Ende der Kreidezeit!

Reflexionen zur Nachbereitung der Tagung Ende der Kreidezeit? Ne(x)t generation learning
#limedien09

1. Weitsicht statt Nachklapp

Norbert Rosenboom, Leiter des Amtes Bildung der Hamburger Schulbehörde, versprach auf der Tagung , 60 Millionen Euro dafür auszugeben, alle Klassenräume in allen Schulen mit einem Internetzugang auszurüsten. Jubel! Natürlich freut sich jeder Lehrer, dass er nun nicht mehr auf die langfristige Vorausbuchung des einzigen Computerraums der Schule angewiesen ist, wenn er das Internet irgendwie in seinen Unterricht einbetten möchte. Ist das Geld so aber auch wirklich gut ausgegeben? Sollten wir nicht lieber erst noch einmal darüber nachdenken, wohin die Reise geht, bevor wir die Kutsche wählen? Wollen wir die Bildung im Klassenraum (Unterricht) konservieren, oder wäre es gut über die Klassenräume und den Unterricht hinaus zu denken (und zu investieren)? Müssen wir alle Einzelschritte in der nachholenden Medien- und Bildungsentwicklung gehen, wo wir doch sowieso schon soweit hintendran sind? Müssen wir alle Erfahrungen, die weltweit schon vorliegen, selbst wieder neu machen? Könnten wir mit längerfristiger Vision und Vorausplanung (über die nächsten 10 Jahre) nicht viel mehr erreichen als mit den kleinen und immer teureren Trippelschritten?
Es wäre sicher viel weitsichtiger für die Stadt und das Land Hamburg, die ganze Stadt mit Spots und kostenlosem WLAN für alle Einwohner auszurüsten. Das wäre wirklich etwas gegen den digital (und social und educational) divide! Und wir wären zwar nicht die erste Stadt auf der Welt – aber die erste in Deutschland! Und das erste Bundesland dazu! Und was, wenn wir das Beispiel Portugals nachahmen würden, jedem Kind ein mobiles Endgerät (derzeit Netbook, iPhone) als Begrüßungsgeschenk für seinen Eintritt in die Welt als Bürger Hamburgs zu machen? Woher das Geld? Nun: Man könnte den Bildungsetat und den Etat der Stadtentwicklungsbehörde zusammenlegen in dieser Frage. Das ergäbe schon viel mehr als die 60 Mio. (Touristen könnten zahlen für den Eingang ins Netz). Vielleicht würde man mit einer solchen Maßnahme auch viel mehr innovativ creatives in die Stadt locken, als mit der Mega-Hafencity. Man könnte außerdem einen Großteil des Etats für Lehrmittel dafür verwenden und die Anschaffung teurer Schulbücher zusammenstreichen, die nun mal ums Verrecken keinen Hypertext enthalten können. Man könnte endlich ernst nehmen, dass der Computer nicht einfach ein Additum zu den bisherigen Medien ist, sondern das neue Leitmedium, das sich außerhalb der Schule schon lange überall durchgesetzt hat. Oder würden wir etwa heute noch Bushaltestellen neu mit einer gedruckten Anzeigetafel ausrüsten anstatt mit digitaler Anzeige? Warum folgen wir nicht der gleichen Logik in der Bildungsplanung?

2. Epoche des untergehenden Unterrichts

Beat Döbeli hat einen großartigen Vortrag auf der Tagung gehalten. Wie bei allen seinen Vorträgen war auch dieser wieder ein Genuß an Vortragsdesign. (Er steuerte seine Performance vom iPhone aus und machte damit ein wichtiges Stück des Leitmediums erlebbar – nicht nur ein tool.) Ein Kunstwerk eben. Ausgezeichnete Visualisierungen. Angetan hat es mir insbesondere die Buchschneidemaschine, mit deren Hilfe Döbeli seine Bücher in Einzelseiten zerlegt – gleichsam entbindet -, um sie digitalisieren zu können. Zerstören, um im neuen Medium aufzuheben. Herrlich! Zum Kunstwerk gehörte auch, dass er durch die Aula rannte, um ganz hinten einem Teilnehmer, der uns einen Text in Schwizerdütsch übersetzen konnte, eine große Toblerone zu überreichen. Die m. E. wichtigste Botschaft seines Vortrags war diese:

Der Computer ist
Ein Versprechen auf die Zukunft, in dem die (für die Gattungsentwicklung nötigen) Visionen und Utopien der Verbesserung der Lebensbedingungen enthalten sind.
Eine Chance, diesen Visionen einen Schritt nächer zu kommen.
Ein Druck, der den stattfindenden Formationswechsel in allen Bereichen der Gesellschaft erzwingt. (Selbst derjenige, der den Computer (das Internet, die social media des Web 2.0) ablehnt, kann ihn ja eben auch nicht ignorieren und nicht nicht Stellung beziehen.)
Nicht die Lösung, weil neue Technologie neue Lösungen zwar als Potenzialität enthält, aber nicht die Lösungen selbst ist, nicht mit ihnen identisch ist.
Diese vier Kennzeichen müssen wir uns immer wieder klarmachen. Sie sind auch enthalten in der Vorstellung Michael Gieseckes, der IK-Medien Katalysatoren des gesellschaftlichen Formationswandels nennt. Katalysatoren beschleunigen eine Entwicklung; sie richten die Reaktionen in eine bestimmte Richtung; sie minimieren die benötigte Aktivierungsenergie – aber sie bewirken nicht die konkret historische Lösung selbst.
Schade, dass Döbeli am Ende seines Vortrags eine Vorstellung angeboten hat, womit er sich selbst widerspricht. Zumindest macht er dieses Missverständnis möglich: Er legte durch die Aussage „Kein Ende der Kreidzeit“, alle Medien sind gleichberechtigt, die Vorstellung nahe, dass der Computer bloß ein neu hinzugekommenes Werkzeug, das also zu den schon bestehenden zu addieren und auf gleicher Ebene mit den alten zu sehen sei. Daß wir Lehrer uns also den Computer zu Tafel und Schulbuch in den Unterricht hinzuzuholen hätten, um dann – unter den Prämissen der alten Schule und Didaktik – jeweils nach Unterrichtsprogramm zu entscheiden, welche dieser Medien wir gerade als „Mittel“ einsetzen.
Ich sehe es anders: IK-Medien sind nicht einfach Unterrichtsmittel. Der Computer ist das globale Leitmedium geworden, unter dem alle bisherigen Medien ihren neuen Platz finden müssen. Die Potenziale des Leitmediums Computer für Lernprozesse wird man nicht erschließen können, wenn man sie nur auf der Grundlage der Potenziale der alten Medien beurteilt. Wenn man dies tut, kann man die neuen Möglichkeiten, die man ja noch gar nicht kennt, nicht erproben, entwickeln, emergieren lassen. Immer steht im Weg die Erfahrung mit dem alten Medium, die dann in der Aussage mündet: Wieso, mit Tafel und Kreide / mit dem Stift auf Papier usw. geht doch alles viel schneller und besser und unabhängiger von teuren Geräten und dem (noch nicht vorhandenen) Netzzugang. Kreidetafel, Stift und Papier müssen stattdessen „umziehen“ – im Raum, in der Medienkonstellation, im Kopf, in der eigenen Praxis. Aus der Logik des Unterrichtens (der Lehrer plant den Lernprozess in Unterrichtsform, d.h. er plant seinen Lehrprozess, dem die Schüler „aufnehmend“ folgen sollen), kommen wir nicht hinaus zur Logik des Lernens (die Lerner bestimmen und planen ihre sinnbildenden Lernprozesse mithilfe eines Coaches, eines Experten für Lernprozessgestaltung), wenn wir einen Computer in den Unterricht und seinen Klassenraum einführen. Dieses Setting bzw. Design verstellt die Realisierung der noch unbekannten tatsächlichen Potenzialitäten, weil sie gar nicht in den Horizont geraten können.

  • ein Versprechen
  • eine Chance
  • ein Druck
  • nicht die Lösung

 

3. Freiräume zur Gestaltung des Übergangs in eine Epoche selbstreflexiver Lernkultur

Derselbe Norbert Rosenboom hat uns eine noch wichtigere Botschaft gebracht als die des Netzzugangs in allen Klassen: Die Behörde wünsche ausdrücklich, dass Experimente mit der inneren Schulstruktur gemacht werden. Jede Schule kann selbst bestimmen, wie sie die Lernzeit rhythmisiert, wie sie ihre Lerngruppen zusammensetzt, wie sie ihre Lernorganisation designt. Das ist ein Freiraum, von dem andere Bundesländer nicht mal träumen dürfen. Nutzen wir ihn! Wer weiß, wie lange das Fenster offen steht. Einzige Bedingung, die Rosenboom nennt: „Zum Wohle des Schülers“. Nehmen wir mal hin, daß das Wohl des Schülers oder der Schüler nichts Objektives ist, sondern immer konkret der Interpretation bedarf. Es ist ein Auszuhandelndes (in erster Linie mit den Lernenden selbst, denn Kinder sind Experten ihrer selbst; aber ebenso mit ihren Eltern, den Lehrerkollegen, den Vorgesetzten, der Schulaufsicht). Wir müssen uns also um die Entwicklung einer demokratischen Schulkultur, einer wirklichen Partzipation der gesamten Schulcommunity, kümmern. Es zwingt außerdem zur ständigen Legitimation vor allem von Veränderungen der bisherigen Praxis gegenüber denjenigen, die um den Erhalt der alten Praxis und deren Regeln und Strukturen kämpfen. Dazu muss man die Stellen in den gegebenen Vorschriften kennen: Sie liegen in HH im Schulgesetz, in den Schulbriefen der Schulsenatorin und im Orientierungsrahmen Schulqualität. Und diese bieten einen viel weiteren Bedingungsrahmen als viele von uns bisher realisiert (wahrgenommen im Geiste), geschweige denn realisiert (umgesetzt in konkrete Realität) haben.

