Lernen und Sinn

In a world of nearly infinite information, we must first address why, facilitate how, and let the what generate naturally from there.

(Michael Wesch, in: From Knowledgeable to Knowledge-able. Learning in New Media Environments, 2009)

Dieses „why“ – also den Sinn – zum wichtigsten Kriterium des Lernens (sowohl von Individuen als auch von sozialen Systemen) zu machen, ist eine der größten Herausforderungen, denen das bestehende Bildungssystem derzeit gegenübersteht und mit der es sich so besonders schwer tut,  insbesondere  in Deutschland.

Denn hier hält man am konsequentesten fest an der Vorstellung, dass der Sinn eines Lerngegenstands als objektive gesellschaftliche Bedeutung gegeben sei, und dieser Sinn folglich nur klar genug von Lehrplänen und Lehrern vermittelt und von den Lernenden eingesehen und akzeptiert werden müsse.

„Warum müssen wir diesen (anstrengenden, langweiligen, …) Stoff lernen?“  fragen die Schüler. Und das System antwortet: „Weil es gut für euch ist, weil ihr es später – im richtigen Leben – brauchen werdet, weil wir es euch so sagen, weil es im Lehrplan steht …)“. Und dann werden „Leistungsvereinbarungen“, „Lernzielvereinbarungen“ usw. mit den Schülern geschlossen wie ein Vertrag, in dem sich die Lernenden verpflichten, „Verantwortung für ihr Lernen“ zu übernehmen,  d.h. für Lernziele, die ihnen verordnet werden zusammen mit ihrer angeblich unstrittigen gesellschaftlichen Bedeutung.

Dieser Vorgang wird für eine Modernisierung und Reformierung des alten Systems gehalten – zunächst bedeutet er jedoch nur, was Freud die Überichbildung nennt, nämlich die Internalisierung der Wünsche des „Vaters“ (der Vater ist in diesem Falle die gesellschaftliche Autorität, vertreten durch Lehrplanziele, vermittelt durch den „Lehrkörper“).  Ob die alte Logik der zunehmend misslingenden Fremdsteuerungsversuche beim Lernen damit gebrochen wird, erscheint mir sehr fraglich. Zunächst findet ja nur die Verschiebung der „Verantwortung“ statt. Angenommen wird, dass Schüler nun freiwillig lernen, was sie vordem nicht lernen wollten oder konnten, weil sie sich jetzt zu diesem freiwilligen Lernen verpflichtet haben.  Und sie müssen sich dazu verpflichten, sie dürfen Lernvereinbarungen nicht verweigern. Und solange diese verpflichtende Freiwilligkeit an Freiheit  nur bedeutet, zu wählen, wie schnell, mit welchen Mitteln und Methoden gelernt wird, was gelernt werden soll, solange bleibt es ein Nötigungsversuch, der gelingen kann oder auch nicht, wie ehedem.  Ob gelernt wird, was gelernt werden soll, hängt weiterhin davon ab, ob die Lernenden in diesem formalen Setting trotzdem genügend eigene Sinnbildungsmöglichkeiten erhalten. Denn Lernen ohne einen persönlichen Sinn ist unmöglich.

Der Mensch findet ein bereits fertiges, historisch entstandenes Bedeutungssystem vor und macht es sich
ebenso zu eigen, wie er sich ein Werkzeug, […] zu eigen macht. Die […] wesentliche Tatsache ist die, daß ich mir eine Bedeutung zu eigen mache und auch, inwieweit ich sie mir zu eigen mache und was sie für mich, für meine Persönlichkeit wird. Wovon hängt dies letztere ab? Das hängt davon ab, welchen Sinn diese Bedeutung für mich hat.«

sagt Alexej N. Leont’ev zur Unterscheidung von Sinn und Bedeutung.  Und:

Der Sinn wird nicht durch die Bedeutung erzeugt, sondern durch das Leben.

