Aus Scheiße Gold machen: Die Eierwärmer-Strategie

Meine Wohngemeinschaftsgenossin M. aus Studientagen begründete die Praxis-Strategie des Eierwärmers. Das kam so:

M., eine kreative und lebenslustige Frau hatte in ihrer Volksschulzeit noch das von nicht allen geliebte Fach Handarbeit. Stricken stand auf dem Plan, und es musste auch gelernt werden, wie man eine ordentliche Spitze strickt – für Mützen, Strümpfe, Handschuhe und eben auch für Eierwärmer. Die meiste Strickarbeit musste man zu Hause erledigen, denn in der Handarbeitsstunde wurden nur neue Techniken er- und Probleme geklärt. Während andere fleißig an ihren Mützen und Handschuhen strickten, hatte die spätere Wohngemeinschaftsgenossin M. allerdings überhaupt keine Lust, ihre kostbare Nachmittagsfreizeit mit Stricken zu verbringen. Und als der Tag der Kontrolle kam, hatte sie die 4 Ostereierwärmer, die als kleine Mützchen mit wunderbaren gestrickten Spitzen abzuliefern waren, nicht.
Was tun?
M. strickte schnell einen kleinen Schlauch, kettelte oben alles ab, fädelte ein  Geschenkband im oberen Teil ein und zog es zu einer Schleife zusammen, sodass der Eierwärmer oben geschlossen war und dazu noch sehr schön aussah. Die Schleife verdeckte die falsche Spitze. Das lieferte sie ab mit der stolzen Bemerkung: „Ich habe ein neues Modell erfunden, schauen Sie mal, Frau H.“
Frau H. war überrascht und überrumpelt. Da sie jedoch keine Schreckschraube, sondern ein netter Mensch war, ließ sie sich begeistern und gab die Bestnote. Dabei hatte sie ganz vergessen, dass das eigentliche Lernziel ja nicht gehießen hatte, einen schönen Eierwärmer stricken zu können, sondern eine Spitze stricken zu können.
Soweit die Episode aus M.s Kindertagen.

Die positive Erfahrung mit der Eierwärmerlösung bildete den Grundstock für M.s Strategie für alle Praxisfragen. Alles, was hätte langwierig und mühsam neu erlernt und geübt werden müssen, fand eine Ersatzlösung durch geniale Neuerfindung. Für den Auftritt des Musikensembles brauchte nicht geprobt und geübt und nichts auswendig gekonnt zu werden, denn „die selbstgemachten Texte und die selbstkomponierte Musik sind ja so toll, die kommen auch rüber, wenn mal falsch geblasen und vom Blatt abgelesen wird.“ Leider war es nicht immer so wie mit der Handarbeitslehrerin. Denn nicht alle ließen sich von der genialen Ersatzlösung blenden. Das Ensemble hatte trotz toller Texte und Kompositionen keinen Erfolg. Das Publikum wollte etwas hören, das „gekonnt“ war, nicht etwas, das nur so „gemeint“ war. Es wollte eine fertige Ausführung, keine Skizze. Es wollte die Aufführung, nicht bloß die Idee davon.
Und nicht nur das Publikum war enttäuscht. Auch wir Musiker verließen das von M. geführte Ensemble, denn wir hatten keine Freude daran, schlecht präpariert auf der Bühne zu stehen und nicht zu können, was wir (eigentlich) hätten können können. Das Prinzip Eierwärmer hatte seinen Glanz als geniale Strategie verloren. Es hatte sich auch nur als Dünnbrettbohrerstrategie entpuppt und ausgedient.

Aber etwas Charme war der Eierwärmer-Strategie  geblieben: Mit ihr konnte man in scheinbar ausweglosen Situationen aus Scheiße Gold machen, wenn man Glück hatte. Wie die ersten Punks, die in ihren Garagen und mit ihren nicht gekonnten Gitarrengriffen einen neuen Musikstil erfanden. Aber es darf eben nicht die einzige Strategie sein. Manchmal passt sie, in der Regel jedoch nicht.

Wie ich es genieße, dass ich meine nächste Lehrveranstaltung für Referendare in aller Ausführlichkeit ohne übermäßigen Zeitdruck vorbereiten darf!
Wie ich es genieße, dass ich über die wichtigen Ressourcen und Werkzeuge verfüge, um dieses Seminar passgenau zu entwerfen und die nötigen Mittel dafür herzustellen!
Wie ich es genieße, dass ich es so machen darf, wie ich es als Expertin für richtig halte!
Wie ich schon in der Vorbereitung die Vorfreude auf die Durchführung genieße!

