"Neurodidaktik" und "gehirngerechtes Lernen"

Der Mund isst, das Auge sieht, der Penis macht Sex? Quatsch – der Mensch, das Individuum tut das alles. Mund, Auge und Penis sind nur Organe und nicht die Subjekte dieser Tätigkeiten – wie jedermann weiß.

Dieses Wissen scheint jedoch den „Neurodidaktikern“ zu fehlen. Sie meinen darum, es sei das Gehirn, das denkt und lernt. Und sie fordern sogleich ein „gehirngerechtes Lernen“. Was das wohl wieder ist, ausgedacht von einem neurodidaktischen Hirn? Gibt es denn dann auch ein anderes Lernen, eines, das nicht hirngerecht ist? Also eines, das dann offenbar ohne oder gar gegen das Gehirn stattfindet?? Sie meinen wohl eher: „gehirngerechtes Lehren„. Und in der Tat gibt es viel Lehren ohne Lernen. Aber nicht, weil am Gehirn vorbei gelehrt würde, wird das Lernen häufig verpasst, sondern weil am Menschen vorbei gelehrt wird, an seinem persönlichen Sinn, an seinen Motiven und Bedürfnissen, an seiner Person. Kein Wunder, wenn als Adressat von Unterricht die Gehirne anstatt der Schüler gemeint sind und die Person auf ein Organ reduziert wird. Immerhin wird in dem Artikel Neurodidaktik auf dem Prüfstand der populärwissenschaftlichen Zeitschrift „Gehirn und Geist“ ein Teil dieser Einwände als Kritik laut: „Moleküle können sich nicht für etwas interessieren, und schließlich ist es auch nicht das limbische System, das in Prüfungssituationen Angst hat, sondern der Mensch“, wird die Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker als Kritikerin der „Neurodidaktiker“ zitiert. Immerhin wird hier also wenigstens verstanden, dass Lernvorgänge nicht auf die Biologie, auf die Aktivitäten von Organen reduziert werden können. Der Artikel in „Gehirn und Geist“ belässt es jedoch bei solchen kritischen Einwänden und suggeriert dadurch, dass man eben immer noch im Dunkeln tappe, was die Triebfeder und die Funktionsweise des Lernens angeht: „Die Tatsache, dass Menschen laufen und sprechen lernen wollen, bedeute (…) keineswegs, dass sie auch lernen wollen, wie man französische Verben beugt oder wie man den Kalorienverbrauch eines schlafenden Hundes berechnet“, wird abermals Nicole Becker zitiert. Wo aber stattdessen die Antworten auf die Frage „Wie geht Lernen?“ zu finden sind, erfährt man leider nicht. Am Ende bleibt: Die Didaktiker und die praktischen Pädagogen bleiben wie bisher für das Verständnis von Lernprozessen zuständig.

Stimmt das aber auch? Didaktische Theorie und Pädagogik beschäftigen sich ausschließlich mit dem intentionalen Lehren, also der absichtlichen Vermittlung von Wissen in formellen Zusammenhängen, mit Unterricht also. Didaktik und Methodik setzen immer schon ein Lernverständnis voraus. Sie können daher die Funktionsweise menschlichen Lernens ebenso wenig erklären, wie die Neurobiologie. Denn Lernen erschöpft sich nicht in Unterrichtszusammenhängen. Weder Neurobiologie noch Didaktik sind Wissenschaften vom Lernen.

