Die Intelligenz der pädagogischen Praxis stärken

Eine Verbesserung der Schulen stellen sich viele häufig so vor, daß geeignete Anweisungen „von oben“ das Schiff herumreißen, indem diese von den Praktikern unten einfach ausgeführt werden. Daß das nicht funktioniert, beweist der relative Misserfolg solcher jahrzehntelanger Reformbemühungen – oft widersprüchliche zudem – in der Praxis. (Mal ganz abgesehen davon, ob und wann diese Maßnahmen überhaupt „geeignet“ sind.) Organisationslernen bzw. Schulentwicklung ist keine Top-Down-Veranstaltung, die durch Implementation von neuen Instrumenten und „Methoden“ per ordre de Mufti in Gang gebracht und gemeistert wird. Echte Transformation geschieht von unten. Sie wird durch die gemeinsamen Bemühungen der Praktiker eines Tätigkeitssystems – hier also einer Schule – in Gang gebracht und in vielen Jahren Arbeit vollendet – und auch das niemals ganz. Dabei wird jede Schule im Prozeß ihrer Neugestaltung gleichsam neu erfunden.
Das heißt natürlich nicht, daß jede Schule, die sich verändern möchte, das Rad neu erfinden und alle Erfahrungen der Reformpädagogik selbst erlebend wiederholen müßte. Denn „Neue Schulen“ gibt es in Deutschland viele – und manche davon sind sogar schon recht alt (Blick-über-den-Zaun, die Website, auf der diese Schulen sich organisieren, ist das Nachschlagwerk dazu.) Andererseits funktioniert es offenbar auch nicht so, daß die großen Vorbilder – die „Treibhäuser der Zukunft“, wie Reinhard Kahl sie nennt – einfach per Nachahmung transferiert werden könnten. Weder Strukturen noch Instrumente und schon gar nicht das Erfahrungswissen und die innere Einstellung der Lehrer sind unmittelbar und direkt transferierbar. Es braucht Raum für die eigene Erfindung ebenso wie geeignete Strukturen, in denen Erfahrungswissen gesammelt und kommuniziert werden kann. Die Strukturen für einen solchen organisierten Erfahrungsaustausch bietet nun das vor zwei Wochen gegründete Archiv der Zukunft – Netzwerk.

Die Gründungsversammlung wählte Reinhard Kahl zum Vorsitzenden des Vereins. Das Netzwerk wurde nach längerer Vorarbeit von gut 30 Gründungsmitgliedern ins Leben gerufen. Sein Ziel ist es, die Intelligenz der pädagogischen Praxis zu stärken. Dazu gehören diese Internetplattform sowie Arbeitstreffen und große Veranstaltungen. Die Plattform http://www.adz-netzwerk.de wird als Archiv pädagogischer Erfahrungen und nützlicher Materialien ausgebaut. Sie wird ein Ort für den Austausch und für Debatten sein. Dort wird auch über aktuelle Ereignisse informiert. Schließlich werden Porträts und Profile von Akteuren präsentiert. Der Verein versteht sich als Netzwerk von Akteuren und legt großen Wert auf seine Unabhängigkeit. Die Finanzierung soll daher über Vereinsbeiträge, Spenden und Sponsoren erfolgen“

Es lohnt sich für alle Schulerneuerer, an diesem Austausch mitzuwirken, indem sie Mitglieder des Netzwerks werden und/oder an dem vom Netzwerk ausgerichteten Kongress Treibhäuser & Co vom 21. – 23. September in Hamburg teilnehmen.
Aus Reinhard Kahls Feder stammt der nicht nur dem Inhalt, sondern auch der Form nach wunderbar zu lesende Text Die Intelligenz der pädagogischen Praxis anläßlich der Gründung des Netzwerks.
„Was also ist diese Intelligenz der Praxis? Sie ist ein endloses Gewebe aus Geschichten und Gesprächen, aus Vorschlägen und Erfahrungen.“

