Neue Medien und Schule

„Beam me up, Scotty“ hieß das Motto der Medienpädagogischen Tagung des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, von der ich gerade komme. „Digitale Lebenswelten & Impulse für die Schulwirklichkeit war das Thema. Aufeinander trafen Lehrer, Medienpädagogen, Erziehungswissenschaftler, Suchtpräventionspädagogen. Insgesamt drängelten sich in der Aula und in knackevollen Workshops 250 Teilnehmer, die ein ganz anderes Generationenbild abgaben, als das sonst übliche Tagungspublikum der 50-60Jährigen. Hier waren auch die Digital Natives in so ausreichender Anzahl vertreten, daß Medienskeptiker und Gefahrenwarnungsspezialisten – selbst wenn sie als Referenten auftraten – kaum eine Chance hatten. Auch eine Medienauffassung, die Computer und Internet aus der Perspektive der Gutenberggalaxis als bloße neue Zutat zu den alten Medien versteht, wurde darum in manchem Workshop durch die vielen Beiträge der Teilnehmer korrigiert.

Den Hauptvortrag hielt Franz Josef Röll, Prof. an der Fachhochschule Darmstadt, der in einer unglaublichen Geschwindigkeit nicht nur einen großartigen Überblick über die digitalen Lebenswelten der Schüler gab, sondern auch sehr überzeugend theoretisch darlegte, daß sich mit dem Internet das Denken und Lernen verändert hat. Im Multitasking der multimedialen digitalen Welt derer, die mit dem Internet aufwachsen, werden Texte nicht mehr linear gelesen, sondern unter 5 wesentlichen Aspekten wahrgenommen, verstanden und verarbeitet: 1. Scannen, 2. Connecting, 3. Matching, 4. Sharing, 5. Serendipiting. Das heißt, daß Texte jetzt als Teil eines multimedialen Ganzen und in Verbindung mit verschiedenen Kontexten und Personen aufgenommen, nach Mustern abgeglichen und nach dem Prinzip der glücklichen Zufallsentdeckung gefunden werden. Die Schule müsse dieses neue Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprinzip als ein neues Betriebssystem der Wissensaneingung begreifen und nicht als schlechter als die lineare Weise verstehen, sondern eben als andere als die bisherige. Wie die Bildungsinstitutionen mit dieser Erkenntnis produktiv umgehen können, zeigte Röll an verschiedenen Beispielen, die man z.B. in lerno.de besichtigen kann. Aus seiner Lehrtätigkeit machte er auf die Möglichkeit aufmerksam, daß Lernende im Wiki „selbst den Inhalt produzieren, über den sie später geprüft werden“.

Im Workshop „Web 2.0 – Ein Medienhype oder Herausforderung für die Pädagogik“ erläuterte Torsten Meyer , Prof. an der Universität Hamburg, seinen Begriff vom Leitmedium Internet, der ebenso wie Rölls Auffassung von der die gesamte Gesellschaft betreffenden und transformierenden Digitalisierung ausgeht, die auch das bisherige Bildungssystem radikal verändern muß. Deutschland sei in dieser Hinsicht allerdings noch Entwicklungsland. An einem sehr witzigen Video wurde sofort deutlich, warum es sich beim Internetzeitalter um eine neue Formation der Mediengeschichte handelt. Ralf Appelt als Co-Workshopleiter führte an vielen Beispielen in die Möglichkeiten der Blogs, Wikis und Social Bookmarks ein, gab auf alle Fragen Tipps, Links und allgemein orientierende Antworten, sodaß dieser Workshop eine dichte interaktive Lerneinheit wurde, in der auch Lehrer, die bisher noch nicht mit Web 2.0 vertraut waren, sich ermutigt fühlten, Social Software zunächst selbst und dann mit ihren Schülern auszuprobieren.

