Drei Leuchtturmschulen hacken die Bildung

Am zweiten Tag der re:publica 2010 gab es im kleinen Saal der Kalkscheune ein besonderes Schnäppchen für alle, die sehen wollten, was mit Computer, Internet und Web 2.0 in Schulen möglich ist. Keiner kann jetzt mehr ernst genommen werden, der sagt: „geht nicht!“  Jöran Muuß-Merholz hatte die Subkonferenz re:learn organisiert unter der Fragestellung: Können die Neuen Medien trojanische Pferde zur Entwicklung einer neuen Lernkultur sein?

Christian Neff stellte das mittlerweile berühmt gewordene iPhone-Projekt der Projektschule Goldau vor. Obwohl an der bestehenden Schulpraxis, den Regeln und Strukturen ausdrücklich nicht gerüttelt worden war (es gelten weiterhin der Lehrplan, der Stundenplan usw.) und das iPhone ausdrücklich nur als neues Werkzeug zusätzlich zu den alten eingeführt wurde, ergaben sich deutlich sichtbar einige Elemente einer veränderten Lernkultur:

Die Schüler haben ihr persönliches Lerngerät immer bei sich.

1. Sie beschäftigten sich vielfach häufiger und länger mit den Lerngegenständen als in Unterricht und Hausaufgaben verlangt, und sie kommunizieren mehr über die Gegenstände und Belange ihres Lernens sowohl mit dem Lehrer als auch mit ihren Klassenkameraden. Der Lernort Schule wird dadurch erweitert. Lernen ist nicht mehr an den Klassenraum und nicht mehr an die Unterrichtszeit gebunden.

2. Mit der Einführung des iPhones ist es möglich geworden, individualisiert zu lernen (so lange und so oft und auf welchem Level der einzelne Schüler möchte) und gleichzeitig kollaborativ vernetzt. Individualisierung bedeutet also mitnichten Vereinzelung, ganz im Gegenteil.

3. Ganz nebenbei ergab sich eine Aufweichung der traditionellen Rollen Schüler / Lehrer: Die Dozenten der PH Schwyz machten eine Weiterbildung mit dem iPhone. Dozenten der Dozenten waren die 5. Klässler der iPhone-Klasse. Sie waren die Experten und konnten am besten erklären, wie man mit dem iPhone lernen kann.

In der zweiten Session präsentierten Sandra Anusiewicz-Baer und  Martina Godesa  das digitale Klassenzimmer der Heinz-Galinski-Grundschule Berlin. Eine vierte und eine fünfte Klasse lernen mit Smartboard und Classmates, robusten kinderfreundlichen Netbooks mit Tabletfunktion. Die SchülerInnen lernen Tastaturschreiben mit zehn Fingern, sie recherchieren über die Kindersuchmaschine Blinde Kuh, schreiben und formatieren Texte und binden Fotos ein.  Über das Tablet können sie auch handschriftliche Eingaben machen und zeichnen. Mit spezieller Software werden Mathematikaufgaben, sowie Grammatik- und Syntaxaufgaben visualisiert bearbeitbar. Über den Lehrer-PC können alle Schülerbildschirme am Smartboard gezeigt werden. Wie auch in der iPhone-Klasse der Projektschule Goldau ersetzt das neue Gerät nicht den traditionellen Unterricht und das Curriculum, sondern erweitert beides.

Die Kaiserin-Augusta-Schule Köln, ein Gymnasium, wird, seitdem sie ihre Erfahrungen auf der Didakta 2010 präsentiert hat, schon Die Blog-Schule genannt. Die Kollegen André Spang und Roman Deeken sind die Spiritus Rectores der sagenhaften Entwicklung eines Web 2.0 – Lernens mit 14 Blogs und einem sich stetig entfaltenden Wiki. Am 11. 11. 2009, während  in Köln vorrübergehend die Jecken die Herrschaft übernahmen, hatte sich das Kollegium der KAS einen Fortbildungstag gegönnt, auf dem es sich im Eilverfahren verschiedenste Web 2.0-Anwendungen zeigen ließ, um sie anschließend im Schulalltag zu erproben und auf ihre Potenziale zu testen. Nicht nur im Musik-, Englisch– und Französisch-Unterricht wird gebloggt. Das Blog wurde auch als Kommunikationsmedium zur Information und Partizipation entdeckt für die schwierige Lage des ersten G8 – Jahrgangs, der zusammen mit dem letzten G9 – Jahrgang 2013 Abitur macht. Und mit einer weiteren Erfindung ist die KAS außerdem sicher die erste Schule, deren Steuergruppe mit einem Blog als Kommunikationsmedium arbeitet. Alle Blogs und der Link zum Wiki sind hier zu finden. Die Folien der Präsentation in der re:learn-session enthalten außerdem eine zur Nachahmung anregende Strategie für die Medienkompetenzentwicklung der Schule: KAS-Blogschule

