Den Geschichtsunterricht neu denken

Geschichtslehrer, die davon überzeugt sind, dass ihre Schüler nach ihrem Unterricht tatsächlich das Geschichtswissen und Geschichtsbewusstsein erworben haben und historisch denken gelernt haben, so wie es den Geschichtslehrern selbst vorgeschwebt hat, brauchen hier nicht weiterzulesen.
Diejenigen jedoch, denen bisweilen schwant, dass die Ergebnisse ihres Unterrichts nicht befriedigend sind, oder die sich häufiger darüber ärgern, dass bei den Schülern wenig von dem hängen geblieben ist, was sie unterrichtet haben, und die noch hoffen, dass da doch mehr möglich sein könnte, damit ihnen ihre Unterrichtsarbeit nicht für den Rest ihres Arbeitslebens als sinnlos erscheinen muss, diese Geschichtslehrer also sollten unbedingt das neue Buch von Bodo von Borries lesen: Historisch Denken Lernen – Welterschließung statt Epochenüberblick. Geschichte als Unterrichtsfach und Bildungsaufgabe.

Von Borries führt den Leser in seiner Geschichtsdidaktik – eigentlich eine Sammlung von Einzelaufsätzen, die jedoch überzeugend zu einem Ganzen integriert sind – von der ungeschminkten Beschreibung der „Krisenlage“ des Geschichtsunterrichts über die Kritik der deutschen Geschichtsdidaktik zu dem überzeugenden Entwurf einer zeitgemäßen geschichtsdidaktischen Konzeption, deren Ziel ist, die Schüler zu befähigen, am öffentlichen Geschichtsdiskurs kompetent zu partizipieren.

Eine Fachdidaktik ist keine Handreichung mit Unterrichtsrezepten, die man gleich morgen früh in der 8a anwenden kann. Auf der Ebene der Rezepte ist die Lösung des Problems, Geschichtsunterricht endlich effektiv, sinnvoll und nützlich für die Schüler – und damit auch befriedigend und sinnvoll für die Lehrer! – zu machen, aber auch nicht zu haben. Aus einem Hamsterrad kommt man schließlich auch nicht heraus, indem man den nächsten Schritt im Hamsterrad neu, richtiger oder schöner tut als bisher, sondern nur, indem man den nächsten Schritt aus dem Hamsterrad hinaus tut, Distanz nimmt und sich das Rad mal von außen betrachtet. Soviel Zeit muss sein!
Umso erfreulicher, dass die Lektüre so viel konkrete Praxisnähe beschert, dass man – wenn auch natürlich nicht eine Anleitung für die praktische Neugestaltung des gesamten Unterrichts – trotzdem über die Beschreibung, wo es denn lang gehen müsste, hinaus eine Menge an Anregungen erhält, wie man die eigene Praxis konkret schon verändern könnte, ohne dabei gleich die Schule neu zu entwerfen.

Schade nur, dass von Borries selbst genau da Halt macht, wo – konsequent seine fachdidaktischen Erkenntnisse weitergedacht – die Schule tatsächlich neu gedacht werden muss. Der Erwerb von Geschichtskompetenzen, die an Multiperspektivität und „Lebensweltbezug“ und am persönlichen Sinn der Schüler orientiert sein müssen, lässt sich nur schwer in 2 x 45 Minuten pro Woche im Klassenzimmer realisieren. Borries hat da offenbar selbst einen blinden Fleck im historischen Denken, wenn er schreibt:

„Welche Anhaltspunkte haben wir eigentlich dafür, dass Schule künftig etwas anderes werden könnte, als sie – für Eliten – viertausend Jahre und – für alle – hundertfünfzig Jahre lang war, eben „Schule“ als Zwangsanstalt?“

Denn mit einem Begriff, der weiter gefasst ist als der der Schule, nämlich mit dem Begriff „Lernen“ als Grundkategorie könnte man die Schule selbst historisieren. Nicht immer war Lernen als Lernen in Schule (als Zwangsanstalt) konkret-historisch organisiert. Und wie es aussieht, verliert diese Lernorganisation auf dem Weg in die Wissensgesellschaft ihre Monopolstellung. Lernen, Wissensgenerierung, verlagert sich z.B. zunehmend vom Formellen ins Informelle. Das zwingt die Schule zur Neukonzeptionierung ihrer selbst. (Einen spannenden Überblick über die Geschichte des Lernens von der Antike bis heute findet man z.B. bei Bernd Fichtner in seinem Buch Lernen und Lerntätigkeit.)
Schade also, dass von Borries Didaktik nur begrenzt im Rahmen und für den Rahmen der Schule, so wie sie gerade ist, Geschichtslernen konzeptualisiert. Damit fehlt ihr die Möglichkeit, über den eigenen historischen Zaun zu blicken, mithin auch die Möglichkeit, die eigenen Visionen realisierbar, umsetzbar zu machen, die sich nämlich jenseits dieses Zauns befinden.

3 Gedanken zu „Den Geschichtsunterricht neu denken

  1. das war mein erster Gedanke, den ich hatte, als ich die ersten Sätze Deines Postings las. Denn es ist in meinen Augen fundamental und aktuell wichtiger denn je, daß neben Faktenwissen auch Bewußtsein, Zusammenhänge und Analysefähigkeit „hängen“ bleiben.

