Always Beta!

Always Beta – Prinzip Baustelle heißt ein Beitrag von Ralf Appelt im mmsblog der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Die Einsicht, dass Beta-Versionen von Programmen oder „Anwendungen“, an denen die User als Mit- und Weiterentwickler einer Sache beteiligt werden, um diese an sich ständig verändernde Bedingungen und Bedürfnisse permanent anpassen zu können, wendet Appelt hier für die Bildungsinstitutionen an. Dazu gibt es in seinem Beitrag ein anschauliches Video.

Das Prinzip „Always Beta“ als Erkenntnis, dass es in Wirklichkeit überhaupt keine dauernde Alpha-Lösung [vgl. hierzu den Kommentar von Martin Lindner] geben kann, scheint mir eine der wichtigsten Erkenntnisse der Netzgesellschaft zu sein. Auf die Gestaltung von Unterricht und „Lehre“ (ganz gleich, ob in Schule oder Seminar) übertragen, eröffnet dieses Prinzip die Möglichkeit zu erkennen, dass man die alte Form der Unterrichts- oder Seminarplanung als vermeintlicher „Alpha“-Versionen von Lehrgängen und Unterrichtseinheiten am grünen Tisch – etwa „für eine 7. Klasse Gymnasium“ oder „für eine Lehrerfortbildung“ endlich aufgeben muss.
Das alte Prinzip, fertige Lehrgänge an einer Klasse bzw. einer Seminargruppe – mit einigen Anpassungszugeständnissen an die konkrete Gruppe – zu exekutieren, hat sich als untauglich erwiesen. Mit der Always-Beta-Erkenntnis können wir stattdessen die Lernenden an der Gestaltung ihrer Lernprozesse beteiligen. Die pädagogische Professionalität besteht dann nicht mehr darin, „Stoff“ zu „vermitteln“, sondern in der Bereitstellung von Strukturen und Instrumenten zur selbstbestimmten Auseinandersetzungen mit Gegenständen, also in der Organisation von Lernprozessen.

Einen weiteren Versuch, eine solche „Baustelle“ für Lernprozesse einzurichten, habe ich letztes Wochenende in meinem Referendarsmodul „Individualisiertes Unterrichten mit Weblogs“ unternommen. Mir scheint er ganz gelungen, dieser Versuch – als erste Beta-Version. Das nächste Seminar bzw. der nächste Workshop für Lehrer oder Referendare zur Erkundung, was der Einzelne mit dem Medium Blog für sich selbst gewinnen und was er damit in seiner Arbeit mit den Schülern, die er gerade zu unterrichten hat, anfangen kann, ist schon in Arbeit: Die Referendare gaben viele wichtige Hinweise für die zweite Beta-Version meiner Baustellen-Organisation. Im Seminar entstand der Gruppenblog Lernen 2.0, auf dem Material, Verlauf, Ergebnisse und Auswertung des 14-Stunden-Moduls vom letzten Wochenende besichtigt werden können. Einige Ergebnisse sind erst als Setzlinge zu sehen: Die ersten Blogs der Teilnehmer – Praxisreflexions-Blogs und Unterrichtsblogs -, mögen sie im Laufe der Zeit wachsen und gedeihen! Andere Ergebnisse sind als individuelle Ergebnisse nicht abgebildet: Es sind die einzelnen Planungsskizzen, aus denen die Teilnehmer Unterrichtsvorhaben konkretisieren und erproben wollen – ich würde mich sehr freuen, wenn demnächst einige der Erfahrungen ins Gruppenblog zurückfließen!

6 Gedanken zu „Always Beta!

  1. REPLY:
    die software, die noch nicht so gut funktioniert, heißt „alpha-version“😉

    aber ja, es stimmt: wissen wird kein „fertiges produkt“ mehr sein (und in wahrheit war es das noch nie). wir werden uns wissen nicht mehr als etwas vorstellen, das mit autos vergleichbar ist.

    ebensowenig wie die neue software, die gezielt menschliche netzwerk-interaktion mit einbezieht, um wissen zu filtern, zu verarbeiten, anzureichern und hervorzubringen.

  2. Diesen Fortschritt kann ich nicht erkennen. Ich mag fertige Produkte, ob beim Autokauf, bei Software oder im Unterricht. Schreiben wir einmal Beta-Diplomarbeiten, bauen Beta-Häuser oder liefern Beta-Mandeloperationen?

  3. @Martin:
    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar! Wenn ich das richtig verstehe, dann geht eine alpha-Version noch gar nicht unter die User? Und gibt es soetwas wie eine „best beta“-Version, an der dann niemand mehr „rumschraubt“? – Und wieso ist der Begriff „always beta“ so in aller (auch IT-)Munde, wenn er eigentlich auf einem Missverständnis beruht?

    2. Ich habe gerade Deinen Artikel „Lernen im digitalen Klimawandel“ gelesen, finde ihn hoch interessant und möchte ihn hier weiterempfehlen: http://wwweblernen.de/?page_id=25
    Ich habe noch ein paar Fragen dazu. Einige davon: Ist blended learning mit e-learning 2.0-Überlegungen schon wieder out? – Beschäftigst Du Dich nur mit den digitalen Aspekten (und tools) der Lern-Design-Entwicklung oder umgreift die von Dir gemeinte Lern-Design-Entwicklung das ganze Tätigkeitsfeld – sowohl virtuell als auch realworld? – Die Veränderungen der Kommunikation und des Lernens in der Arbeitswelt werden auch das institutionelle Lernen in der Schule verändern – vermutlich weit umfassender als alle Schulreform bisher. Siehst Du die Grenzen zwischen Arbeit und Lernen auch so sich verwischen, dass möglicherweise im primären institutionellen Bildungssektor (Kita, Schule) „Arbeit“ (also das Herstellen von „Produkten“ im weitesten Sinne) in irgendeiner Form eine neue Rolle spielen könnte?

  4. REPLY:
    Es gibt überhaupt keine „fertigen“ Produkte. Weder bei Autos oder Diplomarbeiten, Häusern oder Mandeloperationen, software, Unterricht oder Wissen.

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