(Beide Zitate in:  A. N. Leontjew, Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit, Köln 1982, S. 261f)

Dass das Sinnproblem ein zentrales Problem für die Funktionsfähigkeit des Bildungssystem ist, ist heute deutlicher als je zuvor.  Wo Schule und Universitäten nicht mehr die einzigen Orte sind, an denen gelernt werden kann, weil nicht mehr nur diese die dazu nötigen Informationen besitzen und verteilen, müssen sie ihre einzigartige Bedeutung neu legitimieren. Sie müssen nachweisen, warum ausgerechnet in diesem System besser gelernt werden kann als frei im Netz oder in privaten Home- und Unschooler-Initiativen oder in Open Universities.  Diese Legitimation behalten sie künftig nur, wenn sie  die persönliche Sinnbildung der Lernenden nicht mehr wie bisher dem Zufall überlassen, sondern Sinnbildungsmöglichkeiten stattdessen organisieren – und noch viel mehr: Sie müssen die Organisation von Sinnbildungsmöglichkeiten als eine  ihrer  Hauptaufgaben begreifen.

Ein Schritt in die richtige Richtung hat die einzigartige Hamburger Zeitschrift für Lehrer „Hamburg macht Schule“ mit ihrem neuesten Heft getan. „HmS“ ist seit den frühen 80er Jahren das Produkt einer Kooperationsbeziehung zwischen Schulbehörde, Universtiät und Lehrerfortbildungsinstitut in Hamburg.  Neben Behördenmitteilungen war diese Zeitschrift seit ihrer Gründung ein Publikationsort für reformpädagogische Ideen und Praxisberichte. Die jeweils aktuelle Nummer  liegt in allen Hamburger Lehrerzimmern herum und wird auch manchmal gelesen.  Aber auf Lehrerzimmer-Fensterbänken herumliegendes Lesepensum – zumal, wenn es einen Behördenlook hat – ist vor allem in Zeiten hoher Belastung durch das Alltagsgeschäft der Lehrer, das nur mit ausgeklügelten Routinen zu bewältigen ist, und der dazu verordneten Reformierungstätigkeit, nicht unbedingt verführerisch.

Schade, wenn auch mit diesem Heft in den Kollegien wieder nicht gearbeitet wird.

Denn das neue Heft heißt Lernen und Sinn.

In diesem Heft ist das schon vor Monaten hier in shift veröffentlichte Interview „Sinnbildung  lernen“ mit Georg Rückriem und Johannes Werner Erdmann enthalten – als Orientierung zur Frage: Welche Bedeutung hat die Sinnfrage für gelingendes Lernen?

Und außerdem sind eine Reihe sehr anregender Praxisbeispiele über gelungene Sinnbildung im schulischen Lernen enthalten.

Ich als Geschichtslehrerin freue mich insbesondere an Christian Welniaks Bericht über die Arbeit einer Schulklasse  mit Zeitzeugen „Erinnern für die eigene Zukunft oder ‚warum haben sich die Juden nicht bei der Polizei beschwert?“ (S. 22)  und an dem Bericht einer farbigen Schülerin „Plötzlich ist Geschichte ganz nah…“ (S. 23)

Über Sinnbildungslernen, auch wenn es dort nicht so genannt wird, finden sich aufregende Erkenntnisse in einer Reihe von  Büchern aus dem anglo-amerikanischen Raum. Wie gut wäre es, wenn die Bildungsverantwortlichen in Deutschland sich mal mehr damit beschäftigen würden,  die Diskussion außerhalb Deutschlands zur Kenntnis zu nehmen. Man könnte eine Menge von anderen lernen, die anderswo leben, wenn man nicht immer meinte, schon alles zu wissen oder zu können, und nicht immer meinte, dass WIR DEUTSCHEN die Bildung mit Humboldt erfunden hätten und uns darum gar nichts von ANDEREN sagen lassen zu müssen wollen hätten brauchen…

Ich empfehle – und wenn es nur für den Genuss ist (gibt es denn überhaupt noch lesende Lehrer just for fun and sense?)  zwei Bücher, und es juckt mich in den Fingern, sie auf  Deutsch herauszugeben:

Sir Ken RobinsonThe Element. How Finding Your Passion Changes Everything und

James BachSecrets of a Buccaneer Scholar.  How Self-Education and the Pursuit of Passion Can Lead to a Lifetime of Success

Für beide Autoren steht es außer Frage, dass der Lernende nicht nur über Lerntempo und Lernweg selbst bestimmen können muss, sondern auch über die Inhalte, Ziele,  Themen und Gegenstände seines Lernens.