Eine anregende und bereichernde Tagung für die Hamburger Lehrer, auf der die Aula auch noch zum Abschluß der Tagung am Samstag Nachmittag bei herrlichstem Frühlingswetter bis auf den letzten Platz gefüllt war – wenn das kein Qualitätsnachweis ist …

Ein Update kann ich mir nicht verkneifen – es paßt einfach zu gut zu Rölls Vortrag: Das Video Web.2 … The Machine is Us/ing Us von Michael Wesch, das ich bei Crisp’s Virtual Comments fand.

8 Gedanken zu „Neue Medien und Schule

  1. In dem von Volker Wegner geleiteten Workshop stellte Georg, ein ehemaliger WoW-Fan, die Logik und das Inventar des Spiels dar. Eine Welt, in der manche Jugendli-che versinken. Aber, liebe Maschinenstürmer: man ist weder allein, noch muss man auf Kreativität verzichten. Im Gegenteil – die Bindungswirkung (ist „Sucht“ hier das richtige Wort?) von WoW ergibt sich aus drei Faktoren: der Fülle der Handlungsmög-lichkeiten; der Möglichkeit, durch Geschick und strategisches Kalkül aufzusteigen und einen Rang einzunehmen, der bewundert wird – und dem Druck der eigenen Gruppe, sich verbindlich und ernsthaft am Spiel zu beteiligen. Da muss Muttis Pizza denn auch schon mal kalt werden, wenn der Kampf gerade so richtig tobt.

    WoW ist nichts für Losers. Man muss kämpfen und Feinde besiegen, „wie im richti-gen Leben“, sagt ein junger Mann. Dazu braucht man echte Kompetenzen. Und sehr differenzierte. „Ist das nicht faschistisch“, wende ich ein, „wenn hier der Kampf Freund gegen Feind vermittelt wird und man diesen töten muss?“

    Unfaire Frage natürlich. Auch beim Schach wird der Bauer geschlagen. Nur: ethisch ist das Spiel wirklich nicht von Wert. Aber Kompetenzen vermittelt es in Hülle und Fülle. Auch Sekundärtugenden: Pünktlichkeit, Fleiß, Wachsamkeit usw. Die morali-sche Windigkeit des Weinertschen Kompetenzbegriffs entfaltet hier ihre ganze Fatali-tät: wir brauchen Menschen, die nach Höherem streben und dabei auch über Lei-chen gehen. Aber natürlich einfühlsam, selbstkritisch und umsichtig.

    Kurt Edler

  2. REPLY:
    Lieber Teacher! Bisher hatte ich überhaupt nicht den Eindruck, als fändest Du Deine Arbeit uninteressant. Im Gegenteil: Du scheinst sie Dir immer selbst interessant zu machen! Aber auf unsere nächste Medientagung werde ich Dich auf jeden Fall einladen – statt erst hinterher davon zu berichten.🙂

  3. REPLY:
    Lieber Kurt, danke für Deine Ergänzung! Aber waren denn dann Deiner Ansicht nach die Cowbowy-Indianer-Spiele – ebenso manichäische Freund-Feind-Spiele – auch faschistisch? Und was ist damit, daß die Erwachsenenwelt eine voller Krieg und Freund-Feind ist? Erwartest Du von den Jugendlichen, daß sie eine höhere Ethik produzieren als ihre erwachsenen Lehrer/Eltern/Politiker?

  4. REPLY:
    Auch ich habe ich den Workshop „World of Warcraft und ewig lockt das Internet“ besucht möchte an dieser Stelle auf meinen Workshopbericht hinweisen.

  5. REPLY:
    Was ist das denn für ein Kommentar! Bist Du jetzt dafür oder dagegen? Außerdem: was betreibst Du denn für Spiele? Vermute mal Skat oder Doppelkopp oder so was! Lauter ethisch ungeheuer hoch stehende Spiele ohne jede Absicht, zu gewinnen oder den Gegner zu schlagen oder zu besiegen!

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