Positionspapier der Schulleitungen der Hamburger Stadtteilschulen zur Integration/Inklusion von Schülern mit Behinderungen

Die Schulleitungen der Hamburger Stadtteilschulen begrüßen die Entwicklung zu mehr schulischer Inklusion ausdrücklich.

Hamburg hat eine mehr als zwanzigjährige Tradition in der schulischen Integration von Schülern mit Behinderungen.

In integrativen Regelklassen an Grundschulen und Integrationsklassen an Grund- und Stadtteilschulen und ihren Vorläufern wird seit vielen Jahren eine erfolgreiche und bundesweit als vorbildlich anerkannte Integration in Hamburger Schulen realisiert.

2009 setzte die Hamburger Bürgerschaft die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen schulgesetzlich um.

Damit erhielten alle Eltern das uneingeschränkte Recht, ihr Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf an einer allgemeinbildenden Regelschule unterrichten zu lassen, während dies vorher durch die vorgegebene Zahl integrativer Klassen eingeschränkt war.

Mit dieser gesetzlichen Regelung entsprach Hamburg seiner bundesweiten Vorreiterrolle im Bereich schulischer Integration.

 

Gelingende Integration benötigt eine ausreichende personelle und räumliche Ausstattung

Diese wichtige Integrationsarbeit wird aber im Bereich der weiterführenden Schulen bisher fast vollständig von den Stadtteilschulen geleistet.

Wir nehmen unsere Verantwortung für diese anspruchsvolle Aufgabe sehr ernst.

Deshalb treten wir im Interesse aller Schüler – mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf – mit großer Entschiedenheit dafür ein, dass die für eine erfolgreiche Inklusion notwendige personelle, räumliche und materielle Ausstattung bereitgestellt wird.

Dies ist bisher nicht der Fall. Die damalige Bürgerschaft hat zwar die schulgesetzlichen Voraussetzungen für das Recht auf schulische Integration beschlossen, aber keine zusätzlichen Mittel für diese sehr anspruchsvolle Schulreform bereitgestellt.

In den letzten zwei Jahren ist an den Stadtteilschulen die inklusive Beschulung von Schülern mit den Förderschwerpunkten im Bereich Lernen, Sprache , emotionale und soziale Entwicklung sprunghaft angestiegen – von 31 auf über 500. 

Trotz des „Notprogramms“ von Senators Rabe, mit Bundesmitteln weitere Sozialpädagogen einzustellen, ist die  personelle und räumliche Ausstattung völlig unzureichend und geht auf Kosten aller Schüler. In vielen der jetzigen Klassen Jg.5 und 6 an Stadtteilschulen sind alle Beteiligten – Schüler und Pädagogen – schon an ihre Grenzen gekommen bei deutlich sinkender Unterrichtsqualität und völlig unzureichender Förderung

Ohne eine grundlegende Verbesserung der personellen und räumlichen Ausstattung ist  die inklusive Beschulung zum Scheitern verurteilt und mit ihr die Schulform Stadtteilschule, die diese Aufgabe leistet.

Langfristig müssen inklusive Klassen mit durchgängiger Doppelbesetzung ausgestattet werden.

Als erster Schritt muss gewährleistet werden, dass spätestens im kommenden Schuljahr in Klassen mit vier Schülern mit den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung mindestens zwei Drittel aller Unterrichtsstunden mit zwei Pädagogen besetzt werden können und jede Klasse zusätzliche Stunden für die erforderliche Koordination, Qualifizierung, Förderplanerstellung und Beratung erhält.

Dies erfordert erhebliche zusätzliche Stellen für Sonder- und Sozialpädagogen, die im nächsten Hamburger Haushalt 2011/12 unbedingt eingeplant werden müssen.

Darüber hinaus benötigen die Schulen mit inklusiver Beschulung zusätzliche Räume für Differenzierung und Kleingruppenarbeit. Die muss dringend in den Musterflächenplan für Schulen eingearbeitet werden, der dies bisher nicht vorsieht.