13 Gedanken zu „Lernen und Sinn

  1. Du beschreibst das Legitimationsproblem von Schulen und Universitäten angesichts des Verlustes des „Informationsmonopols“, welches beide bis vor kurzem gehabt haben. Meiner Meinung nach hatten die beiden genannten dieses Monopol noch nie. Informationen sind seit jeher auch jenseits von Institutionen verfügbar.
    Zwei Dinge haben die beiden aber nach wie vor; und gegenwärtig stehen sie auch nicht in der Gefahr diese einzubüßen. Diese beiden Dinge resultieren aus einer Gesellschaft, die mehr Wert auf Schein statt sein legt. Dies ist wörtlich zu nehmen, wenn man bedenkt, dass wir grundsätzlich alles über Zertifikate (Abitur, Seminarschein, Bachelor, Diplom, Master, Dr., …), aber selten/nie über tatsächliche Fähigkeiten regeln. Diese Zertifikate nutzen wir dann für das zweite Monopol, dass der Selektion. Wie gegenwärtig an der Hamburger Schulreform und einigen beteiligten abzulesen ist, existiert bei vielen, in erster Linie gesellschaftlich begünstigten Personenkreisen, ein starkes Interesse daran, gesellschaftliche Selektion über das Bildungssystem aufrecht zu erhalten.
    (Ich habe hier: http://evolusin.wordpress.com/2009/09/08/lernen-vs-macht-auswege-aus-der-krise/ zwei wohl nie alt werdende Zitate zu dem Problem.)
    Ich stimme Dir zu, dass die Sinnvermittlung nicht aus Lehrplänen zu beziehen ist, aber so lange diese beiden Aspekte des Bildungssystems nicht überdacht werden, so lange werden wir auch der Ideologie des Lehr-Lernens unterstellt bleiben.

    (Homeschooling kann sicher fantastisch, in vielen Fällen auch besser als Schule, funktionieren. Angesichts von verwahrlosten und verhungerten Kindern, in prekarisierten Bereichen der Gesellschaft, ist gegenwärtig in meinen Augen das bestehende Bildungssystem das deutlich kleinere Risiko. Lehrer und Dozenten wechseln – Eltern nicht. Wenn man mit schlechten Lehrern konfrontiert wird ist das schlimm, kann evtl. aber im Laufe des Bildungsweges kompensiert werden. Wenn Du mit schlechten Eltern konfrontiert wirst, wofür ausnahmsweise kein Zertifikat notwendig ist, scheint mir Homeschooling eine „worst-case Option“ zu sein!)

    • Da gebe ich Dir Recht: Unser bestehendes System operiert mit Zertifikaten, die zu Kompetenzen im Sinne von „Befugnis“ führen, die nichts über die Kompetenzen im Sinne von „Fähigkeiten“ aussagen.

      Und ich gebe Dir darin Recht, dass es nicht möglich ist, an dem einem Aspekt (Sinnbildung lernen) die nötige gesamte Umwälzung des Systems aufzuhängen. Ich glaube, dass es aber auch nicht über einen anderen Aspekt (z.b. die Zertifikatvergabe) aufzurollen ist. So oft höre ich: Erst muss dies geändert werden, dann können wir auch jenes ändern. Ich beobachte stattdessen, dass peu a peu alle Aspekte auf den Prüfstand kommen und reformuliert werden – wenn auch nicht gleichzeitig und noch lange nicht in Form eines „Masterplans“. Aber so langsam rumort es überall. Dass aber die Unlust vieler SuS – beklagt als fehlende Motivation – nicht durch weitere Varianten des alten Konzepts „didaktische Vermittlung“ von feststehenden Lerngegenständen behoben werden kann, sondern weiter zunehmen wird, scheint mir unstrittig.

