Schule 2.0 – eine Übergangsform

Diese Slideshow hat mir spontan sehr gut gefallen. Beim zweiten Durchsehen war es immer noch so. Sie gefällt mir immer besser. Sie ist die erste, die Web 2.0 und die Folgen für die Bildung in eine ahnungsweise Vorstellung von Übergangsgesellschaft einbettet („Schule 2.0 hilft auf den Weg in die Informationsgesellschaft“).

Merkwürdig ist jedoch, dass Lernen hier auf den Bereich der Schule reduziert ist. Denn überall ist diese Institution als gesellschaftliche Einrichtung  in der Krise bzw. im Umbruch, die Schulschwänzerzahlen steigen, Privatschulen schießen wie Pilze aus dem Boden, die Free- und Unschooler vermehren sich – und gleichzeitig wird mehr und anderswo gelernt: Lebenslang statt Schul- und Ausbildungszeitreduziert; immer enthalten in allen anderen Tätigkeiten, statt sorgfältig von Arbeit und Spiel abgegrenzt; an allen Orten statt nur im Gebäude „Schule“; und vor allem im Internet. Das Internet wird DER ortlose und unbegrenzte Lernort schlechthin.

Nicht so gut gefällt mir außerdem der Titel. Warum heißen plötzlich so viele Statements normativ „Manifest“? Da fand ich die analytische Idee „Did you know: shift happens“ als Titel besser.  Dieser Titel macht deutlich, dass die laufenden Prozesse keine Angelegenheit von Wünschen sind, sondern eine Transformation, innerhalb derer wir uns tatsächlich befinden, ganz unabhängig davon, was wir wünschen:

Der Einschätzung  Hartmut von Hentigs

Der Computer wird die Schule und ihren Auftrag verändern, gleich ob sie sich auf ihn einlässt oder nicht. Sie wird sich vermutlich um so mehr ändern, je weniger sie sich mit ihm befasst.  (HvH, Schule neu denken)

ist – bezogen auf ihren ersten Satz – ganz einfach zuzustimmen. Was aber meint er mit dem zweiten? Ich bin skeptisch, dass er meinen könnte, was ich mir darunter vorstelle. Ich meine, dass die „Veränderung“ von Schule umso mehr in ihrem Verschwinden bestehen wird (die radikalste Veränderung, die möglich ist), je weniger sie sich mit dem Computer befasst. HvH meint meines Erachtens jedoch etwas anderes: Schule soll oder wird ein Gegengewicht zum Computer werden. Insofern, glaube ich, wird HvH vermutlich mißverstanden, wenn man ihn als Promotor für den Zusammenhang zwischen Web 2.0 und Bildung versteht. In der Laborschule Bielefeld steht sein „Manifest“ zum Computer an der Wand: „Der Computer ist nur ein Werkzeug wie andere Werkzeuge auch.“  Ein Werkzeug kann jedoch die Welt (und auch die Schule) nicht verändern. Ein neues Leitmedium wirkt dagegen als Katalysator für gesamtgesellschaftliche Umwälzungen. Wie die gesellschaftlichen Institutionen des Lernens nach der Transformation aussehen werden, können wir noch nicht wissen. „Schule“ in unserem bisherigen Verständnis wird es vermutlich in einer neuen Eopche nicht mehr geben.  Hat  HvH sein Medienverständnis so sehr verändert, dass er DAS meinen könnte – und ich habe es nur noch nicht mitbekommen? Immerhin spricht er ja seit etwa zwei Jahren von der „Entschulung“ der Pubertierenden. Aber vielleicht wird es in der neuen Epoche – einer Lerngesellschaft – so etwas wie eine Pubertät als Krisenzeit ja auch nicht mehr geben. Denn auch „Kindheit“, „Jugend“, „Erwachsensein“ werden dann möglicherweise als Unterscheidungen infrage stehen – genauso wie es sie in vorbürgerlichen Epochen gar nicht gegeben hat.

18 Gedanken zu „Schule 2.0 – eine Übergangsform

  1. „Ein Werkzeug kann jedoch die Welt (und auch die Schule) nicht verändern. Ein neues Leitmedium wirkt dagegen als Katalysator für gesamtgesellschaftliche Umwälzungen.“

    Erster Gedanke dazu (auch wenn das jetzt eine etwas ‚rhetorische‘ Anmerkung ist): Waren es nicht „Werkzeuge“ – z.B. Schrift, Buchdruck, Dampfmaschine, … – die in der Geschichte als „weltverändernd“ erlebt wurden?

