Wo die Lehrer gerne hingehen

Es ist wichtig, dass Schulreform (wie radikal auch immer gemeint) nicht nur darum bemüht sein darf, Schulen zu schaffen, in die die Schüler gerne gehen. Es ist genauso wichtig, danach zu fragen, wie Schulen beschaffen sein müssen, damit die Lehrer sich dort wohlfühlen. Denn Engagement kann man nicht appellativ einfordern – es braucht „entgegenkommende Verhältnisse“ (Habermas). Jeder weiß, dass es Kindern nicht gut gehen kann, wenn es ihren Eltern nicht gut geht. Mit Schülern und ihren Lehrern ist das ebenso. Warum wird das in den staatlichen Schulreformen immer vergessen? Denn für die allermeisten Lehrer gilt: Zumindest zu Anfang ihres Lehrerdaseins wollten sie vor allem gute Lehrer sein – nicht Zyniker mit Pensionsanspruch.

Lehrerblogger teacher hat auf niemehrschule eine ungewöhnliche Liste aufgestellt, nämlich eine Expertenliste (s)eines Schul-Kollegiums. Es stellt sich heraus: Viele Lehrkräfte sind Experten einer jeweils ganz besonderen Sache, die sie mit Hingabe betreiben. Schade nur, dass sie nicht in der Schule mit Schülern zusammen ihrer leidenschaftlichen Tätigkeit nachgehen, sondern ausschließlich in der Freizeit. Nur einer – ein einziger von 26, nämlich Kollege Z – ist „ein fauler, weltfremder, unfähiger Sadist“. Daher fragt teacher am Ende folgerichtig:

„Wie können wir Z. loswerden und das Engagement der anderen auf den Unterricht lenken?“

Wie bedeutsam vor allem der zweite Teil der Frage ist, zeigen die 44 Kommentare, die sich nahezu ausschließlich damit befassen (und nicht mit Herrn Z.).

Hier ist nicht etwa die öffentlicherseits beliebte Sicht auf Lehrer reproduziert, die sie als Berufsfreizeitler („Lehrer haben vormittags Recht und Nachmittags frei“, Volksmund) diffamieren, denn in seinen Antworten zu einzelnen Kommentaren präzisiert teacher:

„Ich sehe das nicht als negative Kritik, sondern als Hinweis, dass viele Kollegen zu großem Engagement fähig sind – das System Schule schafft es nicht, das für sich zu nutzen. Im Gegenteil, es demotiviert auch Motivierteste!“ und:

„Ich sehe bei meinen Kollegen sehr viel soziales, freiwilliges, intellektuelles etc. Engagement, das in der öffentlichen Debatte nie zur Sprache kommt. Warum ist diese Energie in der Schule nicht spürbar? Das sind doch die gleichen Menschen, aber in anderen Rollen.“

Dabei sind die Domänen und Gegenstände der freizeitlichen Begeisterung keineswegs ausgefallen und schrullig, manche gehören sogar ausdrücklich ins Schulleben, wie etwa Fotokunst, Theatergruppen und Chöre leiten oder Streit schlichten. Zwar stehen Segelfliegen, Alpenvereinsarbeit, Motorräder reparieren und ein Cembalo aus dem Barock nachbauen nicht im Curriculum, aber wenn die Lehrer so etwas können, sollte es vielleicht im Curriculum dieser Schule stehen! Denn diese Tätigkeiten erfordern und fördern Kompetenzen, die in vielen tausend Stunden Praxis erworben worden sind. Nicht nur Fachkompetenzen, sondern auch allgemeine Kompetenzen, die dringend gebraucht, aber von der Schule so gut wie kaum vermittelt werden, wie Ausdauer, Triebaufschub, Leidensfähigkeit („Quäl dich, du Sau“), die man bereit ist einzubringen, weil sie der Preis für die Befriedigung von Grundbedürfnissen sind, deren Ausbleiben wohl jeden Menschen krank macht:

  • das Erleben von Autonomie;
  • das Erleben, etwas wirklich zu können;
  • das Erleben, von anderen gebraucht zu werden;
  • das Erleben, für seine Tätigkeit anerkannt zu werden.

Allerdings lernt man diese kostbaren Fähigkeiten natürlich nur, wenn für den zu zahlenden Preis auch der Lohn (also die Autonomie, Anerkennung usw.) sich einstellt.

Wo das jedoch möglich ist, da kann das entstehen, was Csíkszentmihályi Mihály „Flow“ nennt und was Hingabe, Leidenschaft und Begeisterung erzeugt. Ohne das kann nichts meisterhaft gelernt und nichts kreativ geleistet werden, was über das dünnbrettbohrende Mittelmaß hinausgeht.

