Schulinspektoren

„Wenn der Inspektor zweimal kringelt“, betitelt Martin Spiewak in der ZEIT Nr. 27 sein „Protokoll einer Begutachtung“. (In der Online-Ausgabe heißt es „klingelt“, weil der „Setzer“ den Text nicht gelesen oder nicht verstanden hat.) Die Inspektoren haben eine Schule besichtigt, indem sie viel schlechten und guten Unterricht gesehen und beurteilt, Eltern und Schüler befragt und die Schule insgesamt bewertet haben. Gesamturteil über die begutachtete Schule: „Sie sind eine gute Schule!“ Aber „Inspektor Wilken graut etwas davor, wenn er statt ‚zum Vorbild geeignet‘ ’schwere Mängel‘ in (einen) Abschlußbericht schreiben muß. In den benachbarten Niederlanden stehen für solche Fälle Tausende Mitarbeiter – Pädagogen, Psychologen, Trainer – bereit, um schwachen Schulen auf die Beine zu helfen (…) Jeder Direktor verfügt dort über ein üppiges Fortbildungsbudget, das er eigenständig ausgeben darf. Diese Architektur der Unterstützung fehlt in Deutschland.“ So Martin Spiewaks Beobachtung. Mein Kommentar zur Beobachtung der Beobachtung: Die Lehrer wurden von den beobachteten deutschen Inspektoren auch – aber zuletzt – gefragt: „Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Was wäre das?“. „Zeit“, antworteten die Lehrer. Mir scheint das das wichtigste Inspektions-Ergebnis zu sein. Aber aller Erfahrung nach wird gerade dieses Ergebnis am wenigsten beachtet werden von denen, die über die Konsequenzen der Inspektion zu befinden haben. Und so wird möglicherweise das mit großem Aufwand an Zeit- und Geldressourcen betriebene Schulentwicklungstool „Schulinspektion“ in Deutschland etwas zutage fördern, was die, die Schule machen, sowieso schon wissen, aber es wird nicht zu der notwendigen Konsequenz führen, die wäre: die Lehrer von dem unerträglichen Druck zu befreien, eine vierundzwanzig Stunden am Tag funktionierende eierlegende Wollmilchsau sein zu müssen. Mein eigener Einsatz zuletzt: 29 Stunden Fachunterricht pro Woche mit insgesamt 400 Schülern, dazu die Vorbereitung, Abitur, Konferenzen, Klausurkorrekturen, Elterngespräche, Schülergespräche Fortbildungsverpflichtungen … „Die Lehrer kommen doch allenfalls noch dazu, ab und an das Hamburger Abendblatt zu lesen, und danach sind sie völlig fertig“, sagte kürzlich der Direktor eines Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung , und er hat völlig Recht mit seiner Beobachtung. Anders als hierzulande mit den Inspektoren scheint es in Finnland bei der Schulentwicklung zuzugehen, wenn die Mitarbeiter des Instituts „Activity Theory and Developmental Work Research“ von Yrjö Engeström, Universität Helsiniki, in eine Schule kommen und zum Auftakt der gemeinsamen Entwicklungsarbeit erst einmal mit den Lehrern zusammensitzen und fragen: „Was ist euer Problem?“ Einen spannenden Bericht darüber gibt es in dem Aufsatz von Yrjö Engeström, Can a School Community Learn to Master its own Future? An Activity-Thoretical Study of Expansive Learning among Middle School Teachers, in: ders., Developmental Work Research. Expanding Activity Theory In Practice, hrsg.v. Georg Rückriem, Berlin 2005

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