    Der zweite Gedanke: Ich habe gerade ganz bewusst „erlebt wurden“ geschrieben: Zumindest im Bezug auf die Wirkung des Buchdrucks auf das Leseverhalten gibt es die Auffassung, dass der Buchdruck nur eine bereits bestehende Entwicklung aufgegriffen (und dann auch verstärkt) hat, diese aber nicht „ausgelöst“ hat.

    Die Frage die damit ja angesprochen ist, ist die nach dem Zusammenhang von neuen (technischen) Entwicklungen mit gesellschaftlichen Entwicklungen (v.a. natürlich im Bildungsbereich).
    Ich finde diese Frage sehr komplex und habe auch keine Antwort darauf. Deswegen versuche ich lieber ein paar Fragen zu stellen die ich dabei sehe:
    – Würde ein Werkzeug (oder Medium) überhaupt entstehen (entwickelt, erfunden, genutzt…) werden, wenn es niemand braucht?
    – Kann eine technische Entwicklung eine gesellschaftliche „auslösen“ – sprich: kann der Einsatz von blogs, microblogging, LMS, [jegliches E-Learning-Tool einsetzbar] das Lehren und Lernen wirksam verändern?
    – Haben technische Innovationen eine „festgelegte und festlegende“ Nutzungsweise (also: gibt das tool vor, wie mit ihm gelernt werden kann, oder entscheidet der Nutzende nach seinen Vorstellungen vom Lernen, wie er damit lernt – im Extremfall, ob er damit lernt)?
    – was bedeutet es eigentlich für eine Gesellschaft, wenn im weitesten Sinne soziale Entwicklungen durch technische bestimmt werden (oder umgekehrt)?

    So richtig komme ich damit nicht weiter, vielleicht weil es immer auf eine Art „Henne-Ei-Frage“ hinauszulaufen scheint – vielleicht ist das gar nicht die richtige Frage?

    Nur noch eine Randbemerkung zum „Katalysator“-Bild: Ein Katalysator bleibt, obwohl er Veränderungen auslöst, selbst unverändert – und das glaube ich im Bereich von Computer (bzw. mindestens Internet) nicht.

  2. Danke für Deine vielen Fragen! Es wird die unterschiedlichsten Anworten darauf geben, abhängig davon, wen man fragt. Ich würde gerne zu zwei Dingen etwas sagen.
    Unter Werkzeug stelle ich mir einen Hammer vor. Eine direkte Verlängerung meines Organs Hand. Eine Weiterentwicklung sind dann die Maschinen (sie sind mechanische „Werkzeuge“ und schon nicht mehr bloß die Verlängerung/Vergrößerung der menschlichen Organe. Dazu gehört auch die Dampfmaschine.) Und weiter ging die Entwicklung: Von der Maschine zum Automaten. (Nicht mehr mechanisch, sondern elektronisch). Und weiter zum Computer (nicht mehr nur elektronisch, sondern digital.)

    Also da steht das Werkzeug am untersten Ende einer Entwicklung. Es gibt übrigens eine Theorie, die sagt, die Erfindung der Tragetasche (Werkzeug) wäre das auslösende Moment der neolitischen Revolution gewesen. Denn erst damit hätten die Leute eine Arbeitsteilung in Nahrungsmittellieferanten und andere Tätigkeiten (Handwerk) hingekriegt. Naja.

