Jugendliche Massenmörder

Es hat sich gelohnt, nach dem Ereignis in Winnenden zu warten und die ersten Reaktionen in der Öffentlichkeit zu ignorieren, die ja die altbekannten gewesen sind, da sie entweder auf dem Pfeiffermodell oder auf seinem Gegenteil beruhen. Heute steht im „langen Text“ der taz eine erste brauchbare Analyse von Wilhelm Heitmeyer. „Doppelter Kontrollverlust“ und „Anerkennungszerfall“ sind in seinem Aufsatz zentrale Begriffe, die vieles erklären. Auf den allseits ertönenden Ruf nach Werte- und Normenerhalt (oder Rückgewinnung) hat Heitmeyer am Ende seiner Analyse eine wichtige Antwort:

„Wir haben es nicht mit einem ‚Werteverfall‘, sondern mit einer Wertepluralisierung zu tun. Aber auch Wertepluralisierung erzeugt Probleme der Geltung von Normen: Grenzen werden strittiger und Grenzüberschreitungen häufiger. Die Debatte setzt auf die Verbreitung von proklamierten Werten wie Menschlichkeit und Solidarität. Doch die gesellschaftliche Realität wird von anderen Werten bestimmt, von Werten, die besonders belohnt werden: der Verabsolutierung von Selbstdurchsetzung, dem Aufstieg um jeden Preis, dem Erfolg auf Kosten anderer. Dieser Wertefundus ist längst durchgesetzt. Und die Jugendlichen haben die Doppelbödigkeit dieser Wertedebatte längst durchschaut.“

Heitmeyers Antwort auf die Frage, was zu tun sei, knüpft jedoch leider nicht an der festgestellten Wertepluralisierung und an der notwendigen „Strittigkeit von Grenzen und Normen“ an. Sie bleibt im Rahmen der Forderung nach einer Debatte über die „Kultur der Anerkennung“.
Gebraucht wird jedoch mindestens ebenso eine Antwort auf die Frage, wie mit der „Wertepluralisierung“ und der Erkenntnis umzugehen ist, dass es keine allgemeingültigen Bedeutungen, keine objektiven, „richtigen“ Werte und keinen institutionell verabreichbaren „Sinn“ mehr geben kann.
Zu schaffen sind also nicht bloß Formen der Anerkennung, sondern vor allem Gelegenheiten der persönlichen Sinnbildung und eine Lernkultur, in der die Fähigkeit zur eigenen Sinnbildung und die Fähigkeit zur Aushandlung von Werten oberste Ziele sind. Erst ein Leben mit Sinn und mit der Fähigkeit Sinn immer wieder neu bilden zu können, sowie eine kompetente Teilhabe an der Aushandlung des „Common Sense“ kann die Voraussetzung für (Fremd-)Anerkennung und „Selbstwirksamkeitsempfindung“ schaffen, die vor Dekompensation der Psyche und dem (selbst-)zerstörerischen Versuch der Rückgewinnung von Kontrolle durch gewalttätige Machtdemonstration bewahrt.

2 Gedanken zu „Jugendliche Massenmörder

  1. Immer wenn ich eine der vielen psychologischen Erklärungen für Gewalt an der Schule höre oder lese, fällt mir ein Satz Durkheims ein: „Jedesmal, wenn ein soziologischer Tatbestand unmittelbar durch einen psychologischen erklärt wird, kann man daher dessen gewiß sein, daß die Erklärung falsch ist“. Er meint, dass soziale Tatbestände nur durch soziale Tatbestände erklärt werden können. Deshalb kann man soziale Probleme auch nicht durch psychologische Maßnahmen lösen. Die stete Forderung danach lenkt nur davon ab (und soll das wohl auch), dass wir die gesellschaftlichen Verhälnisse ändern müssen, wenn wir die Gewalt in der Gesellschaft beseitigen wollen. Gewalt in der Schule ist doch nur der Reflex der Gewalt in der Gesellschaft.
    Ein Beitrag auf dem Blog „Homo soziologicus“ (http://homosociologicus.de/2009/03/13/die-institutionalisierung-von-amoklaufen/) geht in eine ähnliche Richtung wie Dein Link auf Heitmeyer.
    Georg

  2. REPLY:
    Danke, georg, für Deinen Kommentar und den Hinweis zum interessanten Artikel! Dort finde ich vieles richtig. Was mir nicht einleuchtet, ist die These, der Sinn des modernen jugendlichen „Amoks“ oder schoolshootings, sei es, verlorene „Ehre“ wiederherzustellen. (Das war es vielleicht im historischen Malaysia.) Die „Ehre“ ist doch eher etwas aus der Neonazi-Ideologie. Und die Nazis Morden nicht in Form von demonstrativen Akten mit Medieninszenierung, erschießen sich auch nicht selbst anschließend, und der Begriff taucht bei den Attentätern gar nicht im Selbstverständnis auf. Sicher geht es um eine Handlung, die damit zu tun hat, erlebte schwere Kränkung final zu „kompensieren“. Aber ich denke, die Hauptsache ist, dass konstruktive Sinnangebote fehlen, die für diese Schüler annehmbar und umsetzbar sind. Stattdessen ergreifen sie dann ein destruktives Sinnangebot, das in ihrem Umfeld auch vorhanden ist: Ich glaube, dass es bei dem Zugang zu Schusswaffen gar nicht mal der formale Aspekt am wichtigsten ist, dass eine Waffe da ist. Wichtiger ist, dass Schusswaffen und Schießen ein Sinnsystem bilden, zu dem sie Zugang haben, und das ihnen als sinnhaft vorgemacht wird (durch den waffensammelnden Vater und durch die vermeintlich nachahmenswerten Taten der „Vorläufer“.)

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