Außerdem muss die BSB  eine Höchstgrenze  für die Aufnahme von  Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Klasse / Jahrgang festlegen, damit  die Heterogenität der Schülerschaft gesichert und der Bildungsanspruch einer allgemeinbildenden Schule umgesetzt werden kann.

 

Grundsätzlich ist die ausreichende personelle und räumliche Ausstattung der inklusiven Beschulung für alle Schüler eine existentielle Gelingensbedingung für die neue Schulform Stadtteilschule.

Denn nur wenn alle Schüler gute Lernbedingungen vorfinden, werden sich auch in Zukunft bildungsinteressierte Eltern weiterhin für diese Schulform entscheiden.

Mit großer Sorge erfüllen uns Aussagen von Senator Rabe, die Integrationsklassen abzuschaffen, obwohl er noch kurz vor den Wahlen ihre Ausweitung versprochen hatte.

In Integrationsklassen werden seit vielen Jahren bis zu vier Kinder mit Behinderungen im Bereich der seelischen, geistigen und körperlichen Entwicklung, des Hörens und Sehens zusammen mit weiteren 16-18 Kindern ohne Handicap unterrichtet. Diese Klassen sind personell so ausgestattet, dass auch bei einer Klassenstärke von zwanzig Schülern alle Unterrichtsstunden mit qualifizierten Pädagogen doppelt besetzt werden können.

Dies ist bei den o.g. Förderschwerpunkten auch dringend erforderlich, wenn Integration und ausreichende Förderung dieser Schüler gelingen sollen.

Wenn die Integrationsklassen abgeschafft werden und die Förderung für diese Schüler verschlechtert wird, werden sich viele Eltern gegen die integrative Beschulung und für die besser ausgestatteten speziellen Sonderschulen mit sehr kleinen Klassen und therapeutischen Angeboten entscheiden.

Damit würde die schulgesetzliche Absicht, mehr Integration zu ermöglichen, in ihr Gegenteil verkehrt und die positiven Absichten bei der Umsetzung der UN-Konvention ad absurdum geführt.

Die Schulleitungen der Stadtteilschulen fordern von Senator Rabe, sein Wahlversprechen einzuhalten, die personelle Ausstattung der Integrationsklassen beizubehalten und die am meisten benachteiligte Schülergruppe nicht aus der Integration zu drängen.

Die Schulleitungen der Stadtteilschulen appellieren  an die Regierenden und die Bürgerschaftsabgeordneten:

 

In dem Doppelhaushalt 2011/12, der in den nächsten Wochen in der Bürgerschaft beraten wird, müssen erhebliche zusätzliche Mittel für eine ausreichende personelle und räumliche Ausstattung der schulischen Integration entsprechend den oben dargestellten Notwendigkeiten bereitgestellt werden.“

3 Gedanken zu „Positionspapier der Schulleitungen der Hamburger Stadtteilschulen zur Integration/Inklusion von Schülern mit Behinderungen

  1. Ein hervorragend geschriebenes Positionspapier! Als Mutter eines Stadtteilschülers kann ich alle Aussagen nur unterstreichen. Je Klasse haben rund ein Viertel der Kinder Lernschwierigkeiten und besonderen Förderbedarf. Ein normaler Unterricht ist nur schwer möglich, Lehrer und Schüler sind frustriert und mitunter am Ende ihrer Kräfte. Wenn keine zusätzlichen Fördermittel (wie oben gefordert) zur Verfügung gestellt werden, werden die Stadtteilschulen die neuen Sonderschulen und alle anderen Kinder gehen auf das Gymnasium. Damit würde die Schulpolitik ad absurdum geführt werden.

  2. Pingback: Positionspapier der Hamburger Schulleiter zu Fragen der Inklusion | Inklusive Bildung – Herausforderung für Schulen

  3. Ganz nett – aber wer glaubt ernsthaft, dass bei der flächendeckenden Einführung von Inklusion *mehr* Ressourcen zur Verfügung gestellt werden? Das Ganze ist gedeckelt. Insofern ist eine Erörterung darüber müßig. Ihr könnt Euch empören, ändern wird es nichts.

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