    Die bekannteste Theorie zur Epochalisierung der Menschheitsgeschichte ist ja die marxistische Politische Ökonomie. Sie besagt: Alles eine Frage der Entwicklung der Produktivkräfte, wenn wir Technologie im weitesten Sinne sagen, dann meinen wir dasselbe. Aber es gibt auch einen Medienhistoriker – Michael Giesecke -, der meint, es ist nicht die Dampfmaschine oder die Entdeckung Amerikas oder sonst etwas, sondern es ist immer das epochal vorherrschende Kommunikationsmedium, das die Epoche /Kultur prägt. Er spricht von Leitmedium. Ein neues Kommunikationsleitmedium bedeutet den Übergang in eine neue Epoche. Giesecke spricht von folgenden Leitmedien der Menschheitsgeschichte:
    1. deiktische Kultur (Gesten); 2. orale Kultur (Sprache); 3. skriptorale Kultur (Schrift) ; 4. typographische Kultur (Buchdruck); 5. digitale, elektronische Kultur (Computer).
    Wenn ich die historischen Merkmale und Ereignisse der verschiedenen dazugehörigen Epochen unter dieser Einteilung anschaue, dann stelle ich fest: Sehr überzeugend.! Außerordentlich überzeugend. Die Dampfmaschine ist ohne die Wissensvermittlung durch Gedrucktes nicht möglich gewesen. Die Pyramiden und die ganze Altägyptische Kultur sind ohne die Schrift nicht möglich gewesen. Usw. ich will das jetzt nicht länger bebeispielen. IMMER ist offenbar VOR einem gesamtgesellschaftlichen Kulturwandel ein Leitmedienwandel gewesen.

    Was den Katalysator angeht: Das ist auch eine Erklärung (Modellvorstellung) von Giesecke. Er meint damit nicht, die Medien hätten die Merkmale eines Katalysators, sondern sie fungieren / wirken wie Katalysatoren. Das ist eine ander Vorstellung als die Vorstellung von „the media is the message“. Wenn wir Katalysator denken, dann denken wir, die neue Epoche wird nicht vom neuen Medium determiniert / gesteuert, sondern die neue Epoche ist abhängig davon. (Und vom Computer abhängig sind wir schon allemal global, das ist ja empirisch schon nicht zu leugnen.) Wenn wir Katalysator denken, dann denken wir auch, dass die neue Epoche nicht gleichsam automatisch sich einstellt, wenn das neue Leitmedium einmal da ist. Der Faktor der menschlichen Akteure, diese neue Epoche zu gestalten, bleibt in einer solchen Vorstellung erhalten. Mich überzeugt sie.

    • Hi Lisa,

      ich versuche mich schon mehrere Tage mit Giesecke anzufreunden und es geht irgendwie nicht.
      Ich bin ja allen Phasenmodellen gegenüber skeptisch.
      Vielleicht könntest Du mal folgendem Hinweis nachgehen und mir sagen, inwiefern sie die Phasen 2,3,4 verschmelzen oder angreifen:
      http://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=DrnOALaT5oAC&oi=fnd&pg=PT7&ots=jE4xncykEX&sig=KAVsyq0vQbtPviZQgPg21dhGawY#v=onepage&q=Harvey%20Graff&f=false

      (S.58 Literacy, Higher Order …) wobei das vorher auch sehr gut ist.

      • Hallo 1000sunny, ich kenne Harvey Graff nicht. Und die Ausschnitte, die Du im Link zeigen lässt, sind mir definitiv zu wenig, um ihn verstehen, geschweige denn beurteilen zu können.
        Ich habe keine Probleme mit Formationen, Phasen, Epochen. Man muss in der Geschichte solche definieren, sonst wird alles eins. Die Idee: War doch alles schon mal genauso dagewesen, und die Gegenwart ist bloß eine Variante der Vergangenheit führt ja, konsequent weitergedacht, dazu, dass sich nichts entwickelt. Dann hat historisches Denken keinen Sinn außer des Widererkennens der Gegenwart in der Vergangenheit. Und was hat man davon?

      • Nein, ich war ungenau: Der Verzicht auf Definition von Formationen/Epochen/Phasen, Unterteilungen, die markieren, dass etwas grundlegend und umfassend anders ist als vorher, dieser Verzicht also verdammt zu einem Entwicklungsbegriff, der nur kontinuierliche Weiterentwicklung und Verbesserung kennt, aber keine qualitativen Sprünge auf ein neues Emergenzniveau. Der Hammer kann nicht zu einer Dampfmaschine weiterentwickelt werden, die Pferdekutsche nicht zum Auto. Optimieren kann man nur bis zu einem gewissen Punkt. Danach muss man die alte Logik verlassen und einer neuen Logik folgen, wenn die Entwicklung weitergehen soll.

  3. Nun habe ich zu lange gezögert und einige meiner Punkte wurden betreffend des verändernden und sich verändernden Werkzeuges schon angesprochen.