Was mir an allen Schulen aufgefallen ist und besonders gefällt: Die Schulen und ihre LehrerInnen haben den Mut, sich im Experimentiermodus auf den Weg in die Wissensgesellschaft und in eine neue Lernkultur zu begeben. Sie können sich dabei nicht auf ein erprobtes, fertiges, altehrwürdiges Modell stützen, sie müssen der Natur der Sache nach, selbst erfinden und erproben. Das heißt auch, dass sie bereit sind, Risiken einzugehen und Fehler zu machen, aus denen weiter gelernt wird. Sie sind kluge und lernende Organisationen. Sie warten nicht auf Konzepte und Ausführungsvorschriften von oben. Dieser für viele ungewohnte Denk-, Lern- und Arbeitsmodus ist selbst schon Teil von Wissensgesellschaft: Es reicht nicht mehr, das bislang angesammelte Wissen kanonisch weiterzuvermitteln an die nächste Generation, sondern das Nicht-Wissen muss gemanagt werden. Neues Wissen für neuartige Probleme muss erst gefunden werden. Das geht nur, wenn Erfinden, Experimentieren und aus notwendigen Fehlern Lernen zu einer normalen Haltung in allen Tätigkeitsbereichen und allen Systemen wird.

Solche Beispiele sind noch rar in Deutschland. Peter Kruse hat im ZDF-Nachtstudio am 11. 4. 2010 die plausible These in die Diskussion gebracht:  In Deutschland denkt man eher in Richtung der Verluste, Probleme und Gefahren, wenn es um Veränderungen geht, die nicht auf Optimierung sondern auf Überwindung des Bestehenden gerichtet sind. Alle Negativa sollten im Voraus durch Regelungen erledigt werden, bevor eine Entwicklung angepackt wird.  In den USA  hat man eine andere Strategie. Dort probiert man schneller etwas Neues aus in der Zuversicht, dass man die Probleme, die auftauchen werden, schon meistern wird.

Deutlich ist  auch geworden: Innovationen können eine Organisation/eine Schule nur dann erfolgreich um- und neu gestalten, wenn sie von der Leitung mindestens mitgetragen und unterstützt werden. Entgegenkommende Verhältnisse nennt das der Projektdidaktiker Wolfgang Steiner. Und wenn die Initiative von der Leitung selbst ausgeht, muss die Mehrheit der Mitarbeiter/des Kollegiums dafür gewonnen werden, die Veränderungen zu ihrem eigenen Projekt zu machen.  Zu den entgegenkommenden Verhältnissen auf der Mitarbeiterseite der Projektmannschaft gehört jedoch auch, dass die zusätzliche Arbeit, die da geleistet wird, nicht nur Anerkennung und Wertschätzung auf der ideellen, sondern auch auf der materiellen Ebene erhält. Im Klartext: Es muss Stundenermäßigung für diejenigen Lehrer und Lehrerinnen geben, die sich engagiert in den Entwicklungsprozess werfen.

Übrigens, auch die CD des Musikers André Spang ist für Jazzliebhaber sehr zu empfehlen.

17 Gedanken zu „Drei Leuchtturmschulen hacken die Bildung

  1. Liebe Lisa,

    bei aller Begeisterung für das iPhone-Projekt (danke!): Es war und ist auch ohne iPhones möglich, individualisiert und gleichzeitig kollaborativ vernetzt zu lernen. Wochenplanunterricht ist keine iPhone-App, sondern eine Unterrichtsform, die z.B. Christian Neff schon länger einsetzt.

