NS-Täter

Auch wenn ich noch nicht weiß, was ich von Jonathan Littells Wohlgesinnten halten werde, weil das Buch noch ungelesen auf meinem Schreibtisch liegt – eines ist jetzt schon ein Pluspunkt: Der Rummel um das Fiction-Täter-Buch hat den Spiegel immerhin dazu veranlasst, einen Artikel zur Täterfrage (Wie werden aus ganz normalen Menschen Massenmörder) zu schreiben, der ausnahmsweise state of the art ist: Der neue Spiegeltitel Die Täter. Warum so viele Deutsche zu Mördern wurden, nimmt die wichtigsten Befunde und Theorien des derzeitigen Forschungsstandes auf (Harald Welzer, Dieter Pohl, Michael Wildt) und ist auf jeden Fall jedem angeraten, der sich aus welchen Gründen auch immer, nicht durch Harald Welzers Täterbuch Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden kämpfen mag.

4 Gedanken zu „NS-Täter

  1. habe ich gelesen, ich fand es ein sehr erkenntnisreiches Buch. Durch Littell werde ich mich wohl einmal in den Ferien kämpfen (weil man muss?), ich habe die Kurzausgabe quer gelsen und den Anschluss nicht so gefunden. Der Protagonist ist ja beabsichtigt ein Konstrukt, aber wenn ich mir kein so richtig glaubwürdiges Bild von einer Figur machen kann, komme ich nicht vorwärts.

    Ein unglaublich gutes Buch zum Thema (allerdings Ruanda, 1994) ist das von Lukas Bärfuss „Hundert Tage“.

  2. tja, dann muß ich wohl doch mal reinlesen, obwohl mir ein bekannter (der das teil schon gelesen hat) völlig frustriert ob der qualität und des inhalts abgeraten hat…

  3. REPLY:
    Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Im Gegenteil, mich hat kaum ein anderes Buch zum Thema derart gefesselt wie dieses. Und ganz sicher kein anderes hat mich derart intensiv und so lange beschäftigt – gerade weil ich das theoretische Konzept Welzers so hoch plausibel und unmittelbar einsichtig empfinde. Die mit den erschütternden Fallbeispielen belegten Analysen und Schlussfolgerungen sind für mich jedenfalls überzeugender als alle anderen Konzepte, die ich bisher gelesen habe. Mich hat es zu eindringlichen Gesprächen und teilweise auch heftigen Auseinandersetzungen über meinen eigenen alltäglichen und ganz selbstverständlichen ethischen Partikularismus geführt und mich auf das Äußerste durch die Frage irritiert, wie ich denn mit meinen heutigen Einstellungen damals möglicherweise reagiert hätte.

  4. Gerade erst habe ich die Rezension Welzers zu Littells Roman entdeckt – und: Wie schön für mich, ich werde den 1400-Seiten-Schinken doch ungelesen ins Archiv stellen dürfen. Denn Welzers Verriß scheint mir plausibel genug in seiner Begründung dafür, dieses Buch nicht für einen Meilenstein in der Holocaust-Belletristik zu halten.
    kleine Auswahl:
    „Littells Roman repräsentiert gerade in der erstaunlichen Spannung zwischen seiner durchaus fehlenden Qualität und dem Hype, den er ausgelöst hat, eine neue Eskalationsstufe der Nazi-Faszination, gerade in der Art, wie er historische Fakten, Gewaltpornografie und die Gediegenheit des Bildungsbürgers Aue zusammenrührt. Diese Mischung ergibt die pure Affirmation des Grauens, und interessant daran ist lediglich, dass Littell keinen Roman im klassischen Sinn vorlegt, sondern eine endlose Aufzählung von etwas, was er vermutlich für Fakten hält. So wie Daniel Goldhagen gut zehn Jahre zuvor der historischen Holocaustforschung eine Erzählung bescherte, die an vielen Stellen am filmischen Narrativ gebildet war, so liefert Littell nun umgekehrt einen Roman voller geschichtswissenschaftlicher Versatzstücke.“
    „Nichts, was in diesem Buch steht, bringt irgendetwas Neues, inhaltlich wie ästhetisch. Sein Bild vom Täter konserviert die von der Forschung mühevoll überwundene Figur des Abnormen, und wahrscheinlich deshalb muss Aue dem Führer am Ende noch in die Nase beißen.“
    Hier die vollständige Rezension Welzers:
    http://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Welzer?page=all

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