    Bleibt mir noch der Punkt Schule und ihre zukünftige Form: Wenn ich das richtig sehe, ist Schule in der Form wie wir sie heute in Deutschland kennen nicht aus einer Entwicklung oder einem evolutionären Prozess entstanden. Vielmehr war es doch eine politische und staatsgedanklich getragene Idee. Und auch das dreigliedrige Modell hat doch weniger lernpsychologische, sich selbst entwickelnde sondern mehr politische Wurzeln. Ich frage mich daher, ob es möglich sein wird, ein so staatlich und politisch geprägte Institution (man schaue sich nur mal die Aufgaben von Schule an, die zu sehr großen teilen darauf abzielen, Individuen zu prägen, die sich in der besonderen Form der Demokratie integrieren und etablieren können) über einzelne Werkzeuge, Tools oder wie wir sie auch immer nennen zu verändern. Dazu entstand, besteht und entwickelt sich Schule (in Deutschland und noch) zu wenig aus sich selber.

    • Wenn ich das richtig sehe, ist Schule in der Form wie wir sie heute in Deutschland kennen nicht aus einer Entwicklung oder einem evolutionären Prozess entstanden. Vielmehr war es doch eine politische und staatsgedanklich getragene Idee. Und auch das dreigliedrige Modell hat doch weniger lernpsychologische, sich selbst entwickelnde sondern mehr politische Wurzeln.

      Politische Entscheidungen sind gesellschaftliche Prozesse. Es ist nicht so, dass „die da oben“ etwas machen und „wir hier unten“ nur zuschauen. Aus diesem Grunde möchte ich Schule auch nicht als etwas oktroyiertes sehen, sondern als einen langen Prozess, bei dem über die Menge an Wissen innerhalb der Gesellschaft irgendwann so groß geworden ist, dass die Überlieferung nicht mehr alleine im Elternhaus stattfinden konnte. Parallel dazu veränderte sich das Wissen schneller als die Generationen, sodass professionelle Wissenarbeiter den Job übernommen haben. Das nennen wir heute Lehrer. Die Eltern hatte außerdem – was eine nette Nebenentwicklung – Zeit, ihre Arbeit dem kapitalistischen System (der Moderne) zur Verfügung zu stellen.

      Auch die Dreigliedrigkeit sehe ich als damalige gesellschaftliche ‚Notwendigkeit‘, wie Lisa Rosa schon geschrieben hat. Die Idee war: Hauptschule=Handwerk, Realschule=Verwaltung/Beamte, Gymnasium=Wissenschaft.

  4. Hallo René, schön, Dich zu sehen🙂

    Du sprichst die Genese des Schulsystems an, das ist ein interessanter Aspekt. Die allgemeinbildende Pflichtschule für alle, beruhend auf einem für alle (naja, nach sozialen Klassen gespaltenen) gleichen Unterricht , ist natürlich auch ein politisches Projekt gewesen, sonst gäbe es sie nicht. Denn das Politiksystem, das sich in der bürgerlichen Gesellschaft herausgebildet hat, setzte durch, was eben diese Gesellschaft brauchte. Es ist eben drum aber auch ein gesellschaftliches Projekt im Gefolge des Projekts „Moderne“. Diese Schule ist notwendig geworden, um die Mitglieder der Industriegesellschaft mit der für diese Gesellschaft nötigen Bildung auszustatten. Diese Schule passte also zu der Bildung, die in der vergangenen Gesellschaft gebraucht wurde. Nun brauchen wir für die Wissensgesellschaft, die wir herstellen müssen, damit wir unsere Lebensprobleme (z.B. Klima) lösen können, jedoch eine ziemlich andere Bildung. (Über das Ob und erst Recht über das Wie wird doch gerade und noch länger munter gestritten.) Und wahrscheinlich ebendrum werden wir auch ein ganz anderes Bildungssystem brauchen. Eines, das zu den neuen Bildungsaufgaben passt. Ob wir das dann wieder Schule nennen wollen, können wir ja dann später entscheiden, wenn es so weit ist.

    Übrigens ist das Humboldtsche Ziel, wirkliche selbstbestimmte Individuen zu erziehen, im „one size fits all“- Zwangsunterricht ja gerade nicht erreicht worden. Die Bildung dieser wirklich selbstbestimmten Individuen, die es nur in Abhängigkeit von sich selbstregulierenden Kollektiven/Gesellschaften/Menschheitsgesellschaft geben kann, also in einer wirklichen Demokratie, steht mithin ja noch aus.

