Medienbegriff

Immer dringlicher wird die Notwendigkeit einer Orientierung im Dschungel der Medienbegriffe. Nicht nur unterscheidet sich hier  – wie bei allen Begriffen – der Alltagsbegriff vom wissenschaftlichen Begriff. Hier macht sich auch noch besonders bemerkbar, dass es viele Wissenschaftler und Praktiker oft gar nicht für notwendig halten, ihren Medienbegriff zu explizieren. Ja, zuweilen scheint es, dass sich mancher seinen eigenen Begriff selbst noch nicht wirklich klar gemacht hat. Gerne wird so aneinander vorbei geredet, indem man die verschiedenen Praxisvorstellungen  – z.B von Bildung im digitalen Zeitalter – gegeneinander hält, ohne zu realisieren, dass diese Resultate eines jeweils anderen impliziten Medienbegriffs sind.

Dieses Verständnisproblem und die daraus resultierenden Kommunikationsprobleme, strategischen Probleme und solche auf der ganz alltäglichen Praxisebene ergeben sich vor allem dort, wo es um Erziehung, Bildung und Lernprozessgestaltung geht.

Ich freue mich daher sehr, dass ich hier einen Aufsatz von Georg Rückriem zum Medienbegriff veröffentlichen darf, den er kürzlich als Vortrag am Seminar für Grundschulpädagogik der Universität Potsdam gehalten hat:

Georg Rueckriem: Mittel, Vermittlung, Medium. Bemerkungen zu einer wesentlichen Differenz

Dieser Text erklärt – ausgehend vom Alltagsverständnis – den heutigen medientheoretischen Medienbegriff. Man erfährt, warum „Medien nicht optional sind“ und worin der Unterschied zwischen „Mittel“ und „Medien“ besteht. Man lernt, die „Verwechslung von Landkarte und Territorium, bzw. von Speisekarte und Mahlzeit“ zu erkennen und zu vermeiden, wenn man sich auf einen medientheoretischen bzw. medienphilosophischen Begriff einlässt, mit dem der „Raum“ bezeichnet wird, „innerhalb dessen die durch Mittel vermittelte Beziehung überhaupt erst möglich ist.“ Medien sind demnach „die unsichtbaren, nicht materialisierbaren Informations- und Kommunikationssysteme“ (S. 5)

Darüberhinaus wird in diesem Aufsatz die Gieseckesche Modellierung einer Übergangsgesellschaft anschaulich erläutert.

Deutlich wird auch der Nutzen dieses wissenschaftlichen Begriffs von „Medium“ für die eigene Praxis, z.b. dass man geduldiger und gelassener mit auch schrillen Widersprüchen umgehen kann, wenn man sie als historische Übergangsphänomene sieht.

Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt, alle die Medienbegriff-Interessierten aus meinem Twitterverse, @filterraum @vilsrip @cervus @schb und @jmm_hamburg, die #leitmedienwechsler, sowie @martinlindner @mwoodtli  @acwagner und und und …

Georg Rückriem wird gerne eure Kommentare kommentieren – hat er jedenfalls versprochen.

29 Gedanken zu „Medienbegriff

  1. ja, das ist eine sehr vernünftige rekonstruktion des kulturanthropologischen strangs der „medien“-diskussion und -definition. das medium als raum: damit gehe ich völlig konform. (lustig, dass gerade Kurt Röttgers wichtigster zeuge ist: von dem habe ich 1983 oder so ein buch gelesen, das mich tief beeindruckt hat, und dann nie wieder gehört.)

    was hier fehlt ist eine auseinandersetzung mit dem „media“-begriff, der ja eigentlich v.a. dafür verantwortlich ist, dass wir inflationär von den medien, gerade auch von den medien als raum, reden. das sind die „electronic media“ McLuhans, beginnend um 1850 mit der synthese von telegraf/großstadtpresse und bereits ab da die buchdruck-kulturen (plural!) fundamental transformierend. „media“ in diesem sinn hat es vorher gar nicht gegeben, weil die schnelligkeit, das hier&jetzt, das zirkulieren von verselbständigten zeichen zentral war. vergleichbar ist das am ehesten mit den flugschrift-kulturen (nicht mit der ohnehin meist zu stereotyp beschriebenen „buch-kultur“.)

