Shoah. Die Begriffsverwirrung

Ein israelischer Minister benutzt den Begriff Shoah in einem unerwarteten Zusammenhang, genauer gesagt, in einem Zusammenhang, in dem man ihn zu allerletzt erwartet hätte. Ich versuche, mir Klarheit über den Vorgang, seine Bedeutung und seine Folgen zu verschaffen.

Laut SZ sagte der Vizeverteidigungsminister Matan Vilnai im Militärrundfunk:

„Wenn die Palästinenser noch mehr Raketen abschießen und deren Reichweite vergrößern, bringen sie sich in die Gefahr einer größeren Schoah, weil wir alles in unserer Macht stehende tun, uns zu verteidigen“.

Was hat das zu bedeuten? Ich bin schockiert. Shoah ist der hebräische Begriff für den NS-Völkermord an den Juden. Es ist der Begriff, den die Juden selbst ausschließlich für dieses historische Menschheitsverbrechen verwenden. Nichtjuden verwenden ihn eher nicht, damit sie keine falsche Opferidentität suggerieren. Nichtjuden verwenden daher seit der amerikanischen Fernsehserie den Begriff Holocaust. Was also hat Vilnai mit seinem Satz gesagt? Es gibt keine andere Möglichkeit, als diese: Der Minister hat sinngemäß mitgeteilt: ‚Wir werden die Palästinenser vernichten, so wie wir einst von den Deutschen vernichtet wurden, weil wir die Kassamraketen-Angriffe als erneut drohenden Völkermord an uns verstehen.‘

Susanne Knaul, taz-Korrespondentin in Israel, hatte auf Vilnais Äußerungen hin also zunächst völlig zu Recht in der Taz vom Wochenende ihr portrait von Vilnai unter der Überschrift verfasst: „Der Israeli, der mit ‚Holocaust‘ droht“.
Nach der Lektüre am Sonntag war ich felsenfest davon überzeugt, dass die israelische Regierung und Öffentlichkeit sich einhellig und scharf von der Äußerung ihres Ministers distanzieren und den Minister sofort seines Amtes entheben würde, und daß die Arbeitspartei, der er angehört, ein Ausschlußverfahren gegen ihn einleiten würde. Denn wenn er meinte, was er sagte, dann würde hier ein Verbrechen an der Menschheit (Crime against humanity) angekündigt. Das aber kann nicht die Politik Israels sein. Und wenn er nicht meinte, was er sagte, dann wäre größter Schaden an der weltweit und allgemein verbindlichen Bedeutung des Begriffs Shoah und dem Verständnis seines bezeichneten Gegenstands gestiftet.

Aber nichts dergleichen. Es passiert stattdessen etwas ganz anderes. Der Sprecher des Außenministeriums, Arie Mekel, relativiert die Äußerung Vilnais und nimmt ihn in Schutz: Vilnai habe nur „Desaster oder Katastrophe“ gemeint. Und Vilnais Sprecher am Montag: „Herr Vilnai meinte Katastrophe. Er wollte keine Anspielung auf den Völkermord machen“. Ach ja? Wozu bemühe ich mich in meiner Arbeit darum, aufzuklären, daß der Propagandabegriff der NPD „Bombenholocaust“ untragbar ist, weil er Opfer-Täter-Konversion betreibt? Und daß es eine unerträgliche Verharmlosung ist, wenn extremistische Tierschützer vom Tierholocaust sprechen? Ich tue es deswegen, weil Begriffe wie Holocaust und Shoah historisch-politische Termini sind, in denen ausgehandelte Geschichtsdeutung aufgehoben ist, mit denen Politik gemacht wird und die man nicht auf eine Ebene mit Alltagsbegriffen stellt, weil sie dann eben diesen Charakter historisch-politischer Begrifflichkeit verlören. In Wikipedia findet man wichtige Hinweise zum Begriff der Shoah sowie der damit verknüpften Geschichtsdeutung der Singularität des Genozids an den Juden.