      • Ganz sicher bin ich nicht der Meinung, dass sich erst Sinn vermitteln lässt, wenn bspw. die KMK das Zertifizierungkonzept und die Lehr-Lern-Überzeugung überdacht hat. (Fürchte das kann nch eine Weile dauern.) Gleichwohl meine ich, dass Sinn nur in persönlichen Bezügen entstehen kann, oder wie Holzkamp sagt, Bedeutsamkeit aus der Option der individuellen Verfügungserweiterung über die eigenen Lebensbedingungen entsteht. Dies muss in meinen Augen nicht zwingend bedeuten, dass es nicht mehr die „Grundbildung“ geben darf. Nur bedeutet es, dass die Sinnvermittlung dieser Grundbildung (z.B. Lesen & Schreiben) ggf. individualisiert werden muss. Der Verweis auf eine ungewisse Zukunft erscheint mir dabei allerdings wenig tragfähig. SuS müssen Sinn im hier und jetzt entdecken bzw. ihn konstruieren, wenn ich den SuS von Piaget folge. „Wenn Du groß bist musst Du für Deinen Beruf Lesen und Schreiben können!“, erscheint mir für Grundschüler weniger einleuchtend („Welcher Job? Prinzessin!“), als z.B. der Verweis auf Wunschzettel, Briefverkehr mit Oma oder die Geschichte zu einem geliebten Bilderbuch „(neu) zu schreiben“.
        Strukturell wird für eine solche Differenzierung aber oft nicht genügend Raum gegeben, was die Lehrkräfte dann etwas alleine lässt. Nichts desto trotz können sie innerhalb systemischer Grenzen priorisieren und gestalten. Dort ist sicherlich das größte Potential der Sinnvermittlung zu entdecken.

  2. Pingback: “Lernen und Sinn”

  3. Die reine Frage nach dem Sinn beim Lernen könnte verwirrend sein. Denn natürlich stellen sich alle Lehrenden die Frage, wenn sie ihren Unterricht vorbereiten. Wie könnte ich das Thema präsentieren, einführen, erarbeiten lassen, sodass es möglichst nahe dran ist an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler.
    Die Sinnfrage ist Schule nicht unbekannt und wird gewissenhaft und wissenschaftlich durchgeführt (Didaktik).

    Der Knackpunkt hinter Deiner These scheint aber zu sein, dass die Sinnfrage demokratisiert / individualisiert wird. Weg vom Zentralgestirn in die Milchstraße – Didaktik auf dem Weg von 1.0 zu 2.0.
    Der Lernende soll seinen Gegenstand selber bestimmen.

    Das bleibt nicht folgenlos….
    Was ist mit dem „Bildungskanon“? Gibt es keine Grundbildung, auf die alle Menschen zurückgreifen können sollten – auch wenn sie dafür in der „Schule“ nicht so recht Lust hatten?
    Was passiert mit der Unterrichtsgestaltung? Werfen wir alle Lehrpläne und Curricula über den Haufen?
    Wie sichern wir Multiperspektivität?
    Welche Bedeutung haben zentrale Abschlussprüfungen und Lernstandserhebungen?
    Wie zertifizieren wir erfolgreiche Schulabschlüsse?

    Wenn ich die Lisa Rosas Forderung richtig interpretiert habe, eckt dies an vielen Vorstellungen von Schule an.

    Find ich gut.

    • Ja, Deine Fragen sind alle angebracht. Und alles muss auf den Prüfstand. Wenn Sinn, wie Leont’ev sagt, immer persönlicher Sinn ist, der nicht von außen gegeben oder „gestiftet“ werden kann, dann ist das Sinnproblem nicht durch „wissenschaftliche Didaktik“ zu lösen, die ja wieder den persönlichen Sinn voraussetzt und als identisch mit der gesellschaftlichen Bedeutung eines Gegenstands objektiv gegeben sieht, Die Didaktik ist dann darum bemüht, diesen vermeintlich objektiv bestimmbaren Sinn zu vermitteln.
      Ich meine tatsächlich, dass ein allgemeines Curriculum einen so weiten Rahmen haben muss, dass jeder Lernende darunter sein eigenes ganz persönliches Curriculum verfolgen kann. „Fähigkeit zur persönlichen Sinnbildung“ wäre dann z.B. ein Punkt in diesem allgemeinen Curriculum. Ich bin überzeugt davon, dass das, was bisher unter Allgemeinbildung verstanden wurde, neu definiert werden muss. Für einen guten Ansatz dazu halte ich nach wie vor die „Selection and Definition of Key Competencies“ der OECD von 2003.
      „Why should we all do math? Why not all doing dancing?“ fragt Sir Ken Robinson sehr richtig.