    zu diesem media-begriff, der erstmals zwischen 1910 und 1930 auftauchte, dann von McLuhan erst im heutigen sinn verselbständigt wurde und im deutschsprachigen raum gar erst sehr zögernd nach 1970/1980 verwendet wurde, habe ich mal selbst meine recherchen in diesem aufsatz zusammengefasst:

    im deutschsprachigen raum gab es keinen medien-begriff, bevor er durch TV- und Pop-kultur unabweisbar wurde. die m.e. besten hinweise finden sich immer noch bei McLuhan, müssen allerdings aus seinem brainstorm-wirrwar erst mühsam geborgen werden. („unterrichtsmedien“ bedeutet wie zu recht gesagt ganz etwas anderes.)

    und daraus geht dann eben hervor, dass eben doch wieder die eigengesetzlichkeit der technologie in rechnung zu stellen ist: nicht mehr im alten sinn als mittel-zum-zweck natürlich, das ist die „verhexung“ durch (synonyme) worte, die Wittgenstein beklagte. sondern in einem tieferen sinn: die zu einem eigendynamischen und binnenlogischen system verselbständigte „technologie“ (Kevin Kelly nennt das neuerdings „Technium“) macht etwas mit uns. das geht nicht auf einem kultur-begriff, der sich kultur als interaktion und kommunikation von menschen vorstellt. wir sind hier quasi immer schon „cyborgs“.

    • Die Unterscheidung von media (Plural) und Medium (Singular) ist sehr hilfreich. Sie unterstützt die Unterscheidung der logischen Typen von „Territorium“ und „Karte“ (oder von „Ding“ und „Bedeutung“, von ontologischer und epistemologischer Betrachtung). Wir benutzen ja nicht umsonst die Begriffe „Vernunft“, „Verstand“ oder „Bewußtsein“ nur im Singular. In dieser Hinsicht ist der Aufsatz zum „media“-Begriff sehr nützlich, informativ und lesenswert.

      Schwierigkeiten habe ich mit der Schlußfolgerung: „die zu einem eigendynamischen und binnenlogischen system verselbständigte „technologie“ macht etwas mit uns“.

      Wenn ich diese Formulierung wörtlich nehme, legt sie doch wieder eine Verdinglichung des Mediums nahe: Technologie ist nicht etwa das materielle Substrat des Mediums, sondern Medium IST die Technologie. Und sie suggeriert darüber hinaus eine Ursache-Wirkung-Beziehung (Kausalismus): nicht die Menschen machen etwas mit einander im Rahmen der durch das Medium eröffneten neuen Möglichkeiten, sondern die eigendynamische und verselbständigte Technologie macht etwas mit uns. Röttgers übernimmt in diesem Zusammenhang die Gieseckesche Unterscheidung von „Ursache“ und „Katalysator“, um deutlich zu machen, daß das Medium – wie ein Katalysator – lediglich Möglichkeiten eröffnet (und andere verschließt), nicht aber sie ursächlich bewirkt.

    • Daß jemand seit 1983 nichts mehr von Kurt Röttgers gehört hat, spricht eher gegen den Nicht-Hörenden; denn Röttgers hat seit 1983 10 weitere Bücher und über 100 Aufsätze veröffentlicht, u.a. auch mehrere zur Medien-Thematik, z. B. „Der Wandel der Inhalte im Einflussfeld der Multimedialisierung universitärer Lehre“ (2006), „In der Mitte: Das Medium. Mittel – Mitte – Mit.“ (2006), in dem gezeigt wird, daß die These, daß es im deutschsprachigen Raum keine Tradition der Medienthweorie gegeben habe, falsch ist, „Die Medialität modaler Macht“ (2008). Im Netz zugänglich sind: „Medialität generiert Realität“ (http://www.iablis.de/grabbeau/theorie/kuv/grabmad.html) sowie Vizuális tanulás és a láthatatlan:
      Visual Learning and the Invisible (http://vll.mpt.bme.hu/images/stories/PDF/rint.pdf)

      • Lieber Kurt Röttgers, ich freue mich, dass Sie hierher gefunden und geantwortet haben! Vielen Dank für die Literaturliste.

