Der Kongress der Pferdekutscher

Ich liebe historische Analogien, sie sind mir als Erkenntnis-Instrument mindestens so viel wert , wie anderen ihre Metaphern.

Nun kam mir anlässlich eines kürzlich durchgeführten Kongresses ein Zitat von  McLuhan in Erinnerung, das ich vor Jahren in einem Aufsatz von Georg Rückriem gelesen und das mich sehr überzeugt hatte:

„Worüber sprach man bei der Konferenz, Marshall?“, fragte ich. „Ach, über die Automation“, war die Antwort. „Weißt du“, sagte er dann, „es war gerade so, als ob die
Pferdekutscher um 1905 eine Versammlung einberufen hätten, um über die gesellschaftlichen Folgen des Automobils zu diskutieren. Ein Professor hält eine sehr gelehrte Vorlesung über die Umschulung von Pferden. Ein anderer legt statistische Unterlagen vor, um nachzuweisen, dass durch das Automobil die Nachfrage nach Pferden und ihren Wert stark steigen werden; man werde ja soviel mehr als bisher brauchen, um Automobile aus dem Graben zu ziehen.“

Peter F. Drucker, in: McLuhan, Marshall (1995):  Die magischen Kanäle. Understanding Media, Basel/Dresden, Verlag der Kunst (Orig. 1964), S. 12

Ich bat außerdem um den Aufsatz, denn das Zitat ist das Nachwort zu einem Argumentationszusammenhang, den ich immer noch und immer wieder für grundlegend halte für die Beantwortung folgender Frage:

Was bedeutet der #Leitmedienwechsel für unsere Vorstellung von Pädagogik, vom Lernen, von dem, was wir mit Wissen bezeichnen, und was bedeutet er für die Institutionen der Bildung, für Schule, Lehrer, Schüler und Curriculum?

Werden wir dem, was Computer und Internet für die Gesellschaft  bedeuten, auf der Ebene des Bildungssystems gerecht, wenn wir sie in die bestehende kulturhistorische Form – z.B. in „die Schule“ –  hineinstellen und mit methodisch-didaktischen Anweisungen zur Anwendung  für “ den Unterricht“ versehen?

Pädagogik + Medien = Medienpädagogik? – so fragt auch Georg Rückriem in seinem Vortrag von 1997 aus Anlaß des 30. Jubiläums des Funkkollegs Erziehungswissenschaft in der Universität Marburg.  Was er da vor 14 Jahren zu sagen hatte, ist brandaktuell. Freundlicherweise überließ er mir eine überarbeitete Fassung zur Veröffentlichung in SHIFT.

Georg Rückriem, Pädagogik + Medien = Medienpädagogik? Die Erziehungswissenschaft und der Kongress der Pferdekutscher GR_Pferdekutscheraufsatz

Georg Rückriem erzählt, was sich während des Vortrags 1997 in Marburg ereignete:

Während meines Vortrags unterbrach mich Klafki [Wolfgang Klafki] an der Stelle meiner sicherlich provozierenden Kritik an der Erziehungswissenschaft, sprang spontan auf und rief in den Raum:

„Das ist doch alles Unsinn!“

Ich war überrascht und auch gelinde schockiert, weil ich ein solches Verhalten noch nie erlebt hatte. Nach kurzer Überlegung fragte ich zurück, ob Klafki einen Computer zu Hause habe. Klafki antwortete mit Entrüstung, der werde ihm vor seinem 80. Lebensjahr auch nicht ins Haus kommen.

4 Gedanken zu „Der Kongress der Pferdekutscher

  1. Um in der Analogie zu bleiben: was hätte alles vermieden werden können, wenn die Schulen zur Zeit der Einführung des Automobils rechtzeitig reagiert und mehr mit Kraftfahrzeugen in ihrem Unterricht gearbeitet hätten!

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