  4. Pingback: Lernen und Sinn « Bluemac

  5. Grundsätzlich wäre es natürlich schön, wenn in Schule und Universität mehr das Prinzip befolgt würde, „dass der Lernende nicht nur über Lerntempo und Lernweg selbst bestimmen können muss, sondern auch über die Inhalte, Ziele, Themen und Gegenstände seines Lernens.“

    @evolusin schreibt, „dass wir grundsätzlich alles über Zertifikate (Abitur, Seminarschein, Bachelor, Diplom, Master, Dr., …), aber selten/nie über tatsächliche Fähigkeiten regeln. Diese Zertifikate nutzen wir dann für das zweite Monopol, dass der Selektion. “

    Auch das ist natürlich grundsätzlich schlecht, schließlich sollte man als Lerner intrinsisch motiviert sein – allerdings hilft da manchmal so ein bisschen extrinsische Motivation doch einiges weiter. Wenn ich mir überlege, was ich für meine Examensprüfungen gelernt habe – hätte ich die Prüfung nicht bestehen wollen, dann hätte ich vielleicht nie gemerkt, was es da noch für wirklich interessante Bereiche in meinem Gebiet gibt (die auch durchaus wichtig zu wissen sind, wenn ich wirklich Experte in meinem Fach sein will).
    Aus reiner Faulheit wäre ich den Weg des geringeren Widerstands gegangen.

    Wenn das (ohne den Zwang, ein Zertifikat zu besitzen) alle machen, dann gibt es bald keine richtigen Lehrer, Ärzte usw. mehr – sondern nur noch Leute, die zum Spaß ein bisschen was über Didaktik oder Darmchirurgie gelesen haben. Von denen möchte ich aber weder unterrichtet, noch operiert werden.
    Und um zu erreichen, dass wirklich nur die fähigen Leute ins Klassenzimmer oder den OP-Saal kommen, braucht man m.E. irgendeine Form der Selektion, oder?!

    • Die Begriffe „extrinsische“ und „intrinsische Motivation“ stammen aus einem anderen Konzeptrahmen als die Begriffe „Sinn“ und „Bedeutung“, wie ich sie, angelehnt an die kulturhistorische Psychologie verwende. Diese Begriffe sind an das bestehende „Zertifikatesystem“ gebunden und bekommen nur durch dieses System ihren Sinn.

      Klar, kann unter den Bedingungen der Zertifikatslogik das Lernen um eines Zertifikats willen, ein ganz starkes Lernmotiv sein! Und klar, während man unter diesem ursprünglichen Motiv lernt, kann sich das sinngebende Lernmotiv auch verschieben, weil man plötzlich Interesse am Gegenstand des Lernens entwickelt. Dann ändert sich aber das Motiv! Und das neue Motiv (Begeisterung am Gegenstand) ist das, was über das Zertifikat hinaus überhaupt hält! Aber wieso soll man dieses Motiv der Leidenschaft an der Sache erst erwerben, wenn man durch das Zertifikaterwerbungs-Motiv „gepeitscht“ wurde?

      Es gibt viele Beispiele (u.a. zu finden bei James Bach, Buccaneer-Scholar …), in denen deutlich wird, dass Lernmotive, die mit Leidenschaft und Flow, Selbstwirksamkeit und der Freude an der Beherrschung eines Gegenstands, sowie daran, Anerkennung zu bekommen, weil man wichtige Probleme lösen kann, zu tun haben, viel mehr Bedürfnisse des Menschen befriedigen als das Motiv, bloß eine Befugnis zu erhalten, in einem bestimmten Beruf seinen Lebensunterhalt zu erarbeiten.