    Natürlich bin ich mit Dir einverstanden, persönliche Geräte _unterstützen_ solche Bestrebungen, aber wir müssen aufpassen, dass nicht der Eindruck entsteht, erst mit diesen technischen Erweiterungen sei das alles möglich geworden.

    • Lieber Beat, ich gebe Dir Recht. Wochenplanunterricht ist auch individualisierter Unterricht. Ist er ohne Netzzugang auch vernetzt kollaborativ? Dürfen bei euch die Schüler dabei herumrennen und sich mit anderen austauschen? Und wenn ja, ist das nicht ziemlich lärmig?

  2. Zumindest in der Projektklasse von Christian Neff ist Wochenplanunterricht für mich jeweils überraschend ruhig. Die Besucherinnen und Besucher, die ich mitbringe, sind meist am lautesten. Und das liegt nicht an den iPhones. Sondern unter anderem daran, dass eine entsprechende Lern- und Arbeitskultur aufgebaut werden konnte. Oder daran, dass Schulhausarchitektur und Schulkultur zulassen, dass die Kinder während des Wochenplanunterrichts auch ausserhalb des Klassenzimmer arbeiten können und dürfen.

  3. Pingback: Live aus Berlin: KAS – Die “Blog-Schule” « Steuergruppe der Kaiserin Augusta Schule, Köln

  4. Liebe Lisa,
    Dir an dieser Stelle einen ganz herzlichen Dank für Deine Fortbildung am 11.11.09 und die Unterstützung, die du uns stets auch darüber hinaus gegeben hast. Bei allen Anfragen warst du beratend zur Stelle und hast Mut gemacht, wie auch oben in Deinem Artikel. Ohne dieses „blogo-doping“ hätte wir die jetzt bestehende KAS-Blogosphäre bestimmt in der kurzen Zeit oder auch jemals nicht erreicht.
    Peace!
    P.S. Danke auch für den kleinen Werbeblock in Sachen Musik, der mich auch daran erinnert und ermahnt, mal wieder etwas kreativer zu werden, was das Komponieren und Produzieren betrifft. Aber dazu – in Kürze mehr, das Metronom klickt schon!

    • Danke Dir für die Lobeshymne. Es freut mich sehr, dass ich helfen konnte. Und tatsächlich bin ich schon sehr gespannt auf eine neue CD!🙂

  5. Pingback: mindlounge» Blogarchiv » re:publica 10

    • Hallo,
      ich bin Lehrer in Berlin und war das erste Mal auf der re:publica. Interessant, wenn von außen mal auf Schule geschaut wird. Die drei Beiträge waren sehr interessant und anregend (siehe Enträge in meinem Blog http://www.pixeltafel.de). Als Mitglied der Steuergruppe (Schulprogrammgestaltung) meiner Grundschule fand ich besonders beeindruckend, wie die Kollegen aus Köln das planerisch angehen. Da Computer- und Interneteinbindung im Unterricht (wenn es mehr ist als Vor-die-Lernsoftware-setzen-im-PC-Raum) oft Ein-Personen-Aktionen der Lehrkräfte sind, ist so eine Einbindung oft nicht schulweit realisierbar oder sie steht nur auf dem Papier. Das muss eben auch jeden Tag im Unterricht am PC und Laptop in vielen Klassen mit Leben erfüllt werden.
      Zur Veranstaltung noch: Insgesamt zu wenig Zeit!!! Das Thema der Diskussion („Trojaner in der Bildung…“) fand ich gut gewählt (Schade, dass es nicht diskutiert wurde). Genau DER Punkt, der mich vor vielen Jahren überzeugt hat PC und Internet im Unterricht einzusetzen: Unterricht öffnen und individualisieren (wo es möglich ist) auch mit PC und Laptop!
      Die Laptop-Klasse an sich sehe ich skeptisch. Leider hatten die Kolleginnen etwas Technik-Pech und zu wenig Zeit um den Wert der Arbeit rüberzubringen, finde ich. Viele Technikanbieter bringen da meiner Meinung nach rückschrittige Konzepte durch die Hightech-Hintertür wieder rein. Muss man wirklich als Lehrer am PC sitzend am Bildschirm sehen, was die SchülerLaptops gerade machen? Lehrkraft sitz im Cockpit und kontrolliert… keine schöne moderne Vorstellung, denke ich.
      Warum gibt es so wenige bloggende Grundschulen? Schade, schade, die Hürde bei wordpress ist wirklich nicht so hoch…http://www.piratenklasse.de/ oder http://www.pantherblog.de
      Gruß aus Berlin

