Lehrer müssen begeisterte Dickbrettbohrer, Problemknacker und Expeditionsleiter sein

„Wenn es schwierig wird, schaut man ins Handbuch der Behördenanordnungen.“
„Ich muss erst meinen Vorgesetzten fragen.“
„Lieber nichts gemacht als was falsch gemacht.“
„Ich bin nicht zuständig!“
„Wir haben dafür schon ein Programm.“
„Wir können leider nichts machen, da wir dazu nicht befugt (beauftragt) sind.“

So und ähnlich lauten die (un-)ausgesprochenen Systemregeln für ein problemarmes (Lehrer-) Dasein – jedenfalls dann, wenn man Probleme definiert als Auseinandersetzungen, Konflikte, Anecken. Denn dann ist ein konfliktarmes, vor allem den formalen Anforderungen genügendes Funktionieren am Arbeitsplatz das Ideal eines guten und vom Vorgesetzen geschätzten Mitarbeiters. Von ihm und von ihr sind keine unerwarteten Aktionen zu befürchten. Er definiert und löst Probleme so, wie er sie lösen soll. Und er sieht und löst keine Probleme, die er nicht sehen und lösen soll. So will es das behördliche System.

Nun wissen wir schon lange und können es an unzähligen Beispielen durcharbeiten, dass dieses Funktionsmodell nicht (mehr) geeignet ist für die Aufgaben, die die Gesellschaft dem pädagogischen System übertragen hat, nämlich der Bildung neuer Generationen zu deren eigenem und unserem Wohl, zum Wohl der gesamten Gesellschaft.
Aber dieses aktuelle Beispiel krassester Dysfunktionalität haut mich doch von den Socken:

Schüler drohen mit „Vergasung“. Museumsleute antisemitisch beschimpft titelt die Märkische Allgmeine am 30. September. Schüler der Carl-von-Ossietzky-Schule in Werder/Havel beschimpften Mitarbeiterinnen des Jüdischen Museums Berlin übelst antisemitisch. („Euch hätte man früher vergast“.)

Nicht nur verstört mich die wörtliche Übereinstimmung mit den Sprüchen der Altnazis aus meinen 50er-Jahre-Kindertagen, (es fehlte nur: „Das hätte der Führer nicht geduldet.“) Noch mehr verstört, wie die Lehrer und die Schulleitung mit den Beschwerden der Museumsmitarbeiterinnen umgehen, obwohl die Schule Teilnehmerin des Programms Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist, und obwohl sie den Namen Carl-von-Ossietzkys trägt:

Ein Pädagoge ging einfach weg, ein anderer erklärte sich für nicht zuständig. Der stellvertretende Schulleiter habe den bedrängten Frauen geraten, sich an den Klassenlehrer zu wenden. „Man war sehr auf das Einhalten der Benachrichtigungskette im Hause bedacht“

(Ach ja, der Dienstweg hat schon viele vor den Herausforderungen des Lebens gerettet.) Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf  Volksverhetzung. Dass unser Staatsschutz es ernst nimmt mit dem Paragraphen gegen Volksverhetzung ist beruhigend. Aber ob er die Probleme lösen kann, die hier zu sehen sind?
Die Schülerkonferenz der Schule distanziert sich von dem Vorfall und entschuldigt sich bei den Museumsmitarbeiterinnen, wie auf der Website des Antirassismusprogramms zu lesen ist. Das ist schön. Aber trifft es das Problem? Was heißt es denn, sich von einem Vorfall zu „distanzieren“? Man hätte anders gehandelt? Man mag den Vorfall nicht? Man findet ihn nicht repräsentativ für die eigene Institution – also hat man nichts damit zu tun?  Und was heißt „sich entschuldigen“? Wenn man nichts damit zu tun hat, wieso dann das?- Das sind die formelhaften Reaktionsmuster aus der „großen Politik“, die billig sind wie Blechmünzen, aber so gehandelt werden, als wären sie der Kniefall von Warschau. Sie taugen allenfalls als Erste-Hilfe-Reaktion, um zu signalisieren: Ja, wir haben es gehört, was da passiert ist und leugnen es nicht. Dass es die Schüler tun, spricht für sie.
Auch Werders Bürgermeister Werner Große (CDU) sagte gestern, dass gerade an der Carl-von-Ossietzky-Schule viel für Toleranz und Völkerverständigung getan wurde. „Ich bin völlig überrascht und entschuldige mich dafür, dass es zu solchen Beschimpfungen in unserer Stadt gekommen ist“, so Große.