      Es ist eine Frage des Menschenbilds. Aus Deinen Ausführungen wird deutlich, dass Du meinst, dass Menschen generell oder meistens nur dann lernen und sich anstrengen, wenn sie von einer Prüfungsstelle dazu gezwungen sind, während sie, wenn sie frei sich ihre Tätigkeit wählen dürfen, bloß soviel lernen würden, wie ihnen gerade unmittelbar „Spaß“ ohne Anstrengung macht. Der Mensch ist von Grund auf bequem, desinteressiert und faul?

      Dieser Vorstellung widerspreche ich: Der Mensch ist von Grund auf bedürftig, ja gierig, nach persönlichem Sinn und nach Bedeutung für die Gemenschaft. Deiner Vorstellung widersprechen auch die Beispiele aus dem HmS-Heft, auf die ich hingewiesen habe. Flow, echte Ausdauer, ja Besessenheit in der Beschäftigung mit einer Materie entstehen in der Regel nur da, wo die Person mit allen ihren existentiellen Bedürfnissen betroffen ist, also persönlicher Sinn gebildet wurde.

      Man kann an den Schülern – und zwar an allen, nicht nur an einigen – wenn ein Zustand erreicht ist, wo diese Bedürfnisse befriedigt werden können, dann auch beobachten, dass ihnen die Noten, die sie für ihre „Leistungen“ bekommen, nicht unwichtig, natürlich nicht, aber doch nachrangig werden. In einem meiner Projekte zur Erinnerungskultur haben die SuS nach dem Projekt ausdrücklich darauf verzichtet, bewertet zu werden, obwohl ich ihnen gesagt hatte, dass sich für alle Projektbeteiligten die Geschichtsnote dadurch verbessern würde. Sie gaben übereinstimmend in dem Gespräch darüber an, dass sie aus Freude und aus Interesse am Gegenstand gelernt hatten und keine „Belohnung“ dafür bräuchten.

      Ich habe – und beileibe nicht nur ich! – immer wieder festgestellt, wie vorrangig das Bedürfnis nach Gebrauchtwerden in der Welt und nach dem Flow und dem Glücksgefühl ist, etwas für andere Wichtiges wirklich sehr gut zu können und diese Kompetenz dann auch einsetzen zu dürfen.

      Um es auf Dein Beispiel mit dem Darmchirurgen zu bringen: Ich meinerseits möchte nicht von einem Chirurgen behandelt werden, dessen Hauptmotiv zum Lernen das Bestehen von Prüfungen war, und der nicht leidenschaftlich von der Materie gepackt ist, mit der er sich beschäftigt!
      Im Zertifikate-System erlebt man es ja geradezu umgekehrt: Wieviele fertige Lehrer, Ärzte usw. machen leidenschaftlos und medioker ihren „Job“, und finden ihren Lebenssinn dann ersatzweise in „Freizeitbeschäftigungen“, denen sie ihr ganzes Herz widmen – Skifahren, Golfen, Sex …. Der Job hat dann nur noch denn Sinn, eben diesen „eigentlichen“ Lebenssinn zu finanzieren. Möchtest du von solchen Leuten operiert werden? Dumme Frage, natürlich nicht.

      Wie also „selektiert“ eine Gesellschaft gescheit, wer was kann und wer nicht? Denn Du hast völlig Recht: Irgendwie muss Unterscheidung möglich sein und Vertrauen darauf, dass einer, in dessen Dienstleistung man sich geben muss, ein wirklicher Experte ist.
      Wie man sieht, sagen Zertifikate nicht viel. Das 1,5 Abi sagt nichts darüber aus, ob sich ein Schüler leidenschaftlich mit den Gegenständen beschäftigt hat, sondern nur darüber, wie stark sein Motiv war, ein sehr gutes Abi zu schaffen.
      Es gibt aber andere Selektionsmöglichkeiten: Die Menschen haben Gelegenheiten zu zeigen, was sie tatsächlich können, in der Tätigkeit selbst. (Auch hier wieder schön zu lesen: James Bach) Viel mehr solche Gelegenheiten müssen geschaffen werden. Und dann kommt so langsam gerade etwas anderes hoch: Man sammelt sich ein Portfolio zusammen über das, was man kann und in Anwendung seiner Fähigkeiten schon geleistet hat. Man kann in einer Internetpräsenz seine Fähigkeiten darstellen. Man erhält Gelegenheiten, sie immer wieder neu unter Beweis zu stellen … Reputation nennt man das.