„Wenn man in Israel von einer „Katastrophe“ redet, wird oft das Wort Schoah benutzt, aber damit ist nicht der „Holocaust“ in Europa gemeint. Und wenn Vilnai davon redet, dass die Pal. „ein Unglück, Katastrophe über sich bringen werden“, dann ist damit ganz gewiss nicht gemeint, dass die Israelis an den Palästinensern einen Genozid verüben werden“,

schreibt jedoch im Gegensatz dazu Christoph Grubitz in seinem wunderblock am 1 März.
Auch der österreichische Standard ist eilig dabei, die relativierende Interpretation zu übernehmen, indem er die Äußerung des Ministers in der Übersetzung gleich mit „Katastrophe“ zitiert. Damit ist das „schwierige“ Wort vom Tisch, das Problem aber überhaupt nicht erledigt. Es ist nur vom Tisch unter den Teppich gefegt. Aber leider kann man das nicht mit diesem Gegenstand und dieser weltweit festgelegten historischen Bedeutung des Begriffes Shoah, deren Opfern am Yom ha sho’A, dem Gedenktag am 27. Januar, jedes Jahr in ganz Israel mit einer Schweigeminute gedacht wird, und der spätestens mit Claude Lanzmanns Film „Shoah“ eine, wenn nicht DIE Chiffre für den Genozid an den europäischen Juden geworden ist.

Es ist für das Funktionieren der Alltagskommunikation unmöglich, daß ein Begriff, der als Chiffre für den worst case des Zusammenbruchs der Zivilisation dient und der außerdem ein Ereignis bezeichnet, aus dem der Staat seine wichtigste historische Legitimation bezieht, gleichzeitig ein Alltagsbegriff sein soll, der jedwede kleinere oder größere Katastrophe im Alltag bezeichnet. Es muß also noch andere Begriffe für Unglück und Katastrophe geben, nämlich die für den Alltag. Also schauen wir erstens im hebräischen Wörterbuch nach, was Shoah heißt, und schauen wir zweitens nach, ob es andere Begriffe für ‚Unglück‘ und ‚Desaster‘ und ‚Katastrophe‘ im Hebräischen gibt, bevor wir solchen Unsinn glauben.

Viele online-Wörterbücher für Ivrith – das ist das Gegenwartshebräisch – gibt es leider nicht.
In My Hebrew Dictionary gebe ich nacheinander ein ‚disaster‘, ‚catastrophe‘ and ‚calamity‘. Alles Begriffe, die angeblich den Alltagsbegriff sho’A als Treffer bringen müssten. Dem ist jedoch nicht so. Gebe ich aber den Begriff ‚holocaust‘ ein, dann habe ich einen Treffer: sho’A.
Und im Wörterbuch hebräisch-deutsch; deutsch-hebräisch finde ich für Unglück, Missgeschick, Not: ‚assOn oder ‚Ed; und für Unglück, Katastrophe: puranUt. Sho’A aber bedeutet laut Wörterbuch: Untergang, Katastrophe, Massenvernichtung der Juden. Es gibt also durchaus andere Wörter für Katastrophe, Unglück, Kalamität. Kann Vilnai nicht gut Hebräisch? Oder kann er nur nicht gut Politik?

Im Allgemeinen wird da in der Politik zurückgerudert, wo jemand politisch undiszipliniert, also unprofessionell, gehandelt hat, wo ES gesprochen hat statt ICH, wo etwas ausgeplaudert wurde, was taktisch ungünstige Folgen hat. Man nennt das ganze dann einen Ausrutscher – wie in der taz – oder eine Entgleisung. Es ist etwas herausgekommen, was hätte drin bleiben sollen. Aber es ist etwas. Und über dieses etwas muß gesprochen werden. Es muß geklärt statt vertuscht werden. Und weil die Klärung und Distanzierung, wie sie nötig gewesen wäre, nicht stattgefunden hat, ist leider anzunehmen, daß da etwas ist, was nicht nur bei Minister Vilnai ist, sondern nur zufällig bei ihm herauskam.

Warum also diese unglaubliche Begriffsverwirrung, die hier in Gang gesetzt und bereitwillig hingenommen wird? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich, daß wir durch diesen Lapsus linguae etwa explizit erführen, daß die extremen Falken in der israelischen Regierung wider alle universale Ethik und wider alle politische Vernunft tatsächlich bereit sind, die Bevölkerung im Gazastreifen zu vernichten. Eine andere Interpretation dieser Geschichte scheint mir nicht plausibel. Gerne würde ich mich vom Gegenteil überzeugen lassen. Also?

