Nachlieferung zum Medienbegriff

In seinem Vortrag „Mittel, Vermittlung, Medium. Bemerkungen zu einer wesentlichen Differenz“ (siehe voriges Blogpost) benennt Georg Rückriem  den Unterschied zwischen Mittel und Medium so:

Mit „Vermittlung“ bezeichnen wir eine „2 + 1 – Beziehung“: „Subjekt-Objekt+Mittel“. Mit „Medium“ bezeichnen wir dagegen eine „3 in 4 – Beziehung“: „Subjekt-Objekt+Mittel“ innerhalb eines anderen, vierten, Zusammenhanges (Schürmann).
Wer das Medium für ein Mittel hält, verwechselt die Position 4 mit der Position 1 in der obigen Darstellung und vollzieht den von Bateson angeprangerten „Irrtum der logischen Typisierung“ (ebd.).

Um mir genau klar zu machen, was das bedeutet, habe ich die sprachliche Beschreibung in eine Grafik verwandelt (achtung, die Zahlen haben z. T. andere Bedeutung):

Zum Problem der Verwechslung logischer Typen passt auch eine Erkenntnis McLuhans, an die mich @martinlindner erinnerte:

9 Gedanken zu „Nachlieferung zum Medienbegriff

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  2. Ich verfolge jetzt schon seit einiger Zeit die „Medienbegriff-Debatte“ in den Blogbeiträgen und Tweets und habe mir gerade noch einmal die wichtigsten Beiträge durchgelesen.

    Vielleicht habe ich es ja einfach nicht verstanden, aber wo genau liegt eigentlich der praktische Nutzen darin, sich so intensiv mit der Begrifflichkeit auseinander zu setzen?

    Ich bin ja eigentlich für alles Theoretische zu haben und habe mich auch selbst schon intensiver mit der schwammigen Begrifflichkeit in den NRW-Lehrplänen auseinandergesetzt (http://www.medienistik.de/NRW.pdf), aber ich verstehe nicht, was es für einen Unterschied in der Praxis macht, ob ich das Internet als Medium bezeichne oder nicht.

    In den Lehrplänen ist es ja so, dass man oft gar nicht weiß, wovon eigentlich die Rede ist, wenn z. B. von „Medientexten“ geredet wird. Aber wenn ich vom Internet rede, weiß jeder, was ich meine und auch wenn ich von einem Computer rede, weiß jeder, was damit gemeint ist. Ob ich diese Dinge nun zusätzlich als Medium bezeichne, scheint mir aber – Asche auf mein Haupt – egal.

    Es ist schon interessant zu klären, was genau ein Medium ist, aber – und jetzt wiederhole ich meine eingangs gestellte Frage und bitte um eine kurze Antwort – was ist der Nutzen für die Praxis?

    • Hallo Tobias, ich werde versuchen, möglichst kurz zu antworten.
      Vielleicht ist es nicht so wichtig, wie du das Internet „bezeichnest“, aber als was du es „siehst“, „verstehst“, „begreifst“, „begrifflich fasst“, spielt meines Erachtens eine große Rolle für das, was du mit ihm/in ihm tust, ja wie du dich unter den Bedingungen des Internet überhaupt verhältst. Und dabei ist es noch nicht mal wichtig, ob dir dein „Verständnis“ / deine „Vorstellung“/ dein „Begriff “ also von diesem „Ding“ bzw. „Phänomen“ … selbst bewusst ist oder nicht. Er bestimmt aber den Horizont der Möglichkeiten für deine Praxis.

      Und implizit wird aus der Art und Weise, wie du mit dem Internet umgehst dein Verständnis von diesem Phänomen – also dein Medienbegriff sichtbar.
      Wenn ich Computer und Internet als Werzeuge/Instrumente/Tools/Mittel betrachte, mit denen ich das gleiche wie bisher, nur schneller, besser, hübscher, … usw. erreichen (möchte oder kann), dann kann auch – im besten Falle – nur ein solches Ergebnis herauskommen, nämlich, weil ich darüberhinaus gar keine Möglichkeiten in den Blick bekomme. Bezogen auf Lehren & Lernen also: Wenn ich Internet als Werkzeug und Mittel begreife, dann kann ich von ihm auch nur Antwort bekommen auf die immer wieder gestellte Frage: „Worin besteht jetzt der ‚Mehrwert‘ beim Einsatz von Computer/Internet bezüglich der Stoffvermittlung in dem und dem Fach?“ Wie kann ich denselben Stoff, den ich bisher mit Buch und Schreibheft vermittelt habe, schneller, nachhaltiger, motivierender oder sonstwie vermitteln? (So setzt du das Internet ja auch als Werkzeug auf deiner Website ein.) Das ist dann die Praxis des „Computer unterstützten Lehrens und Lernens“. Heißt: Lernen bleibt, was und wie es vordem war, aber jetzt kommt Computer hinzu als eine neue hübsche Möglichkeit für dasselbe Lernen.