      Reputation haben die wirklich sehr guten Chirurgen, Lehrer, Rechtsanwälte auch erworben. Denn niemand fragt sie jemals wieder nach ihren Zertifikaten. Stattdessen erwerben sie Reputation in ihrer Tätigkeit, sie publizieren, sie „machen von sich reden“ durch interessante Prozesse, die sie gewonnen haben, oder durch besondere Ergebnisse von Schülerleistungen in ihren Klassen, sie erhalten Preise usw. Und es gibt ja auch Schüler und Studenten, die VOR dem Erhalt von Zertifikaten durch ihre Tätigkeit von sich Reden machen, in denen sie ihre Kompetenzen zeigen. Das ist bisher die Ausnahme – klar, weil es nicht systemspezifisch ist. Und wieviele Schüler, die in der Schule schlecht performen, haben außerhalb der Schule Beschäftigungen, denen sie sich leidenschaftlich widmen und worin sie auf dem Weg zum Expertentum sind, ohne dass das von der Schule überhaupt bemerkt wird? (Im Gegenteil, es wird ja nachgerade unterdrückt)

      Aber stell Dir vor, das System würde genau dieses viel mehr fördern und stattdessen weniger formalistische Vorgaben machen wie das stramme Schulcurriculum und der Bachelor, die ja solche Möglichkeiten, freiwillig besondere Kompetenzen zu erwerben und in der Anwendung zu zeigen, ja geradezu verhindern?

  6. Ich kann Lisa Rosa da nur beipflichten. Bzgl. möchte ich zum Begriff der intrinsichen Motivation noch hinzufügen, dass genau dieses „intrinsisch“ bedeutet, das der Lernprozess durchweg als positiv empfunden werden muss und so schnell zum Selbstzweck wird. (Mediziner, die zum Zertifikatserwerb lernen, werden da wohl öfters keine Freude bei empfinden). Wenn das Lernen aber zur Verfügungserweiterung bzw. dem Lösen einer Handlungsproblematik geschieht, ist es sowohl bedeutsam (und wird voraussichtlich mit der von Lisa Rosa beschriebenen „Besessenheit“ zu Werke gehen), und auch Aspekte, deren Lernprozess nicht ursächlich Freude bereitet, werden gelernt, da die damit verbundene, antizipierte Lösung der Handlungsproblematik, bedeutsam ist. (Zum Beispiel, wenn Du Vokabeln lernen ablehnst, aber Dich in jemand verliebt hast, der eine andere Sprache spricht.)

    • „und auch Aspekte, deren Lernprozess nicht ursächlich Freude bereitet, werden gelernt, da die damit verbundene, antizipierte Lösung der Handlungsproblematik, bedeutsam ist. (Zum Beispiel, wenn Du Vokabeln lernen ablehnst, aber Dich in jemand verliebt hast, der eine andere Sprache spricht.)“
      Genau! Ich habe z.B. Englisch angefangen zu lernen, weil ich unbedingt ein Buch übersetzen wollte, um mit meinen Kollegen darüber zu sprechen, das meine Kollegen nur in Deutsch würden lesen wollen.
      Und ich beginne durch Deine Kommentare und ein browsen in Deiner Website zu glauben, dass die Holzkampianer hierzulande wichtig sind, um die Sinn-Message zu verbreiten. Da stelle ich gerne die Differenz zur und die Auseinandersetzung mit der kulturhistorischen Tätigkeitstheorie erst mal zurück und betone die Gemeinsamkeiten.

      • Gemeinsamkeiten finden und betonen ist doch ohnehin viel ergiebiger, als auf Differenzen zu pochen. Besonders, wenn beide das gleiche wollen.🙂

  7. »Non vitae, sed scholae discimus!«
    – empfängt mich im Heft „Hamburg macht Schule“

    Ich hab ein T-Shirt mit den Spruch geschenkt bekommen, trage es auch gelegentlich im Unterricht – manchmal fragen Schüler sogar, was da steht, … und Widerspruch gabs noch nie.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s