selbst organisiertes kooperatives Lernen

„Lernen ist das Erfinden von Wissen“, sagt Rolf Robischon. Nach seiner Auffassung ist Wissen „nicht Abbild oder eigene Konstruktion einer Welt im Kopf, sondern es besteht in den verschiedenen und eigenen Beziehungen, die nur selbst hergestellt werden können.“

11 Gedanken zu „selbst organisiertes kooperatives Lernen

  1. klar ist Lernen das Erfinden von Wissen und deshalb nicht Abbild; aber Erfinden ist immer Konstruieren, Konstruieren von Beziehungen, die erst praktisch hergestellt und dann verinnerlich, also in den Kopf übernommen werden.

  2. REPLY:
    Gut, das habe ich. Mich interessiert jetzt, wie so eine Beziehung wohl ausschaut, wenn die Auswahl des Gegenstands und die Bedingungen der Herstellung der Beziehungen zum Gegenstand von jemand anderem bestimmt werden. Konkret: Welche Beziehung wird ein Schüler zu einem Gegenstand herstellen, wenn er es unter Zeitdruck tun muß, ihm die Fragen zum Gegenstand vorgegeben werden, er mit Leuten zusammenarbeiten muß, die ihm der Lehrer zugeordnet hat, und er z.B. noch die Aufgabe bekommen hat, darauf zu achten, daß alle Gruppenmitglieder gleich viel Redezeit bekommen? Es wird doch eine andere Beziehung sein, als wenn er das alles hätte frei wählen dürfen. Ich nehme an: Er möchte möglichst schnell die fremde Aufgabe hinter sich bringen. Vielleicht ist er auch froh, wenn der Gegenstand möglichst bald wieder aus seinem Bezugsfeld verschwindet.

  3. Also gut, ich glaube ja auch, daß niemand nicht konstruieren kann. Also sind es immer Beziehungen, die am Ende dabei heraus kommen. Die Frage war, was für welche. Ganz sicher jedenfalls keine, die Robischon Erfindungen oder etwa Wissen nennen würde. Allenfalls sind es Übernahmen, Reproduktionen. Die sind natürlich auch selbst hergestellt, weil niemand einem anderen Menschen etwas in den Kopf hinein zwingen kann. Aber es sind eben keine eigenen Erfindungen. Die Frage ist dann aber doch, ob die Aneignung von fremden Erfindungen so total wertlos ist.

  4. REPLY:
    Bestimmt sind sie nicht total wertlos. Schließlich haben wir ja auch lesen und schreiben gelernt nach altem Brauch. Ich glaube aber, daß das fremdverordnete Lernen, was ja nicht immer Reproduktion sein muß, soviel Lustlosigkeit und Widerstand hervorruft. Verstehst Du den Robischon so, daß er Wissensproduktion für komplette Erfindung hält? Ich denke, er meint auch, daß die Herstellung der Beziehung die Erfindung ist.

  5. Ich will den Robischon nicht gleich zum Konstruktivisten machen, aber ich glaube schon, daß er nur die „erfundenen“, also selbst konstruierten Erkenntnisse für wirkliches Wissen hält, ohne damit gleich zu meinen, daß es sich nur um erstmalige, menschheitliche, sozusagen phylogenetische Erfindungen handeln muß. Daher kann (!) das Lesenlernen durchaus beides zugleich sein: Reproduktion einer längst existierenden Fähigkeit und Erfindung durch dieses Kind hier. Nur wenn das Kind diese Fähigkeit nicht für sich neu erfindet und so zu seiner eigenen Fähigkeit macht, bleibt es die eingepaukte Reproduktion, die uninteressant, langweilig und ohne motivierende Kraft bleibt.

  6. REPLY:
    Sehe ich das richtig, daß die konstruktivistische Lerntheorie nicht materialistisch ist, weil sie die Aneignung nur als Konstruktionstätigkeit des Bewußtseins annimmt und nicht als praktische? Oder wie unterscheiden sich die Konstruktivisten sonst von der Tätigkeitstheorie? Und leiten sich die Konstruktivisten nicht von der Luhmannschen Systemtheorie ab?

  7. Hey, frag mich was Leichteres! Konstruktivismus ist doch eine Sammelbezeichnung und muß je nach Bezugsautor – z.B. Heinz von Foerster, Humberto Maturana oder Ernst von Glasersfeld – oder nach Bezugsdisziplinen – z.B. Biologie, Neurophysiologie oder Kybernetik – unterschieden werden.
    Ich kann Dir nur sagen, was ich verstanden habe, und das sieht so aus, daß es für „die“ Konstruktivisten – jedenfalls für die von der radikalen Sorte – keine Unterscheidungsmöglichkeit zwischen „kognitiv“ und „praktisch“ gibt, weil „Wirklichkeit“ nichts als die „Erfindung“/“Konstruktion“ eines geschlossenen Systems ist, das nie direkt mit der Umwelt in Kontakt kommt und nur seine eigenen internen Zustände kennt. Wahrnehmung ist dann bestenfalls die interne Interpretation undifferenzierter äußerer Reize. „Materialismus“ ist so gesehen reine Metaphysik, weil über die Frage der objektiven Existenz der Realität gar keine Aussage gemacht werden kann, also auch keine ablehnende. Daß sich die Tätigkeitstheoretiker daher mit den Konstruktivisten anlegen müssen, liegt auf der Hand.
    Mit Luhmann hat das nicht viel zu tun und er mit dem Konstruktivismus auch nicht. Wenn Dich Luhmann dazu interessiert, vgl. „Erkenntnis als Konstruktion“, 1988 oder „Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus und die unbekannt bleibende Realität“, 1990.