4. Ich habe viel gelernt auf der Tagung

Nicht alles ist mir davon schon bewusst geworden. Und nicht alles, was ich bis heute von dem, was mir bewusst wurde, schon reflektiert habe, kann oder möchte ich kommunizieren. Aber von zwei Workshops, die ich besucht habe, möchte ich schwärmen:
Die Veranstaltung von Daniel Röhe (hier sein Unterrichtsblog), „Weblogs im Alltag einer Schule“, der in der einen Workstunde mit etwa 35 Teilnehmern gleichzeitig vortrug, zum Bloggen anleitete und bei hoch individualisierter Tätigkeit der Teilnehmer mit einer ständig wechselnden Gruppe Gespräche führte. Ich selbst habe dabei zum ersten Mal geübt, den Gegenstand meiner Aufmerksamkeit ständig neu zu bestimmen. Ich habe das gemeinsame Workshopblog abgesurft und kommentiert, das Unterrichtsblog untersucht, Röhe bei der Worshopleitung beobachtet und vorgemerkt, was ich davon lernen möchte (nicht zuletzt seine kluge und sorgfältige Vorbereitung), die Teilnehmer beobachtet und festgestellt, dass alle zufrieden waren, weil sie das lernen konnten, was sie individuell brauchten, und nebenher ständig meine Beobachtungen und Gedanken getwittert, mein Wong mit wichtigen Links aus dem Workshop aktualisiert und eine Wordseite als Protokoll geführt. Ich hatte mindestens 3 Paar Ohren, 3 Paar Hände und 3 Gehirne. Das konnte ich nur mit meinem Notebook auf dem Schoß und dem – zum Glück funktionierenden – WLAN. Das Netz hat mir die Vervielfältigung meiner Organe ermöglicht. Ich war nachgerade glücklich. Ich habe erlebt, was Leont’ev die Erweiterungen der biologischen Organe (hier der Hirnfunktionen) des Menschen durch die Schaffung von Werkzeugen und Maschinen (Computer) bezeichnet. Und ich habe gesehen, dass es möglich ist, 35 Menschen gleichzeitig individuell und kollaborativ lernen zu lassen – Voraussetzung: Alle hatten diese Maschinen zur Erweiterung ihrer Organe auf dem Schoß.

Der Workshop bei Sabine Choinski-Schubert (hier ihre ppt- (pdf, 1,053 KB)) zu „Weblogs für Schülerinnen, Schüler und Eltern am Beispiel der Schule Zitzewitzstraße“ war ganz anders. Er gefiel mir vor allem deswegen, weil Sabine ihr Wissen hoch anschaulich konkret ausbreitete und Geschichten aus der Praxis erzählte. An dem Blog ihrer Klasse einer Sonderschule (Sprachheilschule) konnten einige bloggen lernen. Es wurde ein wirklicher organisierter Erfahrungsaustausch von Praktikern. Schade, dass nur wenige Teilnehmer diese Möglichkeit nutzten, aber gleichzeitig gab es bei Ralf Appelt den Workshop „Weblogs als interaktives Medium im Bildungsalltag für lebenslanges Lernen“, der gut besucht und auch praxisorientiert war. Auch von diesem Blog-Workshop hörte ich nur Gutes.

Übrigens: Ist es Zufall dass die guten Praxisbeispiele, mit dem Medium Blog zu lernen, ausgerechnet in Sonderschulen auftreten? Möglicherweise nicht. Schon immer haben pädagogische Innovationen ihren Ausgang häufig in der „Behindertenpädagogik“ genommen. (Die Geschichte der kulturhistorischen Psychologie ist voll davon.) Vielleicht ist das auch ein Druck, der Innovationen erzwingt. Wenn gar nichts mehr geht, dann bleibt nichts mehr übrig, als Neues zu erfinden und zu erproben.