      • Lieber Kurt Röttgers, ich bin sehr gespannt auf die Texte von Ihnen, die ich noch nicht kannte. Ich bin aber auch und fast noch mehr auf Ihr inhaltliches statement zu dieser Diskussion hier gespannt.

  2. ja, genau, das ist auch aus meiner sicht hier der strittige punkt:

    eigentlich sind es wohl sogar drei „räume“ (und damit auch systeme), deren binnenlogiken & eigendynamiken sich hier überlagern:

    (1) der raum der medien als werkzeuge („mediums“), also die perspektive der „einzelnen menschen“, die etwas tun wollen: das steht in diesem blogpost im vordergrund. das wären dann auch die medien im klassenzimmer aus der direkten perspektive der akteure.

    (2) der raum der medien als system der soziokulturellen semiose („media bzw. „die medien“, nun zunehmend im web transformiert und aufgehoben: also die erzeugung, anreicherung und zirkulation von zeichen in einem raum, der individualität bereits transzendiert, im sinn von Foucault, Lotman, u.v.a),

    (3) die technologisch erzeugte grundstruktur des medien-raums: das was im web zunehmend als objekt von „design“ (im weiteren sinn) diskutiert wird (die charakteristische dynamik, verknüpfung, offenheit/geschlossenheit, subjektpositionen, knappheiten … die durch den grundcharakter der technologie „vorgegeben“ sind & dann sowohl soziokulturell als auch individuell im werkzeugraum in bestimmter weise anverwandelt werden. grobe beispiele wären: die subjektpositionen, die zu den verschiedenen screens gehören, das „programm“ der alten rundfunkmedien, die hyperlinks, die linearität des „buchs“ und das „mosaik“ der zeitung … )

    das ist alles etwas schlampig formuliert, sorry.

    was die provozierende behauptung angeht, die technologie „mache etwas mit uns“: ja, das ist natürlich erklärungsbedürftig und eigentlich viel komplizierter, und ich habe keine fertige antwort dazu.

    aber es scheint mir evident, dass weder die technologie- noch die mediengeschichte im sinne von (2) sich vollständig und befriedigend als eine abfolge von individuellen wahlen aus jeweiligen möglichkeiten beschreiben lassen. diese untergründigen dynamiken gilt es zu analysieren & verstehen, wenn wir wissen wollen, welcher spielraum (welche möglichen „subjektpositionen“) hier dem/der einzelnen bleibt.

    • Du sagst:
      „der raum der medien als werkzeuge („mediums“), also die perspektive der „einzelnen menschen“, die etwas tun wollen: das steht in diesem blogpost im vordergrund. das wären dann auch die medien im klassenzimmer aus der direkten perspektive der akteure.“
      Da verstehst du etwas anderes unter „Raum“ als ich. In dem „Raum“ , den das neue Leitmedium bildet, befinden wir uns alle – wurscht, ob wir das so wahrnehmen oder nicht (siehe Dein McLuhan-Fisch!).
      Und ein zweites Missverständnis:
      Mein Blogpost will ja gerade nicht das Internet als Werkzeug bzw. Mittel betrachten. Und ich bin ja gerade nicht der Meinung, dass diejenigen, die in der Schule „irgendwie mit Medien“ unterrichten wollen oder sollen, das neue Leitmedium als Werkzeug betrachten sollten. Ich möchte ja gerade einen 3 in 4- Begriff des Phänomens mit meinen Postings fördern, damit sich die Praxis mit ihm verändert! Die Vorstellung, dass der einzelne auf das Phänomen zwangsläufig mit der Perspektive „Werkzeug“ gucken müsste, weil er „einzelner ist und Praxis macht“ halte ich für ganz absurd!

