„Haupt“-Schule?

Ein Anachronismus zwischen 3 bildungspolitischen Optionen

Das soeben erschienene erste Jahresgutachten des „Aktionsrates Bildung“ – gebildet 2005 auf Initiative des Bayerischen Wirtschaft unter dem Vorsitz von Prof. Lenzen, Präsident der FU/Berlin – bringt neuen Wind in die Strukturdebatte um die „Rest-Schule“ der Nation.

Die vor allem von Praktikern geforderte Auflösung der Hauptschule zieht nur Konsequenzen aus einer schon lange sichtbaren Tendenz: In diesem Jahr besuchten in Deutschland nur noch 950 000 Schüler eine Hauptschule, das sind 10% der Schüler an allgemeinbildenden Schulen. Im Saarland waren es 0,3%, in Mecklenburg/Vorpommern 0,7%, in Berlin 4%, in Baden-Württemberg 14 % und nur in Bayern 30%. „Die Hauptschule ist faktisch tot“, „sie ist nur noch eine Restschule“, „niemand will sie mehr als eigene Schulform“ – zitiert Gisela Kirschstein in der Berliner Morgenpost die Urteile von Schulleitern der Hauptschule. Äußerst bedenklich sind aber die von ihr zusammengetragenen Ursachenanalysen: Auf Grund der sinkenden Schülerzahlen steigt der Anteil der Schüler aus problematischen Elternhäusern. Gewalt, Diebstahl, Sachbeschgädigung und permanente Unterrichtsstörungen nehmen immer mehr zu. Die Deklassierung des Abschlusses tut ein Übriges: So sank die Zahl der Ausbildungsberufe für Hauptschüler auf katastrophale Werte. „Das Schulmilieu wird kritisch“, zitiert Kirschstein einen Hauptschulleiter – nicht etwa in Berlin-Neukölln, sondern im pfälzischen Schifferstadt. Dort hatten sie die ganze Palette der Reformmaßnahmen bereits durchprobiert: mehr Praxisorientierung, kleinere Klassen, Ganztagsbetrieb, Betriebspraktika, Schulsozialarbeit – „es hat uns überhaupt nichts genutzt“, so der Schulleiter. Seine Option: Auflösung der Hauptschule.

Das alles berührt die Bildungspolitiker wenig. Ihnen ist eine Verbesserung der Förderung, also eine Weiterführung der Reform, wichtiger als jede Strukturdebatte. In seltener Einmütigkeit erklären sie von Hessens Roland Koch (CDU) bis Berlins Schulsenator Zöllner (SPD), dass die Abschaffung der Hauptschule kein Thema sei. In geradezu grotesker Missachtung der Realität erklärt z.B. Zöllner: „Es kommt immer auf das individuelle Wechselspiel zwischen Schüler und Lehrer an.“ Seine Option: Reform statt Strukturdebatte – so Christa Beckmann in der Berliner Morgenpost.

Da sind offenbar sogar die 7 Weisen des Bayerischen Aktionsrates realistischer – und mutiger. Ihre Forderungen: Rechtsanspruch auf einen kostenlosen Krippenplatz, 2jährige verbindliche Vorschule, Hochschulausbildung für Erzieher, nach einer insgesamt 6jährigen Grundschule eine Aufgliederung des Schulsystems in Gymnasium und Sekundarschule, staatliche Schulen in privater Trägerschaft, um ihre Autonomie zu stärken; Grundfinanzierung und eine Berechnung weiterer Zuschüsse pro Schüler; befristete Verträge und leistungsabhängige Gehälter für Lehrer, die von den Schulen festgesetzt werden. Lehrer mit zwei Korrekturfächern sollen mehr verdienen und die Übernahme zusätzlicher Aufgaben honoriert werden. Diese Option für eine radikale Strukturveränderung bedeutet zwar eine Abschaffung der Hauptschule, aber auch eine Verhinderung der Einheitsschule. Auf die Reaktion der GEW darf man gespannt sein.

3 Gedanken zu „„Haupt“-Schule?

  1. der GEW habe ich noch nicht gefunden. In der taz von heute ist aber ein Interview mit Martin Timpe, Mitglied im Bundesvorstand der Jusos. Er hat bedenkenswerte Einwände gegen das zweigliedrige Schulmodell, das im Jahresgutachten gefordert wird. Timpe nennt es „radikal unsozial“. Er fordert stattdessen „eine Schule für alle“ und glaubt nicht, daß die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule ein Zwischenschritt zur Einheitsschule sein könnte. http://www.taz.de/pt/2007/03/14/a0159.1/text

    Die Pläne des Hamburger Senats gehen da doch weiter, obwohl auch sie kein Garant für Bildungsgerechtigkeit sind: Nach der Grundschule soll es auch nur noch zwei Schultypen geben: Das Gymnasium und die „Stadtteilschule“. Die aber – und das ist wohl der Hauptunterschied zu Lenzens Modell „Sekundarschule“ – soll auch zum Abitur führen, allerdings in 9 statt in 8 Jahren (wie das Gymnasium). Ob die Sekundarschule eine als attraktive Schule auch für die Eltern aus dem Bildungsbürgertum wird – was eine Voraussetzung für die angestrebte Heterogenisierung wäre -, das allerdings ist entschieden davon abhängig, wieviel Geld für die Entwicklung dieser Schulen bereitgestellt wird, um sie zu einer interessanten Alternative zu den herkömmlichen Gymnasien zu entwickeln. Der Pferdefuß hier ist außerdem: Es soll einen Kompetenztest am Ende der Grundschule geben, was einer Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium gleichkommt.

  2. …es kommt Bewegung in eine bislang statische Debatte. Der bayerische Aktionsrat macht etliche sinnvolle Vorschläge.
    Was sollte an einer zweigliedrigen Schule unsozialer sein als an der derzeitigen dreigliedrigen mit dieser unsinning frühen Sortiermaschine?
    Immer an das Wort denken: es kommt nicht auf die Größe der Schritte an, wenn denn die Richtung stimmt.

  3. REPLY:
    Das sehe ich auch so! Manchmal könnte man aber auch verrückt werden, wenn die Bewegung statt munter auszuschreiten in zögerlichen Trippelschritten mit Rückwärtsganggarantie erfolgt. ;-(
    Aber immerhin ist immerhin!

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