5 Gedanken zu „Shoah. Die Begriffsverwirrung

  1. REPLY:
    Die Seite hat übrigens auch eine sehr interessante Linksammlung, z.B. verschiedene israelisch-palästinensische Websites, auf denen man sich viel besser über den Nahost-Konflikt und seine verschiedenen Perspektiven informieren kann als in allen Medien hier.

  2. REPLY:
    David! Schöner hätte ich es allerdings gefunden, eine Antwort mit Deinen eigenen Worten zu erhalten.
    An Lizas Artikel finde ich den Hinweis interessant, daß ein Unterschied gemacht werden muß zwischen haShoah und Shoah. Ich kann nicht beurteilen, was da dran ist, denn ich kann kein Ivrith. Was mich an Lizas Beitrag stört, ist die Behauptung, daß alle, die in Deutschland Probleme mit Vilnais Aussage haben, dies deswegen haben, weil sie damit Täter-Opfer-Umkehr betreiben, um ihre Probleme als Holocaust-Täternachfahren zu leugnen. Ich bin alles andere als ein Täternachfahre. Ich habe trotzdem Probleme mit der Politik der israelischen Falken, die keine andere Logik kennen, als die militärische Lösung des Nahostkonflikts, die doch nachweislich nicht funktioniert.

  3. 1. Das Wort Schoah steht nun mal in einem höchst sensiblen historischen Kontext, ob man das nun will oder nicht. Die Tatsache, daß die internationale Presse so intensiv reagiert, beweist, wie empfindlich die Öffentlichkeit für den Gebrauch dieses Wortes ist. Jeder, der das Wort benutzt, muß dies bedenken. Das gilt erst recht, wenn es der Stellvertretende Verteidigungsminister Israels tut.

    2. Wenn irgendein internationaler Politiker im Rahmen einer Äußerung zu Israels Verhalten im Nahostkonflikt „eine unglückliche Wortwahl“ trifft, wird er sofort und heftig wegen seines Antisemitismus kritisiert. Jeder Versuch einer Korrektur oder auch Entschuldigung wird als Verharmlosung, Vertuschung oder „Zurückrudern“ ausgelegt, dies erst recht wenn es sich um ranghohe Politiker handelt. Gerade Israel ist in dieser Hinsicht sehr empfindlich und akzeptiert – m.E. durchaus zu Recht – keinerlei Spielraum für semantische Relativierungen oder entschuldigende Verweise auf Übersetzungsprobleme. Das sollte aber auch für einen Stellvertretenden Verteidigungsminister gelten.

    3. Wie auch immer das hebräische Wort Schoah bzw. HaSchoah übersetzt wird und wie auch immer das in der israelischen Gesellschaft übliche Verständnis des Wortes ist, die Androhung einer „Katastrophe“ bzw. eines „Untergangs“ [so die Übersetzung in Lizas Welt] ist bereits schlimm genug, selbst wenn damit kein „Holocaust“ gemeint war. Der Hinweis auf Übersetzungsprobleme kann daran nichts ändern.

  4. Als Kommentar zu diesem Beitrag erhielt ich per mail einen interessanten Tipp (danke, Olaf!):
    Im Forum der englischen Initiative/Website Engage, die sich
    mit linkem und liberalem Antisemitismus in Form des Antizionismus beschäftigt, gab es einen interessanten und differenzierteren Artikel als hierzulande die Entweder-Oder-Positionen: http://www.engageonline.org.uk/blog/article.php?id=1699 – mit einer Vielzahl ebenfalls interessanter und kontroverser Kommentare. So gefällt mir das: Meinungsvielfalt jenseits einer Kollektivzuordnung. Das ist die Vorbedingung für die Überwindung des Denkens in Partikularinteressen. Die Initiative Engage hatte sich anläßlich des akademischen Israelboykotts in England als Gegenbewegung gegründet. Es lohnt sich, die Website zu abonnieren: http://www.engageonline.org.uk/home/

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