      • wir sind uns glaub ich im prinzip eh einig.

        mit dem „werkzeug-raum“ habe ich mich auf rückriem bezogen: eine perspektive auf medien zu schauen, sind die „werkzeuge mit denen etwas man tut“, sagen wir zum beispiel: papier und stift zum aufschreiben, bücher zum lesen. auch das erzeugt einen „raum“, wie man v.a. etwa an schreibtischen von büro-arbeitern sehen kann: der reine papierraum + festnetzttelefon ist etwas anderes als der MS Office+eMail+Mobiltelefon-Raum usw.

        McLuhan benutzt u.a. auch diesen Medienbegriff (und noch ein paar mehr neben- und durcheinander, u.a. einen, bei dem Licht ein Medium ist …)

        das will ich aber unterscheiden von semantischen medienräumen, die sich aus konstellationen ergeben und das sind, _worin_ die leute leben. bei McLuhan war das „electronic media“: TV/Radio plus Telefon/Telegraph-getriebenes Print-Universum (inkl. dann Offsetdruck und Xerokopie), im Gegensatz zur eigentlichen „Gutenberg-Galaxis“, die schon 1962 von immer weniger leuten wirklich bewohnt wurde. früher war es so, dass man diesen lebensraum (die „pop-kultur“) quasi verlassen musste, um in den wissensraum (durch buch/verlag/autorschaft/autorität/strenge filter bestimmt) zu kommen. das war eine art paralleluniversum. und jetzt haben wir eben mit internet/web wieder etwas neues, was insbesondere diese alte trennung zwischen schnellen „massenmedien“ (bild, mündlich, kurztexte) und quasi-zeitlosen „wissensmedien“ (buch, aufsatz, alte männer die im radio reden wie gedruckt) aufhebt.

        und die dritte ebene der medien ist eben die technische: das unwillkürliche sich-verhalten in einer bestimmten umwelt, die sich eigengesetzlich entwickelt. das internet wurde nicht wirklich „erfunden“, vermutlich nicht einmal der hypertext und das web. das sind alles sachen, die „in der luft liegen“, weil sie sich aus dem neuen medien-spielfeld quasi von selbst ergeben. dito auch das pc-modell bildschirm+eingabe+wissensspeicher (das habe ich zu meiner verblüffung schon in einer SF-story von 1945 gefunden, dort bereits in synthese mit fernsehen ohne programmbeschränkungen).

        man könnte also sagen: das sind drei dimensionen des jeweils einen medien-raums (McLuhans Ozean), die sich aber natürlich in jeder besonderen situation und konstellation anders zueinander verhalten.

  3. Ob wir uns „im prinzip eh einig sind“, kann ich nicht sagen. Ich versteh bei deiner Antwort nicht so ganz, worauf du hinaus willst. Ob wir beide den Begriff „Raum“ bei Rückriem überhaupt gleich verstehen? Ich glaube nicht. Wo spricht er von „werkzeug-raum“?

  4. hm, er spricht von durchgehend vom medium-begriff in einem sinn, den ich im sinn von dem verstehe, was man verkürzt „tool“ nennt. McLuhans „extensions of man“. das ist eine dimension eines umfassenden medienbegriffs, zweifellos. den „werkzeugraum“ (irgendwas scheint dich daran zu provozieren?) habe ich daraus extrapoliert. mir scheint es plausibel, so etwas anzunehmen.

    wenn er hier „media“ im eigentlichen sinn konkret mitmeint (früher „massenkommunikationsmedien“; für mich: die zirkulation von zeichen in einem kommunikationsraum, der über das sender/empfänger-modell hinausgeht), dann findet sich in dem text für mich jedenfalls kein klarer hinweis darauf. auch nicht auf den anderen medien-begriff, der sich aus McLuhans „electric media“ herausziehen lässt und aus meiner sicht immer der deutlichste ausgangspunkt für den gebrauch der raum-metapher war. (wohlgemerkt: das schließt sich beides überhaupt nicht aus.)

    worauf ich hinauswill? den „raum“-begriff für medien verstehen und analytisch explizieren.

    da sehe ich eben, wie mehrfach gesagt, drei „raumdimensionen“. die dritte dimension wäre bei mir die technische, die wieder auf je eigene weise einen eigenen „raum“ erzeugt, der sich mit den anderen überlagert.

    grundsätzlich bin ich dankbar für diesen strang, weil mir das geholfen hat, diese dreiteilung überhaupt erst klarer zu sehen. mehr als das dann auch für euch zur diskussion stellen, wollte ich gar nicht. nimm es, wenn du es brauchen kannst, oder blende es halt aus, wenn nicht.