    Ich wünsche Euch viel Erfolg, egal mit welcher Methode, denn wie sagte einst ein „großer“ deutscher „Historiker“, :
    „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“😉

  2. Liebe Lisa Rosa,

    der letzte Absatz lässt mich aufhorchen. Leider ist er mir, der Borries Buch nicht gelesen hat, nicht verständlich. „Schule historisieren“ – das soll was heißen? Entschulung a la Illich? Oder geht es um konkrete Unterrichtsformen und Modelle? Mich würde ehrlich interessieren, worauf Du hinaus willst.🙂

    Was die These betrifft, Wissensgenerierung verlagere sich zunehmend vom Formellen ins Informelle, ich bin diesbezüglich skeptisch. Verlagert hat sich der Fokus. *Endlich* wird auch das informelle Lernen, dass schon immer eine große Rolle gespielt hat, zunehmend stärker in den Blickpunkt gerückt. Dieser Bedeutungswandel betrifft m.E. aber im wesentlichen nur die Metaebene, die Forschung, nicht aber das Lernen selbst.

    Liebe Grüße
    Lars (der gerne an Wieters Geschichtsunterricht zurückdenkt und dort tatsächlich etwas gerlernt hat)

  3. REPLY:
    unter Historisieren verstehe ich, eine Sache analytisch in ihrem historischen Kontext eingebettet zu sehen, nicht mehr und nicht weniger. „Entschulung“ ist ja etwas Normatives, eine Forderung, und zudem – bei allem Respekt gegenüber Illich – eine rebellische. Rebellion gehört zur bestehenden Schule wie Unterrichtsstörung und Schwänzen der Schüler zur Schule gehört wie der Teufel zum lieben Gott – qua Systemdefekt bzw. als Kehrseite der Medaille sozusagen. Es geht um etwas anderes: Die allgemeinbildende Schule des Industriezeitalters bzw. der Gutenberggalaxie, die wir immer noch haben, steht m.E. im Widerspruch zu den postindustriellen gesellschaftlichen Entwicklungen spätestens seit Durchsetzung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, sprich Internet als Leitmedium. Empfunden wird das zunächst als Krise. Das formelle, also institutionelle Lernen muß seine Rolle (Bedeutung und Funktion) unter diesen neuen Bedingungen ganz neu definieren (wie z.B. auch das Politiksystem!). Schule als bisheriger Kern des formellen Lernens erst Recht. Es gibt unübersehbare Anzeichen für die Verflüssigung von Institutionen der Bildung. Lebenslanges Lernen, vernetztes Lernen, selbstgesteuertes (= im systemtheoretischen Sinne selbstbestimmtes) Lernen … Das und viele andere Merkmale der Herausbildung einer Neuen Lernkultur hat es vielleicht vereinzelt „schon immer“ gegeben. Wichtig ist aber die Tendenz, dass diese Erscheinung(en) zum Hauptmerkmal der Gesellschaft und seiner Subsysteme werden. Und auf diesem Wege sind sie m. E. sehr deutlich. (Es ist nicht nur eine Frage des Blickpunkts.) Das System Schule muss sich anpassend an diese Entwicklung, die m. E. vor allem damit zu tun hat, dass Wissen zur Hauptproduktivkraft geworden ist, radikal transformieren – tatsächlich bei Strafe des eigenen Untergangs. Weil die staatliche Schule das bisher noch nicht geschafft hat, der Transformationsdruck aber gewaltig ist, werden ja ständig neue Privatschulen gegründet. Wie radikal sich Schule verändern muss und wird, ist ja noch gar nicht abzusehen. Ob man später zu dem Produkt dieses Transformationsprozesses dann überhaupt noch „Schule“ sagen kann, wird man sehen! Das Ersetzen des Begriffs Schule in Reformkonzepten durch den Begriff „Haus des Lernens“ reflektiert jedoch schon deutlich, dass es sich bei dem Veränderungsprozess wohl um einen weitreichenden Systemwandel handeln wird. (Und vieles in der Borriesschen Didaktik weist eigentlich in der Konsequenz auf diesen Systemwandel im Gesamtsystem Schule hin, aber als Fachdidaktiker will er wohl nicht über seine Disziplingrenzen hinausgreifen. Verständlicherweise.)

    Wissensgenerierung: Konstruktivistisch und auch tätigkeitstheoretisch gesehen ist Lernen immer auch Wissensgenerierung, nie nur Aneignung von schon Bekanntem. Praktisch (wieder-) entdeckt wurde: Lernen ist nicht nur Internalisierung sondern auch Externalisierung. Externalisierung ist aber auch immer Neukonstruktion. Was machen wir hier im Netz bei unserer Diskussion z.B.? Lernen wir „bloß“? Oder „lernen“ wir nicht?
    Alte, für selbstverständlich gehaltene (also nicht historisierte) Trennungen lösen sich auf, z.B. eben auch die zwischen Forschung und Lernen oder Arbeit und Lernen. Das Lernkonzept „Theoprax“ z.B., das v.a. in Bayern genutzt wird, verbindet Forschung und Lernen ganz praktisch: Schüler lernen Mathe und Naturwissenschaften, INDEM sie Forschungsleistungen für die Industrie liefern: http://www.theo-prax.de/

    Wieters‘ guter Geschichtsunterricht: Sag ihm das! Er wird sich freuen. Ich bin auch weit entfernt davon zu behaupten, dass es in der Schule überhaupt nichts zu lernen gäbe oder dass der konkrete Geschichtsunterricht eines bestimmten Lehrers unter den derzeitigen Bedingungen notwendigerweise schlecht sein muss.

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