Aus meinem eigenen Workshop „Weblogs – Chance für die Schülerpartizipation“ (hier die Slides, die ich aber nur als Steinbruch benutzte und NICHT als Vortrag1 (rtf, 52 KB)) habe ich auch gelernt:

  • Wenn man die Teilnehmer auffordert, ihre Praxiserfahrungen (statt bloß Fragen zu einem Vortrag) einzubringen, dann bringen sie!
  • Es ist nicht so einfach, in einer einzigen Stunde Erfahrungen der TN diskutieren zu lassen, zu zeigen, was man zu diesen Erfahrungen selbst zeigen möchte, und gleichzeitig mit völlig divergierenden Erwartungen konfrontiert zu sein, weil keiner vorher Zugang zum Abstract hatte
  • erneute Bestätigung meines Verdachts: mit Commsy u.ä. Plattformen zur Organisation gemeinsamen Lernens hat man seine liebe Not (nirgends waren z.B. die abstracts der Vorträge und Workshops zu sehen. Die Commsyräume waren für „hinterher“ gedacht, zum Material ablegen und für das Feedback der TN.) Nichts ist dagegen so multifunktional organisierend und Information wie Kommunikation vorher, während und nach einer Tagung ermöglichend und dabei so leicht und schnell zu handhaben wie … ein Blog.

Und schön: So viele Blog-Workshops! Die Lehrer werden immer interessierter. Was sogar von bloggenden Lehrern selbst vor kurzer Zeit noch als „Hype“ gesehen wurde, in angelsächsischen Ländern jedoch schon vielerorts zum Schulalltag gehört, das könnte auch in Hamburg Normalität werden: Dass kein Lehrer, keine Lerngruppe, keine Schulcommunity mehr auf die Potenziale dieses Mediums fürs Lernen verzichten möchte.

Update: einen andere Auswertung gibt es bei Anja Fortscher

7 Gedanken zu „Ende der Kreidezeit!

  1. In der Kreidezeit entstanden die ersten Blütenpflanzen und dieser neue Reichtum führte zu einer neuen Artenvielfalt bei den Dinosauriern.
    Vielleicht benötigen wir so eine lange Kreidezeit, damit wir uns vorbereiten können auf das was kommt und schon ein bisschen da ist.

    (Sehr schön übrigens, die Beobachtung mit dem Erneuerungspotential der Sonderschulen. Und noch schöner die Idee, dass man diese Geld verwenden könnte um die Stadt in eine neue Renaissance zu tauchen, anstatt das Geld an morgen schon alte Technik verschwenden)

  2. REPLY:
    und Netbooks für alle Kinder – da hätten wir auch ein Teil des Problems gelöst, was wir gerade bei Dir diskutieren: Dass Unschooling im Moment nicht für alle so günstig wäre, wie für Deine Kinder (digital = social divide). Aber wenn die Geräte und der Zugang zum Netz mit der Geburtsurkunde schon mal gesichert würden, wäre eines der Probleme gelöst. Daß Eltern arbeiten und wenig Zeit für ihre Kinder haben, ist damit jedoch nicht gelöst. Es muss gesellschaftliche Einrichtungen geben, die da die Eltern ersetzen. Die „just community schools“, in denen alle Einwohner einer Kommune zum Kommunizieren und Lernen (lebenslangem Lernen) ein- und ausgehen, sind z.B. Schritte auf dem Weg dahin. Hast Du übrigens schon gesehen, dass Uruguay das erste Land der Welt ist, das OLPC tatsächlich realisiert? Jedes Kind in Uruguay hat demnächst ein eigenes Gerät: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/Doktor-Vzquez-verschreibt-Wissen/story/28960446
    Es ist dasselbe kulturhistorische Phänomen wie mit der „Behindertenpädagogik“ als Early Adopter von Innovationen, wenn ausgerechnet die ärmsten Länder solche Projekte realisieren.

  3. REPLY:
    Ich habe hier eine kleine Antwort auf die Frage des social-divide geschrieben:
    http://freiebildung.wordpress.com/2009/04/24/meine-mutter-die-unschoolerin/
    Ich habe dort auch ein bisschen das „Problem“ der Elternarbeit skizziert und wie es beim Unschooling gelöst wird.

    Hier in München haben wir Bibliotheken mit kostenfreiem Computer- und Internet-Zugang für Kinder. Und die Ausleihe ist auch kostenlos. Auch wenn ich gerne Online diskutiere und meine Gedanken äußere läuft sehr viel über Bücher-Lesen ab.