„Das Gehirn ist ein soziales Organ“, weiß der Neurobiologe Gerhard Roth. Leider wird er im Artikel nicht zitiert. Man könnte dieser Einsicht nämlich nicht nur entnehmen, dass Neurobiologie und Hirnforschung für sich alleine keine ausreichende Basis zum Verständnis des Lernens liefern können, sondern außerdem den Hinweis auf den sozialen (gesellschaftlichen) Aspekt des Lernens. Aber wie kommt das Gehirn „hinaus“ in die Gesellschaft bzw. die Gesellschaft „hinein“ ins Gehirn? Dass dies auf direktem Wege nicht möglich ist, darüber braucht wohl kein Wort verloren zu werden. Wie aber dann? Was ist „zwischen“ Gehirn und Umwelt/Gesellschaft?
Es ist die Psyche. Lernpsychologie ist also gefragt, wenn es um das Verständnis des Lernens geht. In der kulturhistorischen Tätigkeitstheorie findet man Antworten auf die Fragen, wie der Mensch lernt. Insbesondere bei der Lektüre A. N. Leont’evs „Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit“ (1981, 1982) wird man fündig, wenn man verstehen will, warum der eine leidenschaftlich die Beugung französischer Verben lernt, der andere mit Hingabe den Kalorienverbrauch eines schlafenden Hundes erforscht. Und Leont’evs Psychologie ist absolut „hirngerecht“! Hirngerecht nämlich insofern, als sie sich selbst auf die Ergebnisse ausführlicher Hirnforschung bezieht, mit ihnen in Übereinstimmung steht und nicht etwa abgehoben psychologisch herumspekuliert (A. N. Leont’ev, Probleme der Entwicklung des Psychischen, 1973). Eine wichtige Kategorie zum Verständnis des menschlichen Lernens ist nach Leont’ev (neben der Tätigkeit) der persönliche Sinn. Über Sinn ist im Artikel von Gehirn und Geist jedoch kein Wort zu lesen. Merkwürdig eigentlich, wo es doch ums Lernen gehen soll. Der Sinn ist eben nicht in der Physiologie des Gehirns zu finden.

2 Gedanken zu „"Neurodidaktik" und "gehirngerechtes Lernen"

  1. Das Schlagwort ist so formuliert, dass man mit ihm entlang einer Forschungsmode bzw. einer expandierenden Forschungsrichtung, deren Vertreter sich zu vielen Fragen äußern, seine eigenen Produkte besser vermarkten möchte, wenn man Vera B. heißt.
    Wie wenig Praktisches seriöse Forscher von sich geben, sieht man bei Onur Güntürkün; der hält sich zurück, wenn es um konkrete Tipps fürs Lernen geht, dafür ist er nicht zuständig, soweit ist man noch nicht.
    Leider kann Frau Birkenbihl nicht warten, bis man so weit ist, sie muss ihre Bücher heute verkaufen; und das schafft sie auch, auf der Woge des Zeitgeistes. Früher hat sie sich mit dem psycho-logisch begnügt, jetzt heißt es gehirn-gerecht, demnächst halt anders.

  2. Als „Lernen“ wird ungemein vieles bezeichnet. Derart unterschiedliche Aspekte hat es. Die meisten kennt jeder: jeder „lernt“ ja und immer alles, womit er zu tun hat.

    So gehört es zur allgemeinen Lebenserfahrung, dass man sich aufgrund bloßer Merkfähigkeit – soweit sie nicht durch Erschöpfung, Krankheit oder Demenz eingeschränkt ist – abends mehr oder weniger detailreich an das erinnern kann, was man den Tag über zuvor gemacht und erlebt hat. Kein Mensch muss all das erst pauken und auswendig lernen!

    Allein diesem Faktum kann äußerst Wichtiges entnommen werden. Es beweist nämlich zuallererst, dass sich unser gesamtes Tun und Erleben immer und von selbst einprägt und das bereits mit dem Erleben selbst, einschließlich der eigenen Reaktionen darauf. Wiederholungen sind für diesen elementaren Prägungsprozess nicht nötig!

    Er wird mit Rekapitulationen lediglich wiederholt: so oft wir selbst wollen und es für nötig finden, von anderen dazu angeregt oder mit mehr oder weniger Nachdruck dazu angehalten werden (alles keineswegs unerhebliche „Nebenaspekte“; denn sie prägen sich ihrerseits stets auf dieselbe Weise ein wie das gezielt Einzuübende).

