Gedanken zum "individualisierten Unterrichten"

Traxler

Hans Traxler, Chancengleichheit, in: Michael Klant , [Hrsg.] , Schul-Spott : Karikaturen aus 2500 Jahren Pädagogik ,Fackelträger, Hannover 1983, S. 25

Diesen schönen Cartoon kennen wir alle.
Aber was sagt er uns darüber hinaus, dass Schule ungerecht ist, wenn sie den unterschiedlichsten Individuen das Gleiche abfordert und darauf Noten verteilt?

Als der Cartoon 1983 herauskam, hatte ich gerade mein Referendariat begonnen. Wir waren alle begeistert damals: Ja, so ein wunderbar kritischer Kommentar zum Schulwesen! Ist doch klar: Die Prüfungsaufgabe ist ungerecht und ungerecht darum die Bewertung. Aber sind Menschen denn wirklich so verschieden? Eigentlich glaubten wir doch, dass im Prinzip alle Menschen alles lernen können, auch wenn sie verschieden sind, und dass es keine angeborenen Unmöglichkeiten gibt. War das denn so falsch?

Und dann: Wie konnte angesichts eines für alle gegebenen Baumes eine gerechte Aufgabenstellung denn lauten?

Vielleicht eine Aufgabe, die für alle gleichermaßen zu meistern wäre? Den kleinsten gemeinsamen Nenner? „Geht so nah ihr könnt, an den Baum heran?“ – Dann gäbe es aber für alle nicht viel zu lernen.

Oder etwa jedem eine andere Aufgabe? – Aber wie sollte das gehen, wir mussten doch allen das Gleiche beibringen. Sollten wir vielleicht jedem trotz gleichen Unterrichts im Bäume-Erklimmen die Prüfungsaufgabe auf seinem eigenen Level stellen, damit jeder eine 1 machen konnte? Also zum Ausgleich der ungleichen Start-Chancen an der Bewertung „drehen“? – Manche von uns glaubten damals tatsächlich an eine solche Lösung des Problems.

Jahre später versuchten wir das Problem mit einer anderen Variante zu lösen:
Alle sollten auf den Baum hinauf kommen, aber jeder sollte dafür die Hilfsmaßnahmen und die Unterstützung erhalten, die er dafür benötigte. – Das hieß dann: spezielle Förderung für die Gehandicapten. (Diese gab es dann jedoch in der Praxis niemals ausreichend.)
Und hieße das dann nicht auch – um im Bild zu bleiben –, den Fisch mitsamt seinem Wasserglas auf den Baum hinaufzusetzen? Und vielleicht noch eine Aufgabe zur Teamentwicklung dazu: Der Affe hievt den Fisch hinauf anstelle des Lehrers (und alle zusammen den Elefanten), dann können auch noch social skills-Punkte erworben werden?

Oder läge die Lösung vielleicht darin, dass nicht allen die gleiche Aufgabe zu stellen wäre, sondern jedem eine andere – gemäß seinen in die Schule mitgebrachten Fähigkeiten – die wir noch immer mit den Möglichkeiten verwechselten? – Dem Affen also die Baumkrone, dem Elefanten das Baumausreißen, dem Fisch vielleicht eine Beobachtungsaufgabe – das Kletterprotokoll der anderen. Hm.

Aber klar war und ist bei all diesen Varianten für uns Lehrer dabei immer noch: WIR stellen die Aufgaben. WIR wissen, was es zu lernen gibt, und wir formulieren Standards für das Niveau des Lernerfolgs. Der Fisch wird jetzt genötigt, eine Lernzielvereinbarung für den Erwerb einer Protokollier-Kompetenz zu unterschreiben, und die Schlange – doch, doch, es gibt sie, Traxler hat sie nur vergessen zu zeichnen! – darf jetzt selbst entscheiden, auf welchem Lernwege und in welcher Geschwindigkeit sie sich um welche Äste des Baumes winden möchte, um die Krone zu erreichen.

Vielleicht kommen wir aber doch mal dahin, die uns anvertrauten Geschöpfe nach ihren eigenen Lernwünschen und ihrem eigenen Sinn zu fragen? – Vielleicht so: Welchen Sinn könnte für dich der Baum machen, was könntest du daran lernen wollen, welche Aufgabe möchtest du dir selbst stellen?
Und vielleicht ist ja genau das die Aufgabe für ALLE, nämlich seinen eigenen Sinn finden zu lernen?
Hier beende ich meine Gedanken zum Cartoon, bevor ich mich noch hoffnungslos im Geäst versteige und den Rückweg aus dem Baum meiner Zukunftswünsche für ein selbstbestimmtes lustvolles Lernen in die Schulrealität heute nicht mehr finde.