    • ups, ich glaube, da hast Du Georg Rückriem aber gründlich missverstanden! Sowohl bezüglich dessen, was er mit „Raum“ meint, als auch seine Begriffe von Medium und Tool. Naja, eigentlich versteh ich ehrlich gesagt nicht, wie man das so missverstehen kann, hm.

  5. Ich habe das Wort „Raum“ lediglich als Metapher benutzt, aber sei’s drum. Wenn unbedingt mit dem Terminus operiert werden soll, dann für mein Verständnis eher so:
    Werkzeuge – oder „tools“ – eröffnen den begrenzten „Raum“ bestimmter Operationen, die mit ihnen realisiert werden können, mehr nicht. Sie fungieren als Mittel für begrenzte Zwecke. Mit einem Hammer kann ich außer Nägel auch Fensterscheiben einschlagen, aber keinen Computer reparieren. Trotzdem – wie das Beispiel zeigt – „überschreitet“ jedes Werkzeug (schon der Faustkeil) „die Individualität“ sowohl einer einzelnen Operation als auch eines einzelnen Benutzers, eben weil jedes Werkzeug eine Verallgemeinerung darstellt. Sonst wäre es keines
    Die „Überschreitung“ unterscheidet daher das einfache Werkzeug nicht grundsätzlich von Zeichen, Symbolen und anderen Abstraktionen, die ebenfalls als Mittel für Zwecke eingesetzt werden und insofern auch als ideelle oder psychische „Werkzeuge“ klassifiziert werden (Ich verzichte hier auf die Aufzählung der Belege.).
    Daß Werkzeuge einen eigenen „Raum“ darstellen könnten, sehe ich nicht. Mir leuchtet eher ein, die ganze Reihe von Werkzeug, Maschine, Automat, Computer dem Mittel-Begriff (also einem gemeinsamen „Raum“ aller „tools“) unterzuordnen – jedenfalls so lange wie nur von „Technologie“ und nicht von „Medium“ die Rede ist. (Vgl. dazu Rückriem, „Tool or Medium“, 2002)
    Davon unterscheide ich grundsätzlich den „Raum“, den ein Medium eröffnet, denn von ihm hängt ab, ob ein Gegenstand, ein Zeichen/Symbol, Automat usw. überhaupt als Werkzeug als „tool“ bestimmter gesellschaftlicher Operationen und Handlungen für die Durchsetzung bestimmter Zwecke bzw. die Realisierung bestimmter gesellschaftlicher Vorstellungen entwickelt bzw. eingesetzt wird oder nicht. Bekanntlich hatte die Erfindung des Buchdrucks im frühen Korea keinerlei gesellschaftliche Konsequenzen, eben weil die Technik, das „tool“, nie zum Medium wurde.
    Aus dieser Sicht kann ich der Auffassung leicht zustimmen, daß „weder die technologie- noch die mediengeschichte im sinne von (2) sich vollständig und befriedigend als eine abfolge von individuellen [!] wahlen aus jeweiligen möglichkeiten beschreiben lassen“. Das wäre ja auch absurd. Viel wichtiger ist mir, daß eine Technik- oder auch Technologiegeschichte nur im Rahmen einer „Medien“-Geschichte verständlich und sinnvoll wird, die deutlich machen kann, wie die Entwicklung von Leitmedien die Entwicklung und Realisierung von Technologien zum Zweck der Verwirklichung gesellschaftlicher Ziele erst ermöglicht – was nicht heißt „erzwingt“, nicht einmal „bewirkt“.
    Der fundamentale Unterschied scheint zu sein: Entweder geht man davon aus, daß der „grundcharakter der technologie ‚vorgegeben’ [Hervorhebung von mir]“ ist mit dem Ergebnis, daß die Handlungsmöglichkeiten wie auch die „subjektpositionen“ der Menschen „sowohl soziokulturell als auch individuell … anverwandelt [meine Hervorhebung] werden“. Oder man geht davon aus, daß das von Menschen hervorgebrachte Medium ihnen neue Möglichkeiten lediglich eröffnet, die sie ergreifen, um ihre Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenleben zu verwirklichen.
    Im ersteren Fall ist damit eine Reifizierung des Medienbegriffs, ein Medienkausalismus und ein soziokultureller Determinismus verbunden, dem die Menschen als fremdbestimmte Objekte einer unabhängig von ihrem Willen agierenden Technologie unterworfen sind. Das ist das Modell „Zauberlehrling“ von Volpert.
    Im letzteren Fall bleiben die Menschen die Prozessoren, und die Medien sind (lediglich) Speicher/Vermittler/Katalysatoren, die gleichwohl den Bedürfnisse der Menschen „anverwandelt“ werden können.
    Natürlich kann man sich in dieser Frage so oder so entscheiden. Ich gebe zu, daß ich für das letztere Modell die größeren Sympathien aufbringe. Entscheidend ist aber m.E., daß – wie Giesecke in seinen zahlreichen medienhistorischen Studien sehr konkret beschrieben hat –, die kausalistische bzw. deterministische Denkweise zu den Grundstrukturen der „Gutenberg-Galaxy“ gehören, also ihrerseits medial bestimmt sind und diese Abhängigkeit auf Grund ihres Determinismus nicht mehr selbst reflektieren können. Was mich persönlich so für das Giesecke-Modell einnimmt, ist darüber hinaus die Möglichkeit, auch mit medienhistorisch überfälligen Vorstellungen noch analytisch umgehen und nachweisen zu können, daß sie in Zeiten der gesellschaftlichen Transformation noch funktional und wichtig sind.

