Ausreichend ist nicht ausreichend

Heute wurde der OECD-Bildungsbericht 2005 veröffentlicht. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse für Deutschland in der Printausgabe der SZ titelt: „Die deutsche Bildung: Nur ausreichend.“ Die Online-Ausgabe dagegen: „An der Spitze fehlt’s“. Der Online-Titel ist leider unglücklich gewählt. Suggeriert er doch, daß die Haushaltsmittel für Bildung, deren Höhe in Deutschland eh schon unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten liegt, in die „Spitze“ gepumpt werden müßten.

Der Bildungsbericht – ebenso wie die in Kürze an die Öffentlichkeit gelangende PISA 2 – Studie – zeigen aber einen Befund, der ganz andere bildungspolitische Konsequenzen fordert: Daß in Deutschland nur knapp 20 Prozent eines Jahrgangs Hochschulabsolventen sind (gegenüber dem OECD-Durchschnitt von über 32 Prozent!) liegt weniger am Zustand der Hochschulen oder an dem der Gymnasien – denn dort wurde in den letzten Jahren gefördert – , sondern daran, daß in den Grundschulen und in den nichtgymnasialen Zweigen der Sekundarstufe I (bis zur 10. Klasse) zu wenig gefördert wird.
Es wird also nicht nur zu wenig Geld ausgegeben, sondern das Wenige auch noch falsch.

Und nicht nur das: In keinem anderen Land ist die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen an der Spitze (Kompetenzstufe IV der PISA-Messung) und denen am unteren Ende (funktionaler Analphabetismus bis höchstens Kompetenzstufe I) so hoch wie in Deutschland. Großstädte erzeugen in Deutschland bis zu 25 % 15-Jähriger, die weder einfache Texte verstehen, noch über die Grundrechenarten hinausgelangt sind. Das ist das schaurige Ergebnis des selektiven Bildungssystems, an dem bislang nicht gerüttelt werden durfte.

Das bevölkerungsarme Finnland hat schon vor anderthalb Jahrzehnten begriffen, daß man kein Potenzial verschleudern darf und hatte seine Schulreform unter das Motto gestellt: „Keiner bleibt zurück!“
Unsere fehlenden Hochschulabsolventen sind nicht unter den jetzigen Abiturienten einzuwerben. Es wird leider etwas länger dauern. „Keiner bleibt zurück!“ muß nämlich dringend auch das Bildungsmotto in Deutschland werden. Dazu muß man sich vor allem denen „da unten“ widmen, die man bisher sträflich vernachlässigt und weggesperrt hat in die Haupt-und Sonderschulen, wo sie unter sich bleiben, damit sie die „Guten“ „oben“ beim Lernen nicht stören, wo sie selbst aber nichts mehr lernen können.
In Finnland gibt es keine Sonderschulen und keine Hauptschulen als Bewahranstalt für den „Ausschuß“. Alle gehen in die gleiche Schule. Dafür gibt es dann auch eine entsprechend große Anzahl von Akademikern. Wo die bloß alle herkommen? Bei uns werden sie in den Haupt-, Real- und zu Hauptschulen verkommenen Gesamtschulen verhindert.

In Deutschland werden für jedes Kind, das bei der Einschulung „zurückgestellt“ wird, und für jeden „Sitzenbleiber“ pro Jahr 6000 Euro ausgegeben. Das sind z.B. in Hamburg immerhin 25 % der Schüler! Unnütz ausgegebenes Geld, ebenso gut wie zum Fenster hinausgeworfen. Was man damit alles an individueller Förderung finanzieren könnte!
Denn daß Abwarten oder Klassenwiederholung nicht zur Verbesserung der Leistungen führen, haben die Bildungsempiriker schon vor vielen Jahren herausgefunden.

Wenn die Bayern nun meinen, das ginge sie alles nichts an, weil sie doch in die PISA-Spitze vorgerückt sind: In München sieht es wahrscheinlich ebenso aus wie in Hamburg, Bremen, Berlin. Der Vergleich der Bundesländer verdeckt das wahre Problem. Deswegen haben die Bildungsforscher in Deutschland beschlossen, als nächstes einen Vergleich der Großstädte durchzuführen. Das wird leider dauern. Bis die erwartbaren Schlußfolgerungen, endlich das gegliederte Schulwesen samt der Paukschule konservativer Provenienz abzuschaffen, dann endlich auch von den Konservativen gezogen werden, wird noch jahrelang das Bildungspotenzial eines großen Teils der Bevölkerung in Deutschland verschleudert werden, immer mehr Jugendliche – Migranten so gut wie
Alteingesessene – einer aussichtslosen Zufkunft überlassen. Daß damit auch das Potenzial mit der Bereitschaft zu Gewalttätigkeit und zum Rechtsextremismus weiter wächst, versteht sich von selbst.

Ein Gedanke zu „Ausreichend ist nicht ausreichend

  1. Ich gebe Ihnen natürlich recht, wenn Sie die Verhältnisse „unterhalb“ der Hochschulen kritisieren. Doch muß ich Sie in einem Punkt korrigieren:

    Die Zustände an Staatlichen Hochschulen sind alles andere als rosig (keine Anspielung auf Ihren Namen;) ). Besonders auffallend ist der Mangel an Dozenten. Wenn(!) ein Student seinen Platz im Seminar ergattern konnte, sitzt er mit teilweise 100-150 weiteren Kommilitonen im Raum. Daß hier akademisches Arbeiten nicht mehr möglich ist, brauche ich sicherlich nicht noch betonen.

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