Also gut, dann entschuldige ich mich auch dafür, dass es in meinem Land zu solchen Beschimpfungen gekommen ist.  Zwar bin ich es gewohnt, um Entschuldigung zu bitten anstatt mich selbst zu entschuldigen. Und ich bin auch der Meinung, dass man um Entschuldigung oder um Verzeihung bittet, wenn man Schuld auf sich geladen hat. Aber sei’s drum. Mich würde es jetzt aber brennend interessieren, worin der Bürgermeister seine Schuld denn sieht?  Fühlt er sich wirklich schuldig für die nazistischen Äußerungen einzelner Schüler seiner Stadt, die er mit Sicherheit bisher nicht kennt? Womit also hat er sich schuldig gemacht? Was heißt Verantwortung eigentlich, wenn man sie wahrnehmen und sich ihrer durch bloßes „Sich-entschuldigen“ gleichzeitig offenbar selbst die Absolution erteilend wieder entledigen kann?“ Hat der Bürgermeister die Verantwortung für das Handeln aller seiner Mitbürger? Ach nein. Es ist einfach nur gut gemeint, um weiteren Ansehens-Schaden abzuwenden. Es gehört zu den politischen Verhaltensregeln eines politischen Repräsentanten. Wenn die Entschuldigung ausbleibt, ist es ein Skandal, wenn sie kommt, trägt sie zur Entskandalisierung bei. Aber eben nichts, überhaupt nichts zur Lösung des Problems. Denn im Gegenteil: die Skandalisierung ist sogar nötig. Ohne sie kommt es weder zu einer Problemanalyse noch zu einer wirklichen Lösungsanstrengung.

Eine Schule, und sei sie noch so gut, kann nicht die Garantie dafür übernehmen, dass nicht einzelne Schüler sich grob daneben benehmen oder gar verbrecherische Handlungen begehen. Aber eine Schule ist verantwortlich für die Atmosphäre und die Philosophie, die sie im Alltag trägt. Und Schulleitung und Kollegium sind verantwortlich dafür, welche Lehrerpersönlichkeits-Leitbilder sie produziert und welche Lehrer auf welche Weise dort arbeiten. Dass die Schule sich nach dem großen Publizisten und Naziopfer Carl von Ossietzky benannt und ein Antirassismusprogramm aufgelegt hat, zeigt die Absicht, das Problem Rechtsextremismus vor Ort offensiv anzugehen. Jetzt wäre es nützlich, sich nicht mit den Erste-Hilfe-Reaktionen der Schülervertretung zu begnügen, sondern den Lernanlass zu erkennen, denn dieser Vorfall für die Schule bietet, sich als Organisation weiterzuentwickeln. Was könnte die Schule lernen und was könnte sie dafür tun?

Sie könnte lernen, den drohenden Skandal nicht nach dem üblichen Muster abzuwickeln. Das übliche Muster ist: Entschuldigung bei den „Betroffenen“, Bestrafung der „Täter“ und Schadensbegrenzung  für das Ansehen der Institution in der Presse durch Entskandalisierungsmaßnahmen. Stattdessen könnte sie den Vorfall wirklich ernst nehmen und ihn innerhalb der Schule als Skandal kommunizieren. Dann hätte sie die Tür geöffnet für organisationales Lernen. Denn Skandalisierung bedeutet die Ansage: ‚Hier läuft etwas völlig aus dem Ruder des Systems. Hier hat etwas stattgefunden, was zeigt, dass etwas mit unserem System nicht in Ordnung ist.‘ Denn der größere Skandal ist ja nicht das Verhalten der Schüler. Der größere Skandal ist das Handeln der Lehrer, obwohl die Schulde doch so viel für Zivilcourage tut …

Und dann könnte sie das ganze Tätigkeitssystem ‚Carl-von-Ossietzky-Schule‘ auf den Prüfstand stellen: Dazu gehört die Schulleitung ebenso, wie Lehrer, Schüler und Eltern. Zunächst aber vor allem die Lehrer und ihre Leitung. Die Lehrer müssen sich fragen, ob sie richtig handeln, so wie sie handeln. Ob ihr „nicht zuständig sein“ nicht Teil des Problems sein könnte. Und warum sie denn gerne in schwierigen Situationen „nicht zuständig“ sind. Der Schulleiter könnte sich und seine LehrerInnen fragen, ob er alles dafür tut, dass die Lehrer ohne Angst vor ihm und der Behörde, „zivilcouragiert“ in schwieriger Lage situativ angemessen handeln können. Und ob sie dazu nicht nur kompetent im Sinne von „befugt“ sind, sondern auch kompetent im Sinne von „fähig“. Und was dafür zu tun wäre, um die benötigten Kompetenzen in beiderlei Sinne zu erweitern.

