In Europa Pipimachen

Zwischen dem Non in Frankreich und dem Nej der Niederländer befand ich mich gestern auf einer Veranstaltung „Verliert Europa die (Ver-)Fassung?“ mit jungen Parlamentariern. Einig war man sich über die politische Unmündigkeit der ablehnenden Bevölkerungen. Teilweise wurde eine verfehlte Informationspolitik zugestanden. Der Juso war empört über die Unwissenheit der deutschen Schüler, die nicht einmal die Bundeskanzler ihres eigenen Landes mehr aufzählen könnten: Die Lehrer haben versagt. Der Vertreter der Grünen hingegen fragte zurecht: Wie kann man von Achtzehnjährigen verlangen, daß sie politisch mündig sind, wenn sie eben noch in der Schule keine persönlichen und noch viel weniger politische Rechte hatten und sogar den Lehrer um Erlaubnis fragen mußten, wenn sie zur Toilette gehen wollten?
Aus dem Publikum eine Lehrerin: Das ist eine Frage der Höflichkeit, daß die Schüler das tun müssen!
Ich wollte mich zu Demonstrationszwecken melden, um dann statt eines Redebeitrags beim Veranstaltungsleiter öffentlich die Erlaubnis zum Pipimachen-Gehen einzuholen. Da merkte ich erst, wie peinlich das ist! Ich habe es nicht geschafft.

3 Gedanken zu „In Europa Pipimachen

  1. Schade, Du hättest es tun sollen; denn peinlich ist doch nur die Bemerkung aus dem Publikum. Anders als über solche drastischen Reaktionen begreifen bornierte Menschen nicht.

  2. Bei mir geben mir auch die 18-Jährigen zu verstehen, dass sie auf die Toilette gehen. Durch Kopfnicken, aber auch Meldung; sie verlassen jedenfalls nicht kommentarlos das Klassenzimmer. Ich halte das tatsächlich für höflich (so mache ich das ja auch, wenn ich mit Freunden unterwegs bin). Allerdings habe ich das nie als Bitte um Erlaubnis verstanden, und die Schülern sehen das hoffentlich auch nicht so. — Allerdings sehe ich das auch so, dass Schüler, auch 21-Jährige, wie ich sie dieses Jahr zum Abitur hatte, tatsächlich sehr unmündig gehalten werden. Das ist schlecht. Sie haben wenig Rechte. Allerdings haben sie in der Praxis auch keine Pflichten, denen sie nachkommen müssen. (Anwesenheit, Hausaufgaben, Grundwissen.) Diese Kombination ist den Schülern angenehm, sie ist aber nicht sinnvoll.

  3. Was die Höflichkeit der Mitteilung über gewisse intime Verrichtungen angeht: Die Gleichsetzung eines Unterrichts mit 30 Schülern und eines Zusammenseins mit vielleicht 3 Freunden kann ich nicht nachvollziehen. Eher könnte doch vielleicht ein Seminar an der Uni noch zur Analogie der Situation herhalten. Aber auch hier: Würde nicht die ganze Seminartruppe einschließlich des Dozenten in schallendes Gelächter ausbrechen oder peinlich berührt sein, wenn ein Student, statt sich einfach kurz zu verdrücken, was ja sowieso am wenigsten stört, anstatt zur Debatte über beispielsweise „das strukturelle Defizit des Erziehungssystems nach Niklas Luhmann“ zu reden, eine Mitteilung über den Füllstand seiner Urinblase öffentlich abgibt?
    Und wie: Keine Pflichten? An meiner Schule haben die Schüler eine Menge „Pflichten“, das heißt, Reglements, zu befolgen: Pünktliche Anwesenheit, eine gewisse Kleiderordnung (keine Cap auf), sie dürfen im Unterricht nicht essen, trinken, Kaugummi kauen, sie haben die Hausaufgaben gemacht zu haben, sie dürfen nicht ungefragt den Raum verlassen, sie dürfen nicht schlafen, sich nicht mit etwas anderem beschäftigen, sie müssen nach der Methode arbeiten, die der Lehrer vorgesehen hat, also nicht miteinander sprechen, wenn Einzelarbeit verordnet ist, usw. Alles, was sie anders machen möchten, müssen sie erbitten, meist reagiert der Lehrer abschlägig, wenn nicht gar gereizt. Alles, was sie trotzdem anders machen, wird bestraft mit Sanktionen. Ich wundere mich nicht über die Unselbständigkeit der Schüler, denn sie wird von der Schule produziert. Was als „Selbständigkeit“ der Schüler bezeichnet wird, ist, daß sie freiwillig und willig tun sollen, wovon die Schule von ihnen verlangt, daß sie es tun.

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