  6. „Das Missverständnis der Reduktion des Mediums auf ein Mittelverständnis ist einer der zentralen Mythen der Buchkultur.“ (S. 8 )

    Mir scheint, dass man diesen Satz seinerseits historisieren muss. Zugespitzt gefragt: Stand es der Gutenberg-Zeit frei, zwischen Mittel und Medium in dem Sinne unterscheiden zu können, den Georg Rückriem aufgezeigt hat?  Ich denke, dass die Antwort hier in wesentlicher Hinsicht heißen muss: Nein! – Das würde die Rede von „Mythos“ relativieren, und die Rede von „Missverständnis“ für die damalige(!) Zeit als Missverständnis ausweisen. – Ein Mythos wäre dieses Verständnis für die Gutenberg-Zeit insofern, als die wirkmächtige Nicht-Unterscheidung von Mittel und Medium das unhinterfragbare Grundverständnis von Vermittlung zum Ausdruck brachte. Ein Mythos im Sinne einer schlechten Ideologie wäre es dagegen erst heute: Dann, wenn wir den Unterschied kennen könnten, ihn aber dennoch nicht vollziehen.

    Skizze einer Begründung: Ohne selber historische Befunde nennen zu können/ zu wollen, bin ich sicher, dass man die sachliche Unterscheidung von Mittel und Medium bereits in der Antike, und auch in der Gutenberg-Zeit, getroffen hat. Nehmen wir für das Argument einfach an, es sei so. Was aber würde das besagen? Offenbar ist ja auch der Buchdruck selber schon lange vor Gutenberg, in Korea, erfunden worden – ohne soziale Konsequenzen (vgl. Rückriem, S. 7). Hatte also die (hier einmal zugestandene) sachliche Unterscheidung von Mittel und Medium in der Gutenberg-Zeit soziale Konsequenzen oder hätte sie solche Konsequenzen überhaupt haben können? Ich denke, dass nicht. Soziale Konsequenzen kann jene Unterscheidung nämlich erst in der politischen Moderne, in der Bürgerlichen Gesellschaft, in der Zeitrechnung nach den Menschenrechts-Erklärungen bekommen. Denn erst durch diese politischen Revolutionen sind die Verhältnisse zwischen den Menschen umgestellt von direkten Verhältnissen auf indirekte, auf prinzipiell vermittelte. Jetzt erst ist das Recht des Stärkeren umgestellt auf Rechtsstaatlichkeit – alle personalen Verhältnisse sind jetzt nicht mehr Verhältnisse von Angesicht zu Angesicht, sondern prinzipiell vermittelt durch wechselseitiges sich-Anerkennen als Person gleicher Rechte. Der Person-Begriff ist jetzt wieder an das Konzept der Maske gebunden – Masken bieten Schutz und eröffnen genau dadurch Beziehungsmöglichkeiten. Philosophisch spiegelt sich das u.a. in Rousseaus Unterscheidung von volonté de tous und volonté générale: In jeder Identifizierung eines der vielen Einzelwillen ist kriterial der Gemeinwille schon im Gebrauch; volonté générale ist jener „Raum“, innerhalb dessen individuelle Aktivitäten und Beziehungen überhaupt ›leben‹. Diesen Schutzraum