Auch das Bildungsministerium und die Administration vor Ort könnte sich in diesem Sinne einiges fragen. Z.B, ob unsere Schulen und  unsere Lehrerbildung der Rechtsextremismus-Realität in unserem Land wirklich gewachsen sind. Und Warum  so etwas passiert, obwohl …

Und auch der Bürgermeister und das Stadtparlament könnten sich fragen: „Warum …, obwohl wir soviel für Toleranz und Völkerverständigung getan haben, dass sogar das in Werder ansässige DVU-Landesbüro verschwunden ist?“ anstatt nur überrascht zu sein und sich zu entschuldigen.

Ja, „In den nächsten Tagen soll auf verschiedenen Veranstaltungen mit den insgesamt 600 Schülern über den Vorfall gesprochen werden. Unter anderem wurde für den 17. Oktober ein Termin mit Mitarbeitern des Präventionsabteilung der Polizei an der Schule vereinbart.“ Gutgut. Das ist sicher gut. Aber mir scheint, dass das Problem nicht ganz verstanden worden ist. Es wird pädagogisiert und an die Schüler verschoben. (Man muss also ein ernstes Wörtchen mit ihnen reden.) Es ist aber nicht bloß ein Problem, auf das pädagogisch mit den Zöglingen gesprochen werden muss. Es ist ein politisches Problem. Und es ist ein Problem des Erziehungssystems. Was nutzen alle Antirassismus- und Toleranzprogramme, wenn sie doch nur auf die Abwehr einer „Gesinnung“ abheben? Wenn sie nicht reagieren auf die ökonomischen und politischen Probleme, die solche „Gesinnung“ begünstigen? Das beste Antirassismusprogramm ist demokratische Beteiligung an den eigenen Angelegenheiten. Wenn ich wirklich etwas mitzusagen habe an den Verhältnissen, in die ich hineingeboren wurde, komme ich eher nicht auf die bescheuerte Idee, „den Ausländern“ oder „den Juden“ die Schuld an meiner verpfuschten Existenz in die Schuhe zu schieben, weil ich mich dann lieber damit beschäftige, eine lebenswerte Existenz zu gestalten und meine Entwicklungsangebote zu nutzen. Wenn ich in der Schule wirklich gehört werde und meine Angelegenheiten wirklich mitbestimmen darf, dann erfahre ich am eigenen Leib, dass Demokratie allen – und auch mir – das Leben verbessert.

Früher reagierte Schule mit nur kognitiven Lernprogrammen auf Rechtsextremismus. (Mehr Geschichtsunterricht über NS, Holocaust und Antisemitismus). Dies entsprach der Vorstellung, dass es sich um ein kognitives Problem handele („Die SuS wissen nicht genug Fakten“.)
Dann dachten die Bildungsakteure, man bräuchte mehr Verhaltenstraining im Sinne einer richtigen Einstellung zur Abwehr einer falschen. („Man muss das „Gutsein“ trainieren, und die richtigen Gefühle anerziehen“) Dies entspricht der Vorstellung der Behaviorismus, eine ebenfalls veraltete Vorstellung vom Lernen. Denn das Abtrainieren unerwünschten und das Antrainieren erwünschten Verhaltens funktioniert, wenn überhaupt, nur da, wo es freiwillig geschieht auf der Grundlage, dass derjenige, der trainiert wird, überzeugt davon ist, dass er durch das Training eine Verbesserung seiner eigenen Lebenssituation erwarten darf. Seit Hüther und Co. spätestens (eigentlich schon seit der Kulturhistorischen Schule,  ich will nicht wieder davon anfangen), wissen wir sehr gut, dass sozialverträgliches Verhalten nur da entstehen kann, wo es auch auf die eigene Person angewendet erlebt wird. Wo Anerkennung und Inklusion im Sinne von Teilhabe an den Entscheidungen, die den Einzelnen wie die Gemeinschaft betreffen, für alle gleichermaßen zu haben ist. Wo haben wir das schon?

Erst wenn wir sagen könnten, wir haben eine entwickelte Demokratie mit hoher Partizipation als Systemeigenschaft unserer Gesellschaft, die den Herausforderungen der globalen Weltgesellschaft angemessen ist – erst dann dürften wir uns also wirklich wundern.