    Dass sich irgendein soziales System „aus sich selbst“ heraus entwickelt, ist unwahrscheinlich, das gilt nicht nur für Deutschland.

  5. Die Frage die mir man Ansehen der Präsentation und der Kommentare gekommen ist: Lassen wir Schule doch einfach sein! – Und dann?

    Können wir auf Schule gänzlich verzichten? Wie ’schützen‘ wir Heranwachsende vor den Zugriffen des gierigen Arbeitsmarktes? Hat Schule nicht dafür gesorgt, dass das Recht auf Bildung für alle Kinder im gleichen Maße gilt? Ist es nicht auch Schule zu verdanken, dass heute fast alle Lesen und Schreiben können? Und zuletzt vielleicht sogar, dass wir in Europa friedlich zusammenleben können?

    Die dringend notwendigen Strukturreformen innerhalb der Institution dürfen nicht dazu führen, dass man die wenigen, aber gesellschaftlich hart erkämpften Errungenschaften einfach so preisgibt. Bei den konsekutiven Studienmodellen hat die Erosion schon begonnen. Man kann heute mit dem BA nach 6 Semestern „fertig“ die Uni verlassen. Cui bono?

    • Mein Post sollte eigentlich nichts darüber aussagen, was wir nun tun sollen, sondern erst einmal mit einer Art „Hubschrauberblick“ versuchen, in den Blick zu nehmen, was los ist.
      Aber Deine Frage, „Lassen wir Schule doch einfach sein! – Und dann?“ ist eine wichtige Frage, die sich natürlich aufdrängt. Die Frage nach der Strategie. Ich gebe Dir Recht: dieses Schulsystem ist auch eine Errungenschaft, hinter die man nicht zurückfallen darf. (Zur Geschichte des Lernens und der Schule übrigens ein großes Kapitel in dem sehr schönen Buch von Bernd Fichtner „Lernen und Lerntätigkeit“ http://www.lob.de/cgi-bin/work/suche?stich1=3865412564&flag=ichs

      Und ich gebe Dir vollkommen Recht: Ein System kann man nicht einfach abschaffen – es sei denn in der Strategie des Plattmachens durch politische Revolution. Das hat dann aber einen hohen Preis (Tote), wie wir aus der Geschichte wissen, und führt trotzdem auch nicht automatisch in bessere Verhältnisse. Das Bildungssystem ist in der Krise und marode, aber es funktioniert ja noch. Im Moment können wir überhaupt nicht auf dieses System einfach verzichten. Aber mit der Vorstellung einer kontinuierlichen Verbesserung, Erneuerung, Weiterentwicklung des bestehenden Systems können wir auch nichts mehr gewinnen. Es muss transformiert werden in eine (noch unbekannte) höhere Emergenz. Keine Ahnung, wie die aussehen wird. Die Rufe nach Abschaffung der Schule sind ja so alt, wie die Schule selbst. Wir kennen sie aus den 70ern bei Iwan Illich, und bei 1000Sunny’s läuft diese Diskussion gerade wieder neu anlässlich der Hurrelmann-Vorschläge: http://freiebildung.wordpress.com/2009/10/17/brave-new-school/ . Ich halte sie auch für einen Rückfall hinter systemtheoretische Einsichten.