der Öffentlichkeit des sich-Anerkennens als Person – konkret: verfassungsmäßig garantierte Unantast-barkeit menschlicher Würde – gab es in Ständegesellschaften nicht; in diesem Sinne war es unmöglich, den Mitmenschen als Stellvertreter eines Mediums zu sehen. Der Andere war entweder Mittel oder aber Repräsentant einer vor-gegebenen Ordnung. Und „also“ war es unmöglich, dass eine theoretische Unterscheidung von Mittel und Medium soziale Konsequenzen haben konnte. Die theoretische Unterscheidung von Mittel und Medium lebte gleichsam im Modus des utopischen Vor-Scheins (Bloch).
    Selbstverständlich gab es auch schon vor Rousseaus Unterscheidung die Unterscheidung von Elementen und übersummativen Ordnungen. Aber in der Vormoderne war übersummativ identisch (im Sinne sozialer Wirksamkeit) mit vor-gegeben: Derjenige „Raum“, in dem Individuierung von Elementen und Beziehungen zwischen Elementen stattfindet, war „klarerweise“ ein Holon – eine Vor-Ordnung des Ganzen vor den Teilen.
    Erst mit der politischen Moderne ist eine solche Vor-Ordnung des Ganzen vor den Teilen ein Mythos im Sinne schlechter Ideologie. Ja, mehr noch: In der politischen Moderne ist dieser Mythos dominant – entweder in einer der zahllosen Spielarten von Rousseauismus bis hin zum Kommunitarismus, oder aber als Abschaffung jenes Raumes zugunsten einer Reduktion auf atomistisch gedachte Einzelne im Liberalis-mus. Die mediale Interpretation jenes Raumes der Individuierungen ist in der klassischen Moderne de facto kaum wirkmächtig. Wirkmächtig wurde Anderes (z.B.: „Du bist nichts, Dein Volk ist alles!“). Die mediale Interpretation artikuliert sich aufdringlicher erst in der sog. Postmoderne, die man mit Scheier wohl lieber „mediale Moderne“ nennen sollte.
    Dass das Medium ein Raum ist (und nicht ein Mittel), muss also zwingend auch rückwärts gelesen werden: „Raum“ meint hier nicht ein vor-gegebenes Behältnis, sondern „Raum“ ist hier als Medium, als Feld, als ko-relativ zu den Elementen des Raumes zu begreifen.

    Daraus folgt: Dass die Buchkultur der Gutenberg-Zeit die Differenzierung von Mittel und Medium nicht vollzieht, ist ein Akt in emanzipatorischer(!) Absicht. Würde sie „damals“ zwischen beidem unterscheiden – wüsste sie sich also als Medium, und nicht bloß als Mittel , dann wäre sie Repräsentantin der vor-gegebenen Ordnung. Aber die Erfindung und soziale Verbreitung des Buchdrucks steht mit der (ambiva-lenten, hier notwendig vereinfachten) emanzipatorischen Rolle der Reformation im Bunde: Die Zersetzung der exklusiven lateinischen Priester-Auslegungen der Heiligen Schrift zugunsten des Zugangs von jedem und jeder Einzelnen zum geoffenbarten Wissen.

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