Und dabei wird wieder deutlich, was mich am meisten an der Schule geärgert hat:
dass man (bei voller Stelle) diese Art von Genuss bei der eigenen Arbeit selten hatte;
dass man wusste, wie es geht, aber nicht durfte, wie man hätte können;
dass man immer Eierwärmer-Notlösungen produzieren musste, anstatt die eigene Kreativität in Meisterschaft und Exzellenz stecken zu dürfen.
Sich fürs Mittelmaß an Arbeitsleistung den Arsch aufzureißen, und dann die Wahl zu haben, sich die Ergebnisse schön zu reden – oder die Schüler dafür zu beschuldigen – oder aus der eigenen Tätigkeit innerlich zu emigrieren, sie nicht so wichtig zu nehmen …

In der Schule, in der ich zuletzt als Vollzeitlehrerin tätig war, arbeitet die Mehrzahl der KollegInnen mit reduzierter Stelle, nicht nur die Alleinerziehenden, sondern auch Single Männer ohne Kinder. Und das liegt nicht etwa an der speziellen Schule (die ist nämlich noch ein schöner Arbeitsplatz), sondern am Lehrerarbeitszeitmodell. Das ist ein Sparmodell, das für wichtige alltägliche kreative Tätigkeiten gar keine Zeit, oder allenfalls  lächerlich wenige Minuten rechnet. Für Zeit, die man braucht zum Erlernen und Erproben einer neuen Lehrerrolle und neuer Unterrichtsmodelle sowie zum Neuerwerb von Medienkompetenz, mal gar nicht erst zu reden.

Wann wird es denn endlich auch den Politikern klar, dass Bildung nicht bloß mit Hocheffizienz-Routinen und Dauer-Eierwärmern zu haben ist?

6 Gedanken zu „Aus Scheiße Gold machen: Die Eierwärmer-Strategie

  1. Zeit ist ein enorm wichtiger Faktor im Arbeitsfeld Schule. Das gilt nicht nur für den Unterricht an sich, sondern auch, wie du richtig bemerkst, für die Arbeitszeit des Lehrpersonals. Wer in der Schule kreativ sein möchte, braucht dafür Zeit. Die aber gibt man Lehrern nicht. Nur der Lehrernachwuchs powert mit 170 % durch den Berufsalltag, zunächst im Referendariat und dann in der Vollzeitstelle. Schnell merken diese Junglehrerinnen und -lehrer dann aber, dass sie das nicht durchhalten können und fahren das kreative Engagement herunter (bis es eines Tages gar nicht mehr vorhanden ist). Fehlende Zeit schlägt sich auch in dem geringen innovativen Potential vieler deutscher Schulen nieder.
    Richtig sagst du auch, dass Lehrer Zeit zum Erlernen und Erproben brauchen. Da sie die nicht haben, bleiben sie bei ihren alten Unterrichtsmethoden, die zwar nicht mehr unbedingt den Anforderungen von heute entsprechen, die sie jedoch erprobt haben und aus dem FF können.

    • Für die Berufsanfänger hat man übrigens festgestellt, dass sie in der Anfangszeit überfordert sind, weil ihnen noch die nötigen Routinen und (Selbst-)Sicherheiten fehlen. Dies gleichen sie aus, indem sie (meist unbewusst) auf Muster von Unterricht zurückgreifen, die sie in ihrer eigenen Schülerzeit gelernt haben – nicht etwa auf das, was sie im Referendariat gesagt bekommen haben, aber noch nicht erproben und trainieren konnten. Einerseits haben sie also die Power des „beginners mind“ für Innovationen – andererseits fehlt ihnen die Erfahrung. Gut ist darum eine besondere Begleitung in der BerufsEingangsPhase sowie Stundenentlastung gerade beim Einstieg in den Beruf. Dabei können die „Alten Hasen“ etwas von ihren Erfahrungen beitragen und gleichzeitig „beginners mind“ schätzen lernen, um sich selbst wieder zu öffnen. Dazu braucht es ein gecoachtes Programm, damit diese benefits auch tatsächlich eingefahren – und nicht etwa die gegenseitigen Generationenvorurteile weiter gepflegt – werden. Auch ein solches Programm zu entwickeln nebst der nötigen Stundenentlastung für die TeilnehmerInnen und die Ressource des Coaches kostet Zeit bzw. Geld. Aber wenn wir keine Milchmädchenrechner wären, investierten wir das, weil wir wüssten, dass es sich – sogar ziemlich sofort! – auf allen möglichen Ebenen „bezahlt macht.“

      Genial zu Pfuschen – nichts anderes ist die Eierwärmer-Strategie – ist in der Schule zur Zeit oft überlebensnotwendig. Genialer Eierwärmerpfusch will gekonnt sein! Auch das – nebst den richtigen Einsatzsituationen – könnten gestandene Profilehrer in solchen Programmen an ihre jüngere Kollegen weitervermitteln.