      Was das eigene Handeln angeht: Diejenigen, die im System drin sind bzw. neu hineinkommen, müssen wissen, dass sie eine Transformations- und keine bloße Reformaufgabe haben und trotzdem können wir uns dabei nur in Auseinandersetzung mit den dortigen Widersprüchen zu den Systemregeln bewegen. Ich glaube, im Moment sind die Ansätze, zwischen dem Bildungssystem und den neu sich formierenden Lernorten Beziehungen herzustellen ganz sinnvoll. Daher auch mein Interesse an #hackbild, der Konferenz am 22. Oktober in Berlin. Aber dies ist sicher nicht die einzige Verknüpfung nach „draußen“. Ich unterstütze z.B. alle Konzepte und Initiativen, die praktische Lernbeziehungen zwischen der Organisation der eigenen Schule und dem Stadtteil, zwischen der Schule und Betrieben herstellen. Z.B. theoprax http://www.theo-prax.de/ oder das Konzept des Service Learning http://www.servicelearning.de/ oder in Hamburg das Löwenhaus http://www.asb-hamburg.de/aktiv/praktika/praktika.2/index.html
      Solche Projekte schießen ja wie Pilze aus dem Boden. Man muss sie für den eigenen Tätigkeitsbereich (die eigene Schule) fruchtbar machen. Sie sind gleichzeitig eines von vielen Zeichen dafür, dass das System Schule nach Möglichkeiten sucht, sich durch Übergangskonzepte zu erhalten. Dabei verändert sie sich ja tatsächlich – immer die konkrete einzelne Organisation. Und wo das zur neuen Norm wird, setzt es neue Maßstäbe, hinter die man nicht mehr zurückfallen kann, weil immer mehr Lehrer verlangen, so arbeiten zu dürfen, immer mehr Eltern davon hören, immer mehr Schüler danach verlangen. Ebenso mit der Einbeziehung der Web 2.0-Medien in das Schul-Lernleben. Wo es sich ausbreitet in Projekten, da gerät es in Widerspruch zur alten Unterrichtslogik. Lehrer erleben sich in einer neuen Rolle, die im System nicht vorgesehen war. Die Rhythmisiserung in Einzelstunden passt nicht, und Schulcommunties suchen nach neuen Rhythmisierungsmöglichkeiten. Expansives Lernen der Organisation – einen anderen Weg in der eigenen Praxis seh ich im Moment auch nicht.
      Aber wichtig finde ich immer, ist zu wissen: Das ist nicht das Ende der Fahnenstange.

  6. Hallo 1000sunny. Das ist sehr interessant, vielen Dank. Ich wusste es nicht. Aber er hat eine eigene Schule betrieben und ist kein Deschooler geworden. Mich würde sehr interessieren, wie er die Deschooler-Bewegung beurteilt. Kannst Du uns das hier mal zusammenfassen?

    • Er hat nicht nur das Vorwort dort geschrieben, sondern auch zu Philippe Ariès (Geschichte der Kindheit) – dieser war ein sehr enger Freund von Michel Foucault (Geburt des Gefängnisses).
      Ich kann es leider hier nicht zusammenfassen… da ich noch ein paar Dinge recherchieren will um mir eine abschließende Meinung zu bilden und niemandem Unrecht zu tun, aber dann gibt es auf jeden Fall einen Post auf meinem Blog🙂

  7. Hi Lisa,

    Die Revolution hat übrigens schon begonnen (siehe dort besonders die SchoolOfEverything und verbinde die gedanklich mit einem Bildungsgutschein-Konzept):

    http://www.paulmiller.org/?p=343

    Es ist eigentlich egal, ob wir das in Deutschland wollen oder nicht, die Frage ist mittlerweile nur: „Wie weit werden wir hinterherhinken?“

  8. Pingback: Vernetzte Lernende: Ideal- und/oder Zerrbild? « MatthiasHeil.de

  9. Pingback: Die Bildung hacken « Bluemac

  10. Was das eigene Handeln angeht: Diejenigen, die im System drin sind bzw. neu hineinkommen, müssen wissen, dass sie eine Transformations- und keine bloße Reformaufgabe haben und trotzdem können wir uns dabei nur in Auseinandersetzung mit den dortigen Widersprüchen zu den Systemregeln bewegen

    Transformation? Wohin? Welches Ziel? Kompetenzen? Welcher Bildungsbegriff?
    Ja, ja, ja, ich stimme dir zu. Und die Widerstände in dem System sind enorm. Kulturkritische Weltuntergangsszenarien scheinen weiter verbreitet als die Vorstellung, dass wir an der Schwelle zu einem Zeitalter leben, in dem die Welt wirklich zum „global village“ wird.

    Und was den Werkzeugcharakter angst: „The Medium iss the Message“ – Werkzeuge verändern die Welt. Der Feuerstein hat das getan, das Schwarzpulver hat das getan, die Drucktechnik hat es getan. Und der Computer tut es auch. Wenn ich nur 15 Jahre zurückdenke und mein Arbeiten und Denken mit dem heute vergleiche…

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