Medien, Monster und die Beherrschung der Zukunft

Beim Fuckup-Weblog fand ich heute den höchst interessanten Hinweis auf Susanne Keunekes Vorlesungssfolien „Angstmedien – Medienängste“. Wie Michael Giesecke periodisiert auch sie überzeugend die Geschichte der Menschheit als Mediengeschichte. Der Fokus ihrer Untersuchung liegt dabei auf dem Auffinden der Ursachen für die zu Beginn jeder Epoche – eingeleitet durch eine neue Medientechnologie – stattfindende Verteufelung des neuen Mediums. Von der Erfindung der Schrift in der Antike, über den Buchdruck, bis hin zur Erfindung von Kino und Comic findet sie dabei immer wieder dasselbe Muster von Ablehnung und Kampf gegen das neue Medium bis zu seiner gesellschaftlichen Implementierung und Institutionalisierung, mit der das neue Medium adaptiert und akzeptiert ist.
Überzeugend zeigt sie an allen jeweils neuen Medien die Übereinstimmung in den offiziellen Begründungen der Abwehr:

  • Behauptung einer körperlichen Mißbildung durch das neue Medium
  • Behauptung der Entstehung von Aggressivität und Gewalt durch das neue Medium
  • Behauptung der Asozialisation, also der mißlingenden sozialen Anpassung der Nutzer des neuen Mediums
  • Behauptung, das neue Medium mache süchtig und führe zum Verlust der Kontrolle über das eigene Leben
  • Behauptung, das neue Medium würde vom „echten“ Leben abhalten

Dazu präsentiert sie historische Zitate, in denen auch deutlich wird, daß das jeweils etablierte, ehemals neue Medium seine nachträglichen kulturellen Weihen und eine Verklärung erhält, indem es vom neuesten „gefährlichen“ Medium als gutes Medium abgegrenzt wird, dessen Werte durch das neueste Medium verloren gingen. War das Buch noch bis ins 19. Jh. hinein, ja sogar bis zu Beginn des 20. Jh. zumindest auf dem Land etwas, was vom „eigentlichen“ Leben abhielt, die Augen verdarb und Weib und Kind für die Übernahme der vorgesehenen sozialen Rolle „verdarb“, so finden wir heute im digitalen Zeitalter nicht nur alle diese Ressentiments gegen Computer und Internet wieder, sondern eben auch die „Verklärung“ des (Buch-)lesens.

Im online-Seminar der Friedrich-Naumann-Stiftung zum Thema Hirnforschung, was sagt sie uns für das Lernen? tobt zur Zeit der Bär über die Frage, wann wir unsere Kinder überhaupt vor den Computer setzen dürfen, damit sie nicht biologischen, seelischen und sozialen Schaden nehmen. Hirnforscher, Pädagogen, Mütter und Väter sorgen sich um das Wohl ihrer Kinder angesichts des Monsters Computer. Wissenschaftliche Hauptreferenz ist der Neurobiologe Manfred Spitzer, der erst kürzlich in Psychologie Heute mahnte: „Kauft den Kindern keinen Computer!“

Susanne Keuneke findet als gesellschaftliche Ursache für den Kampf gegen das jeweils neue Medium die Angst der jeweiligen Obrigkeit vor Macht- und Privilegienverlust. Da ist sicher etwas dran.
Welche Privilegien aber hat das Lehrer- oder Neurologen-Individuum durch die Computer literacy der Kinder und Jugendlichen zu verlieren und muß darum „das Buch“ – vergessen ist der Kampf gegen die „Schundliteratur“ – als Medium gegen den Computer verteidigen?
Was ich hinter der Diskussion mit Pädagogen-Kollegen, nicht zuletzt mit „Medienpädagogen“ um die 50 und älter erfahre, ist, daß sie, die in der Gutenberg-Galaxis (McLuhan) sozialisiert wurden, ihre eigenen Ängste vor dem Neuen Medium auf die nächste Generation projizieren, wie ehedem wohl der Lehrer in der Neuzeit seine eigene Angst vor dem erweiterten Horizont, der sich ihm mit dem Buch eröffnete und unbeherrschbar erschien, auf die damaligen Schüler projizierte und darum deren Lektüre unter seine Kontrolle zu bringen trachtete.

Es hilft nichts: Wir „Alten“ müssen erkennen, daß wir bestenfalls nur „Digital Immigrants“ sind und die Eroberung des neuen Leitmediums durch die „Digital Natives“ (Marc Prensky), die Generation der unter 20-Jährigen, nicht verhindern, ja noch nicht einmal kontrollieren können. Wir dürfen es auch nicht, wollen wir die Kinder nicht an der Ausbildung ihrer Zukunftsfähigkeit behindern. Denn deren Ausbildung der Fähigkeit zur Beherrschung des neuen Mediums ist umgekehrt proportional unserer neurotischen Kontrollversuche.
Aber ebenso, wie man seinem Kind nicht ein Bilderbuch vor die Füße wirft – erstes Medium zur Erlernung von Zeichen, die nicht die Realität sind, die sie bezeichnen, sondern auf diese verweisen – sondern es mit ihm zusammen anschaut und „bespricht“: Was außer der eigenen Angst vor dem Neuen Medium hindert uns daran, zusammen mit unseren Kindern Computer und Internet zu erkunden und beherrschen zu lernen?

3 Gedanken zu „Medien, Monster und die Beherrschung der Zukunft

  1. Interessanter Artikel.
    Allerdings fühle ich mich als älterer Kollege (gegen 50) den neuen Medien näher als die meisten meiner Schüler. Und ich bin ja nicht der einzige bloggende teacher.

  2. REPLY:
    Nicht der einzige, nein. Aber die paar, die es in diesen Breiten gibt, können wir doch noch beinahe an den Fingern und Zehen abzählen😉
    Und Deine Schüler sind doch bestimmt alle im Computer zu Hause – nur wahrscheinlich anderswo als Du?

  3. Im Unterschied zum Buch, zum Telefon und zum Fernsehen ist die Heraufkunft
    des Computers für die Erwachsenen besonders kränkend. Das Paradoxon:
    die Technik ist so kompliziert, dass selbst unsere Systemadministratoren sich
    nur von Lichtung zu Lichtung bewegen. Der Computer muss in seinen Funktionen
    Schritt für Schritt neu erklärt werden – unter Erwachsenen. Aber dennoch ist
    das Kind daran schneller als der Erwachsene. Wenigstens solange es um Bilderkennung und Tastatureingaben geht.

    Und das kann einfach nur mit dem Teufel zugehen.

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