Und zurück zu den Lehrern:  Lehrer, die mit ihrem Verhalten vorführen, dass es besser ist, sich vor schwierigen Situationen in Sicherheit zu bringen, indem sie sich verdrücken oder auf formale Dienstwege pochen – wie wollen die denn ihre Schüler dazu ermuntern oder ihnen gar dabei helfen können, trotz beschissener Zukunftsaussichten an sich selbst zu glauben, sich anzustrengen, Zivilcourage zu zeigen und Probleme zu knacken? Und dabei auch noch tolerant zu sein und gelassen mit Chancenungleichheit und mit Konflikten umzugehen?
Man muss also auch fragen: Welche Art Lehrer und welche Art der Lernprozessorganisation braucht man an der CvO,  in Werder, in Brandenburg, in Deutschland – und wie bekommt man sie? Dies ist die komplexe Hausaufgabe für die Bildungspolitik anlässlich des skandalösen Vorfalls an der CvO Werder. Ich bin gerne bereit, in einem Thinktank zur Lösung dieser Aufgabe meine Erfahrungen und Kenntnisse einzubringen und zu helfen, das dicke Brett zu bohren.

3 Gedanken zu „Lehrer müssen begeisterte Dickbrettbohrer, Problemknacker und Expeditionsleiter sein

  1. Ganz ehrlich? Ich bleibe ratlos zurück. Dies war ein argumentativer Ritt von „einzelnen Beteiligten“ zum „großen Ganzen“: Dass die Lehrer hier menschlich und professionell versagt haben, bedarf keiner weiteren Analyse, denn es liegt klar auf der Hand. Dass die Entschuldigungsrhetorik („Selbstabsolution“) formal deplaziert ist, ebenso.

    Jedoch vermag ich hinter dieser ersten (!) Reaktion nichts weiter schlechtes zu erkennen. Und ja: Es müssen hier noch weitere Aktionen folgen, angefangen in der Klasse selbst, in der Schule, bis hin in die sozialen Umstände Aller hinein.

  2. Auch wenn es immer wiede rnur Einzelne sein sollten … ich merke in Österreich einfach immer wieder die Frustration der LehrerInnen. Vielleicht liegt es an dem Bild, dass man Sommer- Winter-, Semester- und was noch für Ferien hat und dazwischen halt auch mal Schule – nur das ist es nicht. Die Kinder werden immer mehr zur Herausforderung, weil sie zu Hause vieles nicht erhalten … vom einfachen Lernen, dass man grüßt, etc.
    Ich bin ein Externer und ich hab allein schon Diskussionen, wenn es um die Bezahlung geht. Meine Vorbereitungszeit kann ich gar nicht mit einberechnen … würde niemand zahlen. LehrerInnen regen sich aber auch, wenn sie einen Kurs erstellen (z.b. Moodle), dass der Kurs dann Eigentum der Schule ist und allen zur Verfügung steht … kriegen ja was gezahlt.
    Oder in Projekten: nicht einmal erlebt, dass die Klasse leise und ruhig ist. Die Kids schauen auf den Lehrer und wenn der mit keiner Wimper zuckt, ist das Zeichen, dass er nicht eingreifen wird.
    Und die drehen dann durch, ohne, dass der Lehrer mal einen Pfiff macht.
    Die Antwort ist dann. na ihr macht ja das Projekt, mich geht das nichts an. … also so wie in dem Beispiel oben … lieber mal weglaufen.
    Ich glaube, das hängt einfach mit dem Respekt anderen gegenüber zusammen. Momentan läuft alles in die Richtung „will haben – will nix tun“ „was scheren mich die anderen“.

    Aber es gibt auch absolut positive Beispiele von LehrerInnen – mit denen ist es eine Freude zusammenzuarbeiten und da gehen plötzlich Dinge, die man nicht für möglich gehalten hätte.

    Also nicht die Hoffnung aufgeben🙂

  3. An einzelnen konkreten Beispielen kann man den Zustand des „großen Ganzen“ oft wie mit einem Vergrößerungsglas verdeutlichen.
    Wie weit die daraus folgende Analyse stimmt, hängt davon ab, ob die impliziten (=methodisch notwendigen) Verallgemeinerungen des Einzelfalls zutreffen.
    Lisas Kommentar zu den unmittelbaren Reaktionen der Lehrer, der Schüler und der kommunalen Öffentlichkeit ist für mich nachvollziehbar – entscheidend für eine abgewogene politische Beurteilung des Ganzen ist aber m.E. die Verarbeitung des „Skandals“ durch die Beteiligten und die Zivilgesellschaft in den nächsten Wochen und Monaten: Wird nach den „Entschuldigungen“ vergessen und verdrängt oder wachsen Sensibilität und Wachsamkeit einhergehend mit einem vertieften gesellschaftlichen Diskurs über die möglichen Ursachen und Problemlösungen?

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