    Der Effekt von Wiederholungen ist bekannt: wiederholtes Sicheinprägen wie Eintrichtern von Faktenwissen, Einhämmern von Vokabeln und Eindrillen von Bewegungen macht es leichter, sich schneller, vollständiger und sicherer an etwas zu erinnern und eingefahrene Bewegungsabfolgen auf bloßen Entschluss hin locker und lässig abzuspulen.

    Wiederholungen sind Grundlage für die Ausbildung sämtlicher Fähig- und Fertigkeiten sowie aller sonstigen Gewohnheiten (prozedurales Gedächtnis).

    Etwas anderes ist das Erinnern! Es wird üblicherweise ebenfalls als „Gedächtnisleistung“ bezeichnet, obwohl es mit dem basalen Prägungsprozess nur indirekt zu tun hat.

    Erinnern besteht darin, sich Erlebtes vorzustellen, es so „wieder aufleben zu lassen“ oder zu „reaktualisieren“, wie es sich beim Wahrnehmen eingeprägt hat (episodisches oder autobiographisches Gedächtnis). Vorstellen besteht somit nicht darin, sich etwas Neues einzuprägen, sondern in einem „Imitieren des Wahrnehmens“ (Dirk Hartmann Philos. Grundlagen der Psychologie S. 149).

    Reaktivierungen bestehender synaptischer Verbindungen haben neurophysiologisch jedoch denselben Effekt wie wiederholte Wahrnehmungen desselben: sie verstärken diese Verbindungen. Die bekannten Effekte des „mentalen Trainings“ ergeben sich aus dieser Tatsache.

    Merkfähigkeit und Automatisierungsvorgänge konnten neurophysiologisch mit Ausbildung und Wachstum synaptischer Verbindungen zwischen den Nervenzellen des Gehirns in Verbindung gebracht werden. Beim Erinnern und sonstigen Vorstellen werden dagegen bereits bestehende interneuronale Verbindungen genutzt.

    Erinnern bedarf offenbar des Frontalhirns, nur scheint seine Rolle dabei bislang nicht genau geklärt zu sein. Bekannt ist, dass es später ausreift als andere Hirnteile. Daraus erklärt sich, dass wir normalerweise keine oder kaum Erinnerungen aus den ersten drei bis vier Lebensjahren bilden können, obwohl sich auch in dieser Zeit und sogar im Mutterleib bereits alles Mögliche einprägt, Bekanntes denn auch beim Wiedererleben(!) wiedererkannt wird, wie jede Mutter sehr schnell merkt, und sich „natürlich“ auch schon alle möglichen Gewohnheiten ausbilden, angefangen bei Wahrnehmungsgewohnheiten, wie bei genauer Beobachtung von Säuglingen leicht zu beobachten und mittlerweile ja auch vielfältig nachgewiesen ist.

    Gegen Ende ihrer Säuglingszeit sind Kinder sogar zu akustisch richtiger Wortbildung fähig, obwohl die in diesem frühen Stadium des Sprachlernens lediglich in automatenartiger „richtiger“ Imitation von vorgesprochenen Lautfolgen besteht. Worauf es bei Sprache ankommt, besteht ja nicht darin, lediglich Laute oder Lautfolgen zu erzeugen.

    Mit „Lernen“ meinen wir normalerweise jedoch weitaus mehr als bloß etwas „auswendig zu lernen“ solange, bis wir etwas „rein mechanisch“ oder „automatisch“ wiedergeben können. Aus der Neurophysiologie, in der lediglich die dazu nötigen interneuronalen Vorgänge untersucht werden und in vielen Details geklärt werden konnten, ist hierzu allerdings, und zwar schon aus wissenschaftsmethodischen Gründen nichts zu erfahren.