12 Gedanken zu „Gedanken zum "individualisierten Unterrichten"

  1. REPLY:
    Eine interessante Frage aus der Lebenspraxis – wie auch theoretisch! Alle hier sind gefragt!
    Ich steuere zur praktischen Frage bei: In Hamburg hat man das Problem „Trennung von Religion und Staat“ so gelöst: Es gibt das Fach Religion bis Klasse 4 und das Fach Ethik ab Kl. 5 alternativ zu Religion; in der Sek II ist Religion alternativ zu Philosophie. Das Fach Religion ist aber generell kein konfessioneller Religionsunterricht, sondern überkonfessionell, nicht nur was die christl. Religion betrifft, sondern generell Religionen-übergreifend.
    Was den Begriff „pers. Sinn“ angeht, so gehört dazu natürlich auch, dass jeder Mensch gezwungen ist, mit anderen zusammenzuleben und in einer Gesellschaft mit bestimmten Rahmenbedingungen zu leben, und diese Bedingungen und die Formen dieses Zusammenlebens mit auszuhandeln. In einer heterogenen Gesellschaft braucht man dazu also auch die Kenntnis der unterschiedlichen Teilkulturen – und insofern sie Bestandteil dieser Kulturen sind, auch die der unterschiedlichen Religionen. Ich muss also nicht wissen, was Ramadan ist, weil ich vielleicht am Ramadan teilnehmen möchte, sondern um zu verstehen, was Ramadan für die Menschen bedeutet, mit denen ich verkehren muss oder will, und mich außerdem z.B. an der gesellschaftlichen Debatte und Aushandlung beteiligen muss und möchte, wie und in welchem Rahmen sich die verschiedenen Religionen öffentlich repräsentieren dürfen.

  2. für diesen anregenden Beitrag. Solche Gedanken kann man bei der immer weiter um sich greifenden Standardisierung nicht häufig genug äußern und bewegen.

  3. Ja, ich denke, dass die Fragen nach differenziertem (oder adaptivem) Unterricht, die du da aufwirfst, gerade mit der „Standardisierungs“-Geschichte – zum Glück – wieder wichtig werden. Bildungsstandards,zumindest als Minimalstandards, können aber m.E. ihr Gutes haben: Es ist schon viel gewonnen, wenn alle den Baum als Baum erkennen! Es eher eine Frage, wie und wer zur Beschreibung des Minimums beiträgt.

  4. Damals ging es um Chancengleichheit, um Eingangschancen-Gleichheit, um genau zu sein. Die Zielchancen-Gleichheit, wie überhaupt der Unterschied, wurde erst später zum Problem. Die Ungerechtigkeit und Unsinnigkeit der „objektivierbaren“ Leistungsbeurteilung (moralisch betrachtet) bzw. ihre Begrenztheit (methodisch betrachtet) ist allerdings schon seit den 20er Jahren Gegenstand heftiger methodologischer Kritik.
    In der gesamten Diskussion um Chancengleichheit ging es aber schwerpunktmäßig um Gleichheit, nicht um Individualisierung. Eigentlich haben die 68er mit ihrer Kritik an den ungleichen Eingangschancen der sozial Unterprivilegierten nur die konsequente Realisierung des von Comenius übernommenen Grundsatzes eingeklagt, den dann Humboldt, seine Schüler Nicolovius und Süvern und später Diesterweg als Strukturprinzip für die allgemeinbildende öffentliche Pflichtschule in Preußen als einer gesellschaftlichen Institution der bürgerlichen Gesellschaft aufgestellt hatten: Allen sollte zur selben Zeit alles gelehrt werden. Die staatliche Einrichtung der Schule als gesellschaftlicher Lernraum, der Jahresjahrgangsklasse als zeitliche und soziale Gliederung des Lernprozesses, der wissenschaftlich orientierten Unterrichtsfächer als spezieller Medien, des allgemeinverbindlichen Bildungskanons und die Entwicklung von Lehrbüchern und Unterrichtsmethoden – das alles setzte die Gleichheit der Menschen und ihrer Lernfähigkeiten wie ihrer Lernprozesse voraus und zielte auf die Gleichheit der Lernergebnisse, des Wissens und der Allgemeinbildung. Von einer Individualisierung des Unterrichts konnte in diesem Zusammenhang gar keine Rede sein. (Widersprüche und Probleme der Behinderung.) Die Diskussion um Chancengleichheit bewegte sich konsequent in demselben Zusammenhang. Sie wollte lediglich die sozialisationsbedingten Ungleichheiten ausgleichen.