      Ganz andere Horizonte ergeben sich, wenn man Computer/Internet als Medium im beschriebenen Sinne begreift/auffasst/versteht. Dann sieht man das neue Kommunikationsmedium als etwas, was eine andere, eine neue Art des Lernens und selbstverständlich auch andere, bisher nicht gehabte Inhalte, nicht gesehene und schon gar nicht erreichte Ziele ermöglicht und erfordert. Deshalb sprechen wir auch von einer Medienrevolution, bzw. von einer Lernrevolution. Mit einem „Mittel“-Blick auf das Internet kann man diese aber nicht realisieren.

      • Vielen Dank für deine Antwort! So langsam verstehe ich, was du meinst. Aber bitte erlaube mir, noch ein paar Gedanken/Fragen zu äußern, die mir beim Lesen gekommen sind. Es geht mir dabei in erster Linie darum, den Begriff des „neuen Lernens“ etwas besser fassen zu können.

        Erstens: Woher sollen die „nicht gehabten Inhalte“ kommen, wenn nicht von einem Menschen, der sie erstellt? Und warum könnten diese Inhalte nicht z. B. in einem Buch veröffentlicht werden? Also kurzum: Was soll ich mir unter diesen „neuen Inhalten“ ungefähr vorstellen?

        Und noch eine zweite Frage schließt sich für mich an: Du sprichst ja von einer Medien- bzw. Lernrevolution, aber meinem Verständnis nach gehört zu einer Revolution, dass es Revolutionäre gibt, die ein klares Ziel vor Augen haben, also z. B. die Entmachtung einer Gruppe, die Einführung eines neuen Systems o.ä.

        Daher meine abschließende Frage: Wer sind die „Anführer“ der Medienrevolution und was ist das Ziel dieser Revolution?

        Ich hoffe du erkennst hinter diesen Fragen mein großes Interesse an der Thematik und siehst sie als einen ernsthaften Versuch, zu verstehen, was dich an dieser Mediendebatte seit so langer Zeit fasziniert.

  3. Lieber Tobias, klar freue ich mich über deine Einwände und Nachfragen, die ja wichtig sind!
    zu erstens: ich bin überzeugt, dass die „Inhalte“ einerseits sehr allgemeine und nicht an bestimmte „Stoffe“ gebundene Kompetenzen sein müssen (z.B. „mit Heterogenität umgehen können, historisch und mathematisch denken können, Ambivalenz aushalten können …) – das heißt nicht, dass sie sich nicht auf „Stoffe“ und „Gegenstände“ beziehen müssen, aber diese sind nicht so wichtig. Man kann also historisch denken lernen an egal welchem „Thema“ und muss keine Wissenskataloge ansammeln. An welchem „Inhalt“ nun so eine Kompetenz erworben wird, muss der Lernende selbst entscheiden und kann für jeden etwas anderes sein – je nach persönlichem Interesse.
    zu zweitens: Was du beschreibst , nennen Historiker eine politische Revolution. Wovon die Rede ist, ist eine „soziale Revolution“, die die ganze Gesellschaft erfasst und alle ihre Bereiche – die „industrielle Revolution“ etwa oder die „neolithische Revolution“ (d.i. der Übergang vom Jäger&Sammler zum Ackerbauern & Viehzüchter und zur Herausbildung differenzierter Arbeitsteilung, was Handwerk z.B. erst möglich gemacht hat.) Soziale Revolutionen führen in eine neue Kulturstufe, politische Revolutionen wechseln die Herrschaft aus. Soziale Revolutionen brauchen keine „Anführer“ im Sinne wie etwa Lenin beim Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg 1917. Sie brauchen allerdings eine Masse von Akteuren, die müssen sich jedoch gar nicht als an einer Revolution / Umwälzung / Transformation beteiligt fühlen. Politische Revolutionen beginnen mit einem Akt (z.B. Ballhausschwur für die Frz. Revolution) und sind von kurzer Dauer – eben bis die bisherige Herrschaft geköpft und neue Köpfe eingesetzt sind. Soziale Revolutionen haben bisher ein ganzes Menschenalter, oft mehrere Generationen Zeit gebraucht.

  4. Deine Antwort hat mich wirklich weiter gebracht. Ich fasse jetzt für mich einmal zusammen (korrigier mich, wenn ich falsch liege):

    Ein Medium ist kein Gegenstand, also ist weder ein Buch, noch ein Film, noch ein Computer ein Medium. Ein Medium ist – ich weiß nicht, ob dieser Vergleich jetzt passt – vielmehr eine Art Ökosystem, in dem verschiedene „Lebensformen“ existieren können. Im Ökosystem Internet gibt es Internetseiten, Blogs, Emails etc. – das alles sind aber „nur“ Mittel.

