Leidensdruck der Praxis und lustvolles Lernen – ein schönstes Wochenende auf dem Kongreß der Schulerneuerer

AdZ_Kongress-003

In der Hamburger Hochschule für Musik tagten auf Einladung des Archivs der Zukunft – Netzwerk an diesem herrlichen Wochenende auf dem Kongreß Treibhäuser & Co, dem „Ersten Treffen der Schulerneuerer“, einige hundert Menschen, die sich professionell mit dem Lernen beschäftigen: Lehrer, Schulleiter, Hirnforscher, Erziehungswissenschaftler, Pädagogen aus dem „außerschulischen“ Leben, Autoren, Philosophen, Künstler und Eltern aus der ganzen Republik, einige aus der Schweiz und aus Finnland.

Lustvoll war das Lernen nicht nur, weil die Tagungsorganisation für ein herrliches Sommerwetter gesorgt hatte, in dem der dichte und vielstimmige informelle Erfahrungsaustausch so gut gedeihen konnte. Es gab auch den Raum und die Zeit für diese so wichtigen Kontakte und Diskussionen in der ästhetischen Umgebung der Räume und des Geländes der Musikhochschule.

Viele Highlights!
Meine Highlights waren die Rede des pädagogischen Großmeisters Hartmut von Hentig; der Vortrag von Enja Riegel, der (Um-)Gründerin der Helene-Lange-Schule Wiesbaden; die „Arena“ zum Thema Lehrerteams mit Experten aus teamerprobten Schulen, in der unter der Moderation von Wolfgang Harder, dem ehemaligen Schulleiter der Odenwaldschule und Herausgeber von Blick über den Zaun, die Teilnehmer mit den Experten in ein intensives Gespräch kommen und ihre Praxisprobleme diskutieren konnten; ein interessanter Vortrag von Andreas Weber, Biologe und Philosoph, zum Thema „Selbstorganisation und Autopoiesis“ und die daran anschließende lebendige Diskussion; das Buch von Jesper Juul „Das kompetente Kind“, in das ich gestern Abend versank, weil ich seinen Vortrag verpaßt hatte; die überraschenden Begegnungen mit einem Vertreter von Krätzä, mit Lehreraus- und Fortbildnerinnen und mit mir bisher unbekannten lokalen Kollegen, mit denen sofort Kooperationen verabredet werden konnten.

Das ganz besondere unter all meinen Highlights war jedoch der hinreißende Vortrag des Neurobiologen Gerald Hüther „Kinder und Jugendliche brauchen Herausforderungen – Die Schulen auch“. Beeindruckend war vor allem die Entfaltung der Argumentation anhand einer Fülle von empirischen harten Fakten der Hirnforschung, die belegen, daß wir eine radikal neue Lernkultur in der Schule brauchen: eine Schule, die Wachstumsbedürfnis und Autonomie respektiert statt zu demütigen; eine Schule, die den Schülern Herausforderungen und echte Probleme zu lösen erlaubt, statt sie mit „Stoff“ vollzuschütten; eine Schule, die sich als Lernzentrum in ihrer Kommune versteht, von wo aus die Schüler an ihrem Wohnort problemlösend intervenieren und ihn mitgestalten können; und eine Schule, in der die Schüler befriedigende, wertschätzende Beziehungen erleben.
Für alle, die das Unglück hatten, diesen Vortrag zu verpassen:
Die vielen Powerpointfolien sind zwar nicht der Vortrag. Aber ein spannender Teil davon. Es gibt sie auf der Website des AdZ-Netzwerkes sofort zum Runterladen.
Aussagen auf dem Kongreß, die mein Gehirn die nächste Zeit umtreiben werden:

„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“

„Alles Leben ist Problemlösen.“

„Probleme können nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden, die sie verursacht haben.“

„Der Kernpunkt für eine neue Schule ist die neue Arbeit der Lehrer“

„Gute Pädagogik muß beides zusammenbringen: Fähigkeiten zum Überleben einerseits – und Wissen, wozu, andererseits.“

„Die Verwaltung nie um Erlaubnis fragen, sondern machen!“

„Wettbewerb bringt keinen Fortschritt, keine Entwicklung, keine Neuschöpfung – auch nicht in der Biologie. Wettbewerb bringt nur Hochspezialisierung und Verengung in Nischen.“

Und wie – so fragt die Lehrerfortbildnerin – kriegt man jetzt die Lehrer dazu, sich all diese bahnbrechenden neuen Erkenntnisse anzueignen, die alte Praxis zu verlassen und die pädagogische Wende zu vollziehen?
Im Einklang mit eben diesen Erkenntnissen: Bestimmt nicht, indem man es ihnen von oben (Schulbehörde, Ministerium) befiehlt oder von der Seite (beständiges Kritisieren und Beschimpfen in den Massenmedien) erzwingt. Sondern nur, indem man es ihnen ermöglicht, einen Schritt aus ihrem bisherigen Tätigkeitssystem hin zu einer selbstbeobachtenden Distanz zu tun, indem man ihnen die Zeit gibt, zur Besinnung zu kommen. Und zwar zur Besinnung in erster Linie nicht darüber, wie schlimm sie doch mit den Kindern umgehen, sondern zu der Frage: Wie geht es eigentlich mir mit meiner Arbeit? Was habe ich mal gewollt, welche Visionen (angeblich alles Illusionen und Traumtänzereien) hatte ich und könnte ich wieder entdecken? Wie müßte Schule sein, damit ich mich als Lehrer darin wohlfühlen kann?
Diese letzte Frage zum Ausgangspunkt von Veränderung zu machen, war zum Beispiel eines der wichtigsten Geheimnisse, die hinter der erfolgreichen Erneuerung der Helene-Lange-Schule Wiesbaden stecken. Und viele erfolgreiche Reformschulen, das zeigte sich im Erfahrungsaustausch mit ihren Vertretern, bekundeten übereinstimmend: Unser Motiv zur pädagogischen Wende war der Leidensdruck.

Und wie kann eine Veränderung beginnen?
Reinhard Kahl hatte in seinem Schlußwort das Bild des Seiltänzers im Angebot: Es kommt auf zwei Dinge entscheidend an:
Kleine, sorgfältige, präzise Schritte und dabei den Blick zum Horizont. Wenn man den Blick auf die Füße richtet, stürzt man ab, und ebenso, wenn man die Füße nicht genau fühlend voreinander setzt.

Die gute Nachricht: Der Kongreß war die notwendige Face-to-Face-Begegnung so vieler Experten der Praxis. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Tagungen ist das Ende der Veranstaltung keineswegs das Ende des Prozesses, miteinander zu sprechen, miteinander zu arbeiten, voneinander zu lernen: Die Netzplattform der Schulerneuerer sorgt für Anschluß und Kontinuität – Das Internet ist ein Segen. Aber das Medium tut es nicht von alleine. Man muß es aktiv benutzen.

2 Gedanken zu „Leidensdruck der Praxis und lustvolles Lernen – ein schönstes Wochenende auf dem Kongreß der Schulerneuerer

  1. Ist klasse!
    „Gute Pädagogik muß beides zusammenbringen: Fähigkeiten zum Überleben einerseits – und Wissen, wozu, andererseits.“
    Da würde mich mal die Quelle interessieren…

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