Wenn das Tätigkeitssystem (der Arbeitsplatz, der Lernplatz) die Möglichkeit für solches Erleben nicht oder zu wenig bietet, dann wird man entweder krank oder man sucht sich „Ausgleich“ in der Freizeit, oder man verlässt das System. Oder man findet einen Weg, am System etwas zu ändern.

Übrigens gilt das für alle Akteure eines Systems – also sowohl für die Lehrer als auch für die Schüler! Schulschwänzer und Lehrer, die beim Klingeln fluchtartig den Klassenraum verlassen, leiden höchstwahrscheinlich unter denselben Systemdefiziten.

auch teacher weist daraufhin, dass Schule hier offenbar ein besonderes Defizit hat:

„Ich glaube, solche Listen könnten auch in diversen Büros geführt werden. Aber Lehrer sind in vielen Vereinen und ehrenamtlichen Tätigkeiten, weil sie Anerkennung suchen und Kontakt mit Erwachsenen.“

Was brauchen wir also?

Einen Systemwechsel, damit Lehrer und Schüler „gerne hingehen“. Dafür gibt es eine Menge zu tun. Die teacher–Liste stimmt optimistisch, denn wir können daran die Vermutung knüpfen, dass viele Lehrer wissen, „wie es geht“, nämlich wie und unter welchen Bedingungen man Flow, Begeisterung, Hingabe bei sich selbst erzeugen kann:

  • der Inhalt der Tätigkeit ist frei gewählt;
  • man darf mit anderen Begeisterten zusammen arbeiten;
  • man wird nicht unter Druck gesetzt, geprüft und bewertet;
  • man fühlt sich nützlich, gebraucht und anerkannt;
  • alles beruht auf Selbstverpflichtung statt auf äußerem Zwang

Naja, und was für die Lehrer selbst gilt, gilt natürlich auch für die Schüler. Arbeiten mit Stechuhr, Vorschriften und Abmahnungen; Lernen mit Stundenklingel, Stoffkatalogen und Zensuren – das ist vielleicht im 19. Jh. funktional ausreichend gewesen. Heute aber brauchen wir ganz dringend „mehr Hobby“ ins Bildungssystem!

5 Gedanken zu „Wo die Lehrer gerne hingehen

  1. Ein interessanter Artikel, der sehr zum weiterdenken anregt.

    Ich denke der entscheidende Punkt, der den „Flow“ der Lehrer verhindert, ist das Gefühl von Kontrolle, das Csikszentmihalyi auch in seiner Definition aufzählt.
    Mir hat kürzlich noch ein Gymnasiallehrer, der seit 25 Jahren im Dienst ist, erzählt, dass er sich mehr und mehr fragt ob er eigentlich noch arbeitet, um den Kindern etwas beizubringen oder längst zum „Roboter“ mutiert ist, der die Vorgaben von oben blind befolgt. Eine in meinen Augen alarmierende Aussagen, die ich allerdings nicht zum ersten Mal gehört habe.

    • Wenn ein Lehrer heutzutage nicht selbst mal etwas wagt und auf eigene Verantwortung Ideen verwirklicht, ist das „Lehrerdasein“ wirklich trist. Schüler nehmen nach einigem Zögern – weil sie nicht glauben können, dass da noch etwas außer dem täglichen Unterricht ist – schnell Anregungen auf und sind meistens begeistert bei der Sache (Ausnahmen gibt es natürlich!).

  2. In dem Artikel ist alles richtig erkannt, eine Lösung gibt er jedoch auch nicht. Immer mehr Kontrolle, immer mehr „Evaluation“ und Bürokratie machen es Lehrern schwer, Begeisterung, Schwung und neue Ideen einzubringen, denn sie werden beizeiten ausgebremst.
    Überlastete, selbst ständig kontrollierte Direktoren fordern und drohen, anstatt die individuellen Fähigkeiten ihres Kollegiums zu nutzen, um die Schule interessant, attraktiv und lebenswert zu machen.

  3. Pingback: Wo die Lehrer gerne hingehen | Schulgedanken | Scoop.it

  4. Der Vortrag von Ken Robinson „Eine Bildungsrevolution wagen“ passt zu diesem Artikel sehr gut: http://www.skolnet.de/?p=3862

    @iWollin
    Eine mögliche Lösung sprechen Sie doch selbst geradezu an! Ich zitiere: „Wenn ein Lehrer heutzutage nicht selbst mal etwas wagt und auf eigene Verantwortung Ideen verwirklicht, ist das „Lehrerdasein“ wirklich trist.“

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