolnet

  5. Pingback: Bedingungen engagierten Lernens? | Skolnet

  6. Und wenn das Netzwerk mal wieder im voreaueilenden Gehorsam und wegen falscher Annahmen blockiert sein sollte: iPhone raus und ein WLAN aufmachen. Das ist offen und man kann überall hin.

    Übrigens haben mehr und mehr Schüler ebenfalls das Internet ständig dabei. Die Filter an den Schulen sind nur ein Übergansphänomen.

    Ich dachte immer, das HH hinsichtlich des Umgangs mit dem Netz fortschrittlich sei… Mhh.

    • ja genau! teilweise konnten sich die SchülerInnen nur über mein iphone bei wordpress registrieren, denn der filter hat auch das blockiert.
      und was deine verwunderung über HH und seine avantgarderolle angeht: man sieht ganz gut in der übergangszeit das wirkprinzip der gleichzeitigkeit des ungleichzeitigen. die hamburger beine stehen halt auch sehr spagatig: eines noch mitten im 19., das andere schon im 21.Jh, und dann je nach situation und kontext verschieden! ein toller tanz.

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