Verdrängung

Auf der Heimfahrt gestern las ich verschiedene Sachen in der ZEIT zum Freudjahr. Da unterhielt sich z.B. ein eher fortschrittlicher
Neurowissenschaftler mit dem Erinnerungsspezialisten Harald Welzer. Immerhin kamen sie zu dem Schluß, daß die Gesellschaft in den Gehirnen stattfindet. Aber sie wissen nicht, wie sie hineinkommt – das ist das Problem. Sie kennen Vygotskij nicht. Und drum suchen sie das Gesellschaftliche direkt im Gehirn. Kein Wunder, daß sie es nicht finden. Jetzt will der Neurofritze Patienten während der Psychoanalyse in den Kernspintomographen legen und hofft, dann das Gesellschaftliche zu sehen…
Es ist unglaublich! Es scheint, als wäre die kulturhistorische Schule noch mehr aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt als Marx.

2 Gedanken zu „Verdrängung

  1. Meinst Du das Gespräch zwischen Gerhard Roth und Harald Welzer http://www.zeit.de/2006/09/F-Welzer_2fRoth ?
    Weil offenbar nicht mal die hiesige Wissenschaft, die an der Frage „wie kommt das Gesellschaftliche in die individuelle Psyche“ arbeiten möchte, die Entdeckung Vigotskijs – die immerhin schon 90 Jahre her ist – mehr kennt, kennen sie sicher auch die Leser hier nicht. Möchtest Du sie denn nicht nennen und erläutern? Hier ist doch ein Ort dafür!

  2. REPLY:
    Naja, wie war das? Von Piaget hatten wir doch gelernt, daß das Bewußtsein eine Struktur ist, die das Individuum im Wechselverhältnis von Assimilation und Akkomodation aufbaut. Irgendwann wird dieses individuelle Bewußtsein dann mit der Existenz der Gesellschaft konfrontiert und wird dann im Verlauf von Assimilations- und Akkomodationsprozessen sozialisiert. Die Gesellschaft ist insofern nur ein Inhalt auf der Bühne des individuellen Bewußtseins und seiner immer schon gegebenen Fähigkeiten. Das Problem ist nur, daß heute zahlreiche dieser Fähigkeiten, wie z.B. Aufmerksamkeit, Konzentration und Selbstkontrolle so häufig und so heftig gestört sind, daß die Mediziner daraus ein spezifisches Syndrom machen. Und da sie diese Störungen nur physiologisch als Schädigungen oder genetisch als vererbten Schaden erklären können, bleibt ihnen nur Ritalin, d.h. eine chemische Therapie.

    Für Vygotskij verläuft dieser Prozeß gerade umgekeht: Am Anfang steht der gesellschaftliche Umgang, also die Interaktion von Kindern und Erwachsenen. Die Fähigkeiten entwickeln sich in dieser Wechselwirkung „interpsychisch“ und verlagern sich erst allmählich, in einer Folge von im einzelnen beschreibbaren Etappen nach innen, werden „intrapsychisch“, interiorisiert.
    Für Vygotskij wird also das Bewußtsein nicht sozialisiert, sondern
    individualisiert. Die Gesellschaft ist nicht bloßer Inhalt eines
    individuellen Bewußtseins, sondern das Bewußtsein ist eine gesellschaftliche Bildung, eine „social formation“, wie die Amerikaner sagen. Der Aufbau des Bewußtseins, seine Struktur, seine systemische Funktion, alle seine höheren Fähigkeiten – sind gesellschaftlich. Also auch alle Fehlbildungen, Schwierigkeiten oder Behinderungen, denn das Bewußtsein und alle seine Fähigkeiten ist keine Bühne oder Behälter für wechselnde Inhalte, sondern ein System, das sich in der gegenständlichen Auseinandersetzung mit anderen Menschen selbst herausbildet. Man könnte auch sagen: Was die Konstruktivisten heute so emphatisch über Selbstregulation und Autopoiesis sagen, hat Vygotskij bereits Anfang der 30 Jahre für sein auch in den USA als Klassiker geschätztes Buch „Denken und Sprechen“ empirisch erforscht.

    Inzwischen wird Vygotskij überall in der Welt gelesen, nur eben in
    Deutschland nicht.

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