    Auf diese Ungleichheiten will die Karikatur mit ihren Mitteln aufmerksam machen. Indem sie aber dafür das Bild der ganz offensichtlichen biologischen Unterschiede der Tierarten benutzt, leistet sie dem Biologismus Vorschub, der auch beim Menschen genetische Unterschiede in den Lernprozessen sehen will und den die 68er ebenso heftig bekämpften. Der Streit um das Verhältnis von Anlage und Umwelt zieht sich bis heute hin. Daß es Unterschiede im Lernen gibt, dafür genügt eine Erinnerung an die eigene Schulzeit. Die Frage ist, ob sie genetisch begründet oder ob sie ihrerseits gelernt sind. Erfahrungsgemäß findet hier jeder eine Bestätigung der Voraussetzung, mit der er gefragt hatte. Mit diesem Zirkel sind die Differenzierungen zwischen den Schulformen oder zwischen Normal- und Sonderschule immer schon mit dem Hinweis auf die genetisch bedingten Unterschiede legitimiert und schein-empirisch bestätigt worden.
    Selbst wenn man davon ausgeht, daß – im Prinzip – alle alles lernen können (wenn auch diese unbestimmt allgemeine Fähigkeit immer nur konkret, also historisch bedingt, existiert), dann kann mit dieser Voraussetzung nicht nur eine Gesamtschule für alle, sondern auch eine volle Integration auch behinderter Schüler gut begründet werden. Aber auch das hat mit einer Individualisierung des Unterrichts nichts zu tun. Die Forderung nach Individualisierung (nicht: Differenzierung!) bliebe nach wie vor moralisch.

    Nur weil die Individualisierung des Lernens als eine unvermeidbare Tatsache angesehen werden muß, ist die Forderung nach einer Individualisierung des Unterrichts nicht nur legitim, sondern ein Menschenrecht. Aus zwei Gründen.
    Weil alle Menschen Individuen sind, einmalig, unverwechselbar, nicht austauschbar und nicht teilbar, besitzen sie auch die allgemeine Lernfähigkeit, alles lernen zu können, in individuell einmaliger Form – und dies als eine unverlierbare, genetisch fixierte Anlage, die sie selbst spätestens von Geburt an im Gebrauch zunehmend individualisieren und konkretisieren.
    Diese Individualisierung beruht auf der ebenfalls genetisch fixierten Notwendigkeit, nur das zu lernen, was persönlich sinnvoll ist. Schon Tiere lernen – selbst in der Dressur – nur das, was biologisch sinnvoll für sie ist. Erst recht für Menschen gilt der Sinnbezug als unverzichtbares Kriterium für das Lernen – welcher Inhalte auch immer. Persönlicher Sinn kann aber nicht vermittelt werden. Sinngebung ist eine unhintergehbare individuelle Leistung.
    Dann aber können nicht zwei Menschen dasselbe auf dieselbe Weise lernen, geschweige denn eine ganze Schulklasse! Jeder Unterricht überfordert sich hoffnungslos, der das auch nur versucht. Und wenn nachweislich doch gelernt worden ist, dann – wie Luhmann sagt – „trotz des Unterrichts“. Die Individualisierung des Unterrichts besteht so gesehen in der Hilfestellung zur persönlichen Sinngebung jedes einzelnen Schülers.

  5. REPLY:
    Danke corredor, für diesen orientierenden Beitrag! Er dekonstruiert die Traxler-Karrikatur wirklich historisch und erklärt auch mein Problem mit der Allgemeinbildung. Wie können wir Allgemeinbildung heute überhaupt noch definieren? Bestimmt nicht mehr im Sinne des Humboldtschen Projekts für die Bürgerliche Gesellschaft. Mir gefällt dazu die sehr allgmeine Definition von Schlüsselkompetenzen durch die OECD. Es sind drei:
    1. Umgang mit Heterogenität
    2. Umgang mit der eigenen Person
    3. Umgang mit Informations- und Kommunikations-Medien
    Wichtig finde ich auch für alle, die jetzt Individualisierung auf ihre Fahnen schreiben, die von Dir erläuterte Unterscheidung zu treffen: LERNEN ist sowieso individualisiert; man muss den UNTERRICHT/die LEHRE darauf einstellen, damit nicht bloß „trotzdem“ gelernt wird.
    Ich benutze jetzt immer lieber den Terminus „Sinnbildung“ statt „Sinngebung“, weil darin auf jeden Fall enthalten ist, dass Sinn nicht von außen gegeben werden kann, sondern selbst hergestellt werden muss – das meinst Du ja auch.
    Die Aufgabe, die in der Lehrerbildung zu meistern ist, könnte man vielleicht so formulieren:
    Methodologien zur professionellen Organisation von Lernprozessen entwickeln, erproben und beherrschen lernen.