      • Hallo Herr Seidel, ihr Kommentar macht Mut. Bitte kopieren Sie ihn und setzen ihn auch auf unseren Steuergruppenblog – würde uns helfen. http://steuergruppe.wordpress.com Artikel: Live aus Berlin: KAS Die Blogschule. Danke u Gruß aus Kölle

      • Hallo Thomas,
        ich würde auch nicht im Kontrollcockpit sitzen wollen – aber wie man sieht, geht das auch. Für manche Lehrer/Schulen ist damit vielleicht zunächst eine wirklich wichtige Hürde beseitigt, wenn sie noch einen Moment lang die Kontrollillusion über das Lernen ihrer Schüler pflegen dürfen. (Und dann entpuppt sich das Neue Medium vielleicht als Trojaner und führt weg vom Kontrollbedürfnis, weil es als überflüssig und störend erlebt wird. Ist ja alles ein längerer Prozess.)
        Bloggende Grundschule in Berlin ist z.B. die Karl-Weise-Grundschule mit Martin Riemer als Coach:
        http://www.karl-weise-gs.cidsnet.de/
        Ansonsten sind es immer einzelne Lehrer, ich denke, es werden immer mehr.

  6. Hallo Lisa,

    danke für die Einblicke in die Präsentationen. Durch die für Lehrende ungünstige Zeit der re:publica bleibt einem leider nur die Außenperspektive.

    Ich würde gerne kurz den letzten Satz aufgreifen:
    „Es muss Stundenermäßigung für diejenigen Lehrer und Lehrerinnen geben, die sich engagiert in den Entwicklungsprozess werfen.“

    Sicherlich – dazu muss man nichts hinzufügen!

    Durch den Mangel an anderen Boni-Systemen im Bildungssystem Schule hat sich die Entlastungsstunden-Verteilung als heimliches Schlachtfeld etabliert, auf wlechem entschieden wird, welche Aufgabenfelder und welches Engagement von Kollegen für das System Schule wichtig sind. (Darf ich das hier so eigentlich sagen?….)
    Von daher hätte es eine umso größere Bedeutung, wenn für die Etablierung einer aktiven Blog- und Kommunikationskultur in der Schule Entlastungsstunden zur Verfügung gestellt würden. Nicht wegen der Arbeitszeit, sondern als Zeichen der Bedeutung dieser Entwicklung.

    • Ganz genau! Und natürlich „darf“ man das sagen! Und man muss es sogar! Die Boni-Kultur, wie du sie nennst, ist das Hauptinstrument einer gescheiten Kontextsteuerung. Mehr Geld brauchen die Vollzeitlehrer aber nicht. Sie brauchen mehr Zeit! Also besteht der Bonus in der Entlastung von Unterrichts-Pflichtstunden. Wofür soll es Entlastungsstunden geben? Für die kreative Arbeit an den Dingen, die die Schule zu ihrer Entwicklung braucht, um in der Wissensgesellschaft anzukommen. Diese kreativen Leistungen werden nicht in Gang gebracht, indem sie von oben angeordnet werden. Alle diese Fremdsteuerungsversuche sind nachweislich vergeblich gewesen und haben z.T. sogar das Gegenteil hervorgerufen und die Akteure verprellt. Die Schulen in D. können froh sein, wenn sie noch genügend LehrerInnen finden, die für die anstehenden Transformationsaufgaben bereit sind. Wenn aber nur das „Kerngeschäft“ bezahlt wird oder so – wie z.B. in HH – dermaßen übermäßig die Arbeitskraft ausgelutscht wird mit Unterrichtsverpflichtung, dann kann es nicht genügend kreative Kräfte dafür geben.

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