    Bei allem Lernen in realen Situationen werden nämlich immer auch mehr oder weniger komplexe Situationsgegebenheiten bis hin zu wenigstens zeitlichen Zusammenhängen wahrgenommen und in ihrer Veränderung oder Gestaltung mit vollzogen. Hierbei werden immer auch Zusammenhänge kausaler Art kennengelernt und in sozialen Zusammenhänge auch noch Sinnzusammenhänge aller Art, ob all diese Relationen dabei als solche erkannt werden oder nicht.

    „Zusammenhänge“ allerdings isoliert und damit „bewusst“ zu erfassen oder gar dann selbst sachlich richtig wiederzugeben, ist dagegen eine völlig andere Sache. Die Fähigkeit hierfür muss eigens gelernt und gezielt, vor allem aber nachhaltig geschult werden; denn der hierbei nötige Aufwand ist enorm – und hochgradig unsicher.

    Jahre benötigt es schon, bis Kinder selbst bei verständiger Vermittlung imstande sind, auch nur feststehende Regeln zu lernen und sie selbstständig und korrekt anzuwenden. Weitaus höhere Anforderungen stellt es dar zu lernen, Zusammenhänge anderer Art zu erfassen und selbstständig zu berücksichtigen. Die vielleicht größte Herausforderung besteht dabei darin, soziale Bezüge in ihrer weitreichenden Komplexität und dynamischen Gestaltung zu verfolgen, Veränderungen zu bemerken, ihre weitere Entwicklung einzuschätzen und unter Berücksichtigung eigener Belange aktiv und in jedem Sinn selbstbewusst mit zu gestalten.

    In welchem Ausmaß dabei die Fähigkeit entwickelt wird, die individuell teilweise höchst unterschiedlichen Perspektiven einzelner Menschen aus allen möglichen „Anzeichen“ wie zuallererst aus ihrem Ausdrucksverhalten zu „ersehen“, in ihren Einzelheiten und deren persönlichen Gewichtung zu erfassen und verständnisvoll zu berücksichtigen, ist bis heute höchst zufällig: eine Schulung hierfür gibt es nur dann, wenn man das Leben selbst zur Schule erklärt…

    Verstandes- und Verstehensleistungen jeder Art sind erst möglich, wenn die Fähigkeit ausgebildet ist, Vorstellungen und Vorstellungseinzelheiten anders als sie „in der Erinnerung“ gegeben sind, „frei“ und selbstständig zu kombinieren!

    Ohne Merkfähigkeit ist dazu zwar niemand imstande. Für die kreative Leistung der beliebigen Gestaltung von Vorstellungen ist aber in erster Linie ein selbständiges Umgehen mit Vorstellungen und Details von ihnen erforderlich, ein verständiges Denken also, allerdings nicht „in der Vorstellung“, wie sich „der Volksmund“ oft ausdrückt, oder „im Geist“, wie es traditionell gerne heißt, sondern real „im Kopf“: „mit“ dem dort befindlichen „Organ“, einem im wörtlichen Sinn „Werkzeug“, genannt Gehirn.

    Dass hierzu eine besondere Aufmerksamkeitsleistung erforderlich ist, muss auch noch erwähnt werden. Allerdings soll hier zu dieser besonderen geistigen Fähigkeit des Achtgebens, das die meisten Menschen nur in den beiden Formen der „Aufmerksamkeit“ und „Konzentration“ kennen, nur darauf noch hingewiesen werden: zum kontrollierten Denken muss man imstande sein, sich längere Zeit auf selbst kreierte Vorstellungen zu konzentrieren, die man ihrerseits gleichzeitig auch noch genügend lange aufrecht halten können muss – jedenfalls dann, wenn der Denkprozess nicht in ein natürliches, ursprüngliches oder „primitives“ (primäres…) Assoziieren abgleiten soll, das weder an (z.B. logischen) Regeln, Sachbezügen oder an sonstigen selbstgesetzten Kriterien orientiert ist, sondern sich biographischen Zufälligkeiten verdankt.

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