  6. Wozu muss es überhaupt eine Allgemeinbildung geben. Gibt es etwas, was alle Kinder – wenn auch individuell unterschiedlich – lernen sollten? Oder sollte jeder nur lernen, was für ihn persönlich Sinn hat?
    Die Frage ist für mich ganz aktuell, bald soll ich als Berliner darüber abstimmen, ob es einen für alle verbindlichen Ethikunterricht geben soll oder ob jeder nur in seiner Religion unterrichtet werden soll? Warum soll ein Christ oder Atheist lernen, was „Ramadan“ ist?
    Für Atheisten gibt es ja in Berlin noch den Lebenskundeunterricht. So kann jeder seinen persönlichen Sinn finden? Vergehe ich mich gegen die Individualität der Kinder, wenn ich für den Ethikunterricht stimme?

  7. Pingback: Skolnet.de » Aufgaben im individualisierten Unterricht

  8. Pingback: Mythos Chancengleichheit? | Skolnet

  9. Pingback: Mythos Chancengleichheit? | SKoLNET

  10. Jedes Kind hat ein Anrecht darauf seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert zu werden. Es darf nicht sein ,dass Kinder mit einer angeborenen Lese-und Rechtschreibschwäche, wie zum Beispiel meine älteste Tochter, welche eine Kreuz-Dominanz im optischen Erfassen(linkes Auge dominantes Auge) bei Rechtshändigkeit, verbunden mit einer erst im dritten Lebensjahr diagnostizierten beidseitigen Mittelohr-Schwerhörigkeit, mit der Folge einer Sprachentwicklungsverzögerung und ADS, im Anfangsunterricht keine weitere Hilfe bekommt als eine Anlaut-Tabelle und nach Sommer-Stumpenhorst (Rechtschreibwerkstatt) sich eigenständig und selbst gesteuert lesen und schreiben beibringen soll.Sie entwickelte in der Inklusionsklasse eine regelrechte Schulangst, sie war mit der Methodik total überfordert.Das Kind konnte ja bei der Einschulung nicht in ganzen Sätzen sprechen! Wie sollte sie sich da selbst etwas vorsprechen.
    Und dann ließ man die Kleine vollkommen alleine. Es gibt im ganzen Kreis Warendorf nicht eine einzige Beratungsstelle für Eltern!
    Wir haben unsere Tochter dann gegen massiven Widerstand der Schulbürokratie in der Sprach-Förderschule in Warendorf angemeldet. Mit Hilfe des Kieler Lese-Aufbaus habe ich ihr erst das Lesen beigebracht , die Sprachentwicklung beschleunigt und anschließend mit Hilfe eines Silben-analytischen Schreiblehrgangs in Verbindung mit analytisch-synthetischer Methodik das Schreiben beigebracht. Ihre eigentliche Sprachrichtung wäre eigentlich von links nach rechts. Es wird teilweise rückwärts geschrieben und gelesen ,wobei sie dann die Sätze umstellt. Das macht alles sehr viel Arbeit, und eine Schule kann das nicht alleine leisten.Meine älteste Tochter kann jetzt besser lesen als sprechen.
    Auch mein jetzt 24 jähriger Sohn hat effektiv mit einem analytisch-synthetischen Schreib-Lehrgang von Herrn Metze sehr schnell und strukturiert schreiben und lesen gelernt, ohne das ich als Vater überhaupt intervenieren musste.
    Bei meiner zweitältesten habe ich von vornherein mit Hilfe des Kieler Lese-Aufbaus und eines Silben-analytischen Schreiblehrgangs nach Röber interveniert. Sie kann sich sehr viel besser als gleichaltrige Kinder ausdrücken, sie schreibt viel fantasievoller und sicherer als all diese von diesen reformpädagogischen Methoden verwirrten Mitschüler.
    Auch meinen anderen zwei Kinder werde ich selbst unterrichten und jedem eine mögliche Hilfe anbieten, dem ähnliches wiederfahren ist.
    Jetzt können sie sich auch denken, warum ich gegen die in NRW praktizierte Inklusion bin,sowie die gesamte Reformpädogogik ablehne, da sie die Kinder nirgendwo abholt und kein Kind seinem Können entsprechend fördert. Das sehe ich an meinen anderen Kindern und an allen befragten Kindern. Fast alle lehnen diese Methoden spätestens nach der dritten Klasse ab, da alles an de Eltern hängen bleibt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s