Eine Schule für Alle

Einheitsschule, Gesamtschule, Gemeinschaftsschule …
Bemühungen um einen politisch viablen Begriff, mit dem endlich geschafft werden kann, was schon seit 1949 in Deutschland ansteht – nämlich die Abschaffung der sozialen Selektion in der Bildung.

Das aktuelle Heft der Marxistischen Blätter trägt den Titel „Eine Schule für Alle“ und bietet zum Schwerpunkt eine Reihe interessanter Artikel. Online zu lesen sind ein Interview mit Brigitte Müller, die sowohl das DDR-Schulsystem als auch das BRD-Schulsystem aus der eigenen Lehrerpraxis kennt, sowie der Beitrag von Ingrid Wenzler, Mit der Gesamtschule zur gemeinsamen Schule für alle.
Der ausgezeichnete Artikel von Rolf Jüngermann, Zur verheerenden Rolle des Gymnasiums im deutschen Schulwesen, ist leider nicht online zu haben. Dafür lohnt sich aber schon der Kauf des Heftes (7 Euro):

Jüngermann entfaltet die Merkmale des deutschen Gymnasiums als die einer Maschine zur Exklusion der Mehrheit von Partizipation an der politischen Macht. Er nennt es den Klassencharakter des Gymnasiums. Überzeugend weist er nach, dass das selektive Bildungswesen, an dem in Deutschland bis vor kurzem über alle politischen Lager hinweg trotz bzw. in Kenntnis der empirischen Befunde hartnäckig festgehalten wurde, nicht nur nicht geeignet ist, die sozial begründete Chancenungleichheit zu mildern, sondern diese sekundär immer wieder reproduziert. Das Gymnasium sei eine parasitäre Einrichtung, die voraussetzt, was Schule eigentlich lehren sollte, und die nur darum funktioniert, weil sie alle, die den „Stallgeruch“ des Bildungsbürgertums nicht mitbringen, exkludiert und an andere Institutionen verweist. Der „Gymnasiale Habitus“ besteht nach Jüngermann aus einem Set von zehn Hauptkomponenten, von denen der Logozentrismus – also der einseitige Bezug auf sprachliches Lernen – sowie der Zwang zur zweiten Fremdsprache die wichtigsten sind.
Jüngermann diskutiert dann die Funktionalität des Zwei-Säulen-Modells, wie es als Übergangsmodell zu einer Schule für Alle z.B. von der SPD in Hamburg propagiert wird. Sein Urteil: Mogelpackung. Keine Station auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule. Aber immerhin weniger scharfe Selektion als das bestehende fünfgliedrige Schulwesen und darum vielleicht sozial verträglicher.

Nebenbei erfährt man in einem Exkurs, daß das wichtigste PISA-Ergebnis im deutschen Bericht über die PISA-Studie unterschlagen wurde: der unabweisbare Zusammenhang des hoch selektiven Schulsystems mit den schwachen Leistungen im nationalen Durchschnitt:

„Der vom deutschen PISA-Konsortium herausgegebene ‚Bericht PISA 2000‘ (Baumert 2001, der von der deutschen Öffentlichkeit leider bis heute als deutsche Fassung des internationalen PISA-Report (OECD 2001) (miß-)verstanden wird, unterscheidet sich ausgerechnet in der für Deutschland zentralen Frage der Rolle des gegliederten Schulwesens deutlich von den Aussagen des internationalen PISA-Report (OECD 2001) (dessen deutsche Übersetzung erst viel später als der Bericht des Deutschen PISA-Konsortiums im Buchhandel erhältlich war.
Der
internationale PISA-Report stellt in einer für einen wissenschaftlichen Bericht bemerkenswert klaren Form ausdrücklich einen deutlichen Zusammenhang her zwischen der gegliederten deutschen Schulstruktur der Sekundarstufe I und der verheerenden sozialen Ungerechtigkeit des deutschen Schulwesens (OECD 2001, Abbildung und Text S. 237ff; S. 255) Es wird aufgezeigt und formuliert, daß die ChancenUNgleichheit in Deutschland weniger auf das soziale Umfeld in der Familie des einzelnen Schülers an sich als vielmehr auf die Tatsache des frühen Ausgliederns hinein in ‚die kombinierte Wirkung des sozioökonomischen Hintergrunds der Gesamtheit der Schülerschaft einer Schule‘ zurückzuführen ist. Daß also die Ungleichheit durch das gegliederte Schulwesen zum überwiegenden Teil überhaupt erst geschaffen – mindestens aber entscheidend verstärkt wird. Diese Aussage wird im internationalen PISA-Report 2000 ausdrücklich zu einer der wichtigsten des ganzen Berichts erklärt.
Im
Deutschen ‚Bericht PISA 2000‘ (Baumert 2001) hingegen – und in den öffentlichen Stellungnahmen der Mitglieder des Deutschen PISA-Konsortiums (…) und des PISA-Beirats der KMK (…) wurden diese Aussagen des internationalen Report PISA 2000 (OECD 2001) schlicht unterschlagen, und zwar ohne auf die Tatsache der gezielten Auslassungen in angemessener Form aufmerksam zu machen. Dass man diese aber durchaus zur Kenntnis genommen hatte, ihnen sogar ein großes Gewicht zugemessen hatte, wird indirekt dadurch belegt, dass im
Deutschen ‚Bericht PISA 2000‘ gleich an mehreren Stellen eine breite inhaltliche Gegenargumentation in Stellung gebracht wird (Baumert 2001, u.a. S. 410f + 466f), allerdings ohne erkennbaren Hinweis auf den Bezugspunkt.“

