Berichtigung – Lernen im Leitmedienwechsel

Manchmal, wenn ich – wie häufig – alleine frühstücke, lese ich gedruckte Zeitungen von gestern und vorgestern. Und manchmal passiert es dabei, dass mir auch die kleineren journalistischen Formen wie z.B. die Rubrik „Berichtigung“  zu lesen nicht als Zeitverschwendung erscheint – vorausgesetzt, es ist noch Müsli oder Tee vorhanden, deren Vernichtung mit Lektüre zu begleiten ist.

Ein solcher Fall war heute früh. Ich fand in der TAZ von vorgestern (11. Oktober) auf Seite 15 in der rechten unteren Ecke gedruckt:

BERICHTIGUNG

„Wer selbst bestimmen kann, was er wann hören möchte, versäumt nichts mehr“, schrieb Norbert Bolz über die Vorteile des digitalen Radios. Gewagte These, denn sie setzt erstens voraus, dass man stets das Richtige zum Hören auswählt, also schon vorher weiß, was kommt. Und zweitens, dass die Zeit eines jeden für alles Relevante reicht, was doch sehr zu bezweifeln ist. Nichts zu versäumen – unmöglich.

Oha. Das geht mich an! Wo bitte schrieb Norbert Bolz das, was hier berichtigt wurde? Und was wurde berichtigt? Und wer hat berichtigt? Und bitte: Ist es üblich, dass in einer Berichtigung  auch zum Inhalt des Berichtigten kritisch Stellung genommen wird? Und was sagt der Berichtigte dazu?

Eine Art kognitiver Spannung trieb mich an den Rechner: Kein Problem, das Originalzitat zu finden in der Taz vom Wochenende (die nicht mehr auf dem Küchentisch lag.) Ulkig, dass Bolzens Satz, der da in der Berichtigung zur Berichtigung stand, dem Wortlaut nach gar nicht hätte berichtigt werden müssen, denn er stand ganz genauso auch im Artikel. Aber vielleicht nur online, wo er schließlich nachträglich berichtigt hat werden können? Und vielleicht nicht in der Printausgabe? Wo ist bloß die Printtaz vom Wochenende?  Im Papierkorb leider auch nicht mehr. Aber vier Treppen tiefer, in der Garage im Container – zum Glück noch nicht abgeholt.

Wieder am Küchentisch, leicht nach Luft ringend, blätterte ich in der Wochendendausgabe aufgeregt zum Bolz-Artikel. Ahja, „Radio in Eigenzeit“ auf Seite 16. Interessanter Artikel übrigens. Und das Zitat? Goldrichtig gedruckt, nichts am Wortlaut zu berichtigen.

Merkwürdig: Hat die taz da eine neue (Spaß-)gattung erfunden? Eine Möglichkeit für Redakteure, ihre Meinung zu sagen ohne es gedurft zu haben? Und alle kennen die neue Gattung schon lange, bloß ich noch nicht?

Jedenfalls: „Berichtigt“ wurde ganz offensichtlich kein Druckfehler, sondern Bolzens „gewagte These“, dass, wer selbst bestimmen kann, was er – ich erweitere das mal – aus den Medien zur Kenntnis nehmen möchte, nichts mehr versäume.  Und die Argumente zur Korrektur? Ahja. „das Richtige“ kann man nicht vorher kennen, und „Relevantes“ gibt es immer zu versäumen.

Lieber anonymer Berichtiger, wer auch immer du bist:

Du hast den Bolz leider nicht verstanden. Denn das ist es ja gerade: Ob etwas „Richtig“ ist oder ob etwas „Relevanz“ hat, das entscheidet ja seit Internet zunehmend weniger ein gewählter oder nicht gewählter Volksvertreter, Intendant, Redakteur …, sondern der „Nutzer“, also ich, bzw. alle anderen iche für sich selbst. Und unter diesem Blickwinkel gibt es in der Tat nichts mehr Relevantes zu versäumen (anderes natürlich immer, aber das war schon immer so), im Gegenteil, seit ich meine Zeit im Großen und Ganzen nur noch mit „selbst bestimmter Auswahl“ verbringe, finden mich viel mehr für mich relevante Informationen als früher. Aber du bist sicher nicht bei twitter und liest auch keine blogs, also kann dich meine Antwort gar nicht erreichen, und ich werde nen Teufel tun einen Leserbrief zu schreiben. Da hast du etwas Relevantes versäumt, aber selbst wenn, die Zeit reicht ja eh nicht.

Jetzt warte ich geduldig auf die nächste Montagsausgabe der Printtaz, um folgendes zu klären: Ist diese Sorte „Berichtigung“ ein einmaliger Gag gewesen, oder schon institutionalisierte neue Gattung? Aber vielleicht weiß es ja jemand aus meinem Netz und verrät es mir schon vorher, entweder hier als Kommentar oder bitte bei @lisarosa. Danke!

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