  8. REPLY:
    Nach dem, was ich jetzt bisher an und über Konstruktivisten gelesen habe, scheint mir alles so plausibel. Maturana, Varela 1987: Wahrnehmen, Denken, Lernen erfolgt in Kontakt mit der Umwelt als autopoietischer, emergenter, selbstreferenzieller Vorgang. Gedanken entwickeln eine Eigendynamik und entstehen strukturdeterminiert, nicht durch Umwelt determiniert. Von „außen“ können Gedanken nur perturbiert, also angregt werden… Oder: „Auch empirisches Wissen ist nur Wissen von der Welt, so wie wir sie erfahren und so wie wir dieses Wissen formulieren. Die Erfahrung, daß empirisches Wissen intersubjektivierbar ist, deutet nicht auf System- und auf Kognitions-Unabhängigkeit hin, sondern auf den Grad kognitiver und kommunikativer Parallelität“ (Schmidt, Siegfried, Die Zähmung des Blicks, FfM 1998). Und so weiter. Das bezieht sich doch alles nur auf die Relativität der Erkennbarkeit von Umwelt. Die Existenz von Umwelt außerhalb des Kopfes ist davon doch nicht berührt. Naja, solche „extremen“ Idealisten, die wegen der nicht objektiven Erkennbarkeit gleich die „Wirklichkeit“ überhaupt als „Erfindung“ definieren, gibt es scheints auch. Aber wie kann ich die ernst nehmen? Jetzt warte ich ungeduldig auf die Lieferung von GLU, weil ich wissen muß, was Luhmann dazu sagt.

  9. REPLY:
    Ich bin irritiert. Der Artikel in GLU sagt mir nichts über Konstruktivismus, zumindest über den „operativen Konstruktivismus“, was nicht Luhmannkompatibel ist. Benutzt er nicht die erkenntnistheoretischen Grundlagen von Maturana und v. Glaserfeld? Gut, die autopoietische Wende. Luh hat die Autopoiesis auch für psychische und soziale Systeme entdeckt und damit die alte Soziologie umgeworfen. Aber meint er mit der strukturellen Kopplung zwischen Umwelt und System nicht dasselbe: daß die Umwelt nur Reize liefert, die im selbstreferentiellen System nach den eigenen Strukturen der Operation verarbeitet werden? Was habe ich nicht verstanden? Erklär es mir! Corredor, Du wirst hier dringend gebraucht, wie Du siehst, also zeige Dich mal!

  10. REPLY:
    Die Konstruktionen sind ja nicht passiv per se, sondern entstehen in Wechselwirkung durch Handlungen. Siehe zB die nontrivialen Maschinen von von Foerster.

    Konstruktivismus und Systemtheorie bekomm ich auch nicht auseinander, was aber auch daran liegen könnte dass ich letzteres nicht wirklich verstanden habe.

  11. REPLY:
    Stephan Mosel, Du schreibst, Konstruktionen entstehen durch Handlungen. Nach Luhmann sind sie selbständige „Handlungen“ des psychischen Systems, er nennt sie Operationen. Es sind interne Operationen in Form von Gedanken. Sie können ausgelöst werden durch Irritationen durch die Umwelt. Dazu muß „der Kandidat“ gar nichts „gehandelt“ haben, außer ein Ereignis der Umwelt als Irritation wahrzunehmen, das er in seinen gedanklichen Operationen verarbeitet. In der Tätigkeitstheorie sind die gedanklichen Konstrukte Ergebnisse von internalisierten äußeren „Handlungen“, dort heißen sie Tätigkeiten. Dort wird die Tätigkeit des Bewußtseins aber nicht als in einem in sich geschlossenen autopoietischen System operierend gesehen wie bei Luhmann.
    Mich macht mein eigenes Crossover durch verschiedene Theorien (Systemtheorie, Konsturktivistische Erkenntnistheorie, marxistische Erkenntnistheorie, konstruktivistische Lerntheorien, Tätigkeitstheorie) im Moment ganz verrückt. Eigentlich wollte ich ursprünglich nichts weiter, als erfahren, wie man lernt und wie man als Lehrer darum am sinnvollsten „lehrt“ und sich selbst „belehrt“. Aber davon hat es mich offenbar schon weit abgetrieben.

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