      • Ich bin selbst ohne es zu wissen- Eierwärmer-Profi! Jetzt habe ich endlich einen Titel! Damit werde ich meinen Referendar beglücken, mit dem ich zum Glück ziemlich oft noch im „beginners-mind-modus“ schwinge. Mit dem ich aber nur noch 3 Semester lernen darf. Ich von ihm- und er von mir, wir sind ein Super-Team. Doch ich merke, dass ihm keine Zeit für Prozesse gegeben werden. Eigene und auch die der Schüler zu erkennen. Bevor er überhaupt an der Schule angekommen ist, mit den Schülern eine Beziehung hergestellt hat,
        soll er schon alles anwenden, was er im ersten Modul gelernt hat, alle Schüler im
        Griff haben, sonderpädagogisch den aktuellen Stand der nächsten Entwicklungsstufe genau einschätzen können und sofort differenziertes handlungsorientiertes Unterrichtsmaterial gebastelt haben. Ich gebe einfach Zeit zum Ankommen, bei mir darf man erst mal hospitieren. Egal! Guter Einstieg steigert die Begeisterung es selbst auszuprobieren, die eigene Lehrerrolle finden zu dürfen in der gleichen Gruppe kostet Zeit. Wenn ich daran denke, dass Niedersachsen jetzt auf 1 Jahr Referendarzeit runterspart, dann krieg ich ne Krise. Warum begreift keiner den wahren Wert von Zeit in der Pädagogik! Bewusst gefüllte Zeit, kein rumdödeln.
        Es könnten Lehrer mit Blick auf Lernprozesse bei Kindern herauskommen, weil sie auf der Metaebene selbst ausprobieren durften,,,

        Neue Lehrer braucht das Land … und Zeit fürs Stricken eigener
        Wege und gelegentlich einen … Eierwärmer

        lieben Gruß von Sylva Brit Jürgensen

  2. „Sich fürs Mittelmaß an Arbeitsleistung den Arsch aufzureißen, und dann die Wahl zu haben, sich die Ergebnisse schön zu reden – oder die Schüler dafür zu beschuldigen – oder aus der eigenen Tätigkeit innerlich zu emigrieren, sie nicht so wichtig zu nehmen …“

    Dieser Satz hat mich angesprungen, drum sollen er noch mal als Zitat wirken, zumal ich es selber nicht so auf den Punkt hätte bringen können. Bei Option 3 bin ich (in Jahr 3 nach dem Referendariat) noch nicht angekommen, alles andere empfinde ich genau so wie beschrieben. Habe meine Fast-Vollzeit-Stelle gerade auf 75% reduziert.

    P.S. Ein paar Wörter herauszugreifen, ist eigentlich unangemessen. Ich finde die ganze Eierwärmer-Theorie sehr prägnant! Aber ob es „die Politiker“ sind, die an den derzeitigen Zuständen etwas ändern könnten?

  3. @Silva Jürgensen Ja, die Eierwärmerstrategie ist eine Ressource und hält manchmal alles noch am Laufen! Ihr könntet ja mal ein Eierwärmer-Kreativitätsseminar anbieten. Es ist wie mit der „Türklinkenpäadgogik“ – bei der man keine Zeit hatte, den Unterricht vorzubereiten, und sich erst an der Klinke zum Klassenraum schnell überlegt, was man eigentlich in dieser Stunde machen möchte. Und dann entpuppt sich die Stunde nachträglich als überhaupt die beste, die man je in dieser Klasse hatte. Aber das funktioniert natürlich nur so gut, weil es eigentlich die Ausnahme – und nicht die Regel ist. Es gibt offenbar Kreativität, die sich unter Druck entfaltet, bzw. müssen zum Problemdruck eben noch andere Merkmale hinzukommen, wie z.B. die Zuversicht, dass man jetzt ganz schnell eine brauchbare Lösung findet. Wo hat man diese Zuversicht her? Wahrscheinlich in den vielen „normalen“ Zeiten, in denen man Zeit genug hatte, seine professionellen Kompetenzen zu entwickeln. Voilà – da sind wir wieder bei Ihrem Referendar und die Zeit, die es braucht.

  4. Schönes Paradigma, das mit den Eierwärmern. Mich stört diese Befindlichkeit: Den Kampf gegen das Herumwurschteln und für das Streben nach Leistung und Exzellenz findet man überall, vor allem: überall im Berufsleben. Das ist nicht einmal ansatzweise Lehrer-typisch!

    Vielleicht sollten Sie mal über Ihren Horizont hinausdenken, anstatt auch hier Eierwärmer zu stricken.🙂

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