Sinnmaximierung statt Profitmaximierung

In der taz vom 27.11.06 ein doppelseitiges Interview mit Götz Werner, dem Erfinder des „Bedingungslosen Grundeinkommens“. Die meisten Politiker halten ihn für einen Spinner – das ist normal. Denn alle Innovators werden von der Majority zunächst für Spinner gehalten. Wir werden auf diese notwendigen Innovation also leider warten müssen, bis auch die Late Majority endlich überzeugt sein wird.
Dabei sieht der Mann vollkommen klar und ist viel weniger ein Spinner als all die Spinner in der Politik, die immer noch wider alle Evidenz behaupten, in Produktion und Dienstleistung wären noch neue Arbeitsplätze zu schaffen. Diese verhalten sich nach wie vor nach dem Motto: Leute, freßt Scheiße – Millionen Fliegen können nicht irren!

Götz Werners Befund: Erwerbsarbeitsplätze verschwinden rapide. Das ist nicht aufzuhalten, denn der Zweck ökonomischen/technologischen Fortschritts besteht ja nun gerade darin, mit immer weniger Einsatz von Arbeitskraft immer mehr zu produzieren.

„Wir haben kein Problem mit der Arbeitslosigkeit. Wir haben ein kulturelles Problem. Zum ersten Mal nach über 5.000 Jahren Menschheitsgeschichte leben wir im Überfluss. Aber wir kommen mit dieser neuen Wirklichkeit nicht klar. Wir schaffen es nicht, dass alle Menschen davon profitieren und daran teilhaben. Die Arbeitslosen haben wir nur, weil wir den Begriff der Arbeitslosigkeit verwenden. Die meisten so genannten Arbeitslosen haben ja Arbeit, sie liegen nicht den ganzen Tag auf der Couch und gucken Pro 7. Sie sind beschäftigt, in der Familie, in der sozialen Arbeit, im Sportverein. Sie tun wertvolle Dinge. Wenn sich jemand um seine Kinder kümmert, dann ist er für die Gesellschaft doch viel wertvoller, als wenn er in einer Fabrik Deckel auf die Flaschen dreht.“

Völlig zurecht verlangt Werner die Entkopplung von Arbeit und Existenzsicherung. Die Umsteuerung von der Besteuerung der Einkommen zur Besteuerung des Konsums ist das Mittel dieser Entkopplung.

„Müntefering ist ein paar hundert Jahre zurückgeblieben. Er lebt noch in der Selbstversorgungsgesellschaft, als alle gegen den Mangel gewirtschaftet haben. Damals galt: Wer seinen Acker nicht bebaute und sein Feld nicht bestellte, der war selbst daran schuld, wenn er nichts zu essen hatte. Jetzt leben wir in der Fremdversorgungsgesellschaft. Ich kann gar nicht für mich allein arbeiten. Immer wenn ich arbeite, arbeite ich für jemand anderen. Ich brauche also ein Einkommen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.
Ich sage: Wir brauchen kein Recht auf Arbeit, jedenfalls nicht auf weisungsgebundene, sozialversicherungspflichtige Erwerbsarbeit. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen ein Recht auf Einkommen. Auf ein bedingungsloses Grundeinkommen“
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das uns zur Teilhabe an der Gesellschaft befähigt. Dann wird wirklich, was der Stufe der Produktivkraftentwicklung nach schon möglich ist: Daß des Lebens Sinn nicht mehr darin bestehen muß zu arbeiten, zu produzieren, um die bloße Existenz als solche abzusichern – um zu überleben -, sondern umgekehrt darin, auf der Basis gesicherter Existenz zu arbeiten, um den eigenen Lebenssinn zu entfalten:

„Ich frage die Skeptiker immer zurück: Würden Sie selbst aufhören zu arbeiten? Dann antworten sie: Ich doch nicht, ich arbeite aus Begeisterung. Dass sich die Menschen auf die faule Haut legen würden, nehmen wir nur vom anderen an. Die meisten Menschen tragen seltsamerweise zwei Menschenbilder in sich – eines von sich und eines von den Mitmenschen. In dem ersten, spirituellen Bild ist der Mensch ein mit Vernunft und Freiheit begabtes Wesen. In dem zweiten, materialistischen Bild gleicht der Mensch eher einem Tier, da erscheint er als determiniertes Reizreaktionswesen. Diese Vorstellung spiegelt sich in dem Satz: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen billigen wir jedem den Raum zu, in dem er in eigener Verantwortung die Arbeit ergreift, die er für notwendig und sinnvoll erachtet. Wir werden arbeiten, weil wir einen Sinn darin sehen – nicht, weil wir dazu gezwungen sind. Ist nicht erst das eine freie Gesellschaft, in der jeder Verzicht üben kann? In der jeder die Freiheit hat, Nein sagen zu können zu entwürdigenden Bedingungen? Befreit von ihren Existenzsorgen könnten die Menschen ihre Talente entfalten.“

Dann kommt die nächste Skeptikerfrage der Late Majority: Das bedingungslose Grundeinkommen für alle – nur über die Konsumsteuer finanziert: Das rechnet sich doch nicht!
Ich vertraue meinerseits allerdings darauf, daß einer, der zu den 500 reichsten Menschen im Lande gehört, OBWOHL er nicht, wie bei solchen sonst üblich, ein großes Vermögen geerbt hat, bestimmt gut rechnen kann.

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