2 Gedanken zu „Die Intelligenz der pädagogischen Praxis stärken

  1. Mit Interesse habe ich die Ankündigung des Kongresses Treibhäuswer & Co. wahrgenommen. Auch die Gründung des Vereins kann sicherlich viel Positives für Schule in Deutschland bewirken. Dennoch frage ich mich, warum man angesichts Ihres ernst zu nehmenden Ansatzes in den Chor der „Lehrerhasser“ einstimmt, wenn in der Kongressankündigung folgendes zu lesen ist:

    „Kein Wunder, dass dann häufig die Lehrer mittags schneller in ihrem Golf sitzen als die Schüler auf dem Fahrrad.“

    Dies dient nicht gerade einer differenzierten Wahrnehmung der Probleme, die Schule heute prägen, sondern wird wohl eher in der „Tradition“ des bösen Wortes eines ehemaligen norddeutschen Ministerpräsidenten wahrgenommen. Im Übrigen leistet einer bei Reinhard Kahl häufig zu beobachtenden idealisierenden Polarisierung Vorschub. Beipiel: „Treibhäuser der Zukunft“. Hier werden wirklich ernst zu nehmende Ansätze von sich positiv verändernder Schule gezeigt. Aber hat man einmal nach den Arbeitsbedingungen etwa der hoch gelobten Max-Brauer-Gesamtschule in Hamburg gefragt? Hat man einmal ausgesprochen wie hoch die Fluktuation im Lehrerkollegium aus Gründen der Arbeitsüberlastung und Selbstausbeutung ist? Hat man einmal gefragt, wie viele Lehrer und Lehrerinnen bei reduzierter Stelle auf Wochenarbeitszeiten von 45 und mehr Stunden kommen, wo sie 30 bezahlt bekommen? Hier werden doch wohl die bildungsökonomischen Rahmenbedingungen ausgeblendet (mit dem Unterton: „…geht doch …“).

  2. REPLY:
    Vielen Dank für den Kommentar, der einen wichtigen Aspekt ergänzt!
    Natürlich kostet Schulentwicklung. Das Klischee vom Lehrer, der vormittags Recht und nachmittags frei hat und zu faul zur Umorientierung ist, ist ja völlig verfehlt. Den zitierten Satz, „Kein Wunder, dass dann häufig die Lehrer mittags schneller in ihrem Golf sitzen als die Schüler auf dem Fahrrad“, lese ich jedoch im Kontext etwas anders. Denn „kein Wunder“, heißt ja, daß da etwas verständlich ist. Verständlich nämlich, daß im herrschenden Schulsytem auch die Lehrer keine Freude an ihrer Arbeit haben können. Dies ist auch der Ansatzpunkt für die meisten Kollegen, die sich auf den Weg einer Veränderung machen: Ihre eigene Unzufriedenheit mit ihrem Tätigkeitssystem bringt inzwischen viele Lehrer dazu, zu sagen: „Wenn schon überlastet, dann soll die Arbeit wenigstens Sinn machen.“ So jedenfalls ging es mir selbst. Schule, die weder den Schülern noch den Lehrern befriedigendes gemeinsames Lernen und Arbeiten ermöglicht – TROTZ der enormen Überlastung durch das Hamburger Lehrerarbeitszeitmodell – macht krank. Und selbstverständlich muß für die Veränderungsanstrengungen angemessener Ausgleich gefordert werden! Wenn die Schulbehörde oder das Ministerium „geht doch!“ sagt, und damit meint, es gibt die Transformation umsonst, dann muß man ihr laut widersprechen! Wenn aber Schulerneuerer „geht doch!“ sagen, dann meinen sie damit etwas anderes, nämlich: eine andere Schule ist nicht nur möglich, sondern auch einigenorts schon wirklich, also muß das alte System nicht weiter hingenommen werden.
    In der aktuellen Hamburger Lehrerzeitung der GEW ist übrigens ein ausführliches Interview mit zwei Kolleginnen der „Neuen Max-Brauer-Schule“ zu lesen – „Vom Traum zur Wirklichkeit“. Hier wird deutlich, daß trotz aller Mehrarbeit über Jahre hinweg die Arbeitszufriedenheit höher ist, obwohl man sich selbst für bloß symbolischen Ausgleich dafür die Hacken ablaufen mußte.

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