Trau schau wem!

4 Gedanken zu „Eine Schule für Alle

  1. Fairerweise steht die Quelle dieser Aussagen dabei: Marxistische Blätter.
    Ich behaupte: Die wahren Probleme des dt. und öst. Schulwesens liegen ganz wo anders.
    Und das Problem bildungsferner Schichten muss viel umfassender behandelt werden.

  2. REPLY:
    Ich bin gespannt auf Deine ausführliche alternative Erklärung!
    Und Quellen für Aussagen werden hier immer benannt.
    Ich kann jedoch nicht erkennen, inwiefern die Quelle „Marxistische Blätter“ die Aussagen überzeugend oder nicht überzeugend machen soll. Die Aussagen über die PISA-Auswertung international und in in Deutschland sind doch an den angegebenen Quellen überprüfbar.

  3. REPLY:
    Umfassend heißt, dass ich keine simple Lösung kenne, die man in wenigen Worten vorstellen könnte (auch nicht mit einem Zauberwort namens Gesamtschule).
    Jedenfalls beginnt Bildung vor der Schule und endet nicht nachher. Und ich sehe auch nicht die primäre Aufgabe aller Schulen darin, soziale Disparitäten auszugleichen.
    In Österreich erklären sich z.B. Leistungsunterschiede stärker durch übermäßigen Fernsehkonsum oder durch einen peripheren Wohnort als durch die frühe Selektion. Was fordern wir da? Gesamtschule?

    Allmählich glaube ich, dass diese Gesamtschuldiskussion als politisches Ablenkmanöver dient. So braucht man sich nicht mit aufwändigen, teuren, inhaltlichen Maßnahmen beschäftigen.
    Die Struktur des Systems zu ändern bedeutet nicht die Qualität der Inhalte zu verbessern!
    Simpler Vergleich: Wenn ich Kinos oder Fernsehkanäle zusammenlege (Struktur), werden die Filme auch nicht besser (Qualität).
    Ad „Marxistische Blätter“: Bevor ich ein Buch oder eine Zeitschrift lese, schaue ich auf den Autor bzw. die Herausgeber. Sie wählen aus und interpretieren. Von „Marxistischen Blättern“ erwarte ich dann keine ausgewogene ideologiefreie Abhandlung, sondern ein eindeutiges politisches Statement. Voilà.

  4. REPLY:
    Hm. Das Strukturproblem ist nicht das ganze Problem. Da hast Du Recht. Aber die Struktur hat bisher jede wirksame Veränderung verhindert.
    Klar wird durch Schule – auch durch eine Schule für alle – nicht gesellschaftliche Gleichheit hergestellt. Aber die krasse Ungleichheit würde nicht auch noch in der Bildung ständig reproduziert. Das haben uns die PISA-Studien eindeutig bescheinigt!
    Und klar wird durch die Lösung des Strukturproblems der besch. Unterricht nicht automatisch besser. Deshalb muß man neben der Strukturreform auch konkrete Schulentwicklung und Unterrichtsentwicklung machen.

    ad Marxistische Blätter:
    Bildungspolitik ist Politik. Ideologiefreiheit ? Meine Güte, wo in dem Artikel geht es denn um Ideologie?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s