    Wo finde ich denn was über die just-community-schools. Die hören sich an, als ob sie sich mit meiner Vorstellung überschneiden würden, selbstbestimmte Lernorte in den Gemeinden aufzubauen, an denen Eltern und Kinder und Kinderlose und Rentner lernen können – arbeiten können, Ideen und Firmen entwickeln können usw.

  4. REPLY:
    Ich habe das jetzt mal überflogen. Hat sich alles sehr nach Sudbury/Summerhill angehört (vielleicht sogar noch in abgespeckter Form durch Repräsentantenvertretung). Was meintest Du mit „Einbeziehung der ganzen Kommune“ – die Menschen die in dem Ort leben oder die Schüler, die diese Schule besuchen? Habe ich einen ganz wichtigen Beitrag überlesen?
    Ich hatte eher so etwas in Gedanken: http://www.rockzipfel-leipzig.de/eltern-kind-buero

  5. Danke für den Link zu „Rockzipfel“. Das ist sicher eines vieler Beispiele für eine individuelle situative Lösung. Es kann aber keine gesellschaftliche Lösung sein. Und wir können die gesellschaftliche Lösung nicht in vorindustriellen Gesellschaftsformationen finden.
    Mit „Einbeziehung der ganzen Kommune“ meine ich, dass „Bildungshäuser“, „Bildungslandschaften“, „Häuser des Lernens“ für alle Einwohner der Kommune offenstehen und Möglichkeiten des LLL (life long learnings) anbieten. Außerdem werden dort nicht nur die Eltern der Schüler mit einbezogen, sondern auch die Kontakte zu anderen Einrichtungen der Kommune gepflegt und auch Kooperationen mit Personen hergestellt, wie z.B. Zusammenarbeit mit Künstlern, Handwerkern, Wissenschaftlern usw. der Kommune.

  6. REPLY:
    Hallo Lisa,

    meinst Du mit vorindustrielle Gesellschaftsformation Dinge wie Arbeitsteilung und Massenproduktion? Ich könnte mir nämlich mittlerweile Lösungen vorstellen, wo wir die Menschen nicht länger um die Maschinen versammeln sondern die Maschinen um die Menschen herumbringen. Das muss nicht in allen Berufen auf Anhieb klappen.
    Meine Idee wäre die Arbeit der Menschen nicht mehr so stark von ihrem Lernen zu trennen. Dazu müssen wir aber vom monolithischen Charakter unserer Institutionen Abstand nehmen. Eine Uni ist nicht länger das große Gebäude in der Stadtmitte, sondern eine Uni ist überall dort, wo auf einem gewissen Niveau unter wissenschaftlichen Aspekten diskutiert wird. Arbeit ist nicht mehr da, wo das Fabrikgebäude oder Büro steht, sondern Arbeit ist da, wo sich Menschen treffen um Dinge zu produzieren. Ich habe eine gesellschaftliche Lösung in Gedanken, die alles miteinander verwebt. Dann müssen wir nicht mehr die Forschung schnell zur Wirtschaft bringen. Beide leben >inereinander<.
    Zur Zeit leben wir in vielen Welten. Es gibt die Arbeitswelt mit einem extra Gebäude und die Wohnwelt mit einem extra Gebäude, zusätzlich noch die Bildungswelt der Kinder mit einem extra Gebäude, das wir auch manchmal besuchen müssen.
    Initiativen wie Rockzipfel verschmelzen diese Gebäude und vernetzen sie wieder durch Präsenz und Internet. So könnten sich in dieser Initiative Eltern zu einem Schreibservice oder einer Softwareschmiede zusammenschließen. Das klappt jetzt natürlich nicht bei jedem Beruf und ein Chirurg wird weiterhin einen Operationsaal und eine hochspezialisierte und teure Infrastruktur benötigen. Aber für die meisten Maschinen besteht kein Grund mehr, warum sie sich nicht in die Welt der Menschen integrieren können, anstatt dass die Menschen sich in ihre Welten begeben müssten. Das wäre ein bisschen das Blog-Prinzip auf die aktuelle Arbeitswelt angewandt.
    Ich glaube Deine Bildungshäuser, die für alle Menschen offen stehen und diese Idee sind sich irgendwie sehr nahe – aber es benötigt für beide noch viele Piloten und viele gesellschaftliche Neuerungen und soziale Reformen, bis wir aus der Kreidezeit in die neue Zeit kommen. Sicherstes Indiz dafür ist, dass wir noch nicht einmal sagen können, wie die Zeit danach heißt.

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