    Und daher ist es auch kurzsichtig, den Computer als Medium zu bezeichnen, da man so verkennt, dass sich – um im Bild zu bleiben – nicht nur eine neue Lebensform im alten Ökosystem Buchkultur gebildet hat, sondern sich ein Klimawandel vollzieht, der das ganze Ökosystem ändert und nun geht es darum, die Möglichkeiten, die dieser Wandel bietet, auszuloten. Man muss sich neu anpassen, neue Kompetenzen erlernen.

    Aber jetzt kommt der für mich entscheidende Punkt: Bewirkt der Wandel des „Ökosystems“ auch einen Wandel der Inhalte? Ändern sich nicht nur die Rahmenbedingungen?

    Natürlich müssen wir alle lernen, uns an die neue Realität anzupassen, aber das ist eine Frage der Strategie, nicht der Inhalte. Daher denke ich nicht, dass die Inhalte in Zukunft beliebiger werden und es nur noch auf die Kompetenzen ankommt. Es macht doch – jetzt mal überspitzt formuliert – nach wie vor einen Unterschied, ob ich die Kompetenz des Lesens mit der Lektüre von Dieter Bohlen oder Günter Grass erworben habe.

    Inhalte werden leichter auffindbar und vielleicht besser strukturiert, aber ein Medium an sich generiert nicht automatisch neue Inhalte. Und auch die Ziele werden sich m. E. nicht groß ändern. Ich denke da überschätzt man den Einfluss etwas, den das Medium auf den Menschen hat.

    Am Ende nochmals vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mir die Debatte um den Medienbegriff persönlich zu erklären. Du hast mich auf jeden Fall neugierig gemacht, mehr über das Wesen eines Mediums nachzudenken.

    • Ja, da hast Du recht: ein Medium generiert keine „Inhalte“ automatisch.
      Das Medium ist gar nicht da ohne den Betrieb, Traffic, der stattfindet – und natürlich immer mit „Inhalt“.
      Ich meine nicht, dass die „Inhalte“ beliebig sind. Aber auch Dieter Bohlen und Günter Grass kann man ja auf sehr verschiedene Weise lesen. Du wirst den Dieter Bohlen anders lesen als ein Bohlen Fan, geh ich recht? Ich habe eine Vorstellung von Bohlen, obwohl ich nie etwas von ihm gelesen habe und nie eine TV-Sendung von ihm gesehen habe, und trotzdem weiß ich, dass er mir a. A. vorbeigeht. Ich habe irgendwo anders her Beurteilungskriterien, die mich davon abhalten.
      Den Grass musste ich erst lesen, um keine weiteren Grasse mehr lesen zu wollen. Der Unterschied liegt wohl nur daran, dass ich im Falle Bohlen zurecht auf meine „Filter“ (Lehrer, Eltern) vertrauen konnte, im Falle Grass offenbar nicht.
      Es geht nicht mehr, dass Kanons – also Sammlungen von Wissensstoff – vorgegeben werden. Wer will das sein? Die Gesellschaft der Menschheit ist im globalen Zeitalter viel zu komplex und vielstimmig/multiperspektivisch geworden. Wer sagt, dass es wichtiger ist, die Daten der deutschen Geschichte aus der Karolingerzeit zu wissen, als die der Ming Dynastie? Für wen ist es wichtig? und in welchem Zusammehang? Kontexte sind so vielfältig wie es menschliche Individuen gibt. So heißt die wichtigste Kompetenz, die gelernt werden muss: Eigene Sinnbildungs- und Urteilsfähigkeit. Das kann man aber nicht lernen, wenn die einzelnen „Inhalte“ vorgeschrieben werden.
      Vielleicht ist es im globalen Zeitalter viel wichtiger die Vielstimmigkeit von Kulturen zu kennen als die Einzeldaten der eigenen Nationalgeschichte?
      Was für Kompetenzen im digitalen Zeitalter gebraucht werden, versuchen z.B. Howard Rheingold, Mike Wesch, das Media Lab des MIT, Sir Ken Robinson, und viele andere neu zu formulieren. Jeder bringt einen anderen Zungenschlag hinein, aber einig sind sie sich alle: es werden jetzt und in Zukunft Fähgkeiten verlangt, die a) den persönlichen Sinn oder das Talent oder die Kreativität des Individuums viel mehr berücksichtigen und b) die Gesellschaft braucht, dass diese eigensinnigen Individuen selbstbewusst, kreativ, urteilsfähig usw. sind und nicht einem vorgefertigten Lernplan folgen, der für alle gleich ist.

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